Das Rätsel des Denkens

„Das Denken ist das Selbstgespräch der Seele“, formulierte Platon vor etwa 2400 Jahren. Eine philosophische Auffassung, die auch heute noch gültig ist. Andere Disziplinen haben es schwerer, eine umfassende Erklärung für das Denken zu finden: Ein Gespräch mit Psychologie-Professor Reinhard Leichner.

sciencegarden: Herr Leichner, Denken, was ist das eigentlich?

Reinhard Leichner: Allgemein ist Denken ausgerichtet auf Erkenntnis oder Lösungen. Es ist ein vermittelnder Prozess, der Inhalte nach der Informationsaufnahme bearbeitet und nutzt. Eine einheitliche Theorie des Denkens gibt es allerdings nicht. Es bestehen nur verschiedene Ansätze je nachdem, was beabsichtigt wird: Erkennen, Prüfen, Bewerten, eine Entscheidung treffen, ein Problem lösen oder auch einen Vergleich anstellen. Diese Denkprozesse unterteilen wir dann in zwei Aspekte. Einmal die Operation des Denkens selbst und zweitens das Ergebnis des Denkens.

sg: Die Aspekte gehören eng zusammen. Warum muss man sie so strikt trennen?

RL: Man muss differenzieren, weil die Wahrheit unabhängig vom denkenden Subjekt ist.

sg: Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?

Reinhard Leichner
Reinhard Leichner lehrt am Psychologischen Institut der TU Darmstadt.
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RL: Nehmen wir die Logik: Hier gibt es ein Wahr und ein Falsch. Ein Schüler hat errechnet, dass 5+3-1=6 ist. Das ist falsch, denn das Ergebnis ist sieben.
Die Wahrheit ist also unabhängig vom Schüler, dem denkenden Subjekt. Selbst wenn sein Ergebnis wiederholt sechs lautet, so verändert das nicht die Wahrheit. Die Operation ist der Rechenvorgang im Gehirn des Schülers, der bei allen anderen Menschen ähnlich aussehen würde. Das Ergebnis dagegen ist bei unserem Schüler sechs, während sein Banknachbar sieben errechnet. Beide Schüler haben den Prozess des Denkens vollzogen, aber sie sind zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangt. Aus diesem Grund ist es elementar, die Operation des Denkens vom Ergebnis zu unterscheiden.

sg: Was bedeutet Denken, wenn man eine solche Aufgabe lösen möchte?

RL: Wir haben einen Ausgangszustand und einen Zielzustand. Um vom einen zum anderen Zustand zu kommen, muss ein Hindernis überwunden werden. Dazu benötigen wir Operatoren.

sg: Was sind denn Operatoren?

RL: Dazu eine Aufgabe: Sie kommen in einen Raum, und an jedem Ende hängt ein Seil von der Decke. In der Mitte steht ein Stuhl auf dem eine Zange liegt. Die beiden Enden des Seils sollen verknotet werden. Doch egal wo Sie stehen, Sie erreichen nie mit Ihren Händen beide Seile gleichzeitig, weil Ihre Arme zu kurz sind. Wie können Sie das Problem lösen? Oder anders gesagt: Überlegen Sie sich einen Operator, mit dem Sie das Problem lösen können.

sg: Ich kann die Zange nicht einordnen. Wozu brauche ich sie?

RL: Das liegt daran, dass Sie die Zange nur in dem Zusammenhang sehen, indem sie normalerweise benutzt wird: etwas festhalten. Das nennt sich funktionale Gebundenheit. Die Lösung ist, dass Sie die Zange an das Ende eines Seils hängen und anstoßen müssen. Dann holen Sie das andere Ende des Seils und stellen sich auf den Stuhl. Sie warten bis das pendelnde Seil Sie wieder erreicht und können die Seile verknoten. Sie benutzen die Zange also nicht als Zange, sondern als Pendel. Sie ist ihr erdachter Operator, der dabei hilft, vom Anfangszustand zu einem möglichen Zielzustand zu kommen.

sg: Was ist beim Versuch, dieses Problem zu lösen, in unseren Köpfen vorgegangen?

RL: An erster Stelle steht das Sehen. Da wir ständig von Reizüberflutung bedroht sind, gibt es eine Art Filter. Nur was durch diesen Filter kommt, wird wahrgenommen. Es folgt das Erkennen des Problems und das Suchen nach einer Lösung. Dabei greifen wir auf unsere Erfahrungen und unser Wissen zurück. Die erwähnte funktionale Gebundenheit ist oft ein Hindernis, da wir nicht neutral an ein Problem herangehen. Wir wollen die Zange als Zange benutzen und nicht als Pendel. Wenn wir glauben eine Lösung gefunden zu haben, läuft ein Prüfungsverfahren ab. Wir durchdenken das Problem und unseren Lösungsansatz nochmals. Anschließend folgt die praktische Durchführung. Wenn wir scheitern, dann beginnen wir von vorne.

sg: Das Problemlösen ist nicht die einzige Art des Denkens. Es gibt Situationen, da schwirren unzählige Gedanken im Kopf umher. Wo kommen sie her?

RL: Das kann viele Gründe und Ursachen haben. Ein solches Gedankenwirrwarr hängt stark von unserem direkten Umfeld ab. Ein Umgebungsreichtum wirkt denkfördernd, wobei das Gehirn viel mit Assoziationen arbeitet: Sie sehen einen Stuhl und denken dann an einen Tisch. Ein Stimulus hat eine anregende Funktion gehabt.
Des weiteren stehen Gedanken viel mit dem persönlichen Tagesgeschehen in Zusammenhang: Dinge, die Sie sehr beschäftigt haben, beispielsweise wichtige Entscheidungen, positive Erinnerungen, sowie auch ungeklärte Konfliktsituationen.

sg: Gibt es noch weitere Möglichkeiten, wie Gedanken zu Stande kommen?

RL: Eine andere Möglichkeit sind die Intentionen. Wahrnehmung ist durch Interessen und Absichten beeinflusst, sodass aufgenommene Informationen entsprechend kanalisiert werden. Mit anderen Worten: Sie sehen oft nur, was für Sie interessant ist oder Ihnen nützt. Des weiteren können Gedanken mit Erfahrungen zusammen hängen: Was von dem, was ich sehe, kenne ich? Als letzten Punkt möchte ich die emotionale Relevanz nennen. Die Emotionen haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss

sg: Und was sind genau Emotionen?

Kognitive Psychologie – Denken in Gedanken?
Das Wort „kognitiv“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet bemerken oder erkennen.
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RL: Emotionen allgemein sind aufgeteilt in drei Komponenten: Eine kognitiv-subjektive, eine physiologisch-endokrine und eine motorische Komponente. Der kognitiv-subjektive Teil ist das Denken. Es unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, je nach Erfahrungen und Charakter. Die physiologisch-endokrine Komponente beinhaltet das vegetative Nervensystem sowie das hormonelle System. Die dritte Komponente ist die Motorik, die zum Beispiel durch Mimik und Gestik vertreten ist.

sg: Wie hängen denn Gedanken und Emotionen mit dem Körper zusammen?

RL: Das ist wechselseitig zu beurteilen. Denken ist häufig mit unbewusster Motorik verbunden. Es steuert das menschliche Handeln unbewusst bis die Routine nicht mehr ausreicht, um mit einer Situation zurecht zu kommen. Erst dann wird Denken bewusst. Emotionen kann man als Teil des Denkens sehen. Dazu ein Beispiel: Jemand hat Prüfungsangst. Dann wird er vom kognitiv-subjektiven Teil blockiert, weil er glaubt, er besteht nicht. Entsprechend ändert sich die Herzfrequenz und er fängt vielleicht an zu schwitzen. Der kognitiv-subjektive Teil, der die Kapazität des kognitiven Verarbeitungssystems bindet, hängt folglich mit körperlichen Vorgängen zusammen, die zusätzlich die Denkvorgänge stören können. Gedanken und Gefühle lassen sich somit nicht einfach trennen. Immer wieder kommt es zu Versuchen, Emotionen zurückzudrängen. Aber im Grunde ist immer jedes Denken durch Emotionen eingefärbt und in ein bestimmtes Licht getaucht. Eine Grundstimmung, die immer mitschwingt.

sg: Wer oder was beeinflusst unser Denken noch?

RL: Alter, Kultur und Schicht sind entscheidende Faktoren. Auch Schule und Freundeskreis haben einen ungemeinen Einfluss, vor allem auf Interessen und Denkinhalte. Wenn zum Beispiel bei Ihnen zu Hause klassische Musik gehört wird, dann sind Sie daran gewöhnt und es gefällt Ihnen. Sie kommen in eine Clique, die Hard Rock hört und Sie tun so, als würde Ihnen das gefallen. Irgendwann gefällt es Ihnen auch. Die Interessen sind stark formbar. Den größten Einfluss hat allerdings die Familie. Sie lenkt die ganze Lebensvorstellung eines Menschen.

sg: Kann man in etwa sagen, welche Gehirnareale für welches Denken zuständig sind?

RL: Grob gesagt, ist unser Gehirn in zwei Hemisphären aufgeteilt. Die rechte Hälfte ist für die Gestalt zuständig. Es geht um die ganzheitliche, räumliche Wahrnehmung. Die linke Hälfte ist zuständig für sprachliche, logische und analytische Inhalte und stellt nur sequenziell, dafür aber detaillierter, dar.

sg: Alle Gehirne sind im Wesentlichen gleich aufgebaut. Warum sind das Denken und die Resultate der Menschen doch so unterschiedlich?

RL: Mit dieser Frage kommen wir zum Leistungsgrad der kognitiven Funktionen. Es geht um das Lösen von neuen Problemen, wobei zwei Aspekte entscheidend sind, die sich in der Intelligenz vereinen. Erstens die Fähigkeit und zweitens die Schnelligkeit. Es geht um die Fähigkeit gedankliche Operationen zu vollziehen, sie im Speicher aufzubewahren und wenn nötig wieder abzurufen. Ebenso wichtig ist die Geschwindigkeit. Die entscheidende Rolle spielt dabei unser Arbeitsspeicher mit seiner begrenzten Verarbeitungskapazität. Ein Problem erkennen, bereits gelernte Inhalte präsent haben, kombinieren und Analogien bilden. Die Fähigkeit, das in möglichst kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ist bei den verschiedenen Menschen je nach Themenkomplex sehr unterschiedlich ausgeprägt. Neurowissenschaftlich betrachtet liegt der Grund dafür, dass sich zwei Gehirne unterscheiden in der Anzahl der Neuronen und der Art der Verknüpfung.

sg: Sprache ist Ausdruck und Medium des Denkens. Wir denken in Worten und Kategorien. Ohne Sprache kein Denken. Ist das korrekt?

RL: Nein. Das würde bedeuten, dass eine fremde Sprache, die anders als unsere aufgebaut ist, völlig andere Denkprozesse bei den Menschen zur Folge hat. Das ist aber bewiesenermaßen nicht der Fall. Komplexer Input aus der Umwelt wird gefiltert und klassifiziert. Psychologisch gesehen wird er ja nach Inhalt in semantischen Kategorien und Strukturen eingeordnet. Sprache ist folglich sehr eng mit dem Denken verknüpft: sie fasst Denken in Symbole und Zeichen und stellt so ein Ordnungssystem dar. Ich sehe sie dennoch nur als ein verfeinerndes Werkzeug. Erst gab es das Denken, dann kam die Sprache. Die bildliche Entwicklung in den Köpfen der Menschen war wichtiger als eine Sprache. Es gab Höhlenmalereien, bevor sich Kommunikation in Form einer Sprache entwickelte. Ein Beispiel für diese Theorie ist das Verhalten von Kindern. Wenn sie eine Kante sehen, dann bleiben sie davor stehen. Sie wissen, dass es gefährlich sein kann einen weiteren Schritt zu gehen, auch wenn sie es nicht formulieren können. Sprache ist also nicht der entscheidende Punkt.

sg: Kann man Denken visuell darstellen?

Bildgebende Verfahren
sind Methoden mit denen hirnanatomische Strukturen mit Hilfe von Messwerten rekonstruiert und dreidimensional visualisiert werden.
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RL: Die Ergebnisse des Denkens lassen sich mit der heutigen Technik nicht nachweisen. Denkprozesse dagegen sind mit Hilfe der bildgebenden Verfahren sichtbar zu machen. Wobei wir allein mit auf dem Schirm sichtbaren Veränderungen nicht viel anfangen können. Wichtiger ist, in welcher Region des Gehirns sich die Veränderungen ereignen. Anhand der Region kann man zwar nicht den Gedanken selbst erraten, aber zumindest die inhaltliche Kategorie, in die er gehört.

sg: In wieweit hat die Forschung Denkprozesse bereits entschlüsselt?

RL: Es ist eine Menge bekannt und es werden immer mehr Simulationen per Rechner möglich, die die Hirnstruktur mit den Neuronen imitieren. Anschießend muss geprüft werden, inwiefern die Ergebnisse des Rechners auf den Menschen übertragen werden können. Beim Denken selbst mit seinen Emotionen und Bedingungen wird es meiner Meinung nach immer etwas Neues zu berichten geben, was förderlich oder hinderlich ist. Die Wissenschaft des Denkens ist noch lange nicht am Ende.

Das Interview führte Theresa Klüber.
Bildquellen in Reihenfolge: CC – Lucidish - Wikipedia; Theresa Klüber; CC – Áwá Wikipedia

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Zur Person

Theresa Klüber ist Wissenschaftsjournlismus-Studentin an der Hochschule Darmstadt.

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Themen: Philosophie | Psychologie
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