Die Generation Dr. Golf geht in Rente

*Eine Dozentenstelle im BA-Studiengang – kein ungewöhnlicher Job für die Post-Docs der Generation Golf. Dieser Berufsalltag hat viele in die innere Emigration getrieben. Frustrierendes aus der schönen neuen Welt der Berufshochschule.

Die letzten Jahrgänge, die an der alten Universität Diplom- und Doktortitel erwarben, bezeichnete Florian Ilies als Generation Golf. Sie durchlief eine überfüllte Masseninstitution und lernte von Professoren, die in den 50er bis 70er Jahren unter Idealbedingungen studierten. Die Generation-Golf-Dozenten sind noch Kinder der von den 68ern aufgefrischten Uni-Ideale Humboldts. Auch am alten Uni-System gab es berechtigter Weise viel Kritik. Aber wer promovierte, der hatte die Wissenschaft im Blick und ging meist mit Leidenschaft vor.

Ich bin einer dieser typischen Generation-Golf Doktoranden gewesen und inzwischen Dozent. Während dem Übergang vom Lernenden zum Lehrenden hat sich die ungeliebte Universität in eine (Hoch)Schule gewandelt.

Viele meiner Studenten sagen nicht "Kommilitonen", sondern "Mitschüler", einige sagen nicht "Dozent", sondern "Lehrer". Da sie einen Stundenplan vorgelegt bekommen und die Wahlmöglichkeiten nur noch organisatorischer Art sind, ist das auch kein Wunder. Nur bei der Neudefinition der Lehrrolle läuft etwas falsch. Da wo Dozenten und Professoren waren, müssten in Zukunft Lehrer und Berufsschullehrer sein. Auch dieser Reformprozess ist eingeleitet, zumindest auf Diskursebene: "pädagogische Qualifikation" und "Qualität der Lehre". Die strikte Pädagogisierung der Vermittlung wissenschaftlichen Wissens – primär gesteuert über "aktivierende Methoden" und "Visualisierung" – mündet nicht selten im telegenen Infotainment. Anders als über journalistische Tricks führt kein Weg zu positiv ausgefüllten Evaluationsbögen – es sei denn, und dazu gibt es schon soziologische Untersuchungen, man ist als Dozent außergewöhnlich attraktiv. Ob diese Pädagogisierung wirklich die Qualität verbessert? Man fragt sich langsam: Die Qualität wovon? Sollten diese Programme jedenfalls erfolgreich sein, sitzen auf den Dozentenstellen faktisch Lehrer. Was die Mehrheit der Schüler will und fordert, müssen Demokratien offenbar umsetzten. Nur für die Dozenten der Generation Golf, also die "jungen" Dozenten zwischen Ende 20 und Anfang 40, wird das gerade zum Problem – sie sind ganz anders sozialisiert.

*Auf die Nachfrage, warum die Studenten, die inzwischen auch Kunden sind, mein Seminar besuchen, lauten die offenherzigen Antworten: "Mir passt der Termin am Montag, da habe ich frei.", "Das andere Seminar war voll" und "Literatur ist eine Erholung." Zwei Studenten sagen, dass sie das Thema interessiert, es geht um die deutsche Literatur im Exil. Diese beiden sind auch die einzigen mit Interesse an Literatur; den anderen fällt kein Roman ein, den sie in den letzten zwölf Monaten gelesen haben. Mein Kollege sagt dazu: Wir sind hier nicht mehr im Diplomstudiengang – das BA-Studium ist eine Berufsausbildung. Vielleicht liegt da das Problem, ich habe nicht Berufspädagogik studiert und bin kein Industriemeister. Ich kann natürlich so tun als hätte ich Praxiserfahrung, eine beliebte Strategie vieler Lehrender. Man spricht über Projekte, von denen man gelesen hat so, als wäre man dabei gewesen.

Von den Doktoranden der Generation Golf, dies hat Sandra Beaufaÿs untersucht, wurde erwartet, dass sie Wissenschaft zu ihrer Lebensform machen. Viele Professoren halten noch eine gewisse Intellektualität hoch, sie zelebrieren Wissenschaft als eine Lebensform. Dies fängt bei der Lektüre einer überregionalen Tageszeitung an und hört abends im Theater oder Programmkino auf. Das mag man als (neu)bildungsbürgerliches Ideal bezeichnen und über den Konservativismus (oder Idealismus?) lachen. Es müssen keineswegs altmodische Inhalte sein, auch über Frank Zappa lässt sich promovieren, aber ohne umfassende, andauernde und anspruchsvolle Lektüren konnte man früher nicht an einer Universität lehren. Oder: es kam zumindest nicht gut an.

Auch die Generation Golf hat sich in diese wissenschaftliche Lebensform hineingefuchst, ist ZEIT-Abonnent, liest Art statt Neon, SZ oder FAZ statt brand eins. Sie beschäftigt sich mit Joseph Beuys, hat keine Bindung ans Fernsehen und ist wieder offen für religionswissenschaftliche Themen. Sie ist aber die erste, in der diese kontinuierlich anwachsende, hart erarbeitete Intellektualität zum beruflich Nachteil wird. BA-Studierenden studieren nicht, sie werden studiert – den meisten ist der akademische Habitus ebenso fern wie dem durchschnittlichen Berufsschüler. Als ich neulich Studierende bat, sich in der Bibliothek eine wissenschaftliche Fachzeitschrift auszuwählen und diese kurz vorzustellen, sagte einer: Ich habe mir den SPIEGEL ausgesucht. Eine Studentin, die ich auf einen Beitrag zu ihrem Thema in der FAZ hinwies, sagte mir am Folgetag, also diese Zeitung – wie hieß sie noch – die gebe es in Düsseldorf nicht. Würde ich alle Hausarbeiten, in denen Wikipedia als wissenschaftliche Quelle zitiert wird, mit ungenügend bewerten – und dies fände ich gerechtfertigt – dann käme es zur Katastrophe. Auch im 6. Semester – genannt "Aufbaumodul" – zitieren Studenten, wenn Sie über das dritte Reich schreiben, vor allem Guido Knopp.

Früher bemerkte man manchmal eine altersbedingte Disharmonie zwischen 20-jährigen Studenten und den alten Professoren. Heute reicht scheinbar ein Altersunterschied von kaum zehn Jahren, um einen Graben aufzureißen. Eigentlich ist es mehr als nur ein Graben. Die Dozenten der Generation Golf bleiben "universitär" geprägt – die berufspraxisorientierten Schüler der BA-Studiengänge sehnen sich nach einer Berufsausbildung. Wissenschaft und Lektüre stören da nur! Da die jungen Dozenten enthusiastisch anfingen, ist die Ernüchterung groß. Es fühlt sich für viele Dozenten an, als seien die Intellektuellen heute, was der Adel im bürgerlichen 19. Jahrhundert war: "überflüssig". Wenn das BA-Studium eine Berufsausbildung ist, und sie soll es sein, dann ist sie derzeit wie fünf Tage Berufsschule – aber leider ohne Berufspraxis. Das duale System in Deutschland ist aber so unschlagbar, weil es Schule und Beruf kombiniert. Nur Schule: Das kann nicht gut gehen, und schon gar nicht mit wissenschaftlich orientierten Dozenten, die Bildung für einen Eigenwert halten!

*Einsicht ist ein guter Anfang. Eine Dozentenstelle ist ein Job, der muss nicht immer Freude machen. Oft sind es halbe Stellen mit hohem Lehrdeputat und geringem Lohn, es muss also sowieso noch ein anderer Job her. Und in den kann man vielleicht die intellektuelle Energie stecken, wenn man Glück hat. Für die BA-Studiengänge lösen inzwischen die Fachverlage das Problem. Fast alle bieten neue Buchreihen mit einführender Literatur an, UTB zum Beispiel die Reihe Profile. Ein Titel ist 100 Seiten lang und hat oft 12 Kapitel. Ein Semester hat 12 Sitzungen, macht 8,3 Seiten pro Woche. Eine realistische Zumutung. Die abschließende Klausur kann in multiple choice oder anhand der in vielen Reihen abgedruckten Kontrollfragen gestaltet werden. Die hohen Lehrdeputate lassen wenig Zeit für enthusiastischere Vorbereitungen. Die BA-Buchreihen sind zum Glück bereits hilfreiche "Schulbücher": Bilder, Merksätze, Kontrollfragen und Zitate aus den Originaltexten. Das Klausurwissen muss hart umgrenzt sein. Das lieben Studierende und für leidenschaftslose Dozenten ist es praktisch.

Das alles mag ärgerlich, schade, schlimm sein – es ist aber nur ein Generationenphänomen. Die Generation Dr. Golf wird sich anpassen, das hat sie gelernt. Eine gewisse Charakterlosigkeit, auf den Mann ohne Eigenschaften folgte bekanntlich Herr Lehmann – wird ihr vielleicht zum Vorteil. Nach ihr kommen die "Fachlehrer", eine Bezeichnung, die sich schon in Fachhochschulverträgen findet. Nur einen Denkfehler haben die Bildungsplaner gemacht: Woher kommen die zukünftigen Masterstudenten? Und darauf aufbauend: Woher kommen die zukünftigen Wissenschaftler? Vielleicht brauchen wir die nicht mehr, Deutschland hat doch großartige Formel-1 Piloten, Supermodels und Popstars. Und die werden jedem BA-Studenten der Zukunft bekannt sein. Die Generation Golf findet sich mit einem Schlag im altmodischen Ohrensessel und innerlich zwangspensioniert – und das mit Mitte 30.

Zur Person

Dr. Frank Berzbach, geb. 1971, hat an den Universitäten Tübingen und Frankfurt/Main gearbeitet und lehrt zur Zeit an der Fachhochschule Köln und der ecosign Akademie für Gestaltung.

Nola Bunke studiert Kommunikationsdesign und lebt als Fotografin in Köln.

Bildquellen in Reihenfolge: Nola Bunke, Fotografin/Köln

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Themen: Hochschule
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