Öffentliche Wissenschaft: Eine Bastelanleitung

Öffentliche Netzwerke Web-2.0-Anwendungen bieten Wissenschaftlern die Möglichkeit, Netze mit Menschen außerhalb des Hochschulbetriebs zu knüpfen und mit diesen in einen konstruktiven Austausch zu treten. Wie das geht, verrät diese Bastelanleitung.

Die Wissenschaft muss sich seit jeher den Elfenbeinturm vorwerfen lassen: Zu theoretisch, zu praxisfern, zu weltabgewandt werde gearbeitet. Diese Vorwürfe sind sicherlich pauschal nicht gültig; dennoch gewinnt man hier und da den Eindruck, es könne nicht schaden, wenn Wissenschaftler mehr Erfahrungen von „Praktikern“ mit einbeziehen würden. Insbesondere in meiner eigenen Disziplin, der Pädagogik und den Fachdidaktiken, sind die Fronten oft verhärtet: Lehrer haben Vorbehalte gegenüber den vermeintlich praxisfernen Inhalten, die in der Hochschule gelehrt werden, und an der Hochschule wird den Lehrern Resistenz gegenüber persönlicher Weiterentwicklung vorgeworfen. Wie kann man Wissenschaftler und Menschen außerhalb des Hochschulbetriebs an einen Tisch bringen?

Traditionelle Formen öffentlicher Wissenschaft wie Fortbildungen und Veröffentlichungen in populärwissenschaftlichen Magazinen wirken oft nur in eine Richtung. Der entgegengesetzte Informationsfluss von der Praxis an die Hochschule ist meist noch schwieriger zu verwirklichen, aber genauso einseitig. Sehr viel anders gestalten sich kooperative Modelle, in denen Wissenschaftler und Nichtwissenschaftler sich austauschen, gegenseitig helfen und gemeinsam Wissen konstruieren. Dabei wird nicht nur fertiges Wissen weitergegeben, sondern Menschen außerhalb der Hochschule partizipieren im Prozess wissenschaftlicher Wissenskonstruktion.

Zum Aufbau eines solchen Netzes sind die Bedingungen heutzutage besser wie nie zuvor: mit Anwendungen, die Wissenschaftlern und Nichtwissenschaftlern im Web 2.0 zur Verfügung stehen, können auf einfache Weise Netze genknüpft und Inhalte ausgetauscht werden. Doch wie baut man sich als Wissenschaftler ein funktionierendes Netz auf, in dem man vom gegenseitigen Austausch mit Menschen außerhalb des Hochschulbetriebs in seiner alltäglichen Arbeit profitieren kann?

Hier eine Bastelanleitung:

  1. Vernetzen Sie sich.
    Das ist einfacher, als man gemeinhin annimmt. Sie müssen sich dabei nur auf Experimente einlassen: Melden Sie sich beispielsweise bei Twitter an und „beobachten“ (followen) Sie dort Menschen, die Ihnen relevant erscheinen. Im Bildungsbereich können das beispielsweise twitternde Lehrer, Schüler, Referendare, Lehramtsstudierende, Lerncoaches und E-Learning-Experten sein. Viele dieser Menschen werden daraufhin auch Sie „beobachten“. Langsam aber sicher wird ein Netz aus Menschen um Sie herum entstehen, die in für Ihre Arbeit relevanten Bereichen arbeiten. Twitter ist selbstverständlich nicht die einzige Möglichkeit, Netze zu bilden. Schreiben Sie ein Weblog und abonnieren, lesen und kommentieren Sie die Weblogs von Personen, die Ihnen interessant erscheinen. Treten Sie Social Network Sites wie XING und Facebook bei und vernetzen Sie sich dort.
  2. Machen Sie Ihre Arbeit öffentlich.
    Sie müssen Informationen preisgeben, um mit anderen in Austausch treten zu können. Bieten Sie den Menschen in Ihren Netzen etwas an. Führen Sie ein Weblog und reflektieren Sie dort Ihre Arbeit. Schreiben Sie Ihre Gedanken über einen Fachartikel, den Sie gerade gelesen haben, in Ihr Weblog. Oder äußern Sie Ihre Meinung über die Fachtagung, die Sie gerade besucht haben. Wenn Sie eine Arbeitsgruppe haben: Weshalb führen Sie nicht ein öffentliches Lab Notebook in Form eines Wikis? Dort können Sie mit Ihren Mitarbeitern gemeinsam Ideen zu bestimmten Arbeitsbereichen diskutieren und Menschen von außen einbeziehen.
  3. Erregen Sie Ihre Netze.
    Die eigene Arbeit öffentlich zu machen ist nicht ausreichend. Sie müssen aktiv versuchen, Menschen zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Wenn Sie beispielsweise einen interessanten Weblogartikel über ein Thema geschrieben haben, dann speisen Sie diese Information in Twitter ein und fragen die Menschen in Ihrem Twitter-Netzwerk, ob Sie eine Meinung dazu haben. Wenn Sie in Ihrer Arbeitsgruppe eine Thematik in einem Wiki bearbeiten, dann schreiben Sie darüber in Twitter; Menschen werden kommen und sich beteiligen. (Sie glauben das nicht? Probieren Sie es aus!)

Das Prinzip dieser Vorgehensweise wird durch zwei Metaphern veranschaulicht: die Maschendrahtmetapher und die Neuronenmetapher. Die Maschendrahtmetapher (nach Ulrike Kleinau) besagt, dass man als Wissenschaftler ein Netz um sich herum aufbauen sollte (ähnlich wie eine Masche von anderen Maschen umgeben ist). Speist man eine Information in das Netz ein, dann „zupft“ man an einer Masche, und der Maschendraht beginnt zu schwingen: im Netz entsteht Resonanz. Die Neuronenmetapher (nach Jean-Pol Martin) besagt, dass Menschen innerhalb eines solches Netzes sich wie Neuronen verhalten müssen: Ideen müssen einfach „abgefeuert“ werden, und Informationen müssen von anderen Neuronen aufgenommen, verarbeitet und weitergeleitet werden. Wird ein schneller Informationsaustausch innerhalb der Netze ermöglicht, dann „emergiert“ Wissen – es wird gemeinschaftlich Wissen konstruiert.
Ich höre kritische Stimmen einwenden: (1) Das alles kostet zu viel Zeit, die ich nicht habe. (2) Wenn ich meine Ideen öffentlich äußere, dann gehe ich das Risiko ein, dass sie geklaut werden. (3) Der Nutzen ist mir überhaupt nicht klar, und das sind sowieso idealistische Hirngespinste.
Die Antwort auf diese Kritik möchte ich kurz halten: Man muss bereit sein, Zeit in soziale Kontakte zu investieren. Man muss Mut haben. Und man muss experimentierfreudig sein. Wer diese Eigenschaften hat und den Schritt in die Öffentlichkeit wagt, wird überrascht sein, welche Dynamik eine solche Vorgehensweise hervorbringt. Garantiert.

Twitter

Twitter ist ein Microblogging-Dienst, in dem die Nutzer 140 Zeichen lange Mitteilungen schreiben können. Zudem kann man dort andere Nutzer beobachten, deren Mitteilungen lesen und in direkten Austausch mit diesen treten.

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Zur Person

Christian Spannagel ist Juniorprofessor am Institut für Mathematik und Informatik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. In Forschung und Lehre setzt er seit einigen Jahren Web-2.0-Werkzeuge ein. Vernetzen kann man sich mit ihm unter anderem bei Twitter (cspannagel).

Christian Spannagels Weblog: http://cspannagel.wordpress.com/

Bildquellen in Reihenfolge: Stephanie Hofschlaeger / pixelio
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