Haltet ein, Kollegen!
Publish or Perish (veröffentliche oder stirb)! – so lautet das aus dem angelsächsischen Sprachraum importierte Karrieregebot Nr. 1 in der Wissenschaft. Berufungs- und Evaluationskommissionen schauen heute zuallererst auf die Menge der publizierten Monographien, Artikel und Aufsätze eines Kandidaten, bevor sie ihre Empfehlungen abgeben. Besonders für den Nachwuchs, inzwischen aber auch für fest etablierte Forscher, zählt deshalb immer häufiger allein die Anzahl der Veröffentlichungen und weniger ihre Qualität.
Die Zahl der Veröffentlichungen aber steigt beständig an, weil sich alle aus Sorge um ihre Karriere – wie beim Rattenrennen – manisch an das Publikationsgebot halten und jeden Gedanken gleich mehrfach veröffentlichen, dazu noch jede Menge Halbgares und Unausgegorenes. Hauptsache, es wird irgendwo gedruckt und verlängert die eigene Publikationsliste. Als Folge dessen schafft es heute kaum eine Kommission mehr, sich ein Urteil über die tatsächliche Qualität der entsprechenden Beiträge zu bilden. Allenfalls interessiert noch der Veröffentlichungsort: Eine Zeitschrift mit Peer-review-Verfahren, in der anerkannte Fachwissenschaftler die eingereichten Beiträge anonym begutachten, sollte es schon sein.
Doch die Zahl neuer Journals und Fachmagazine steigt ebenfalls an, von deren
elektronischen Ablegern und Neugründungen im Netz ganz zu schweigen.
Die unbeabsichtigte Nebenfolge: Je mehr Zeitschriften es als Auffangbecken
für die steigende Masse an Beiträgen gibt, desto mehr Peer-Reviewer
und Gutachter werden für die eingereichten Publikationsvorschläge
gebraucht.
Weil jeder Forscher aber seinerseits an sieben Publikationen gleichzeitig
schreibt, während er sechs Manuskripte zur Begutachtung auf dem Tisch
hat, nimmt er die Peer-reviews nicht mehr richtig ernst. Schnell mal den blutleeren
Aufsatz überfliegen und ein ebenso blutleeres Gutachten dazu schreiben
und ab damit in die Druckerpresse, lautet die Devise.
Wir haben keine Zeit mehr, durchdachte Aufsätze zu schreiben, wir haben keine Ressourcen und keine Kriterien mehr, fundierte Gutachten zu verfassen und wir haben keine Gelegenheit mehr, zielgerichtet und systematisch zu rezipieren, was unsere Kollegen produzieren. Abgesehen davon, dass sich letzteres in vielen Fällen auch gar nicht lohnen würde, schließlich sehen sich ja alle gezwungen, halbfertige Projektideen und grob skizzierte Rohfassungen zu veröffentlichen. Am schwersten aber wiegt der Umstand, dass wir immer weniger Zeit und Muße haben, um das zu tun, wofür wir eigentlich bezahlt werden: Lehre und Forschung.
Lediglich für bürokratische Glasperlenspiele wie die Forschungsbilanz
hat dieses ganze absurde Theater noch Sinn: Die Zahl der Publikationen, also
der Output, steigt. Wunderbar! Nur: Nichts, aber auch gar nichts wird dadurch
substantiell besser. Im Gegenteil. Publish and perish – publiziere
und gehe dabei zugrunde, das ist die eigentliche Wirkung des eingangs zitierten
Gebots.
Müssen wir all dies achselzuckend hinnehmen, weil das nun einmal der
Gang der internationalen Wissenschaftsentwicklung ist; weil es alle so machen?
Oder lässt sich etwas dagegen unternehmen? Aber natürlich! Das Heilmittel
ist ebenso naheliegend wie einfach, kostet nichts und hat ausschließlich positive Nebeneffekte. Wir wollen es der geistes- und sozialwissenschaftlichen
Wissenschaftlergemeinde, in der auch wir zu Hause sind, mit dem Aufruf zur
kollektiv-verbindlichen Übernahme im Sinne eines Manifests vorschlagen:
Publish, don‘t perish – für eine kollektive Publikationsbeschränkung
Ab sofort verpflichtet sich jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler, nicht mehr als drei Fachaufsätze pro Jahr und höchstens alle zwei Jahre eine Monographie zu publizieren. Dabei gelten als Aufsatz alle wissenschaftlichen Texte, die in einer gedruckten oder im Internet erscheinenden Fachzeitschrift veröffentlicht werden und dort dauerhaft zugänglich sind. Als wissenschaftliche Monographie gilt jede Veröffentlichung in einem der entsprechenden Fachverlage, in gedruckter wie elektronischer Form. Auch die jeweiligen disziplinären Fachverbände (DGS; DVPW etc.) übernehmen diese Richtlinie als für sich und ihre Mitglieder verbindlich.
Man stelle sich das Ergebnis dieses Moratoriums vor: Die drei Aufsätze
wären ausgefeilt bis ins Detail, man hätte Zeit, sie vernünftig
zu begutachten und zu lesen, es wäre wieder möglich, den Überblick
über das eigene Fach und die Beteiligten zu behalten, ja es wäre
wieder eine Freude, Zeitschriften und Sammelbände in die Hand zu nehmen.
Die Gefahr, dass sich der neue Aufsatz des Kollegen als schlecht getarnte
Variation des schon zuvor vier mal publizierten entpuppte, nähme rapide
ab.
Autoren, Lektoren, Herausgeber und Verlage hätte wieder die Chance, das
Geschriebene auf orthographische Mängel und Inkonsistenzen hin zu überprüfen
– kurz: die Qualität des Veröffentlichten stiege sowohl auf
der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite enorm an. Fachliche und
fachübergreifende Diskussionen gewönnen an Kohärenz, und zumindest
die Teildisziplinen ließen sich diskursiv insoweit wieder integrieren,
dass man wüsste, wofür ein Kollege steht und plädiert. (Derzeit
wissen wir das ja oft von uns selbst nicht mehr.) Und nicht zuletzt: Die Qualität
von Forschung und Lehre stiege ebenfalls an, weil freie Zeitressourcen vermehrt
in eben diese fließen könnten.
Der einzige, aber gerne zu verschmerzende Nachteil: Berufungs- und Evaluationskommissionen
müssten in ihren Voten wieder die wirkliche Qualität der Forschung
begutachten, da der quantitative Output kein kardinales Unterscheidungskriterium
mehr abgäbe.
Selbst für die Fachzeitschriften und Verlage sind Einbußen kaum
zu befürchten. Absatzrückgänge lassen sich zwar nicht ganz
ausschließen, sind aber nach Marktgesichtspunkten eher unwahrscheinlich.
Die insgesamt gestiegene Qualität müsste sich auch auf die Nachfrage
auswirken. Das oft gehörte Argument, in Sammelbänden finde sich
ja ohnehin nur gedanklicher Ausschuss, verlöre stante pede seine Triftigkeit.
Sogar gegenüber der internationalen Konkurrenz lassen sich durch diese
Strategie Wettbewerbsvorteile gewinnen: Bei internationalen Zeitschriften
eingereichte Aufsätze aus Deutschland könnten sich schnell den Ruf
erwerben, qualitativ hochwertig und sorgfältig verfasst zu sein!
Übrigens: Sollten sich liberale Bedenken gegen die hier vorgebrachte
Variante der Selbstbeschränkung regen, ließe sich ein alternatives
Szenario mit dem selben Ergebnis denken: Jede/r schreibt weiterhin so viel
er oder sie mag, aber alle maßgebenden Kommissionen berücksichtigen
nicht mehr als drei Aufsatzpublikationen pro Kalenderjahr und ein Buch im
Zeitraum von zwei Jahren.
Wir alle, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Universitäten und
Verlage, haben nichts zu verlieren als unsere selbst angelegten Ketten. Machen
wir Schluss mit dem unsinnigen Rattenrennen. Beschränken wir uns selbst
– zum Wohle aller Beteiligten: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
aller (Bundes-)Länder, schließt euch an!
Dieser Beitrag erschien – leicht gekürzt – unter dem Titel „Forscher, begrenzt eure Emissionen“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 06. Mai 2007.
Links zum Thema
Zur Person
Christian Dries, Studienpreisträger 2003 und 2007, promoviert
an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ist Chefredakteur dieses
Magazins.
Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie
an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Publikationszwang
und Artikelflut sind zwei Seiten derselben Medaille: Unsinnige Vorgaben aus
der Wirtschaft, zweifelhafte Qualitätskriterien und gestiegener Karrieredruck
schaden dem hohen Ansehen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Eine Selbstbeschränkung
tut Not.