Ist das Schwäbische dem Alemannischen sein Tod?

Alle Sprachen sind im ständigen Fluss begriffen. Doch wie verändern sie sich eigentlich? Die Freiburger Linguisten Tobias Streck und Christian Schwarz untersuchen den Dialektwandel im Alemannischen.

Belfortstraße 14, zweiter Stock: Institut für Geschichtliche Landeskunde. Gesprochene Sprache im Südwesten wird hier unter anderem untersucht – aber zu hören ist nichts. Sind wir richtig? Durch einen Türspalt erblicken wir konzentrierte Gesichter unter Kopfhörern. Sprachwissenschaftler, so vermuten wir jedenfalls, die vor Bildschirmen sitzen und Wortfetzen lauschen. Im Büro erfahren wir, was vor sich geht. Zur Erforschung des Lautwandels im Alemannischen werden südwestdeutsche Beispiele aus dem 20. Jahrhundert ausgewertet. Als Datengrundlage verwenden Tobias Streck und Christian Schwarz unter anderem Tonaufnahmen, die bei Erhebungen für den Südwestdeutschen Sprachatlas (SSA) und für das Badische Wörterbuch erstellt wurden. Diese werden mit Daten verglichen, die in zwei Sprachatlanten verschiedener Epochen festgehalten sind: im Wenker Atlas aus dem Jahr 1887 und eben im SSA, dessen Daten in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhoben wurden.

Die Akteure

Tobias Streck und Christian Schwarz bei der Arbeit
Tobias Streck und Christian Schwarz bei der Arbeit

Der Freiburger Linguist Peter Auer hat das Forschungsprojekt „Dialektwandel in Südwestdeutschland“ 2006 ins Leben gerufen. Bearbeitet wird es vor allem von Streck und Schwarz, die beide selbst auch Dialektsprecher sind. Wären sie nicht im alemannischen Sprachraum aufgewachsen, würden sie bei ihren Untersuchungen sehr schnell an ihre Grenzen stoßen. Beide verbindet ein großes Interesse an der Region und an der Frage, wie sich Dialekte wandeln. Tobias Streck war bereits während seines Studiums am Deutschen Seminar als Hilfskraft an einem verwandten Projekt zur Dialektintonation beteiligt. Kennen gelernt haben sich beide Wissenschaftler bei ihrem Einsatz als Feldforscher in Bräunlingen. Seit Sommer 2006 begeben sie sich immer wieder auf die Reise in die Vergangenheit. Ausgerüstet mit modernster Computertechnik und den Ergebnissen altbewährter Sprachatlanten, versuchen sie den alemannischen Dialekten auf die Spur zu kommen. Ihre Ausgangsfrage lautet: Wie und warum haben sich die südwestdeutschen Grunddialekte innerhalb einer Zeitspanne von 100 Jahren verändert?

Wie kommt es – verallgemeinernd formuliert – zu Sprachwandel?
Sprachwandel kann auf drei Arten hervorgerufen werden:

  1. Sprachinterner Wandel ohne Fremdeinwirkungen.
  2. Wandel durch Kontakt mit angrenzenden Dialekten oder Regionalvarietäten.
  3. Angleichung an das Standarddeutsche.

Die Aufbereitung der Tonaufnahmen erforderte im vergangenen Jahr viel Zeit, Konzentration und Sitzfleisch. Sieben Hilfskräfte wurden für die Verschriftlichung eingestellt. „Wer mitarbeiten wollte, musste gute Kenntnisse in den südwestdeutschen Dialekten mitbringen. Schließlich sollte man verstehen können, was einem die Probanden auf den Tonbändern erzählen“, erklärt Christian Schwarz. Tag für Tag brüteten die Philologen mit PC-Programmen, Kopfhörern und Kaffeekannen ausgerüstet von den Monitoren, um den Sprechern der digitalisierten Audiodateien buchstäblich Gehör zu schenken. Die spontanen Äußerungen, insgesamt 220 Tonbandaufnahmen des SSA und noch einmal 150 Tonträger des Badischen Wörterbuchs, wurden ins Standarddeutsche übersetzt und in eine Datenbank eingespeist. Die Datenaufbereitung ist inzwischen abgeschlossen. „Jetzt geht es an die eigentliche Arbeit. Die Belege müssen analysiert, verglichen und in Form von Karten visualisiert werden. Und dann geht’s ans Interpretieren.“

Wieso, weshalb, warum?

Diphthongierung von Mittelhochdeutsch /î/
Diphthongierung von Mittelhochdeutsch /î/

Warum heißt das „Haus“ in Baden überhaupt „huus“ und wieso sagt man „zit“ statt „Zeit“? Die im Alemannischen gebrauchten Monophthonge habe sich seit dem Mittelhochdeutschen erhalten und stellen daher eine weitaus ältere Sprachstufe als die standarddeutschen Diphthonge dar. Beobachtet man die Vokale in einzelnen Regionen, so lassen sich Aussagen darüber machen, in welchen Gebieten sich bereits ein Wandel vollzogen hat und wo nicht: Werden zum Beispiel in einem Gebiet von den Sprechern statt der zu erwartenden Monophthonge Diphthonge benutzt, könnte dies auf eine Anpassung an das Standarddeutsche hindeuten.

Leider ist aber die Deutung der Ergebnisse nicht so einfach: Es gibt nämlich Dialektgebiete, die ebenfalls Diphthonge aufweisen, so dass der Wandel von Monophthongen zu Diphthongen nicht nur vom Standarddeutschen, sondern auch von benachbarten Regionalsprachen herrühren könnte. Für die Region nördlich des Bodensees lässt sich beispielsweise eindeutig bestimmen, dass der Sprachwandel durch das Schwäbische und nicht durch das Standarddeutsche verursacht wird, weil die vorgefundenen Diphthonge nur leicht steigend sind, wie im Schwäbischen. In diesem Punkt scheint das Schwäbische das Alemannische schrittweise zu dominieren. Interessanterweise gewinnt bei konkurrierenden Varietäten also nicht unbedingt die standarddeutsche Form.

Die beiden Wissenschaftler begutachten nicht nur Regionen, in denen ein Wandel des Dialektes festzustellen ist, sondern auch Gebiete, in denen genau das Gegenteil der Fall ist, die Sprachvarietäten sich also erhalten. Hier ist die Frage nach dem Warum entscheidend. Der Hotzenwald ist ein gutes Beispiel. Geografisch ist er von seiner Umwelt eher abgeschottet und die Nähe zur Schweiz trägt zur Resistenz gegen Sprachwandel bei. „Die Schweiz ist eine Art ,Back-up-System’ für die Dialekte im Hotzenwald“, vermutet Christian Schwarz.

Per Mausklick durch die Isoglossengalaxis

Sprachatlas des Deutschen Reichs und Südwestdeutscher Sprachatlas:
Der Sprachatlas des Deutschen Reichs wurde von Georg Wenker (1852-1911) ins Leben gerufen. Methode: Die Daten wurden indirekt erhoben, das heißt, es wurden Fragebögen mit Sätzen wie „Ich schlage dich gleich mit dem Kochlöffel um die Ohren, du Affe“ an Schulen in über 40.000 Orten verschickt.
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Dank moderner Technik müssen Schwarz und Streck bei ihren Untersuchungen jedoch nicht der schepprigen Tonwiedergabe eines empfindlichen Zelluloidbandes lauschen oder über vergilbte, staubige Seiten eines über hundert Jahre alten Atlas beugen. Stolz führen uns die Wissenschaftler an ihren Arbeitsplatz. Ein paar Mausklicke und schon befinden wir uns in den Tiefen von Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reichs – das Kartierprogramm führt den Betrachter in eine Welt voller Isoglossen, die Sprachgrenzen als Linien symbolisieren, und archaisch anmutende Begriffe. Ein weiteres Programm mit dem Namen moca (für „multimodal oral corpus administration“) ist eine Datenbank, in der unter anderem die Audiodaten des SSA gespeichert sind. Mit Hilfe der Technologie des Digitalen Wenker-Atlasses können die beiden Karten, die aus dem Sprachatlas von Wenker und dem SSA gewonnen wurden, übereinander gelegt werden und damit die jeweiligen dialektalen Bezeichnungen leichter verglichen werden. Jetzt wird sichtbar, wie ein Bauer aus dem Hochschwarzwald sein Haus im Jahr 1880 bezeichnet und welche Variante am selben Ort etwa 100 Jahre später auftaucht. Nimmt man noch die während der Erhebung zum SSA und zum Badischen Wörterbuch aufgezeichneten Tonbandaufnahmen dazu, ergibt sich eine weitere Vergleichsmöglichkeit. „Es ist davon auszugehen, dass spontansprachliche Aussagen einer jüngeren Sprachstufe angehören als die Resultate im SSA“, sagt Schwarz. Grund dafür ist, dass die Exploratoren des SSA nach der ältesten erinnerten Form fragten, die beispielsweise Eltern oder Großeltern verwendeten, statt nach den tatsächlichen gebräuchlichen Bezeichnungen. Diese können nun den Tonbandaufnahmen entnommen werden.

Neugierig geworden fragen wir, ob wir auch mal reinhören dürfen. Einen breiten Kopfhörer auf den Ohren, warten wir gespannt auf ein gut dreißig Jahre altes Relikt. „Des sen scheene Kia“ (=Das sind schöne Kühe) schnarrt eine männliche Stimme plötzlich aus dem Nichts, und wir müssen lachen.

Vergleich von SSA und Spontansprache
Vergleich von SSA und Spontansprache

Aber was passiert nach der Analyse der spontansprachlichen Belege? Die Ergebnisse der Tonbandaufnahmen werden zusammen mit den Resultaten von Wenker und dem SSA in eine Karte eingetragen (siehe Abb.). „Diese Arbeit ist manchmal ganz schön kniffelig. Man muss sich genau überlegen, welche Informationen letztendlich am relevantesten sind und welche Belege man eventuell weglassen könnte.“

Dialekte – vom Aussterben bedroht?

Besteht angesichts der Globalisierung und der immer stärkeren Verbreitung des Englischen nicht die Gefahr, dass regionale Varietäten bald aussterben werden? So schnell gehe das nicht, meinen die Wissenschaftler und reagieren gelassen: „Sprachwandel hat es gegeben seit es Sprache gibt“, meint Christian Schwarz, „die Dialekte verändern sich zwar, regionale Variation bleibt aber erhalten.“ Mitunter lässt sich beobachten, dass sich Dialekte an das Standarddeutsche anpassen. Das hat mit dem Einfluss der Medien, aber auch mit der neuen Mobilität zu tun. So bringen nicht nur Zugereiste standarddeutsche Wendungen in eine Sprachgemeinschaft. „Die Menschen sind gezwungen, immer weitere Strecken zum Arbeitsplatz zurückzulegen. Dabei überschreiten sie auch Dialektgrenzen und müssen sich der Sprache am Arbeitsplatz anpassen, um verstanden zu werden. Die neue Variante bringen sie dann mit nach Hause“, erläutert Tobias Streck. „Großräumiger verständliche Varianten bleiben erhalten“, mutmaßt er.

Der Beitrag von Christine von Lossau und Svenja Frank erschien erstmals in "DS - Magazin des Deutschen Seminars" der Universität Freiburg und ist diesem entnommen
Bildquellen in Reihenfolge: Sabine Klimek von DISEGNO, Paul Gengenbach, Christian Schwarz (2)

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Themen: Sprachwissenschaft
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