(K)ein Zimmer ohne Teas-maid
Engländer, die im Best Western Premier Kinsky Garden Hotel in Prag absteigen, bekommen jeden Wunsch erfüllt: „We had no teas-maid in our room and asked if the hotel could provide us with one, it arrived within
5 minutes. Excelent location.“
Eine was? Nicht einmal die Wikipedia kennt diese Ausstattungslücke, zumindest
noch nicht.
Auf der Insel aber regiert bekanntlich schon lange der Pragmatismus. Wer also
Wecker, Teemaschine und Wechselrahmen ein einem haben will, der schraubt einfach
alles auf eine elfenbeinfarbene Blechkonsole aus blitzendem Stahl und nennt
es: Teas-maid.
Der Wecker holt einen morgens „da raus“, das Wasser kocht schon
und der erste Blick kann auf die strenge Schwiegermutter, auf Opas Schäferhund
oder Jenna Jameson fallen. Der Wechselrahmen für Postkarte oder Foto
wurde erst in postmodernen Zeiten hinzugefügt, wahrscheinlich um das
(oder die?) Teas-maid zu vollenden. Dass die Plastikversion allerdings eher
hässlich ist und die altmodische Edelstahlvariante wunderschön,
darüber kann nichts hinwegtäuschen.
Aus
Edelstahl war auch das Teas-maid, das seinerzeit den genialischen
Schriftsteller W.G. Sebald beglückte, ja sogar rettete. Sebald geht 1966
als Student nach Manchester (so ähnlich suggerierte es eine seiner autobiographischen „langen Erzählungen“)
und kommt bei einer Landlady unter, die eigentlich Prostituierte und Flügelhornspielerin
ist, und ihm ein Teas-maid aufs schäbige Zimmer bringt. Es wirkt
wahre Wunder und hält Sebald schließlich vom Selbstmord ab.
Es sei nämlich „dieses ebenso dienstfertige wie absonderliche Gerät“
gewesen, dass ihn „durch sein nächtliches Leuchten, sein leises
Sprudeln am Morgen und durch sein bloßes Dastehen untertags am Leben
festhalten ließ“ als er sich „sehr leicht aus dem Leben
hätte entfernen können“.
Und was hält, bitte, die Teetrinker auf dem Kontinent am Leben?
Seebald wurde übrigens in England nicht endgültig gerettet. Eine andere Maschine sorgte für sein Unglück, Fabrikat unbekannt: Er starb 2001 am Steuer seines Autos am Herzinfarkt. Zu viel Tee?
Zur Person
Dr. Frank Berzbach, Teetrinker, Sebald-Leser und Fahrradkurier, unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung in Köln (www.ecosign.net).
Literatur
- W.G. Sebald (1993): Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen. Frankfurt/M. (Zitat oben: S. 227)
Ob
Hotelzimmer oder Studentenbude: In England gibt es kein Zimmer ohne Teas-Maid.
Schrullig, nützlich und – lebensrettend.