Fleischgenuss ohne Reue?

Darf man Fleisch noch genießen? Medienberichten zufolge sind die Zustände in deutschen Mastbetrieben oft alles andere als artgerecht. Ein Tierschutz-Label könnte die Wahl für Verbraucher erleichtern.

Bei einer Umfrage würden wohl die meisten Menschen gegen schlechte Haltungsbedingungen von Nutztieren, lange Viehtransporte und Tierquälerei im Schlachtprozess stimmen. Ein bewusster Umgang mit dem Nahrungsmittel Fleisch ist bislang jedoch nicht zu beobachten. Im Gegenteil: Der Fleischverzehr steigt. 2010 hat jeder Bundesbürger rund 60,7 Kilogramm Fleisch verzehrt. Der größte Anteil davon stammt vom Schwein. Etwa 58 Millionen Schweine sollen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hierzulande dafür getötet worden sein, rund 3,8 Millionen geschlachtete Rinder meldet der Verband der Fleischwirtschaft. Bei einem durchschnittlich angenommenen Schlachtgewicht von 450 Kilo sind das rund 1,7 Millionen Tonnen Rindfleisch. Größenordnungen, bei denen sich der Verdacht von Maßlosigkeit aufdrängt. Kein Mediziner würde ernsthaft behaupten, dass der Verzehr dieser Fleischmengen gesundheitsfördernd ist.

Grund des offenbar besinnungslosen Fleischverzehrs sind nach Ansicht des Theologen und Tierethikers Peter Kunzmann Unkenntnis und Verdrängung. „Nur die wenigsten Fleischesser wissen um die Umstände, in denen ihre Nahrungsmittel produziert werden. Und den meisten ist überhaupt nicht bewusst, was da auf ihren Tellern liegt. Das Tier als lebendiges Wesen ist an diesem Punkt kein Thema mehr“, so der Wissenschaftler von der Universität Jena. Hilfe beim bewussten Fleischkauf, bei dem das Tier als Nahrungslieferant wieder in den Vordergrund rückt, könnte ein sogenanntes Tierschutz-Label leisten, das der Deutsche Tierschutzbund in den kommenden Monaten einführen will.

Unausgeschöpftes Potential

Hintergrund ist die Entwicklung eines Gütesiegels für Fleisch aus "besonders tiergerechter Haltung", die weit über die gesetzlichen Vorgaben hinausgeht. Es stützt sich auf Studien, nach denen rund 20 Prozent der Bevölkerung grundsätzlich bereit sind, mehr Geld für Produkte aus artgerechter Tierhaltung auszugeben. Das Absatzpotential ist also relativ hoch. Ausgeschöpft wird es nach Angaben von Wissenschaftlern der Universität Göttingen, die maßgeblich an der Entwicklung des Labels beteiligt sind, noch lange nicht. Immerhin liege der Marktanteil von Bio-Geflügelfleisch bei gerade einmal 0,7 Prozent, von Bio-Schweinfleisch sogar nur bei 0,4 Prozent.

Wenn jedoch das Interesse der Verbraucher groß ist, warum bedarf es dann überhaupt eines Tierschutzsiegels? Offenbar ist Tierschutz für einige Fleischkonsumenten durchaus ein Thema. Das geht aus einem bereits 2009 angefertigten Gutachten der Universität Göttingen hervor, das sich mit „Perspektiven für ein Europäisches Tierschutzlabel“ beschäftigt. Darin steht, dass die Verbraucher die größten Probleme in der Geflügelhaltung und Schweinemast vermuten. Weiter heißt es jedoch, „das vorhandene Problembewusstsein führt allerdings nicht automatisch zu einer Veränderung des Einkaufsverhaltens“. Als Gründe werden Informationsdefizite, fehlende entsprechende Angebote und die höheren Kosten genannt. Hinzu kommt das „gering eingeschätzte Veränderungspotential des Einzelnen“, wie es auch Peter Kunzmann beobachtet hat.

Von fremdem Leben leben

Rund 60 Millionen Schweine werden allein in Deutschland jährlich geschlachtet.

„Fakt ist, wir sind in eine Welt gestellt, in der wir von fremdem Leben leben“, stellt der Theologe klar. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit ethischen Fragen der Nutztierhaltung. Das sei ein Wirtschaftszweig, bei dem es dazugehöre, dass Tiere getötet werden. Ob das Töten von Tieren überhaupt zu rechtfertigen ist, ist laut Kunzmann eine metaphysische Frage. Letztendlich müsse die jeder für sich selbst beantworten, dann aber auch konsequent danach handeln, meint der Ethiker. Das gelte besonders, wenn man zu der Überzeugung gelange, bestimmte Produktionsformen tierischer Erzeugnisse nicht unterstützen zu wollen. Die Ausrede, das eigene Verhalten ändere letztendlich doch nichts, „leistet keine moralische Rechtfertigung“, so der Tierethiker.

Der Deutsche Tierschutzbund will mit der neuen, vorerst freiwilligen Kennzeichnung den gesamten Produktionsprozess einbeziehen. Von der Aufzucht der Tiere über die Haltung bis hin zur Schlachtung soll schließlich der gesamte Weg der Fleischproduktion bewertet und für den Verbraucher transparent gemacht werden. Zwar gibt es in Deutschland bereits mehrere Prüfsysteme. Laut dem Göttinger Gutachten ist jedoch keines ausreichend dafür geeignet, die Tierschutzkriterien zuverlässig zu bewerten. Vor allem die Einbeziehung der Tiere komme nach Ansicht der Arbeitsgruppe in den meisten gängigen Prüfverfahren zu kurz. So sollen in dem neuen Label neben Aspekten der Haltung, wie Größe und Einrichtung der Stallungen und Hygienemaßnahmen vor allem tierbezogene Faktoren, wie Verhalten und Gesundheit der Tiere eine entscheidende Rolle spielen.

Teurer aber erfolgversprechend

Dass dieses neue Prüfverfahren mit Mehrkosten verbunden sein wird, ist den Mitgliedern der Initiativgruppe bewusst. Trotzdem sind sie vom Erfolg eines Tierschutz-Siegels überzeugt. „In erster Linie richtet sich das Label an Vermarkter“, so Claudia Salzborn vom Deutschen Tierschutzbund. Und die seien durchaus interessiert. „Außerdem wollen wir das Rad nicht neu erfinden“, sagt die Tiermedizinerin mit Blick auf die steigenden Kosten. „Vielmehr wollen wir etablierte Kontrollstrukturen nutzen und mit den neuen Standards erweitern.“ Eben diese stehen jedoch noch nicht abschließend fest. „Uns ist es wichtig, einen Konsens in der breit gefächerten Gruppe aller Beteiligten zu finden“, so Salzborn. Daher werde sich der Termin für die Einführung des Labels, die ursprünglich bereits für den vergangenen Herbst geplant war, um einige Monate verzögern, so die Fachreferentin des Tierschutzbundes.

Ambitionen in Richtung einer EU-weiten Tierschutzkennzeichnung von Fleischprodukten sind unterdessen ins Stocken geraten. Gab es Ende 2009 dazu noch ernsthafte Gespräche in Brüssel, ist das Thema nach Ansicht von Claudia Salzborn mittlerweile „leider etwas eingeschlafen“. Zu groß sind wohl derzeit die Unterschiede der Haltungsbedingungen von Nutztieren in den verschiedenen europäischen Ländern, um einheitliche Bewertungskriterien festzulegen. Und zu groß ist wohl auch der Gegenwind aus der Fleischindustrie, die laut Göttinger Gutachten das geringste Interesse an einer zusätzlichen Kennzeichnung für Fleischprodukte hat.

Beitrag von Manuela Heberer.
Bildquellen in Reihenfolge: Manuela Heberer

Zur Person

Die Biologin Manuela Heberer schreibt als freie Journalistin und Autorin über Nutztiere und Landwirtschaft.

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