A Rua is!

„Headache“ von George Cruikshank Lärm kann krank machen. Das gilt nicht nur für die Ohren. Besonders Kopfarbeiter, die sich stark konzentrieren müssen, sind auf ein ruhiges Umfeld angewiesen. Leider stehen die Chancen dafür in unserer Wissensgesellschaft schlecht.

Während ich diesen Artikel schreibe, surrt im Hintergrund meine Etagenheizung, der Kühlschrank brummt, und von Zeit zu Zeit gesellt sich ein leises Pfeifen dazu – der Lüfter meines Computers. Ein Paradies gegenüber normalen Tagen: da dröhnt dann schon mal Nachbars Fernseher durch die dünne Wohnungswand, im Hof steigt eine Party, und im regelmäßigen Wechsel zwischen Rot- und Grünphasen grollt Motorenlärm ungeduldig oder heult aggressiv auf. Und schon seit Monaten gesellt sich eine weitere, heftige Störquelle dazu: Bauarbeiten im Nebenhaus!

Bewertungsfilter A, B, C, D und Empfindlichkeit des Gehörs

Denken und Forschen waren – gemessen an den äußeren Bedingungen – wohl nie Traumberufe. Ungezählt sind die Schilderungen von winzigen, dunklen und zugigen Dachkammern, in denen sich manche großen Frauen und Männer ihre Erkenntnisse abrangen. Und auch mit akustischen Belästigungen haderten von Juvenal bis Humboldt große historische Persönlichkeiten. Eine Darstellung aus einem neueren Roman schildert das Leben eines genialen Studenten im College, wie er aufgescheucht, um Konzentration und Schlaf kämpfend zwischen Wohnheimzimmer und Bibliothek wechselt, und weder hier noch dort Ruhe und Zeit findet. Denn sprühende Ideen richten sich seit jeher nicht nach designierten Öffnungs- oder Ruhezeiten. Durch Geräusche beeinträchtigt werden sie aber in jedem Fall. Und wehren? Widerstand? Bei der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland zwecklos.

Dabei rühmt sich das Land seiner Köpfe, sieht sich gern als Wissensgesellschaft. Doch genau jene Wissensarbeit, die die Wertschöpfung der Zukunft generiert und in Deutschland vielleicht als einziger Rohstoff in hinreichender Menge zur Verfügung stünde, wird kaum geschützt. Denn erstens kümmert sich der Gesetzgeber nur um die starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Lärm, vor allem um Gehörschutz. Und zweitens muss der Lärm an einem als solchen (von einer Organisation designierten) Arbeitsplatz auftreten. Wer, wie viele Freiberufler oder Doktoranden, sein Brot zuhause verdient, kann sich kaum wehren.

Wenn Krach zur Höllentour wird

Dabei sind sie es, die durch Lärm am meisten bei der Tätigkeitsausübung gestört werden. Gemäß einer Einteilung des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO) gehören wissenschaftlich Tätige zu den „Wissensarbeitern Typ D“. Die Arbeit dieser Personengruppe ist durch hohe Komplexität, einen hohen Neuigkeitsgrad und eine große Autonomie bei der Bearbeitung gekennzeichnet. Gerade bei derart hohen Anforderungen ist der Mensch extrem empfindlich für Störungen.

Und die Geräusche müssen nicht einmal besonders laut sein. Die für die geistige Arbeit besonders relevanten extra-auralen, also nicht das Gehör betreffenden, Wirkungen von Geräuschen entfalten sich bereits weit unterhalb der Schwelle, ab der es für die Ohren gefährlich wird. Und zwar nach dem Prinzip: „je komplexer die Aufgabe, desto mehr“. Das zumindest haben Forscher der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit in einer experimentellen Studie herausgefunden.

Insgesamt 32 Versuchspersonen setzten sie Geräuschen von 35 bis 70 db Lautstärke aus. 45 db gilt allgemein als Grenzwert für geistig anspruchsvolle Tätigkeiten. Die Art der Geräusche wurde einem typischen Büroszenario nachempfunden. Das Niveau geistiger Beanspruchung gestalteten die Forscher dabei gezielt: Aus den Teiloperationen ‚Informationen prüfen‘, ‚Texte produzieren‘, ‚Rechenoperationen durchführen‘ sowie ‚Informationen sammeln und ordnen‘ stellten sie 7 unterschiedlich komplexe Aufgabentypen zusammen und beauftragten ihre Probanden, sie durchzuführen.

Im Ergebnis zeigte sich die störende Wirkung der Geräuschkulisse: Die Probanden benötigten mehr Zeit und machten mehr Fehler als in einer vergleichsweise geräuschärmeren Umgebung. Auch dafür, wie diese problematischen Ergebnisse zustande kommen, haben die Urheber der Studie eine Erklärung: die Probanden bauten mehr Kontrollen in ihre Arbeitsweise ein, mussten häufiger von vorn beginnen oder wählten von vornherein eine sicherere, aber dafür langsamere Vorgehensweise. Bei sehr hoher Geräuschbelastung und Aufgabenschwierigkeit schließlich gaben viele ganz auf.

Extra-aurale Wirkung:
von extra-aural = außerhalb des Ohres, über das Ohr hinaus.
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Dieses Resultat deckt sich weitgehend mit den Selbstberichten Betroffener. Je nach Studie fühlen sich 60-90 Prozent der Arbeitnehmer in Großraumbüros von Geräuschen, insbesondere Telefonaten und den Geräuschmissionen technischer Geräte wie Tastaturen oder Drucker, belästigt und berichten über negative Auswirkungen auf Gesundheit und Psyche. In einer Schweizer Befragung bejahten nur knapp die Hälfte der Teilnehmenden, dass sie am Arbeitsplatz „die Möglichkeit, sich zu konzentrieren“ haben. Dabei hat die Bedeutung der Konzentration – und damit auch diejenige negativer Beeinflussung durch Lärm – für die Arbeit zugenommen. Die Büroarbeit sei in den letzten Jahren komplexer und dichter geworden, Verantwortung und Selbstständigkeit seien gestiegen, so ein Überblicksartikel aus dem Jahr 2010. Dies erhöhe auch die Störanfälligkeit der Arbeitsleistung.

„Notwendigkeit (der Geräuschverursachung)“, „Kontrollierbarkeit“ und die „innere Einstellung zur Lärmquelle“ gelten zwar wichtige Faktoren, wenn es um die subjektiv empfundene Belästigung durch Geräuschemissionen geht. Ein röhrendes Motorrad mag da die eine weniger stören als ein kläffender Hund – und bei dem anderen ist es umgekehrt. Doch selbst eine als angenehm empfundene Geräuschkulisse stört die Konzentration, wie eine Studie der University of Wales feststellte. Lange ging man davon aus, dass das subjektive Sich-gestört-Fühlen entscheidend für die Störwirkung von Geräuschen sei. Dies stellen die Forscher aus Wales nun in Frage. In ihrer Studie spielten sie 25 Teilnehmern Musik vor, während diese eine Reihe mit 8 Konsonanten memorieren sollten. Im Ergebnis bewältigten alle Teilnehmer die Aufgabe mit Musik weniger gut, als wenn sie in einem ruhigeren Raum saßen. Und zwar auch, wenn sie die Musik mochten.

Geräusche sind also ein „Killer“, wenn es um den Erfolg geistiger Arbeit geht. Kurzfristig senkt er die Produktivität. Längerfristig zehrt er an der Substanz, erfordert längere (auch unerwünschte) Pausen und unterminiert die Motivation. Selbst mit Burn-out, das heute als Folge fehlender oder unzureichender Entspannung nach großen oder lang anhaltenden Belastungen angesehen wird, wird eine Geräuschbelastung in Verbindung gebracht. Genug Gefährdungspotenzial also, um einen umfassenden Schutz des vor allem geistig arbeitenden Menschen vor Geräuschbeeinträchtigungen zu rechtfertigen.

db(A):
Abkürzung für „Dezibel A“. Dabei handelt es sich um eine Messgröße für den Schalldruckpegel.
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Tatsächlich aber schützt vor den kurz- und langfristigen Auswirkungen von Geräuschbelästigung in Deutschland kein Gesetz. Lediglich eine „Empfehlung“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua), legt bei „überwiegend geistigen Tätigkeiten“ eine Obergrenze von 35 bis maximal 45 db(A) nahe. Die entsprechende Regelung, die „EG-Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibrationen“ von 2007, lässt Grenzwerte für extra-aurale akustische Beeinträchtigungen aber außen vor. Dabei fällt sie nicht nur hinter die Vorgängerversion von 1986 zurück, die hier für „überwiegend geistige Tätigkeiten“ 55db(A) nannte. DGB-Experte Hanns Pauli bemängelte schon seinerzeit in der Anhörung des Bundstages zum Gesetzesentwurf die „unzeitgemäße und sachlich nicht nachvollziehbare Einengung. Niedrige Schallpegel, die sich bei geistiger Tätigkeit etwa am Bildschirm aber bereits störend auswirken“, so der Experte, würden ausgeklammert.

Und auch andere Bestimmungen, die sich mit dem Prädikat „Lärmschutz“ schmücken, werden diesem nicht gerecht. So bei Baulärm die „Verwaltungsvorschrift zum Schutz gegen Lärm“. Denn solange die zum Einsatz kommenden Maschinen und Verfahren dem „Stand der Technik“ entsprechen, dürfen sie wochentags von 7-20 Uhr betrieben werden – falls nötig, monatelang. Gegenmaßnahmen erfordern aufwändige Messungen zur Beweisführung, führen über langwierige Gerichtsverfahren – und setzen eine Geräuschbelastung von 55db(A) über einen längeren Zeitraum voraus. Dies ist jedoch die absolute Obergrenze bei einfacher geistiger Tätigkeit. Dass bereits gelegentliches Bohren oder Hämmern einen Menschen aus der Konzentration reißen können, wird offenbar nicht erfasst. Ebensowenig findet Beachtung, dass erwartbare, aber unberechenbare Störungen über Monate den Tages-, Arbeits- und Schlafrhythmus stören. Einzig die Miete könnte man kürzen. Was allerdings keine wirkliche Gegenmaßnahme darstellt. Zumal, wenn der Lärm nicht vom Vermieter kommt.

Externe Kosten:
auch „soziale Kosten“ genannt, werden durch das Handeln eines Akteurs A bei einem Akteur B verursacht, aber nicht von Akteur A übernommen/bezahlt.
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Kurzum: extra-aurale Beeinträchtigungen durch Lärm werden vom deutschen Gesetzgeber einfach ignoriert, das Schutzbedürfnis von Kopf- und Wissensarbeitern missachtet. Während die obige EG-Verordnung seit 2007 die Grenzwerte für alle anderen Beeinträchtigungsarten senkt, hat die selbsternannte „Wissensgesellschaft“ ihre eigentliche Triebkraft einfach vergessen. Und dies leider gerade weil viele Wissensarbeiter bereits unter prekären Bedingungen arbeiten – kein Arbeitgeber, kein Arbeitsplatz, kein Arbeitsschutz gegen Lärm! Einen Studierenden, eine Programmiererin oder eine Doktorandin unter dauerndem Lärmstress dürfte ungefähr einem körperlich Arbeitenden mit gebrochenem Arm entsprechen. Und niemand würde behaupten, diese „stellten sich an“.

Vielleicht würde es helfen, wenn Lärmverursacher für die so genannten „externen Kosten“ ihres Tuns – denn nichts anderes sind entgangene Arbeitstage – aufkommen müssten. Zumindest nicht undenkbar wäre es, Ausgleichsräume für die Anwohner baulärmbelasteter Gebäudekomplexe vorzuschreiben. Ähnliche Vorgehensweisen sind in anderen Zusammenhängen, beispielsweise kompensatorische Aufforstungen als Ausgleich für Industriegebiete, Gang und Gebe. Als weiterer Vorteil würden sie den Planern die Störwirkung ihrer Aktivitäten in einer sehr deutlichen Sprache vor Augen führen: der des Geldes. Denn es ist Wertschöpfung – materieller und immaterieller Art – die Wissensarbeiter leisten, und die durch Lärm verhindert wird.

In einem anderen Buch, das ich gelesen habe, fühlt sich der Protagonist von einer Wanderbaustelle verfolgt, ausweglos. Ist das der volle Ernst eines Landes, dessen Köpfe angeblich sein wichtigstes Kapital sind?

Beitrag von Christiane Zehrer.
Bildquellen in Reihenfolge: gemeinfrei (2)

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Zur Person

Christiane Zehrer konnte sich auch nach dem Studium nicht von der Kopfarbeit trennen und sucht seit 10 Jahren ein ruhiges Plätzchen zum Lesen, Denken, Schreiben, Übersetzen oder einfach nur so.

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