Die Anonymen und das Biest
Es laufen einem kalte Schauer über den Rücken, wenn man die Computerstimme in dem YouTube-Video „Message to Scientology“ hört: „Wir sind Anonymous. Wir sind die kollektive Masse des Internets. Wir sind eure Nachbarn, eure Familie, eure Arbeitskollegen.“ Aber nicht aufgrund der Stimme wird man nervös. Man bekommt eher Angst vor der organisierten, anonymen Menschenmasse hinter dem Namen „Anonymous internet group“, deren Mitglieder einen sogenannten „Smart Mob“ formen und ein gemeinsames Ziel verfolgen: die Zerschlagung von Scientology.
Aber was genau ist ein 'Smart Mob' überhaupt? Was definiert diese Gruppen?
Der amerikanische Sozialwissenschaftler und Autor Howard Rheingold, der den
Begriff 'Smart Mob' (deutsch: „schlaue Bande“) prägte, beschreibt deren Vorgehensweise
so:
„Wenn Leute das Internet oder das Handy benutzen um Aktionen mit Menschen und
an Orten zu koordinieren, die sie ohne diese Hilfsmittel niemals erreicht hätten,
dann nennt man das einen 'Smart Mob'. Dabei ist es egal, ob es sich um politische,
ökonomische, soziale oder kulturelle Themen und Aktionen handelt.“
Im Falle der Anonymous internet group – oder kurz Anonymous – bedeutet das:
Die Mitglieder organisieren mit Hilfe von Chat, Blog, Handy und Co. Demonstrationen
auf der ganzen Welt, sie vernetzen Gegner und informieren die Weltöffentlichkeit
über die Gefährlichkeit des „Kults“, wie sie Scientology beschreiben. Das Credo:
Scientology muss gestoppt werden, da dieses System seine Anhänger ausbeute und
zerrütte und manchmal töte.
Es gibt keinen Anführer, keine Hierarchie. Es gibt nur die Mitglieder, beinahe
alle aus der Internet-Generation, und den erklärten Feind. Auf den Demonstrationen
tragen die Mitglieder die typische, grinsende Anonymous-Maske oder vermummen
sich anders, da sie Angst vor rachsüchtigen Scientologen haben. Trotzdem gingen
am 10. Januar 2008 7.600 Demonstranten auf die Straße – in 17 Ländern der Welt
vor 108 Scientology-Gebäuden. In Deutschland konnte man den Auftakt der Proteste
in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Frankfurt und Düsseldorf miterleben.
Die Organisationsphase der Großaktion dauerte nach Angaben der Gruppe etwa zwei
Wochen, unschlagbar im Vergleich zu jeder anderen Organisationsform.
„Früher konnte es Jahre dauern, bis man eine große Gruppe von Menschen zu einem
bestimmten Zweck an einem bestimmten Ort versammelt hatte“, erklärt Howard Rheingold.
„So dauerte es nach heutigem Verständnis eine Ewigkeit, bis in den USA in den
60er-Jahren Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg organisiert waren. Beim Protest
gegen die US-Invasion in den Irak im Jahr 2003 dauerte es dagegen nur noch Wochen,
einen weltweiten Protest zu formieren.“
Genau dies macht die Schlagkraft von 'Smart Mobs' aus. In zwei Wochen eine globale
Gegenaktion zu planen – sofern man überhaupt von den Demonstrationsplänen im
Voraus weiss – ist für Scientology beinahe unmöglich. So ist die Glaubensgemeinschaft
gezwungen, nach Anonymous' Regeln zu spielen und den Kleinkrieg im Internet
auszutragen.
Mittlerweile gibt es etliche Stellungnahmen auf den offiziellen Internetseiten von Scientology und Video-Gegendarstellungen auf YouTube. Scientology-Pressemitteilungen aus den USA gehen so weit, die Anonymous-Mitglieder als „religiöse Fanatiker und Terroristen“ darzustellen, „die aus reinem Hass anders Denkende attackieren“.
Doch selbst mit solchen Gegenaktionen ist der Schaden für die auch in Deutschland
agierende Scientology-Gemeinschaft groß. Anonymous legte nicht nur Webserver
und Faxe lahm, Mitglieder der Gruppe stahlen auch geheime Videos und Dokumente
von Scientology-Rechnern. Der bisher spektakulärste Fund der Community: Ein
Videointerview mit dem amerikanischen Schauspieler Tom Cruise, in dem es um
seine Beziehung zu Scientology geht. Diese Video war niemals für die Öffentlichkeit
bestimmt, jetzt ist es dank Anonymous ein Renner auf den einschlägigen Videoseiten.
Negative Publicity für den Schauspieler und Scientology inklusive.
„Eigentlich gehen 'Smart Mobs' zurück auf die Entwicklung von Kurznachrichten,
wie zum Beispiel durch die SMS-Funktion der Mobiltelefone“ erläutert Howard
Rheingold. „Einige der ersten dokumentierten Aktionen mit Hilfe solch starker
technischer Vernetzung waren zum Beispiel die Absetzung des philippinischen
Präsidenten Joseph Estradas im Jahre 2001. Zu dieser Zeit gab es die typischsten
Web 2.0 Anwendungen wie Google Maps, die Fotodatenbank Flickr, Blogging oder
das Prinzip Podcasting und damit das Web 2.0 noch nicht. Allerdings erleichtern
die immer neuen Möglichkeiten des Internets die Organisation von solchen 'Smart
Mobs'."
Die neueste Internetbotschaft der Anonymous-Gruppe erklärt nochmals die Ziele
der Gemeinschaft, denn Scientology schafft es – auch mit Hilfe amerikanischer
Medien – immer öfter, Anonymous als Vereinigung von verrückten Internet-Terroristen
darzustellen, die jedes Footballstadium in den USA in die Luft sprengen wollen
und werden.
Und wieder ist es diese abgehackte Computer-Stimme, die einem aus YouTube, dem
virtuellen Schlachtfeld, entgegenschallt. Eine weitere private Kriegserklärung:
„Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.“
Zur Person
Tanja Husfeld (23) studiert im 4. Semester Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt.
Sie
sind schnell, sie sind vernetzt, sie sind schlagkräftig. Eine neue Generation
von Scientology-Gegnern bekämpft die Glaubensgemeinschaft aus dem Internet heraus.
Ihr großer Vorteil: Sie sind ein Smart Mob – eine hoch technisierte Menschenmasse.



Kommentare
Kommentarschlacht um Scientology
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http://www.ilsehruby.at/DeclarationAW.html
http://www.ilsehruby.at/NorbertPotthoff.html
http://www.berlin.scientology.de/news/news.html?locale=de
http://www.gala.de/stars/news/24205/Will-Smith-Unterricht-a-la-Scientolo...
http://forums.enturbulation.org/161-europe/
http://chanology.de/
http://www.whyweprotest.net/
http://www.lermanet.com/reference/brennan-dec.pdf
http://www.im.nrw.de/sch/doks/vs/agsc.pdf
http://www.exscientologykids.com/voicesinunison.html
http://counterfeitdreams.blogspot.com/2008/04/chapter-one-going-home.htm...
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