Schöne neue Welt
„Neo, wach auf!“ Eine auf seinem Computerbildschirm auftauchende Nachricht reißt den jungen Mann aus dem Schlaf. Neo ist die Hauptfigur des 1999 in die Kinos gekommenen Films „Matrix“ – einem Verwirrspiel der besonderen Art. Denn alles, was Neo erlebt, sieht, riecht, fühlt und schmeckt, stellt sich im Laufe der Geschichte als eine komplexe Täuschung heraus. Die Matrix selbst ist nicht mehr, als eine von Computern generierte Wirklichkeit, die von Maschinen produziert und den Menschen direkt ins Gehirn eingespeist wird.
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Alles Science Fiction und Fantasy? Irrtum! Denn mit der Entwicklung von
mikroelektronischen Implantaten ist der Grundstein für solch ein Szenario
gelegt – zumindest theoretisch. Mit Mikrochips ist es in der Medizin
möglich, Sinneswahrnehmungen täuschend echt zu simulieren.
Taube Menschen lernen mit Hilfe des Cochlea-Implantats hören; das kleine
Gerät wird direkt ins Innenohr implantiert und registriert die Schallwellen
aus der Umgebung. Der Chip wandelt diese um und leitet sie über den
Hörnerv ans Gehirn weiter, wo ein realer Höreindruck entsteht.
Sogar so real, dass man ihn mit dem Hörvermögen eines gesunden
Menschen vergleichen kann.
Ähnlich funktioniert auch das auf neuesten Forschungsergebnissen beruhende Retina-Implantat. Zwar befindet sich der Mikrochip noch in der Testphase, doch erfolgreiche Operationen haben bewiesen: Sinneswahrnehmungen lassen sich technisch nachempfinden. Blinde können wieder sehen. Wie beim Cochlea-Implantat wird das Retina-Implantat an die Schnittstelle zwischen Umwelt und Gehirn gesetzt, also in die Netzhaut. Dort übernimmt der Mikrochip dann deren Funktion.
Mittlerweile kann jedem optischen Reiz und jedem Höreindruck bereits ein bestimmter elektrischer Impuls zugeordnet werden. So ist es denkbar, über Funk beliebige Daten an die Implantate zu senden, die dann von Augen, Ohren und Gehirn zu optischen beziehungsweise akustischen Reizen umgesetzt werden. Die Gefahr dabei ist, dass diese Daten am Computer beliebig manipuliert werden können. Sie müssen also nichts mit der Realität zu tun haben. Der Patient entscheidet nicht selbst, ob er die künstlichen Signale „empfangen“ will oder nicht – er sieht beziehungsweise hört sie einfach.
Wie in „Matrix“ könnte ein Bild von der Welt erzeugt werden, das selbst Sehende nicht von der Realität unterscheiden können. Wie im Amerika des Jahres 2300 könnte die Wirklichkeit teilweise oder vollständig durch eine computergenerierte Simulation ersetzt werden. Ganz ohne das Wissen der Betroffenen.
Auch jenseits der Medizin ist der Einsatz von implantierten Mikrochips denkbar. Mit verbesserter Technik und individuellen Zusatzfunktionen wird man den Chip problemlos auch Norbert Normalverbraucher schmackhaft machen können.
Gesunde Menschen werden dem Reiz, eigene Sinneseindrücke um phantastische
Bilder, Gerüche und Töne zu erweitern, nicht widerstehen können.
Heute unterzieht sich Berta einer Brustvergrößerung, morgen wird
sich ihr Freund Franz den Superchip implantieren lassen. Mit dem hat Berta
gleich noch einen flacheren Bauch – in den Augen von Franz. Der kann
mit dem Chip außerdem die aktuellen Fußballergebnisse und die
Wettervorhersage sehen. So wäre das optimierte Superauge mit Rundumsicht
und Zoomfunktion wohl etwas wie der Silikonbusen der Zukunft.
Auf den ersten Blick bringt der Chip auch Bernhard, dem jungen, dynamischen
BWL- Berufseinsteiger, enorme Vorteile. Mit Hilfe einer integrierten Datenbank
hat er klare Wettbewerbsvorteile und ist „normalen“ Menschen
auf dem Arbeitsmarkt haushoch überlegen.
Die Zweiklassengesellschaft würde auf einem neuen Level wiedergeboren.
Zukunftsvisionen wie das automatische Einblenden von den neuesten Supermarktangeboten,
Details aus dem Lebenslauf einer fremden Person oder ein erweitertes Sichtfeld
von 270° wären nur einige harmlose Varianten einer so genannten „augmented
reality“. Diese Art erweiterte Realität ließe sich vielfältig
einsetzen und endlos ausbauen. Doch nicht nur die Schönen und Reichen
würden sich um diese Vorzüge reißen. Das werbefinanzierte
Implantat ermöglicht auch Karl Mittelständler die optimierte Wahrnehmung.
Dafür laufen alle paar Minuten grelle Werbebanner quer durch sein Sichtfeld.
Nervig, aber Karls freie Entscheidung.
Allerdings weit von freier Entscheidung entfernt wären für den Bruchteil einer Sekunde aufblinkende Botschaften. Die eingeblendeten Bilder dringen unbemerkt in das Unterbewusstsein und beeinflussen Meinung, Einstellung oder politische Gesinnung. Ganz ohne Wissen und Einverständnis.
Kann der eingefleischte Fußballfan bei einem Besuch im Stadion noch
beurteilen, ob das Spiel wirklich so stattfindet, wie er es sieht? Ist der
smarte junge Mann an der Theke tatsächlich so attraktiv oder kommt seine
wirkliche Silhouette eher der von Homer Simpson gleich?
Es bleibt immer der bittere Beigeschmack des Zweifels. Kann man seinen eigenen
Augen noch trauen? Schließlich ist eine hoch entwickelte Technik immer
nur so gut, wie die Menschen, die sie bedienen.
Aber reichen diese Zweifel, um uns davon abzuhalten, eine „schöne
neue Welt“ zu kreieren? Schließlich locken die Vorteile der Technik
und die damit verbundene Macht ungemein.
Dennoch sollten wir einige Fragen nicht aus den Augen verlieren: Lässt
sich ein solches Szenario überhaupt mit unseren Grundrechten als Mensch
vereinbaren? Wie steht es um unseren freien Willen? Wollen wir über
Augen und Ohren die Tür zu unserem Gehirn rund um die Uhr offen halten?
Auf die Gefahr hin, nicht mehr beeinflussen zu können, wer uns wann
manipuliert? Und ist das diese „schöne neue Welt“ wirklich
wert? Denn vielleicht haben die Regisseure von „Matrix“ gar nicht
so Unrecht und der Mensch ist für eine perfekte Welt überhaupt
nicht geschaffen. Stattdessen bekommt er das, wovor er mit Hilfe des Chips
eigentlich fliehen wollte: die harte Realität. Diesmal von Computern
generiert.
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Zur Person
Simone Rapp und Lisa an der Heiden studieren an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus. Martin Hofmann studiert Regenerative Energiesysteme an der FHTW Berlin.


