Deutschland einig Babyland – Eine utopische Reise zu einer unmöglichen Gesellschaft

*Wie kann man Wissenschaft und Baby unter einen Hut bekommen? Und wie sähe eine Gesellschaft aus, die sich Kinderfreundlichkeit auf eben diesen Hut geschrieben hätte?

Montag morgen. Es ist vier Uhr, Zeit zum Aufstehen. Aber nicht, weil ich Schichtarbeiter bin oder der Wecker geklingelt hat, nein: weil das Baby ruft. Und das, obwohl alles so ein schöner Ego-Trip hätte werden können: Diplomarbeit, Doktorarbeit, Habilitation, Professor werden.

Ein Kollege sagte unlängst zynisch zu mir: „Also, wenn Du Dir Deine Karriere versauen willst, dann bist Du mit Baby auf dem besten Weg dazu“.

Ist es also so? Kann man als Wissenschaftler heutzutage das Kinderkriegen an den Nagel hängen, wenn man sich den Weg nach oben nicht vermasseln will? Wie vereinbar sind Karriere und Kind in der Wissenschaft?

Nun, zunächst einmal natürlich gar nicht. Denn wer nur drei Stunden Schlaf pro Nacht abkriegt, und dies über mehrere Wochen lang, der kann natürlich unmöglich zur Elite Deutschlands aufsteigen. Oder haben Sie schon mal eine Schlaftablette erlebt, die den Nobelpreis bekommen hat?

Andererseits: Es hätte weder Einstein noch Mozart gegeben, wenn alle Leute damals erst so lange hätten überlegen müssen wie wir heute. Hätte Einsteins Vater, anstatt einen Sohn zu zeugen, lieber weiter in seine „Electrotechnische Fabrik J. Einstein & Cie.“ investiert – vielleicht wären uns dann ja einige komplizierte Formeln im Physikunterricht erspart geblieben.

Wenn man aber den Wissenschaftlern moderner Bauart heute zuhört, könnte man meinen, Kinderkriegen sei schädlich für die Gesundheit. Zum Beispiel unlängst in der „ZEIT“. Da hat doch tatsächlich ein Schlafforscher versucht, uns davon zu überzeugen, dass Schlafmangel Hirnlosigkeit hervorruft. Prost Mahlzeit – dies ist der erste Text, der von einem Gehirnamputierten geschrieben wurde.

Retten wir uns also in das „Heitschie bumbeitschie“-Weltbild der Pro-Baby-Fraktion. Ein Baby ist süß, schnuckelig und ach-schon-wieder-ein-paar-Zentimeter-gewachsen. Willkommen in der Realität! Natürlich ist ein Baby süß, solange Oma, Onkel und Uropa es über den Kinderwagenrand begutachten. Aber kaum sind die lieben Verwandten verschwunden, beginnt der Alltag. Alle zwei bis vier Stunden, rund um die Uhr, braucht das Baby etwas zum Essen.

Wenn Sie also Alleinerziehende sind, darf ich Sie schon jetzt beglückwünschen. Sollte Ihnen jedoch die Gnade widerfahren sein, dass Sie tagsüber an die Uni dürfen, dann darf ich Ihnen „Herzlich Willkommen im Gruselkabinett“ zurufen. Halten Sie am besten ein wenig Makeup bereit, damit man Ihnen weder Augenringe noch Pickel nachsagen kann.

Und sollten Sie einmal nicht fertig genug aussehen, dann werden bestimmt hilfreiche Geister rufen: „Alle Eltern, die nach der Geburt Ihrer Sprösslinge nicht aussehen wie Leichen, sind keine guten Eltern“. Bereiten Sie sich ruhig schon mal darauf vor.

Und dann kommt der Wissenschaftsbetrieb: Experimente planen, Manuskripte schreiben, Daten analysieren. Es ist erstaunlich, wie viel man mit drei Stunden Schlaf noch leisten kann. Vielleicht hat ja das viele Training in den Discos während der Studienzeit doch ein wenig gefruchtet.

Egal, wie zerstört Sie am Ende eines Uni-Arbeitstages auch sein mögen: Es gibt nichts schöneres, als sich auf das Baby zu Hause zu freuen. Gerade, wenn es vielleicht doch noch mit dem Einschlafen geklappt hat, und ein zartes Lächeln auf dem Gesicht des Kleinen liegt. Dann sind all die schlaflosen Nächte und überarbeiteten Tage schnell wieder vergessen. Wissenschaft und Baby, das ist ganz gewiss vereinbar. Es mag eine etwas harte Startphase sein, aber vielleicht wird ja später ein Einstein daraus.

Überhaupt, wie wäre es eigentlich, wenn wir – anstatt in einer eher kinderarmen, in einer kinderreichen Gesellschaft leben würden? Stellen Sie sich das mal vor: Sie gehen einkaufen, und alle außer Ihnen haben ein Baby.

Und auf der Arbeit empfängt Sie Ihr Chef mit einem sabbernden Würmchen auf dem Arm – das Jackett mit dezenten Milchflecken auf der Knopfleiste. Ihre Sekretärin hat einen Schnuller im Mund, jederzeit bereit, ihn ihrem Sprössling in das Mündchen zu drücken – Vorfahrt für Stillende! Und der Müllmann unten im Hof muss mal eben eine Wickelpause einlegen. Im Fernsehen gäbe es seit Neuestem Werbung für „Anti-Augenringe-Creme“ von Beyersdorf.

Kinder haben wäre etwas Selbstverständliches, so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Apropos Luft: Natürlich wäre das Starbuck´s rauchfrei, und einen Macallan Single Malt würde es nur noch für Leute unter 18 geben, weil ab dann ginge ja das Kinderkriegen los.

Von wegen Bevölkerungsrückgang: Die Straße würde endlich wieder leben! Schluss mit geschlossenen Jalousien und geschlossenen Gesellschaften. Vorbei der Ego-Trip durch die Biederwarenabteilung, Wir alle dürften allzeit und immerdar unsere jüngsten Erzeugnisse dabei haben. Wir würden uns plötzlich für Windeltypen in idealer Passform interessieren, und statt „Playboy“ würden wir „Unser Baby“ lesen.
An den Universitäten gäbe es öffentliche Seminare zur frühkindlichen Entwicklung und den neuesten Erkenntnissen der Bindungsforschung. Und die alten Zwistigkeiten am Spielplatz wären wie weggeblasen, wenn nur noch diejenigen auffielen, die kinderlos auf dem Rasen Picknick machen müssten.

Hinweggefegt auch die „Ach-ist-der-süß“-Kommentare, die einem sonst im Kaufhaus aus den Mündern überschminkter Ü50-Frauen entgegengesäuselt haben. Und auch der Chef würde nicht mehr sagen; „Wie stellen Sie sich das eigentlich vor, Herr M.? Ihre Karriere können Sie jetzt erstmal vergessen“. Ja, wie vom Winde verweht wäre der spröde Trübsinn, das zähe Paragraphengeplänkel, die Jammerei von der demographischen Bombe. Unser Land würde in frischem Grün ersprießen, ein ewiger Frühling voller Seifenblasen und Ebay-Babywarenartikel-Auktionen.

Wackelige Pressspan-Möbel? Das wäre ab jetzt Schnee von gestern. Massivholz wäre angesagt, in kindersicherem Stand, TÜV- und GS-geprüft. Denn geprüft sein ist die halbe Miete. Am besten noch ein ÖkoTest-Siegel und ein kleines Stiftung-Warentest-„sehr gut“ dazugestempelt.
Unsere Matratzen wären in drei Hochaktiv-Zonen unterteilt, wie es uns kürzlich ein Bayerischer Matratzenforscher im Staatsfernsehen predigte. Überhaupt wäre die Schlafforschung neben Psychologie und Sportwissenschaft eine der gefragtesten Fachrichtungen des Wissenschaftsbetriebes – und die Bild-Zeitung würde schreiben: „Forscher entdecken Anti-Schlaf-Gen“, damit könnte man dann ganz bequem auch ohne Schlaf existieren. Ein Schlaraffenland für werdende Eltern.

Es müsste uns auch nicht mehr die Bundesfamilienministerin Gutenachtgeschichten im Fernsehen vortragen – überhaupt, Tagesschau und Heutejournal müssten sich massiven Zensuren unterwerfen, um unsere Kinder vor Berichten über Gewalt, Krieg und überhaupt allen negativen Schlagzeilen zu schützen. Dudeln wäre das Konkurrenzprodukt zum „Duden“, denn wer dudelt, der ist intelligent. Dudeldidei.

Schon im Mutterleib soll man ja neuerdings zu lernen anfangen, und danach hat man dann Lebenslänglich. Life long learning, was für ein rosiger Slogan für eine Gesellschaft, die endlich zur wahren Elite-Form aufsteigen möchte.
Endlich können wir in großem Maßstab Nachwuchskräfte ausbilden, Eliteschulen gründen, die Leute im Kindergarten nicht nur Flöte spielen lassen, sondern auch Hebräisch lernen. Bilingualität wäre etwas, das einfach vorausgesetzt würde. Von der Gauß´schen Normalverteilung zur Gleichverteilung: Wir alle wären schlau, sportlich, menschlich, einfühlsam und öko. Das wäre dann wirklich eine Utopie, die sich sehen lassen könnte.

Oh, Fütterungszeit. Ich muss los...

Beitrag von Christoph Scherber.

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Zur Person

Christoph Scherber (30) habilitiert an der Georg-August-Universität Göttingen. Er ist gerade Vater geworden.

Literatur

  • Nikola Biller-Andorno u.a. (Hrsg.) 2005: „Karriere und Kind“ – Erfahrungsberichte von Wissenschaftlerinnen. Frankfurt/M.

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Themen: Hochschule | Karriere
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