Gedopt ins Abitur?

* Mind Doping ist in aller Munde. Die Hoffnung, dass uns psychopharmakologische Medikamente, zum Beispiel gegen Alzheimer-Demenz, auch im gesunden Zustand beim Denken helfen, ist groß. Doch wie sieht es mit den Fakten aus? Brauchen wir schon bald eine Doping-Kontrolle vor Prüfungen?

In diesem Jahr haben nicht nur Berichte über Dopingfälle die Sportfans schockiert, sondern jagt auch eine Meldung die andere, wenn es um die Steigerung von Denkleistung durch Medikamente geht. Was man neudeutsch „Mind Doping“ nennt, gehört an US-amerikanischen Schulen und Hochschulen schon zum Alltag, wenn man manchen Journalisten Glauben schenkt. Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis man auch in Deutschland illegal Pillen für die Prüfung schluckt?
Doch bevor man auf diesen Zug aufspringt, empfiehlt es sich, etwas genauer hinzuschauen und sich zu fragen, ob diese Substanzen wirklich helfen. Nicht nur, weil die Mittel in das natürliche Gleichgewicht des Gehirns eingreifen, sondern auch deshalb, weil ihre Wirksamkeit bei gesunden Anwendern in der Wissenschaft umstritten ist.

Mind Doping , oft auch „cognitive Enhancement“ oder „Neuro-enhancement“ genannt, bezeichnet den Vorgang, seine normale Denkleistung mithilfe von psychopharmakolischen Medikamenten zu steigern. Konkret wird meistens über die Steigerung der Aufmerksamkeit oder der Verbesserung des Gedächtnisses spekuliert.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Methylphenidat, eine Substanz, mit der viele Kinder und Erwachsene behandelt werden, die an der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. Tatsächlich hilft es manchen Patienten dabei, sich besser auf eine Aufgabe zu konzentrieren oder einfach ruhig dem Unterricht zu folgen. (Nicht umsonst hat ADHS im Volksmund den Namen „Zappelphillip-Syndrom“ bekommen.)
In den USA ist die Meinung weit verbreitet, dass man sich auch als Gesunder mit Methylphenidat einen Leistungsschub für die Prüfung verschaffen kann. Der Psychologe Michael Gazzaniga von der University of Santa Barbara berichtet zum Beispiel, dass sich viele für College-Anwärtertests eine bessere Punktzahl durch das Medikament erhoffen. Gerade bei diesen Tests lastet auf den US-amerikanischen Kommilitonen ein großer Druck, denn sie entscheiden darüber, ob man an der Uni genommen wird oder nicht.

Eine Wirkung des Medikaments ist wissenschaftlich aber nur bei Personen gut belegt, die tatsächlich an ADHS leiden. Wenn es um Gesunde geht, scheiden sich die Geister: Rebecca Elliot und andere Pharmakologen von der University of Cambridge fanden etwa heraus, dass Methylphenidat die Leistungsfähigkeit nur für einige der neuen Aufgaben verbesserte. Wenn die Versuchspersonen eine Aufgabe ein weiteres Mal lösen sollten, schnitten sie aber zum Teil schlechter ab als die Kontrollgruppe, die ein Placebo bekommen hatte. Die Forscher erklären das so, dass die „Gedopten“ die Fragen zu schnell beantworten, bevor sie die nötige Information verarbeitet haben – und deshalb mehr Fehler machen. Nun hat man es in der Schule oder an der Uni aber oft mit Aufgaben zu tun, die man in ähnlicher Weise schon gelöst hat. Wer will da vorschnell reagieren und einen falschen Lösungsweg wählen?

Wie unfair ist Mind Doping?
Das fragten Forscher von der University of Pennsylvania 185 Studienanfänger.
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Andere Forschergruppen haben in ihren Versuchen mit Methylphenidat gar keine Leistungssteigerung entdeckt. Peter Stacpoole fand mit seinen Kollegen an der University of Florida keine Verbesserung der Leistung bei jungen Versuchspersonen unter Schlafentzug. Als tückischen Nebeneffekt stellten sie jedoch fest, dass sich die Personen mit Methylphenidat selbst (fälschlicherweise) für besser hielten. Das könnte auch erklären, warum sich das Vorurteil so hartnäckig hält, dass man seine Leistung mit dem Medikament aufpeppeln kann: Die Leute erleben sich als besser, sind es aber gar nicht wirklich.

Doch nicht nur, wenn es um die Wirksamkeit der Substanz geht, sondern auch mit Blick auf die Verbreitung sind sich die Forscher uneins. Martha Farah, Psychologin an der University of Pennsylvania, spricht zum Beispiel von 10% der Schüler an High-Schools und 20% der College-Studenten. In einer breit angelegten USA-weiten Untersuchung, an der über 10.000 Studierende an über 100 Colleges teilnahmen, fanden Wissenschaftler vom Forschungszentrum für Substanzmissbrauch der University of Michigan allerdings heraus, dass nur 4% der Studierenden im vergangenen Jahr verschreibungspflichtige Stimulanzien ohne ein Rezept genommen hatten. Im Monat vor der Umfrage waren es sogar nur 2% gewesen. (Zum Vergleich: Der UNO World Drug Report schätzt, dass in den USA 2,8 Prozent der 15 bis 65jährigen mindestens einmal im Jahr Kokain konsumieren.)

Doping auf Rezept?
Da manche der Medikamente für Asthma nicht nur den Erkrankten das Durchatmen erleichtern, sondern auch die Leistung von gesunden Ausdauersportlern vergrößern, sind sie als Dopingmittel verboten.
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Dabei ist auch noch lange nicht gesagt, ob sich diese experimentierfreudigen Jungakademiker wirklich „dopen“ wollten. Viele, die sich solche Substanzen illegal beschaffen, möchten sich damit einfach – wie etwa durch Alkohol – entspannen oder „high“ fühlen. Manche, insbesondere junge Frauen, setzen sie auch als Appetitzügler ein.
Im Internet-Zeitalter kommt man leicht an diese Medikamente heran. Das ist jedoch nicht nur illegal, sondern auch riskant. Die Foods & Drugs Administration, eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums, warnt eindringlich vor gefälschten Medikamenten, die aus unbekannten Web-Shops bestellt werden. Bestenfalls schwankt in ihnen der Wirkstoff, schlimmstenfalls sind die Tabletten verunreinigt und man weiß nicht, was man eigentlich schluckt.

Wie steht es also nun mit dem Doping fürs Abitur? Realistisch betrachtet erzielt die Pharmakologie zwar wichtige Erfolge, um Krankheiten zu behandeln, ist aber noch weit davon entfernt, den gesunden Menschen zu „verbessern“. Damit ist auch noch nicht gesagt, dass eine solche Verbesserung ein wünschenswertes Ziel wäre. Im Gegenteil haben wir Grund zu der Annahme, dass Mind Doping eine ganze Reihe gesellschaftlicher Probleme aufwerfen wird: Schon heute gibt es soziale Ungleichheiten. Werden nur die von den Ergebnissen profitieren können, die das nötige Kleingeld haben?
Und was ist mit dem subtilen Zwang, derartige Substanzen einzunehmen, wenn viele andere sie auch nehmen? Weil Leistung immer auch im Vergleich zu anderen gemessen (benotet) wird, verschlechtert sich meine eigene Leistung relativ gesehen, wenn ich keine Pillen schlucke. Ganz zu schweigen von drohenden Nebenwirkungen der Substanzen, die man erst durch aufwändige Langzeittests kontrollieren müsste.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung.
Im Gehirn halten sich zahlreiche Botenstoffe im Normalfall die Waage. Daher muss „mehr“ einer Substanz nicht immer gleich „besser“ bedeuten.
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Eines ist jedoch sicher: Auch wenn es eines Tages gute Neuro-enhancer geben wird, sie ersparen einem nicht die Last des Büffelns. Denn ganz von alleine und ohne intensives Lernen kann das Gehirn gar nicht die Information aufnehmen, die in den Prüfungen abgefragt wird. Damit ist nicht gesagt, dass es nicht doch eines Tages Pillen geben wird, die uns etwas schlauer machen.
Bis dahin sollten wir aber auf die guten alten Hausmittel zurückgreifen, um unseren Prüfungserfolg zu optimieren, zum Beispiel mit Hilfe von Karteikarten.

Beitrag von Stephan Schleim.

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Zur Person

Stephan Schleim studierte Philosophie, Psychologie und Informatik. Zurzeit arbeitet er am Universitätsklinikum Bonn im Bereich bildgebende Hirnforschung und forscht nebenbei zu philosophischen Fragen.

Literatur

  • Stephan Schleim (2005): Dragee zum Glück? In: Gehirn & Geist 12, S. 46 bis 51.
  • Johannes Ach/Arnd Pollmann (Hrsg.) 2006: no body is perfect: Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld.
  • Paul Miller/James Wilsdon (Hrsg.) 2006: Better Humans? The politics of human enhancement and life extension. Kostenlos im Internet: www.demos.co.uk/catalogue/betterhumanscollection/
  • Michael Fuchs/Dirk Lanzerath u.a. (Hrsg.) 2002: Enhancement: Die ethische Diskussion über biomedizinische Verbesserungen des Menschen. DRZE.

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Themen: Lernen | Medizin | Psychologie
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