Steinige Königswege

„Wie willkommen ist der Nachwuchs?“ fragte sich die Hamburger Körber-Stiftung und debattierte zwei Tage lang mit Wissenschaftspolitikern, Forschungsförderern und Betroffenen über Chancen junger Forscherinnen und Forscher. Die stehen, so das Ergebnis, gar nicht schlecht – vor allem für die Besten der Besten.

Jürgen Mittelstraß, emeritierter Philosoph der Universität Konstanz und ein Doyen der deutschen Wissenschaftspolitik, wählt zum Einstieg große Worte. Vom „vielleicht letzten Abenteuer auf einer alt gewordenen Erde“ handelt seine Rede im gut gefüllten und hochkarätig besetzten Körber-Forum zu Hamburg. Und in der Tat, abenteuerliche 4,6 Jahre hat im Durchschnitt hierzulande vor sich, wer das entbehrungsreiche Unternehmen wagt: die Promotion, den (noch so ein großes Mittelstraß-Wort) „authentischsten akademischen Abschluss“.

Weil der Weg dorthin in Deutschland oft recht steinig ist und nicht selten in Sackgassen führt, hat sich die Hamburger Körber-Stiftung in Kooperation mit dem Konstanzer Wissenschaftsforum zwei Tage Zeit genommen, um über „neue Modelle der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung“ zu debattieren. „Wie willkommen ist der Nachwuchs?“ lautete das Motto einer internationalen Konferenz, an deren Ende, so viel sei vorweggenommen, eine eher gemischte Bilanz stand. Denn wie überall in der Gesellschaft hat sich das Matthäus-Prinzip längst ebenso in den einstigen Elfenbeintürmen durchgesetzt.

Wer hat, dem wird gegeben

Matthias Kleiner
Matthias Kleiner

Wer hat, dem wird gegeben, so lautete denn auch die frohe Kunde aus dem Kreise der Forschungsförderer, allen voran Matthias Kleiner. In seinem Abendvortrag ( KörberPodcast ) skizzierte der eloquente Maschinebauer und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) das idealtypische Bild zweier Forscherkarrieren von der Kinder-Uni bis zum Nobelpreis, beide zwischenzeitlich kräftig gefördert von der DFG. Wilhelm Krull, Präsident der Volkswagen-Stiftung, schwärmte von „transformativer Forschung“, einer Wissenschaft, die Grenzen überschreitet, Durch- und Umbrüche provoziert. Dementsprechend exklusiv sind die Erfolgsbedingungen, an denen die VW-Stiftung ihre Förderpolitik orientiert: Kleine Gruppen, längere Finanzierung, intensives Forscherumfeld, Teamorientierung und verlässliche Karriereperspektiven.

Mit der Lebenswirklichkeit und den Berufsaussichten des durchschnittlichen Doktoranden hat das nicht viel zu tun. Aber der Durchschnittspromovend war auf der Tagung auch nicht auszumachen. Das Gros der Teilnehmer gehörte zu den Privilegierten, zur reichlich geförderten, gut informierten und bestens vernetzten Elite, die nach Auslandsaufenthalt und Promotion zielstrebig eine Juniorprofessur ergattert oder in lukrativen Forschungsprojekten und an international renommierten Instituten auf den eigenen Lehrstuhl hinarbeitet – oder selbst in jungen Jahren zum Wissenschaftspolitiker wird.

Hoch-Schule statt Universität?

Wilhelm Krull
Wilhelm Krull

So wie Thomas Jørgensen von der European University Association (EUA), der das im Aufbau befindliche europaweite System der Graduiertenschulen als „große Revolution“ pries, nicht ohne auf weiteren Bedarf an „Transparenz, Effizienz und Entprivatisierung“, heißt: professionelles Personalmanagement, hinzuweisen. Verbindliche Strukturen und Prozesse, sprich: gesteigerte Verantwortung der Universitäten für die Ausbildung von Doktoranden statt individueller Abhängigkeiten, das käme vielen Nachwuchswissenschaftlern durchaus entgegen. Was sich hinter all den modernen Plastikwörtern wie „Transparenz“ und „Entprivatisierung“ allerdings konkret verbirgt, konnte Jørgensen letztlich nicht zufriedenstellend aufklären – und provozierte damit eine Breitseite von Jürgen Mittelstraß. Der von Jørgensen gefeierte Verschulungsprozess überwuchere die Promotion, so der Konstanzer. Verschulung führe aber in die Schule, nicht in die Wissenschaft. Mittelstraß' wortmächtige Polemik wirkte erfrischend, offenbarte jedoch zugleich, wie sehr sich die Zeiten bereits gewandelt haben. Den Ton geben heute nicht mehr die Humboldtianer alten Schlags mit ihrer Vision vom Königsweg der individuellen Promotion an, sonder die alerten Optimisten und die Brüsseler Strategen, die wie Thomas Jørgensen in internationalisierten Graduiertenprogrammen großgezogen wurden.

Jutta Allmendinger
Jutta Allmendinger

Für die nötige Erdung der Veranstaltung sorgte gegen Ende von Tag zwei schließlich die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger. Ihr mitreißender Vortrag über Karrierebedingungen junger Wissenschaftler untermauerte die aktuelle Jungforschermisere empirisch: Allen Strukturreformen zum Trotz werde der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland immer älter. Die Juniorprofessorin mit 38 sei keineswegs die Ausnahme, so Allmendinger. Schuld daran ist zum einen die Habilitation, die in vielen Fächern nach wie vor gefordert wird. Neben Verwaltung und Lehre bleibe den Junioren außerdem kaum genügend Zeit für die Forschung (geschweige denn ein habilitationsäquivalentes „zweites Buch“). Wer es nicht auf eine Juniorprofessur schaffe, habe dagegen meist mit skandalösen Befristungsregeln zu kämpfen. Nur Fachkräfte in der Landwirtschaft und Hilfsarbeiter haben im Land der Dichter und Denker eine höhere Befristungsquote als Wissenschaftler! Ähnlich schlecht entwickelten sich die Einkommen von Jungforschern. „Die Schere öffnet sich“, sagt Jutta Allmendinger. Häufige Teilzeitbeschäftigung, besonders von Frauen, verschärft die Lage des Nachwuchses zusätzlich. Und der entscheidet sich seinerseits immer später für eigenen Nachwuchs. Wissenschaft und Kinderaufzucht scheinen sich an deutschen Universitäten nach wie vor nicht gut zu vertragen.

Beruf: Promovend

Und so sind sich am Ende des Tages alle einig: Dissertieren ist nicht nur ein Abenteuer, sondern auch ein Beruf, der angemessen bezahlt und sozial abgesichert sein muss – einmal mehr in den Worten von Jürgen Mittelstraß: „Der Nachwuchs ist im Haus der Wissenschaft willkommen, wir sollten aber auch für anständige Bewirtung sorgen.“ Die bekanntlich nicht besonders gastfreundlichen Länderfinanzminister werden das nicht gerne hören. Unvernommen dürfte auch das Plädoyer von Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin verhallen, den gescheiterten Bologna-Reformen endlich eine Leitidee nachzuliefern und die Universitäten darüber hinaus vom Verwertungszwang zu entlasten. Der Staat dürfe sich nicht aus der Hochschulfinanzierung zurückziehen. Das viel gepriesene Amerika sei in diese Hinsicht heute ein Negativbeispiel, so Nida-Rümelin. Denn im Zuge der Finanzkrise streichen dort nun selbst die Elite-Institute Personal und Kurse zusammen. Zustimmendes Kopfnicken erntete der Münchner Ordinarius auch mit seiner Forderung, bei der Nachwuchsförderung nicht nur typische Lebensläufe – Abitur mit 1,1 plus Stipendium der Studienstiftung – zu begünstigen.

Ende gut, alles gut? Ja und nein. Einen Königsweg zur Promotion und zur akademischen Karriere gibt es nicht. Es hat ihn vermutlich noch nie gegeben. Zu unterschiedlich sind Fächerkulturen und Lebensläufe. Aber man konnte in Hamburg den Eindruck gewinnen, dass die deutschen Forschungsförderer ihre Hausaufgaben durchaus gemacht haben. Es gibt heute mehr und vielfältigere, ja, auch bessere Fördermöglichkeiten als noch vor 20 Jahren. Wer talentiert und ambitioniert genug ist, wird das Abenteuer Promotion auch in der neuen Bologna-Wissenschaftswelt bestehen. Andererseits, und auch das ließ sich in Hamburg studieren, steht die Vielfalt der Graduiertenschulen, strukturierten Promotionsprogramme und individuellen Fördertöpfe in einem krassen Missverhältnis zur Prekarität, in der sich die große Mehrheit des wissenschaftlichen Nachwuchses zunehmend gefangen sieht: zu den fehlenden Mittelbaustellen und Kinderbetreuungsmöglichkeiten, zur miserablen Bezahlung und zur mangelnden Planbarkeit der eigenen Karriere, zu den nach wie vor mächtigen Seilschaften und Klüngeleien, die aus dem Abenteuer Wissenschaft schnell den Alptraum „ewiger Privatdozent“ werden lassen. Während die Aussichten für die oberen Tausend nach wie vor rosig sind, vielleicht sogar rosiger denn je, wird der Flaschenhals in Richtung Dauerstelle für den guten Rest in Zukunft immer enger. Das eigentliche Abenteuer für den wissenschaftlichen Nachwuchs, es beginnt erst nach der Promotion.

Beitrag von Christian Dries.
Bildquellen in Reihenfolge: Jann Wilken

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Zur Person

Christian Dries ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Redakteur von sciencegarden .

Literatur

  • Margret Wintermantel (Hrsg.) 2010: Promovieren heute. Zur Entwicklung der deutschen Doktorandenausbildung im europäischen Hochschulraum. Hamburg.
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