Aus den Augen...

„Mutter Erde als Behälter“: Eine künstlerische Expedition zum Klimawandel im Australischen Outback.

Ein Graduierten-Stipendium der Universität der Künste (UdK) Berlin hatte mich und meine Frau für 8 Monate, von Juli 2006 bis Februar 2007, nach Australien gebracht: Zu dem Kontinent, wo Hitze und Dürre, Wassermangel und Pioniergeist zur Alltäglichkeit gehören und der Klimawandel seine eindringlichen Spuren bereits sichtbar hinterlassen hat.
Nach einigen Vorbereitungen an der Kunsthochschule (College of Fine Arts, COFA) in Sydney, sind wir in die Wüste von Südaustralien aufgebrochen rund 800 Kilometer südlich des bekannten Ayers Rock: Ein braunrotes, karges Land mit wenig Menschen und hohen Temperaturen.

Mein Instinkt sagte mir, dass ich in dieser Erde graben müsse, Löcher ausheben, um die Erde zu spüren, zu greifen und ihr nahe zu sein. Denn der rote Boden ist das Besondere an der menschenleeren Weite des australischen Outbacks. Wenn man darüber fährt oder gar fliegt, bekommt man nicht viel davon mit – man muss sie anfassen, einatmen, in sie eindringen.

Wir durchfuhren das Outback in Etappen zwischen Grabungen, bepackt mit Nahrung und Überlebensproviant aus den Supermärkten der Großstadt. Nach dem Verzehr blieb die Frage: Wo ist hier die Mülltonne? Wo bleibt der Abfall, wer holt die Konsumrückstände ab, in einer quasi menschenleeren Umgebung?

Wir haben ihn vergraben, bunte Verpackungen in ein Loch geworfen und Erde darüber geschüttet, vom Erdboden verschwinden lassen. Aus den Augen – aus dem Sinn? Nicht ganz: Die runde Narbe der Umgrabung verweist auf die schwer verrottbare Einlage, kennzeichnet den Behälter in Mutter Erde und hinterlässt unsere menschliche Spur in der Landschaft – unauffällig, sublim, aber vielleicht doch beständig für die nächsten Hundert oder gar Tausend Jahre.

Unerbittliche Hitze und eine lange Trockenzeit sind die Folgen des globalen Klimawandels, der in Australien deutlicher zu spüren ist, als in Deutschland. Die Wasserknappheit, Folge von Dürreperiode und Grundwasserabnahme zur Landwirtschaftsbewässerung, hat viele Bäume in der Ebene verdörren lassen. Ich nehme eine Schaufel und eine Axt und zerkleinere den vertrockneten Baum, ordne das Reisig zu einem sauberen Haufen, platziere ihn neben den Baumstumpf und hebe daneben ein Loch aus.

Warum haben wir Müll vergraben und Bäume gefällt? Henry David Thoreau schreibt in seinem Buch „Walden oder das Leben in den Wäldern“, dass der Jäger vielleicht der beste Freund des Tieres ist. Wir haben den Müll nicht vergraben, um der Erde noch mehr Schaden anzurichten, sondern um ein Gefühl für unseren Abfall, für unsere Rückstände der Konsumfreuden zu erlangen, um zu erfahren, wie tief ein Loch in die staubtrockene und steinharte Erde bei vierzig Grad Celsius gegraben werden muss, um unseren unwiderruflichen Unrat zu verbergen. Ihn, den Müll – wie den Baum, der Jahre zum Wachsen brauchte – aus unserem Gesichtsfeld verschwinden zu lassen, damit unser visuelles Gewissen wohl platziert und sauber aussieht und wir die Folgen des Klimawandels, den wir gleichzeitig mitproduzieren, erleben. Und kein Baum spendet uns dabei Schatten. Vielleicht sollte jeder einmal seinen eigenen Müll vergraben!

Beitrag von Nicolas Kerksieck und Pinar Mayaoglu

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Zur Person

Nicolas Kerksieck, geb. 1977 in Scherzingen (CH), studierte an den Universitäten Bamberg und Berlin Kunstgeschichte, Musikwissenschaft sowie künstlerisch-graphische Techniken, anschließend Bildhauerei und neue Medien an der Universität der Künste Berlin bei Prof. Tony Cragg. Nicolas Kerksieck ist Deutscher Studienpreisträger und Träger des ITVA-Award, Art Cologne 2005.

Literatur

  • Thoreau, Henry David (2004): Walden, oder das Leben in den Wäldern. Zürich.
  • Kerksieck, Nicolas (2006): Wo ist der Körper in der Wissenschaft. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Wunschmaschine Wissenschaft. Hamburg, S. 277-282.

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Themen: Klimawandel | Reisen
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