Wenn die Peripherie ins Zentrum rückt

Bar do Zé Batidão In der Randzone von São Paulo, der perferia, wird in kleinen Bars des abends Poesie zelebriert: Es wird gedichtet, gesungen, gerappt. Die Marginalisierten bekommen ein Podium, das weit über die Vororte hinauswirkt.

Der schlechtbeleuchtete Weg von der Bushaltestelle steigt steil an, die Unebenheiten des Bürgersteigs zwingen die Fussgänger auf die Strasse, von den Wohnhausern blättert der Putz. Von weitem schon ist der Lärm, Samba, Lachen und Gesprächsfetzen aus der Bar do Zé Batidão zu hören. Die Leute drängen sich mit Bierflaschen in der Hand vor der Bar. Alle Tische im geräumigen Vorderraum sind besetzt und auch bis zur Theke im hinteren Raum stehen die Menschen auf Tuchfühlung. Diese Szene wiederholt sich fast jeden Mittwoch abend im Jardim Guarujá, einem Stadtteil in der periferia, wie die Banlieus und Favelas in Brasilien zusammengefasst werden, in der Südzone von São Paulo. Der Samba verstummt und der sarau, eine Art offene Bühne oder Open Mic, beginnt.

Sérgio Vaz, einer der Gründer des sarau tritt ans Mikrofon, das in einer Lichtung zwischen die Tische, zu ebener Erde aufgestellt ist, und ruft die Menschen zur Ordnung: „Herzlich Willkommen in der Bar do Zé Batidão. Alle sind willkommen, alle Farben, alle Schmerzen, alle, von überall her! Es gibt nur eine Regel: Die Stille ist ein Gebot! Wer nicht ruhig sein kann, geht besser gleich. Doch wer bleibt wird mit einer Nacht voll Poesie und Magie belohnt. Auf unserer Liste stehen 40 Poeten, die heute hier vortragen wollen.“

Sérgio Vaz am Mikrofon

Die Cooperia – die Cooperação Cultural da Periferia – ist ein Kollektiv um den Autor und sozialen Aktivisten Sérgio Vaz (47), das sich der Organisation und der Förderung von kulturellen Aktivitäten und Produktionen, v.a. der Literatur, in den periferias von São Paulo verschrieben hat. Seit zehn Jahren veranstalten sie den sarau in einem von grosser Armut und Gewalt geprägten Stadtviertel.

Der Sarau (von frz. soirée) will – bedenkt man die historischen Wurzeln – hier nicht so recht hinpassen, war dieser doch im 18. Jahrhundert den „Herrenhäusern“ vorbehalten und den schönen Künsten gewidmet. Doch hier, in der Zona Sul von São Paulo, hat das alles eine andere Couleur. „Sarau ist, wenn die Poesie von ihrem Sockel steigt und die Füße der comunidade küsst.“, lautet die Einladung zu der Veranstaltung von Vaz in seinem Blog.

Als der Sarau da Cooperifa 2001 ins Leben gerufen wurde, hatte es kaum jemand mitbekommen. Nur einige Freunde und Verwandte fanden sich ein, und selbst die hatten nach einer Stunde genug, erinnert sich Vaz. Heute ist der Sarau der Cooperifa ein Ereignis und die Cooperifa eine Institution im kulturellen Leben der Bewohner der periferias: Jeden Mittwoch Abend zwischen 21 und 23 Uhr kommen bis zu 300 Menschen in der Bar do Zé Batidão zusammen, um am „Wunder der Poesie“ teilzuhaben, wie ein Gedicht von Vaz lautet. Sie hören Poesie, rezitieren, rappen.

Der sarau beginnt auch heute mit dem selben Ritual wie jeden Mittwochabend: Vaz springt vor dem Mikrofon auf und ab, und ruft ein kraftvolles: „Povo lindo – schönes Volk!“, in den Raum. Das Publikum wiederholt die Worte. Sérgio Vaz schilt mit einem verschmitzem Lachen: „Lauter! Das hier ist doch keine Reichenparty!“ Und der Funke springt über: Das Publikum skandiert die Worte mit voller Inbrunst zurück. „Schönes Volk! Intelligentes Volk! É tudo nosso! Es ist alles unser!“

Der Jargon é tudo nosso betont die Herkunft der Cooperifa aus der periferia. Vaz, wie die acht Mitorganisatoren des Saraus, stammt selbst aus der Zona Sul und sein professioneller Lebenslauf gleicht dem anderer Bewohner in den Vororten: staatliche Schulen bis zur Mittelstufe, Jobs im Dienstleistungssektor und – dennoch – Autor von sieben Büchern. Im Gegensatz zu den vielen sozialen und kulturellen Bewegungen, die durch Ausländer und internationale Nichtregierungsorganisationen geleitet werden, wird hier Kultur aus der periferia für die periferia gemacht.

Die MCs und Poeten Lu Sousa, Jairo Periafricania, die Muse Rose, Cocão, Márcio Batista Valmír Vieira vor dem Banner der Cooperifa

Die meisten Besucher des sarau kommen aus der Region oder den anderen periferias, doch die Bar do Zé Batidão ist im Laufe der Zeit zu einem Magneten für Künstler, Journalisten und Querdenker aus dem ganzen Land geworden. Auch internationale Gäste sind keine Seltenheit mehr.

Die regelmässig anwesenden Poeten des Sarau sind Motorboys (Mopedkuriere), Hausangestellte, Fensterputzer, fahren Taxi, beziehen Rente oder gehen noch zur Schule, arbeiten als Krankenschwester oder Lehrerinnen. Der Altersdurchschnitt liegt irgendwo zwischen neun und 71. Vortragen darf jeder, der seinen Namen auf die Liste setzt, die Rose, gross, schwarz, mit Turban und afrikanischen Schmuck, die „Muse der Cooperifa“, verwaltet. Hier ist man stolz auf die afrikanischen Wurzeln, die dunkle Hautfarbe, das krause Haar, viel zu oft keine Selbstverständlichkeit in Brasilien.

Das Programm könnte diverser nicht sein: Haikus und kurze Prosatexte sind ebenso vertreten wie epische Gedichte, kurze Theaterstücke und Raps. Für Vaz ist der Sarau eine Bühne für die „sem-palco“, die „Bühnenlosen“, wie er analog zu den „sem-teto“, den Obdachlosen formuliert. Die Cooperifa schafft ein Podium für die Marginalisierten, die nicht teilhaben an Bildung, Kultur und Politik und deren eigene Kultur und Geschichte, die bis auf die Sklavenschiffe zurückreicht, häufig ignoriert wird. Deshalb achten die MCs, die Masters of Ceremony, die den Sarau moderieren, auch peinlich darauf, dass das Gebot der Stille eingehalten wird. Wer nie spricht, wem nie zugehört wird, weiss nicht wie das geht, schon gar nicht vor 299 Menschen.

Etwa 2/3 der Bevölkerung der 18 Millionenstadt São Paulos wohnen in den Randgebieten, die als Kulturhauptstadt Brasiliens gilt. Die meisten der Einwohner wohnen hier und arbeiten im Zentrum im Niedrig- und Niedrigstlohnsektor. Der Staat markiert Abwesenheit, in den Medien konfiguriert die Zona Sul nur als Tatort, werden die Einwohner als Täter stigmatisiert. Die öffentlichen Schulen sind schlecht ausgestattet, die Lehrer schlecht ausgebildet und noch schlechter bezahlt. Ausserhalb der Institution Schule gibt es kaum Möglichkeiten für ein kulturelles Programm. Das Instituto Brasileiro de Geografia und Estatística (IGBE) ermittelte 2010, dass höchsten 13% der Brasilianer einmal im Jahr ins Kino gehen, 92% waren noch nie in einem Museum, 99,4% noch nie in einer Kunstausstellung. Der Grund ist einfach: Mehr als 90% der Munizipien hat kein Kino, kein Theater, keinen Kulturraum. In São Paulo konzentrieren sich diese Institutionen alle im Zentrum, 1,5 bis 2 Stunden mit dem Bus entfernt. So wird die Bar, mangels Alternativen, zum Kulturzentrum: „Der einzige öffentliche Raum, den uns der Staat gegeben hat, ist die Bar. Die haben gedacht, dass wir uns zu Tode trinken würden, aber wir haben die Bars in Kulturzentren umfunktioniert und jetzt gibt es kein Halten mehr. Denn wenn es eins in den periferias gibt, dann sind das Bars!“, polemisiert Vaz.

Rose rezitiert

Die über 15 saraus, die sich in den Randgebieten São Paulos in den letzten Jahren als kulturelle Einrichtung etabliert haben, geben ihm Recht. José Cláudio Rosa, der Besitzer der Bar do Zé Batidão, hat neben der Theke, ein Regal mit Büchern aufgestellt, um auch den Kulturhunger seiner Gäste stillen zu können.

Viele der Gedichte des Saraus protagonisieren die periferia und ihre Misstände, aber es geht auch darum die hegemonialen Verhältnisse umzukehren, die eigene Kunst und Kultur zu valorisieren, die Geschichte der Sklaven, als deren Erben sich viele Sarau-Besucher verstehen, dem Vergessen zu entreißen. „Keiner soll mehr beschämt den Kopf hängen lassen“, sagt Cocão (34), einer der MCs. Es geht darum selbstbewusst zu sagen, „Eu posso. Sou possível.“ – „Ich kann, ich bin möglich.“ Beim Deklamieren des Refrains von „Eu vou pra Palmares“ brüllt das Publikum lauthals mit. „Selbst wenn meine Fersen bluten. Ich geh nach Palmares. Selbst wenn meine Feinde tausende sind. Ich geh nach Palmares“. Palmares ist das berühmteste quilombo Brasiliens, in dem entflohene Sklaven lange erfolgreich Widerstand leisteten. Für manche an diesem Abend ist die Cooperifa ihr quilombo cultural.

Durch den Sarau, den Informations-und Wissensaustausch, lernen die Bewohner der periferias, den Stift selbst in die Hand zu nehmen. Einige der cooperifericos beginnen, zu lesen und Gedichte zu schreiben, sie schreiben sich an der Uni ein oder holen die Sekundarstufe nach. „Die Literatur verbessert deine Haltung, deine Ansichten, die Art, wie du sprichst, deine Kinder erziehst.“ sagt der sechsundreißigjährige Ferréz, der mit zwei Romanen, die in sechs Sprachen übersetzt sind, einer der bekanntesten Autoren der Südzone ist.

Literatura Marginal

Ausgehend von den saraus entwickelt sich, parallel zum traditionellen Literaturmarkt, ein eigener mit periferer Literatur. Über 70 Bücher (Romane,Kurzgeschichten,Gedichtbände und Sammelbände) sind – meist in alternativen Verlagen – publiziert worden. Freilich gibt`s diese dann nicht im herkömmlichen Buchhandel zu kaufen. Allan Santos da Rosa (33), hat mit den Edições Toró 2005 einen Verlag gegründet, um der neuen Nachfrage und den ästhetischen Ansprüchen aus der periferia nachzukommen, so einige haben es ihm schon nachgemacht. Auf den Segen der Literaturkritik und Traditionsverlage wartet keiner mehr, auch wenn z. B. der Verlag Global, mit einer neuen Sparte, der linha periférica, Interesse an dieser „neuen“ Literatur zeigt, die Ferréz generisch „Literatura Marginal“ nennt.

Im Oktober 2011 feierte der Sarau da Cooperifa seinen zehnjährigen Geburtstag. Autoren, Aktivisten und Wissenschaftler kamen zusammen, um zehn Tage lang über Ästhetik und Engagement, Frauen in der Bewegung und afrobrasilianische Einflüsse zu diskutieren. Einmal mehr wurde die periferia zum Kulturzentrum.

Doch das war noch längst nicht alles. Für Vaz muss sich noch viel verändern. Solange wird weiter gemeinschaftlich an dieser kreativen Revolution gearbeitet. Vaz sieht das so: „Während andere die Realität kapitalisieren, sozialisieren wir unsere Träume“.

Beitrag von Ingrid Hapke, Érica Peçanha do Nascimento.
Bildquellen in Reihenfolge: Mônica Cardim (4); South

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Zur Person

Ingrid Hapke ist Doktorandin der Universität Hamburg und forscht in der Literaturwissenschaft zu dem Phänomen der Literatura Marginal in São Paulo.

Érica Peçanha do Nascimento ist Ethnologin. Sie reichte 2011 ihre Doktorarbeit É tudo nosso! A produção cultural da periferia paulistana ein.

Literatur

  • Érica Peçanha do Nascimento (2009): Vozes Marginais na Literatura. Rio de Janeiro: Aeroplano.

Kategorien

Themen: Gesellschaft | Literatur | Politik
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