Als die Truppen der Anti-Hitler-Koalition die Grenzen des Deutschen Reichs weit überschritten hatten, befahl der Diktator am 19. März 1945 die Zerstörung sämtlicher deutscher Industrie- und Verkehrsanlagen. Er wollte seinen Gegnern nichts außer verbrannter Erde hinterlassen. Dies galt nach Meinung mancher Historiker auch für sein eigenes Volk, das er als den Unterlegenen im „weltweiten Rassenkampf“ zuletzt nur noch verachtete.
Hitlers Order, deren Ausführung der dafür zuständige Kriegsminister Albert Speer jedoch sabotierte, ging unter dem Namen „Nero-Befehl“ in die Geschichte ein. Der vom „Cäsarenwahnsinn“ besessene römische Kaiser Nero (54-68 n.Chr.) wurde - wahrscheinlich unbegründet - im Jahre 64 beschuldigt, mehrere römische Stadtviertel durch Brandstiftung verwüstet zu haben. Nero lenkte den Verdacht geschickt auf die christliche Gemeinde, die er dann brutal verfolgen ließ. Mit dem Namen Nero verbindet sich deshalb bis heute die Vorstellung eines geistig wirren, blutrünstigen Tyrannen, dessen Wahn auch vor dem eigenen Volk nicht Halt macht.
Im Falle von Hitlers „Nero-Befehl“ (offizieller Titel: „Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet“) ist allerdings umstritten, was es genau damit auf sich hat. Der Teufel steckt wie so oft im Detail. Genauer gesagt: er hängt an einem einzigen Komma. Im Original heißt es nämlich: „Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebiets, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“ Lässt man das Komma hinter „Alle militärischen“ weg, liest sich der „Nero-Befehl“ viel weniger „nerohaft“. Gemeint sind dann ausschließlich alle militärischen (Industrie-, Versorgungs- und Verkehrs-) Anlagen, die sich die Alliierten hätten nutzbar machen können. Vom Volk ist nicht die Rede, auch wenn letztlich vieles für Hitlers Absicht spricht, es als „logische“ Strafe für sein weltgeschichtliches „Versagen“ fortan in einer postnationalsozialistischen „Zivilisationswüste“ dahindämmern zu lassen.