Elite ist, wer dazu gehört

„Julia Friedrichs: Gestatten: Elite.“ Julia Friedrichs hat eine Reportage über Deutschlands Eliten wie einen Road Movie geschrieben. Allerdings reist sie mit der Bundesbahn und trifft auf keine einsamen Tankstellen, sondern Kindergärten, Internatsschulen und Privatuniversitäten, in der die vermeintlichen oder tatsächlichen Eliten erzogen werden.


„Minderleister“ oder „Niedrigleister“, mit diesen Begriffen grenzen sich Deutschlands Nachwuchseliten gegenüber denjenigen ab, die nicht dazu gehören. Distinktion, frei übersetzt Abgrenzung, so hat der Soziologe Pierre Bourdieu diesen Prozess in seinem 1979 veröffentlichten Buch „Die kleinen Unterschiede“ genannt. Der Begriff bezeichnet die symbolische Abgrenzung der Herrschenden durch Sprache, Kleidung, Musikstile... gegenüber anderen Bevölkerungsschichten.

70-Stunden-Studienwoche

Die Milieus der Nachwuchseliten erkundet die Journalistin Julia Friedrichs in ihrem neuen Buch Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen. Auf der European Business School in Oestrich-Winkel stellt sie fest, dass viele Nachwuchseinrichtungen in der deutschen Provinz angesiedelt sind. Dort lernt sie die Denkweisen, Spielregeln und Sprache der Leistungselite kennen. Zwar können sich überwiegend nur Kinder wohlhabender Eltern die Studiengebühren leisten, aber es muss auch eine entsprechende Leistung erbracht werden, um im harten Konkurrenzkampf zu bestehen. 60 bis 70 Stunden Wochenarbeitszeit sind keine Seltenheit. Eine Maxime des Elite-Nachwuchses aus Oestrich-Winkel lautet: „Leistung zählt, sonst ist EDEKA – Ende der Karriere“. Zum Abschluss gibt es ein schulinternes Ranking. Wer erfolgreich ist, bekommt die begehrtesten Jobangebote. Aber nicht nur Leistung zählt, es werden auch Punkte für soziales Engagement vergeben. Die Autorin spekuliert darüber, ob die Eliten sich auch freiwillig sozial engagieren würden und testet ihr eigenes Engagement auf die erreichten Punktezahlen.

Chinesisch im Kindergarten

Selbstverständlich gibt es auch bereits Karrierecoaches für Teenager, die frühzeitig Beratungsleistungen anbieten und die Karrieren des Nachwuchses vorbereiten helfen. Die Förderung der Jugendlichen beginnt aber schon viel früher. Es gibt Chinesischkurse für Kindergartenkindern, Excel- und Powerpointkurse für Kinder ab 4 Jahren. Da scheint die zweisprachige Erziehung und das Erlernen der englischen Sprache noch vor dem Schuleintritt fast der Regelfall zu sein.
Auf Schloss Neubeuern, einem Internat für Schüler mit Geld, trifft Julia Friedrichs auch die andere Seite des Elitennachwuchses, verwöhnte Gören mit schlechten Schulnoten, die „nicht in erster Linie akademische Leister“ sind. Stattdessen wird hier „mehr ein ganzheitlicher Elitebegriff“ verfolgt. Das beinhaltet auch regelmäßige Drogen- und Urintests.

Wie der Untertitel des Buches „Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ schon andeutet, sieht Julia Friedrichs Macht als die zentrale Kategorie der von ihr beschriebenen Eliten. Das Verständnis von Elite ist stark auf die Wirtschaftselite bezogen und mutet streckenweise wie Betriebswirtschaftler-Bashing an. Es lassen sich aus der Vielzahl von Interviews und Begegnungen neben der starken Wirtschafts- und Leistungsorientierung einige Gemeinsamkeiten konstatieren. Die Nachwuchseliten sind eher sozial angepasst und identifizieren sich mit den Idealen ihrer Eltern. Das politische Spektrum schwankt zwischen einer konservativ-liberalen Haltung oder einer unpolitischen Einstellung. Sie erheben selbstbewusst Anspruch auf Führungspositionen inklusive der damit verbundenen materiellen Privilegien und zeigen tendenziell Unverständnis für andere, die diese Haltungen nicht akzeptieren.

Etwas aus dem Rahmen fällt das Beispiel einer Gegenelite in Person eines Akteurs des politisch eher linksorientierten Attac-Netzwerkes. Er stellt fest: „Ich möchte, dass es keine Elite mehr gibt, sondern nur noch Masse. Die Masse kann man dann meinetwegen gern Elite nennen.“ Und erweist sich milieubezogen als ebenso political correct wie naiv.

Elite – was ist das?

Der Begriff Elite ist problematisch und schwer fassbar. Wer gehört dazu, wer nicht? Darf man sich so nennen, oder ist das politisch nicht opportun? Mit der Schwierigkeit, diese Fragen zu beantworten, unterscheidet sich Julia Friedrichs nicht von ihren Interviewpartnern. Von Vielen wird ein allgemeines Unwohlsein mit dem Elitebegriff formuliert, andere bekennen sich offensiv dazu und sagen: wir sind Elite. Ihre Selbstdefinition geschieht überwiegend über die gesellschaftliche Funktion, die sie wahrnehmen: Verantwortung tragen, Vorbild sein, aktiver sein, engagierter sein als andere. Andererseits müsste nach diesen Kategorien jeder zweite Sozialarbeiter zur Elite zählen.

Neue Erkenntnisse bietet das Buch nicht. Aus dem Gespräch mit dem Eliteforscher Michael Hartmann wird deutlich, dass nach wie vor die soziale Herkunft, und nicht die Qualifikation entscheidend für den beruflichen Erfolg ist. Und schon Pierre Bourdieu hatte festgestellt, dass Bildung eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für gesellschaftlichen Aufstieg ist. Mit der Feststellung „Elite heißt Vernetzung“ wird von Julia Friedrichs ein hinlänglich bekanntes Unterscheidungsmerkmal benannt. Die Elitebildungseinrichtungen bauen systematisch Alumininetzwerke auf und nutzen diese für ihre Absolventen. Damit bestätigt sie Befunde aus der Netzwerkforschung, die für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen feststellen, dass deren Netzwerke kleiner und stärker auf den sozialen und physischen Nahraum beschränkt sind. Die Netzwerke von Eliten sind tendenziell umfangreicher und überregionaler, um nicht zu sagen globaler. Dies wird in den Bildungsstätten gezielt gefördert.

Unterhaltsame Reportage

Als Resümee bleibt festzuhalten, dass Julia Friedrichs ein gut lesbares und sehr unterhaltsames Buch geschrieben hat, das sich wie ein Roman in einem Rutsch lesen lässt. Die schlaglichtartigen Beschreibungen der Ausbildungsorte und die Gespräche mit Schülern und Experten wechseln sich mit Reflektionen über das Erlebte ab. Das Buch verbleibt meist auf der beschreibenden Ebene einer Reportage. Wer wissenschaftlich fundierte Befunde oder neue Erkenntnisse erwartet, wird enttäuscht. Wer eine unterhaltsame Annäherung an eine unbekannte Parallelwelt erwartet, wird das Buch mit Gewinn und Begeisterung lesen.

Beitrag von Holger Spieckermann.
Bildquelle: Hoffmann & Campe

Zur Person

Holger Spieckermann ist Soziologe und Dozent an der Fachhochschule Köln.

Literatur

  • Julia Friedrichs (2008): Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen, Hoffmann und Campe, Gebunden, 256 Seiten, 17,95 €

Kategorien

Themen: Elite
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