Studieren in Australien: Ganz schön viel Theater
Nach inzwischen über sechs Monaten in Australien gibt es doch immer wieder Dinge, über die ich mich wundern kann. Zum Beispiel über den Geschichtsprofessor, der gerne Lieder der australischen Sträflinge als Quellen vorstellt und sie erst einmal vorsingt. Wunderbar ist auch eine Einladung zu einem „Social Meeting“ (= organisiertes Besäufnis) wie diese: „Kommt und bringt Freunde und Bekannte mit, eure Kommilitonen, Vermieter, Haustiere, Dozenten – ach, kommt einfach alle, ich habe euch so gern!“ Was soll man dem noch hinzufügen?
Zu den wunderbaren Dingen gehört auch das Lernen am Strand. Die Bücher
und Sonnencreme einpacken, sich an den Strand legen, lesen, und dann eine
Runde im Meer schwimmen. So bleibt kein schlechtes Gewissen nach einem langen
Strandtag, sondern nur die Bräune. Und Lernen muss sein, schließlich
reiht sich auch während des Semesters ein Abgabedatum an das andere:
Prüfungen, Klausuren, Essays, Rezensionen und mehr.
Zum Glück hat die Unibibliothek sieben Tage die Woche bis Mitternacht
geöffnet. Und diese Spätschicht wird von den Studenten auch gerne
genutzt. Denn wer erst in letzter Minute ausleihen will, läuft Gefahr,
vor verschlossener Türe zu stehen. Vor zwei Wochen war der gesamte Komplex
wegen einer Brandschutzübung überraschend gesperrt. Vor einer Woche
wegen eines Brandes. Zumindest hat sich die Übung gelohnt.
Den eher rustikalen Sinn für Humor der australischen Studenten hatte ich schon an meinem ersten Tag in Australien kennen gelernt, als ich bei der Einführungswoche für die neuen Studenten Zeuge einer Sportveranstaltung wurde, die an deutschen Universitäten eher Seltenheitsrang hat: Schlammcatchen, und zwar im Einzel- und Teamwettbewerb. An Freiwilligen herrschte keinerlei Mangel.
Mit aller Macht eine gute Figur abzugeben versuchen auch die zahlreichen
Aktivisten, die täglich auf dem Campus nach Unterschriften jagen. Als Überzeugungshilfe
für zögernde Studenten wird hier allerdings zunächst ein Grill
aufgebaut und dann nach dem Motto ‚Würstchen gegen Unterschrift‘ verfahren.
Ein zugegebenermaßen effektives Mittel, um die Liste voll zu bekommen.
Allerdings wird der Aussagewert der Unterschriften durch die Bestechung doch
sehr geschmälert.
Vergangene Woche wurden auf diese Weise Unterschriften für eine Petition
für bessere Frauenrechte gesammelt, und einige der Leute, die unterzeichnet
haben, hätten sicher auch gegen Frauenrechte unterschrieben,
wenn sie dafür etwas zu essen bekommen hätten.
Noch
weiter gingen nur die Medizinstudenten, die mit allen Bandagen um Spenden
für ein Kinderkrankenhaus kämpften. Für jeweils einen bestimmten
Betrag ließen sich Spendensammler den Kopf rasieren, wohlgemerkt auch
Studentinnen! Für einen Betrag von umgerechnet 30 € durfte
man dem leitenden Spendensammler in Jackass-Manier zwischen die
Beine treten, und es fand sich auch sofort ein Student, der mit dem nüchternen
Kommentar „Ich tue es für die Kinder“ die Chancen deutlich
verringerte, dass der tapfere Spendensammler jemals Kinder in irgendein Krankenhaus
schicken kann.
Doch das ist nicht die einzige Unterhaltung, die in der Mittagspause geboten wird. Wenn ich mit meinem Sushi (dem Preis-Sättigungsverhältnis nach das beste Essen auf dem Campus) auf den Rasen vor der Bibliothek sitze, bin ich schon mehrfach Zeuge der Werbeaktionen von verschiedenen studentischen Theatergruppen geworden. Die Werbung für Schneewittchen fiel dabei noch harmlos aus, beim folgenden Stück handelte es sich allerdings um die Vagina-Monologe, und der Auszug, den eine Schauspielerin vor der Bibliothek zum besten gab, war kurz, aber, sagen wir mal, sehr aussagekräftig. Ihr Freund sollte misstrauisch werden.
Links zum Thema
- Homepage der Universität
- Die eher zahme Theatergruppe Schneewittchen
- Die eher nicht zahme Theatergruppe Die Vagina-Monologe
Zur Person
Carl-Leo von Hohenthal studiert(e) Geschichte und Politik in Berlin und Freiburg sowie seit Februar 2006 in Sydney. Er lernt jetzt schon für aus studentischer Sicht in ferner Zukunft liegende Prüfungen, um kurz vor Semesterende nicht auf „Social Meetings“ verzichten zu müssen.
Literatur
- Eve Ensler (2001): The vagina monologues. New York.
Ein
Studium in Australien bietet mehr als nur gute Lernatmosphäre. Unser
Kolumnist Carl-Leo von Hohenthal erlebt auf dem Campus in Sydney so einiges
an spektakulären Darbietungen…

