Das Milgram-Experiment (publiziert 1963 und benannt nach dem Psychologen Stanley Milgram) gilt als eines der bedeutendsten Experimente in der Geschichte der Psychologie. Es untersuchte, inwieweit Versuchspersonen bereit sind, einer Autorität zu gehorchen und Dinge zu tun, die sie eigentlich gar nicht tun möchten und die ihrem Gewissen widersprechen.
Das Experiment war als Lernexperiment getarnt, bei dem nach Ziehen eines Loses eine Versuchsperson die Rolle eines Lehrers und eine andere Versuchsperson die eines Schülers übernahm. Der „Schüler“ sollte Begriffspaare auswendig lernen, die der „Lehrer“ ihm vorlas. Wenn der „Schüler“ einen Fehler machte, sollte er vom „Lehrer“ mit einem elektrischen Stromschlag bestraft werden. Nach jedem Fehler wurde die Spannung um 15 Volt erhöht.
In Wirklichkeit jedoch war der „Schüler“ ein Komplize des Versuchsleiters, bei der Losziehung wurde getrickst und es wurden nur zum Schein Stromstöße verteilt. Die einzige Versuchsperson war der „Lehrer“, der jedoch von dieser Manipulation nichts ahnte. Mit dem Versuch sollte herausgefunden werden, bis zu welcher Stromspannung die Versuchspersonen bereit waren zu gehen.
Der vermeintliche „Schüler“ wurde in einem Nebenraum auf einem Stuhl fixiert und reagierte je nach Höhe der Stromspannung mit zuvor genau festgelegten Äußerungen, beginnend vom einfachen „Aua“, über Schmerzensschreie (120 V), der Antwort, das Experiment abbrechen zu wollen, weil er es nicht mehr aushalte (150 V), bestialische Schreie und dem Flehen aufzuhören (200 V) bis hin zu gar keiner Reaktion mehr (ab 330 V).
Immer wenn dem „Lehrer“ aufgrund der Schreie des „Schülers“ Zweifel kamen, wenn er zögerte und mit dem Experiment nicht fortfahren wollte, antwortete der Experimentator mit vorher genau festgelegten Sätzen wie „Bitte fahren Sie fort!“ oder „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen!“ Der „Lehrer“ wurde vom Experimentator nicht unter Druck gesetzt und hatte jederzeit die Möglichkeit, das Experiment abzubrechen, ohne dass er dadurch irgendwelche Nachteile gehabt hätte. Die Ergebnisse von Milgrams Versuch waren überraschend und schockierend: 65 Prozent der Versuchspersonen waren bereit, den „Schüler“ mit 450 Volt (so weit reichte die Skala) zu bestrafen – und das obwohl der „Schüler“ im Nebenraum bereits ab 330 Volt keinerlei Reaktion mehr zeigte. Kein einziger Lehrer brach das Experiment unterhalb der 300-Volt-Grenze ab. Die meisten äußerten zwar starke Gewissensbisse, gehorchten aber dennoch dem Versuchsleiter und machten weiter.
Milgram führte über zwanzig Varianten dieses Experiments durch und veränderte dabei systematisch verschiedene Variablen, z.B. die Nähe des „Lehrers“ zum „Schüler“, so dass der „Schüler“ entweder überhaupt nicht hörbar war, oder in einem anderen Raum und über Lautsprecher hörbar, oder im selbem Raum anwesend war oder direkten Kontakt zum Lehrer hatte, der (geschützt von einem Handschuh) die Hand der „Schülers“ für einen Stromschlag auf eine Metallplatte drücken musste. Außerdem wurde die Präsenz des Versuchsleiters verändert: Dieser war entweder direkt im Raum, oder kommunizierte mit dem „Lehrer“ per Telefon oder war völlig abwesend, während die Instruktionen von einem Tonband kamen. Je weniger direkt die Beziehung von „Lehrer“ zu „Schüler“ und je präsenter der Versuchsleiter war, desto größer war die Bereitschaft der Versuchspersonen, starke Stromschläge auszuteilen. Das Experiment zeigt, dass die meisten Menschen dazu neigen, einer Autoritätsperson zu gehorchen, selbst dann wenn sie dadurch in starke Gewissenskonflikte kommen. Es wurde vielfach als Beleg verstanden, dass jeder Mensch – nicht nur einzelne Psychopathen – unter bestimmten Umständen nicht ihrem Gewissen folgen, sondern gegen ihren Willen anderen Menschen Schmerzen und Leid zufügen. Das Experiment war ursprünglich von Milgram geplant, um die unmenschlichen Verbrechen im Nationalsozialismus sozialpsychologisch zu erklären und wird seither immer wieder zitiert, um zu erklären, warum Menschen foltern oder Kriegsverbrechen begehen.