Slavistik – Orchidee oder Nutzpflanze?
Bienenscharen umschwirren iurisprudencia und oeconomia, denn hier fließt
der Nektar reichlich. Als Jurist oder Ökonom kann man gutes Geld verdienen,
der Sinn dieser Berufe ist für jedermann offensichtlich – Jurisprudenz
und Wirtschaftskunde sind geisteswissenschaftliche Nutzpflanzen.
Die botanische Bestimmung der Anglistik oder Germanistik gerät schon
schwieriger. Immerhin, Deutsch- und Englischlehrer braucht das Land, ganz
„sinnlos“ sind diese Fächer also nicht, vermutlich handelt
es sich um Hybriden.
Wie aber verhält es sich mit der Slavistik? Auch hier lernt man Sprachen
– nur werden diese in der Schule kaum unterrichtet. Ist die Slavistik
also eine Orchidee, gleichzustellen mit anderen Zierpflanzen wie der Philosophie
oder Indoiranistik? Oder ist die Slavistik doch eine Nutzpflanze?
Immer spiegelt sich in ihr auch eine politische Perspektive: während des Kalten Krieges war die Slavistik unabdingbar, um in die Gedankenwelt des politischen Gegners einzusehen. So zerlegte die slavistische Kultur- und Literaturwissenschaft den Sozialistischen Realismus und der Linguist Daniel Weiss den sozialistischen Newspeak. Heute repräsentieren die Sprachen und Kulturen, mit denen sich die Slavistik beschäftigt, die ganze politische Vielfalt Europas: Polen und Tschechien sind direkte Nachbarn Deutschlands, Slowenien und die Slowakei gehören ebenfalls zur EU, Bulgarien und Kroatien sind Beitrittskandidaten, die Ukraine, Belarus und Russland bilden den vernachlässigten Rest der EU-Anrainerstaaten.
Benötigt dieses bunte Europa aber die Satzstruktur-Bäumchen slavistischer Transformationsgrammatiker, reicht nicht eine „Slavistik light“, Sprachkurse mit einer zarten Schicht Kulturwissenschaft?
Das Regensburger Institut für Slavistik hat seine Antwort auf diese Frage in der tiefgreifenden Verzahnung mit anderen Fächern gefunden: Im Ostwissenschaftlichen Begleitstudium erwerben Juristen russisches Fachvokabular und besuchen Vorlesungen und Übungen über Geschichte und Kultur Rußlands, Bohemicum und Slovakicum geben die Möglichkeit, studienbegleitend innerhalb eines Jahres fließend Tschechisch oder Slovakisch zu lernen und durch Vorträge und Praktika einen tiefen Einblick in Geschichte, Kultur und Alltagsleben des jeweiligen Landes zu bekommen. Der Masterstudiengang Ost-West-Studien wurde ebenfalls maßgeblich vom Institut für Slavistik mitkonzeptioniert und vermittelt den Studierenden Europakompetenz nicht nur in sprachlicher, sondern auch rechtlicher, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht.
Dennoch
weist auch dieser Studiengang eine Eigenheit auf, die für viele neue
Master-Programme typisch ist: Es ist möglich, in slavistischen Hauptseminaren
und/oder Sprachkursen Leistunspunkte zu sammeln, ohne solide Grundkenntnisse
des Faches mitzubringen. Eine ähnliche Tendenz birgt das so genannte
Frei Kombinierbare Nebenfach (FKN) in sich, ein spezifisch Regensburger Produkt
der Modularisierung. Anstatt ein zweites Nebenfach zu studieren, können
sich die Studierenden im FKN so genannte Studieneinheiten zusammenstellen,
die aus Veranstaltungen verschiedener Lehrstühle zu einem gewissen Thema
bestehen, so zum Beispiel „Korpuslinguistik“ oder „Interkulturelle
Studien“.
Was die Slavistik innerhalb des FKN angeht, so entscheiden sich die meisten nicht vorbelasteten Studierenden für slavische Sprachkurse, da natürlich zum einen Sprachkenntnis das beste Tor zu einer fremden Kultur ist und sich andererseits Kenntnisse einer slavischen Sprache – besonders nach der EU-Osterweiterung – gut im Lebenslauf machen.
Die Folgen für die Slavistik allerdings sind fatal: Zwar platzen viele Sprachkurse und Einführungen aus allen Nähten, die offizielle Zahl der Slavistikstudenten jedoch wächst nicht: die Teilnehmer aus den Master-Programmen oder mit Frei Kombinierbarem Nebenfach werden nicht als Studierende der Slavistik geführt und auch anderweitig statistisch nicht erfasst. Der Slavistik bleibt somit ein Instrument verweigert, das ihre Popularität und ihren allgemeinen Nutzen belegen könnte.
Soll die Slavische Philologie aber vielleicht sowieso nur als Dienstleister, für andere, „sinnvollere“ Wissenschaften erhalten, soll sie wie ein Konzern bei der feindlichen Übernahme in Einzelteile zerlegt werden, und nur die Sparten überleben, deren Nutzen sich monetär beziffern läßt?
Mit Ostwissenschaftlichem Begleitstudium, Bohemicum und Slovakicum begreift sich die Slavistik an der Universität Regensburg schon lange auch als Dienstleister für andere Fächer: Auch viele Politikwissenschaftler besuchen gerne die Sprachkurse und landeskundlichen Seminare der Slavistik. Natürlich könnten all diese Lehrangebote auch ohne Forschung angeboten werden, sie gingen aber der vielen Anstöße verlustig, welche die slavistische Sprach- und Literaturwissenschaft anderen Fächern zu geben vermag.
So befasst sich die Literaturwissenschaft mit den Europakonzeptionen der
slavischen Nationen: Ist Europa ein Haus, sind wir tatsächlich alle Brüder
und Schwestern im europäischen Geiste – oder gibt es nicht doch
Stiefgeschwister?
Soziolinguistische Forschungen über die Kaschuben – eine slavische
Bevölkerungsgruppe in Nordwestpolen, die auf die Eigenständigkeit
ihrer Sprache und Kultur gegenüber dem Polnischen pocht – dürften
ob der politischen Aktualität des Themas auch für Politikwissenschaftler
und Europarechtler interessant sein.
Auch den schlesischen Kulturraum mit seiner wechselhaften Geschichte erforscht
die Slavistik intensiv: Wie wirkte sich der wechselseitige Einfluß von
Deutsch und Polnisch auf die Sprachbiographien der Schlesier aus? Welche Rolle
spielt das Schlesische bei der Identitätsbildung der dort Ansässigen?
Gerade weil der Zweite Weltkrieg und seine Folgen bisweilen immer noch zu
Verstimmungen in den deutsch-polnischen Beziehungen führen, ist dieses
Teilgebiet slavistischer Forschung auch für die Allgemeinheit sehr wichtig.
Die vermeintliche Orchidee Slavistik gehört also doch zu den Nutzpflanzen – und bestäubt zudem andere Pflanzen im Wissenschaftsgarten gleich mit.
Links zum Thema
- Institut für Slavistik der Uni Regensburg
- Ostwissenschaftliches Begleitstudium
- Bohemicum
- Slovakicum
- Masterstudiengang Ost-West-Studien
Zur Person
Sandra Birzer ist Redakteurin von sciencegarden und gießt täglich die Slavistik.
Bunt
ist der Garten der Geisteswissenschaften, und schön anzusehen sind die
Pflanzen, die in ihm wachsen. Aber welches Gewächs darf sich zudem Nutzpflanze
nennen? Sandra Birzer wagt eine botanische Bestimmung nicht nur der Slavistik.