Die Anonymen und das Biest

„Anonymous“-Demonstration in New YorkSie sind schnell, sie sind vernetzt, sie sind schlagkräftig. Eine neue Generation von Scientology-Gegnern bekämpft die Glaubensgemeinschaft aus dem Internet heraus. Ihr großer Vorteil: Sie sind ein Smart Mob – eine hoch technisierte Menschenmasse.

Es laufen einem kalte Schauer über den Rücken, wenn man die Computerstimme in dem YouTube-Video „Message to Scientology“ hört: „Wir sind Anonymous. Wir sind die kollektive Masse des Internets. Wir sind eure Nachbarn, eure Familie, eure Arbeitskollegen.“ Aber nicht aufgrund der Stimme wird man nervös. Man bekommt eher Angst vor der organisierten, anonymen Menschenmasse hinter dem Namen „Anonymous internet group“, deren Mitglieder einen sogenannten „Smart Mob“ formen und ein gemeinsames Ziel verfolgen: die Zerschlagung von Scientology.

Aber was genau ist ein 'Smart Mob' überhaupt? Was definiert diese Gruppen? Der amerikanische Sozialwissenschaftler und Autor Howard Rheingold, der den Begriff 'Smart Mob' (deutsch: „schlaue Bande“) prägte, beschreibt deren Vorgehensweise so:
„Wenn Leute das Internet oder das Handy benutzen um Aktionen mit Menschen und an Orten zu koordinieren, die sie ohne diese Hilfsmittel niemals erreicht hätten, dann nennt man das einen 'Smart Mob'. Dabei ist es egal, ob es sich um politische, ökonomische, soziale oder kulturelle Themen und Aktionen handelt.“
Im Falle der Anonymous internet group – oder kurz Anonymous – bedeutet das: Die Mitglieder organisieren mit Hilfe von Chat, Blog, Handy und Co. Demonstrationen auf der ganzen Welt, sie vernetzen Gegner und informieren die Weltöffentlichkeit über die Gefährlichkeit des „Kults“, wie sie Scientology beschreiben. Das Credo: Scientology muss gestoppt werden, da dieses System seine Anhänger ausbeute und zerrütte und manchmal töte.

Optimierung einer Gelenkplatte
„Anonymous“-Demonstration in New York

Es gibt keinen Anführer, keine Hierarchie. Es gibt nur die Mitglieder, beinahe alle aus der Internet-Generation, und den erklärten Feind. Auf den Demonstrationen tragen die Mitglieder die typische, grinsende Anonymous-Maske oder vermummen sich anders, da sie Angst vor rachsüchtigen Scientologen haben. Trotzdem gingen am 10. Januar 2008 7.600 Demonstranten auf die Straße – in 17 Ländern der Welt vor 108 Scientology-Gebäuden. In Deutschland konnte man den Auftakt der Proteste in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Frankfurt und Düsseldorf miterleben. Die Organisationsphase der Großaktion dauerte nach Angaben der Gruppe etwa zwei Wochen, unschlagbar im Vergleich zu jeder anderen Organisationsform.
„Früher konnte es Jahre dauern, bis man eine große Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zweck an einem bestimmten Ort versammelt hatte“, erklärt Howard Rheingold. „So dauerte es nach heutigem Verständnis eine Ewigkeit, bis in den USA in den 60er-Jahren Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg organisiert waren. Beim Protest gegen die US-Invasion in den Irak im Jahr 2003 dauerte es dagegen nur noch Wochen, einen weltweiten Protest zu formieren.“
Genau dies macht die Schlagkraft von 'Smart Mobs' aus. In zwei Wochen eine globale Gegenaktion zu planen – sofern man überhaupt von den Demonstrationsplänen im Voraus weiss – ist für Scientology beinahe unmöglich. So ist die Glaubensgemeinschaft gezwungen, nach Anonymous' Regeln zu spielen und den Kleinkrieg im Internet auszutragen.

Mittlerweile gibt es etliche Stellungnahmen auf den offiziellen Internetseiten von Scientology und Video-Gegendarstellungen auf YouTube. Scientology-Pressemitteilungen aus den USA gehen so weit, die Anonymous-Mitglieder als „religiöse Fanatiker und Terroristen“ darzustellen, „die aus reinem Hass anders Denkende attackieren“.

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„Anonymous“-Demonstration in New York

Doch selbst mit solchen Gegenaktionen ist der Schaden für die auch in Deutschland agierende Scientology-Gemeinschaft groß. Anonymous legte nicht nur Webserver und Faxe lahm, Mitglieder der Gruppe stahlen auch geheime Videos und Dokumente von Scientology-Rechnern. Der bisher spektakulärste Fund der Community: Ein Videointerview mit dem amerikanischen Schauspieler Tom Cruise, in dem es um seine Beziehung zu Scientology geht. Diese Video war niemals für die Öffentlichkeit bestimmt, jetzt ist es dank Anonymous ein Renner auf den einschlägigen Videoseiten. Negative Publicity für den Schauspieler und Scientology inklusive.
„Eigentlich gehen 'Smart Mobs' zurück auf die Entwicklung von Kurznachrichten, wie zum Beispiel durch die SMS-Funktion der Mobiltelefone“ erläutert Howard Rheingold. „Einige der ersten dokumentierten Aktionen mit Hilfe solch starker technischer Vernetzung waren zum Beispiel die Absetzung des philippinischen Präsidenten Joseph Estradas im Jahre 2001. Zu dieser Zeit gab es die typischsten Web 2.0 Anwendungen wie Google Maps, die Fotodatenbank Flickr, Blogging oder das Prinzip Podcasting und damit das Web 2.0 noch nicht. Allerdings erleichtern die immer neuen Möglichkeiten des Internets die Organisation von solchen 'Smart Mobs'."

Die neueste Internetbotschaft der Anonymous-Gruppe erklärt nochmals die Ziele der Gemeinschaft, denn Scientology schafft es – auch mit Hilfe amerikanischer Medien – immer öfter, Anonymous als Vereinigung von verrückten Internet-Terroristen darzustellen, die jedes Footballstadium in den USA in die Luft sprengen wollen und werden.
Und wieder ist es diese abgehackte Computer-Stimme, die einem aus YouTube, dem virtuellen Schlachtfeld, entgegenschallt. Eine weitere private Kriegserklärung: „Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.“

Beitrag von Tanja Husfeld
Bildquellen in Reihenfolge: flickr/Andy Carvin, flickr/A.Seraphin, Eva Heidenfelder

Zur Person

Tanja Husfeld (23) studiert im 4. Semester Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt.

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Themen: Gesellschaft | Schwärme
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