Der Welt entrückt im Paradies der Mathematiker

Oberwolfach ist kein Steuergeld verschleuderndes Wellnesscenter für urlaubssüchtige Mathematiker. Oberwolfach ist abgeschieden und puritanisch. Und vielleicht gerade deswegen ein weiteres Mekka der Moderne?

Pfingstsonntag im Bahnhof Offenburg. Ein Fernsehteam steht an der Bahnhofsmission. Ich wundere mich, bis mein Blick auf die Anzeigetafel von Gleis 1 fällt. Punkt 17 Uhr fährt dort der Euro-Express nach Lourdes ab, gechartert von der Erzdiözese Freiburg. Ein Wink des Schicksals? Pilgere ich doch selbst.

Doch mein Mekka liegt nicht im Département Hautes- Pyrénées, sondern tief im Schwarzwald, etwas oberhalb des Kinzigtals an der malerischen Wolf. Ich will nach Oberwolfach.

Oberwolfach – das sind vor allem 44.000 Monografien, 30 Wandtafeln und ein Steinway. Es ist das mathematische Forschungszentrum schlechthin. Jede Woche, immer von Sonntagabend bis Sonnabendvormittag, treffen sich hier 48 der besten Mathematiker eines bestimmten Gebietes, um sich miteinander, ganz der eigenen Wissenschaft zu widmen, Fragen zu stellen, Ideen zu finden. Die notwendigen Einladungen sind rar und sehr begehrt. Ein amerikanischer Kollege meinte gar, dass er in diesem Falle ausnahmsweise nicht einmal seine Frau fragt, bevor er zusagt.

Zur Begrüßung wird man über die Regeln des Hauses aufgeklärt: All inclusive , aber Kassen des Vertrauens für Kopien oder spätabendliche Extras. Keine Schlüssel, dafür eine offene Liste mit den Zimmernummern.

John Todd in Oberwolfach, 1977
John Todd in Oberwolfach, 1977

Und dann ist da noch die Sache mit den Serviettentäschchen. Diese sind nämlich mit einem Namensschildchen versehen und werden mittags wie abends vom Küchenpersonal neu über die Sechsertische verteilt. Zweimal täglich sieht man dann 48 Leute durch den Speiseraum irren, bis sie endlich ihren Platz gefunden haben. Auf diese Weise werden die sonst eher als Solisten verschrienen Mathematiker zwangsweise sozialisiert. Und schon vom ersten Abendessen an diskutieren junge Postdocs mit den Koryphäen ihres Gebietes, oft bis weit in die Nacht hinein.

Überhaupt ist die ganze Atmosphäre auf Kommunikation ausgerichtet. Es gibt keinen Fernseher, kein Radio, kein Kino, kein WLAN auf den Zimmern. Oberwolfach liegt sehr abgeschieden, man muss einfach miteinander reden.

Das eigentliche Herz von Oberwolfach ist das Institutsgebäude mit den zwei Seminarräumen und der Bibliothek. Wir stellen uns kurz vor, und schon werden die Vorträge verteilt. Nicht alle auf einmal, oft nur für Montag. Wohin sich ein Workshop entwickelt, kristallisiert sich meist erst im Laufe der Zeit heraus. Und so heißt es durchaus: „Komm, erzähl uns morgen mal was über koquasitrianguläre Hopfalgebren!“ Man sollte also ehrlich sein, wenn man Spezialgebiete angibt …

Kaum ist das Treffen vorbei, diskutieren schon die ersten Grüppchen. Andere stürmen die Bibliothek, eine der besten weltweit. Hier herrscht Schlaraffenland, vor allem weil die meisten Verlage ihre Mathebücher kostenfrei nach Oberwolfach schicken. Ich lege das jüngst erschienene Buch eines Kollegen zurück ins Regal und gehe in einen Nebenraum der Bibliothek. Sofort werde ich gefragt, wie es mit chinesisch sei – Tischtennis versteht sich. Es dauert ein Weilchen, bis die Bewegungsabläufe wieder flüssig sind. Die Runden werden schneller, und man muss aufpassen, nicht nach einem vergeblichen Hecht im Regal der Dissertationen zwischen M und P zu landen. Dabei stellen diese Monografien noch eine weitere Gefahr dar. Fliegt man zu früh raus, so greift man schnell irgendwo ins Regal, fängt an zu lesen – und schon ist der nächste Einsatz verpasst.

Bibliotheksgebäude, Rückansicht
Bibliotheksgebäude, Rückansicht

In dieser Idylle vergisst man schnell, dass Oberwolfach eine sehr schwierige Kindheit in dunklen Zeiten überstehen musste. Zu entstehen begann das Institut 1944, als die Nationalsozialisten angesichts der zunehmend aussichtslosen Kriegslage verzweifelt nach jeder erdenklichen Rettung suchten. Entgegen ihrer eigenen Ideologie, nach der Mathematik und Wissenschaft allgemein als nachrangig einzustufen waren, sollten nun auch Forschung und Entwicklung zum Endsieg verhelfen. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Wilhelm Süss aus Freiburg, ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und konnte die schon einige Zeit geplante Gründung eines „Reichsinstituts für Mathematik“ erwirken. Die Wahl der Villa am Lorenzenhof in Oberwolfach (das „Schloss“) als Institutssitz hatte rein pragmatische Gründe: Der Boden war in badischem Besitz, und Luftangriffe erschienen unwahrscheinlich.

Auch wenn Oberwolfach explizit der direkt kriegsrelevanten Forschung dienen sollte, so haben sich die letztlich dort tätigen Wissenschaftler offensichtlich nicht mit anwendungsbezogener, sondern mit Reiner Mathematik beschäftigt. Insgesamt konnten etwa 20 Personen das Kriegsende in relativer Sicherheit erleben. Zugleich hatten sie allen Widrigkeiten zum Trotz gespürt, wie zuträglich räumliche Nähe mathematischer Forschung ist.

1945 stand das Schicksal von Oberwolfach schließlich auf Messers Schneide. Wenige Wochen nach Kriegsende war der Wettlauf der Alliierten um deutsche Wissenschaftler in vollem Gange. So war der irische Numeriker John Todd, seinerzeit in Diensten der britischen Admiralität, gerade in Oberwolfach, als eine Truppe marokkanischer Soldaten das Gebiet besetzen wollte. Diese waren offenbar auf der Suche nach Ess- und Brennbarem. Todd ahnte Schlimmstes, vor allem für die nach Oberwolfach ausgelagerte Bibliothek der Universität Freiburg. Als die Marokkaner das „Schloss“ erreichten, streifte er sich sofort seine Uniform über und verkündete: „Dieses Haus steht unter dem Protektorat der British Navy.“ Die Truppen zogen ab. Und Todd sprach lebenslang von seiner „wichtigsten Leistung für die Mathematik“.

Die Rettung von Oberwolfach markiert zugleich die Wiedergeburt der Mathematik in Deutschland. Diese lag am Boden, vor allem weil sie ihrer brillantesten, häufig jüdischen Köpfe bereits kurz nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten beraubt worden war.

Auch wenn sich die Mathematik hierzulande bis heute nicht vollständig von diesem Aderlass erholt hat, so spielte Oberwolfach nach dem Krieg bei der Reintegration der verbliebenen Wissenschaftler in die weltweite Gemeinschaft eine ungemein wichtige Rolle. Die Keimzelle bildeten der französische Funktionentheoretiker Henri Cartan und sein deutscher Kollege Heinrich Behnke, der das Kriegsende in Oberwolfach verbracht hatte. Ihre enge Freundschaft hatte den Krieg überdauert, obwohl ein Bruder Cartans von den Nazis umgebracht worden war. Cartan war von Oberwolfach fasziniert und zog bald Landsleute wie die späteren Fieldsmedaillengewinner René Thom und Jean-Pierre Serre in den Schwarzwald. Schnell kamen Schweizer, Engländer hinzu und Oberwolfach entwickelte sich – unabhängig von politischen Agenden – zum Inbegriff des europäischen, ja weltumspannenden Gedankens in der Wissenschaft.

Entscheidend unterstützt wurde diese Entwicklung durch den Übergang von einem Institut mit festen (wenngleich unbezahlten) Mitgliedern zu einem Treffpunkt ständig wechselnder Spezialisten. Die ersten kleinen Konferenzen gab es 1949. Ab 1953 ermöglichten Gelder aus dem Haushalt der Bundesregierung dann etwa zwölf Workshops im Jahr.

Zunehmend sprengten die Treffen die Grenzen der Villa, so dass zwischen 1965 und 1973 das komplette Gelände umgestaltet wurde. Das mittlerweile stark sanierungsbedürftige „Schloss“ wurde geschleift. Stattdessen wurden ein Gästehaus sowie das Tagungs- und Bibliotheksgebäude errichtet. Seither kann Oberwolfach Woche für Woche bis zu 50 Wissenschaftlern Raum und Zeit zum gemeinsamen Forschen geben. Heutzutage kommt etwa ein Drittel der Gäste aus Deutschland, ein Drittel aus dem restlichen Europa sowie ein Drittel aus dem außereuropäischen Ausland.

Dass die Besucher viel über die Menschen und ihre Arbeiten am Institut wissen, ist vor allem den vollständig erhaltenen Vortragsbüchern zu verdanken, in denen jeder einzelne Redner seit Herbst 1944 seine vorgestellten Resultate handschriftlich zusammengefasst hat. Anfangs wurden nicht nur diese verzeichnet. So erfährt man etwa, dass vor dem ersten nicht deutschsprachigen Vortrag – Cartan erläuterte am 1. November 1946 die Galoistheorie von Schiefkörpern – ein kleines Klavierkonzert stattgefunden hat. Der Vortragende und Hermann Boerner spielten aus dem Wohltemperierten Klavier und Beethovens drittletzte Klaviersonate. Auch heute noch gibt es ein Musikzimmer.

Bungalows
Bungalows

Oberwolfach ist aber schon deswegen kein Steuergeld verschleuderndes Wellnesscenter für urlaubssüchtige Mathematiker, weil die Zimmer mit Bett, Tisch, Stuhl, Bank und Nasszelle bis heute spartanischen Jugendherbergscharme versprühen. Zudem legen die Vortragsbücher ein beredtes Zeugnis davon ab, dass viele mathematische Durchbrüche in Oberwolfach erzielt oder hier erstmals öffentlich diskutiert wurden. Das prominenteste Beispiel ist sicher der Große Satz von Fermat. Bereits 1983 hatte Gerd Faltings hier seinen Beweis der Mordellschen Vermutung uraufgeführt, für den er dann die Fields-Medaille erhielt. Auf einem Oberwolfacher Zahlentheorieworkshop kurz darauf präsentierte Gerhard Frey einen möglichen Zusammenhang der Fermatschen Vermutung mit der Taniyama-Shimura-Weil- Vermutung, den der damals im Publikum sitzende Kenneth Ribet Ende der achtziger Jahre zeigen konnte. Seitdem diese Vermutung 1994 von Andrew Wiles (mit Richard Taylor, allerdings dies außerhalb von Oberwolfach) bewiesen ist, ist der Große Fermat geknackt. Dafür, dass in Oberwolfach weiterhin die wichtigsten – und nur die wichtigsten! – mathematischen Themen behandelt werden, sorgt das Wissenschaftliche Komitee. Aus der Vielzahl der Anträge komponiert es zusammen mit dem Institutsdirektor die Tagungen. Der Institutsdirektor lädt alle Teilnehmer persönlich ein, ohne jedoch mitzuteilen, wer sonst noch auf der Liste steht. Aber das ist auch gar nicht notwendig. Jeder Eingeladene kann darauf vertrauen, dass die anderen Hochkaräter eine entsprechende Nachricht bekommen – und pilgern werden. Auch wenn sie die Fahrtkosten selbst tragen müssen. Während eines Workshops findet dann eine erneute Auslese statt: Nicht alle Teilnehmer tragen letztlich vor. Das wäre auch kaum möglich bei 48 Leuten und nur fünf vollen Tagen, da doch die überwiegende Zeit Diskussionen vorbehalten bleiben soll. Vorbereitet sein sollte jeder, aber wessen Expertise sich dann als entscheidend herausstellt, ist vorher oft nicht klar. Ein strukturelles „Problem“ von Oberwolfach lässt sich bei alldem bereits erahnen. Mag sein, dass eine montags aufgestellte Vermutung schon am Donnerstag ein Theorem ist. Aber: Oberwolfach ist nur eine Art Durchlauferhitzer. Hier wird kaum ein Artikel geschrieben, keine Diplom- oder Doktorarbeit betreut, hier gibt es weder Gremiensitzungen noch Sprechstunden. Hier geschieht das, was evaluationspolitischen Kategorien nicht zugänglich ist: Hier sprudeln Ideen, Fragen, Kreativität. Zähl die Institutskopien, um den Erfolg von Oberwolfach zu ermessen! Die erste war 1979 das „Oberwolfach français“ (offiziell: CIRM) in Luminy bei Marseille.

Später kam Bedlewo in Polen hinzu, Banff in Kanada. Im saarländischen Dagstuhl gibt es das „Oberwolfach der Informatik“; hier ließen die Gründer gar die Stühle kopieren. Erreicht wurde das Original freilich nie. Dies erklärt auch, warum Oberwolfach 2003 die erste ausländische Institution war, die direkt durch das NSF – das US-amerikanische Pendant zur Deutschen Forschungsgemeinschaft – gefördert wurde. Kein Wunder, erzählte doch David Eisenbud, damals Präsident der American Mathematical Society, wie karriereentscheidend sein erster Besuch in Oberwolfach als blutjunger Postdoc gewesen sei.

Aber auch Paradiese kann man noch verbessern. Universitätsplaner würden vielleicht auf die Idee kommen, endlich die zahlreichen Wandtafeln – ja, genau diese hoffnungslos antiquierten Bretter, auf die man immer noch mit Kreide schreibt – durch moderne Whiteboards, Beamerprojektionsflächen oder Flipcharts zu ersetzen: Je globalesischer, desto innovativer. Mögen wir davor bewahrt bleiben! Es gibt einfach nichts Besseres zum Diskutieren als Tafeln. Je mehr, desto besser. Je größer, desto besser.

Oberwolfach ist anders. Sein Spektrum wurde vor allem inhaltlich immer wieder geschärft und erweitert. So gibt es neben den Workshops seit 1995 das Programm „Research in Pairs“, in dem zwei bis vier Personen für insgesamt bis zu drei Monate gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Gern wird dies zum Konzeptionieren oder Fertigstellen von Büchern verwendet.

Seit kurzem können sich junge Postdoktoranden auch um sogenannte Leibniz Fellowships bewerben, um maximal sechs Monate lang in Oberwolfach zu forschen. Der Förderung des mathematischen Nachwuchses dienen außerdem die Oberwolfach-Seminare: An drei Wochen im Jahr findet kein Workshop statt.

Dafür werden 50 herausragende Doktoranden und Postdocs an aktuelle Forschungsthemen herangeführt. Die jüngsten Mathematiker in Deutschland fiebern schließlich alljährlich dem Juni entgegen. Dann steigt in Oberwolfach für 16 von ihnen die letzte Auswahlrunde zur Internationalen Mathematik-Olympiade. Auch das eine Pilgerreise – und vielleicht noch exklusiver als Oberwolfach selbst.

Nachveröffentlichung aus „Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft“ von „Bild der Wissenschaft“ nominiert als „Wissenschaftsbuch des Jahres“.

Beitrag von Christian Fleischhack.
Bildquellen in Reihenfolge: Public domain; Konrad Jacobs, Erlangen; Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach (2)
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