Frisch renovierter Klassiker

„Discours de la Méthode“ Christian Wohlers hat seine Reihe von exzellenten Neuübersetzungen der Hauptwerke René Descartes' um den Discours de la Méthode ergänzt. Das „vielleicht berühmteste Vorwort der Philosophie“ erstrahlt in neuem Glanz.

Der Titel des ,Klassikers‘ gereicht einem Text gewöhnlich zur Ehre, ist aber nicht immer nützlich. Oft teilen ,Klassiker‘ ein zweifelhaftes Schicksal: Jeder kennt sie, aber kaum einer wirklich, und so dümpeln sie Jahr für Jahr dahin im trüben Strom der Lethe, nur an Gedenktagen für kurze Zeit ins kollektive Rampenlicht gerissen. Vergessen durch Überhöhung lautet die Diagnose. Als Gegenmittel empfiehlt sich da von Zeit zu Zeit eine gründliche Renovierung. Frisch überholt, lässt sich auf neue Aufmerksamkeit hoffen.

Unter dieser Prämisse hat sich der Hamburger Fachverlag für philosophische Klassiker, Felix Meiner, der Hauptwerke des französischen Mathematikers, Naturwissenschaftlers und Denkers René Descartes angenommen. Nachdem zuletzt bereits die kanonischen Texte Regulae ad directionem ingenii (1619-1628), Meditationes de prima philosophia (1641) und Principia philosophiae (1644) in neuem Gewand erschienen, liegt jetzt auch die renovierte zweisprachige Neuausgabe des Discours de la Méthode (1637). Beigegeben sind dem schmalen Band, anstelle eines Zeilenkommentars, zwei herausragende Dokumente Descartesscher Selbsterläuterung: der Brief an Picot (den französischen Übersetzer der Principia) sowie die Traumerzählung Olympica nach der Übersetzung Adrien Baillets.

Descartes
(Frans Hals)

Als gelungen darf man die Renovierung eines Klassikers der Geistesgeschichte dann bezeichnen, wenn seine Neuerscheinung nicht etwa nur mit anregenden Gegenwartsbezügen aufwarten kann und obendrein vielleicht auch noch optisch geglückt ist, sondern wenn ein alter Text neue Funken schlägt. Der Übersetzung von Christian Wohlers, der für die Generalüberholung der Hauptwerke Descartes’ bei Meiner verantwortlich zeichnet, muss man dieses Zertifikat ausstellen. Bereits in den Principia hat er gezeigt, was vorzügliches Übersetzerhandwerk gepaart mit großer Sachkenntnis zu leisten vermag: So versteht er den wohl berühmtesten Descartes-Satz „Je pense, donc je suis“, in den Principia von Descartes ins Lateinische rückübersetzt, nicht – wie üblich – im Sinne einer causa efficiendi, sondern einer Erkenntnisursache: „Daran, daß wir denken, erkennen wir, daß wir sind.“ Die Übersetzung, und das heißt: Interpretation dieses Satzes im Sinne einer causa efficiendi hält Wohlers für „schlicht unsinnig und dem Cartesischen Gedanken geradezu entgegengesetzt: Wie könnte das, was offensichtlich bereits denkt, erst aufgrund dieses Denkens sein, vorher aber nicht?“

Es sind viele dieser – basalen, erfrischenden – rhetorischen Fragen, die Wohlers den Lesern auch in seiner flott geschriebenen, aber dennoch anspruchsvollen Einleitung zum Discours stellt. Konzipiert als Kurzeinführung in Cartesisches Denken und Cartesische Methodologie überhaupt, nähert sie sich Descartes’ Philosophie aus drei Blickrichtungen: „von außen“ im Hinblick auf Entstehungsbedingungen, Komposition und Metaphorik des Discours sowie das Fiktionale der Physik Descartes’, „von innen“ im Hinblick auf die verschiedenen Ebenen der Descartesschen Methodendiskussion in den Regulae und schließlich durch die Hintertür, um das zu erhellen, was der Autor seinen Lesern nicht sagt. Nicht zuletzt erweist Wohlers Descartes einen großen Dienst, indem er ihn einerseits gegen oberflächliche, über Jahrhunderte kolportierte und reichlich abgenutzte Kritiken in Schutz nimmt und anderseits anhand zahlreicher Beispiele und Gedankenexperimente illustriert, wie produktiv die Cartesische Unterscheidung von „res cogitans“ und „res extensa“ angesichts aktueller Diskurse um Neurophilosophie und Künstliche Intelligenz bis heute ist.

Auf diese Weise erstrahlt der alte Text in neuem Glanz, und der Autor des Discours tritt als verblüffend gegenwärtiger Denker in Erscheinung, außerdem als glänzender Stilist und Philosophie-Didaktiker: „Er lädt seine Leser in verständlicher, klarer Sprache ein, sich auf seine Seite zu stellen, von der aus er die Kompliziertheit einer letztlich nur banale und überflüssige Ergebnisse hervorbringenden Philosophie geißelt, die vor lauter Wald den Baum nicht sieht.“ Verlag und Übersetzer laden mit ihrer Neuausgabe dazu ein, einen unverstellten Blick auf diesen wahrhaften Klassiker zu werfen.

Beitrag von Christian Dries.
Bildquellen in Reihenfolge: Meiner-Verlag; gemeinfrei

Zur Person

Christian Dries ist Redakteur von sciencegarden.

Literatur

  • René Descartes (2011): Discours de la Méthode. Französisch – Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Christian Wohlers. Hamburg, 218 S., 19,90 Euro.

Kategorien

Themen: Philosophie
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