"Eigentlich sind wir eine ziemlich verlogene Bande"
Von „Unsere Lügengesellschaft. Warum wir nicht bei der Wahrheit
bleiben“ (erschienen bei Murmann im Februar 2006) hofft Wolfgang Reinhard
heimlich und mit heftigem Augenzwinkern, dass es eines Tages auch in Bahnhofsbuchhandlungen
erhältlich sein wird. Schließlich behandelt der Essay eine Gretchenfrage,
die den Privatmensch wie den Politiker gleichermaßen betrifft: Wie
halten wir es mit der Wahrheit?
Über „krumme Touren“, die Vorzüge der Wahrhaftigkeit und
die Zukunftsaussichten heutiger Nachwuchswissenschaftler sprach Moritz Trebeljahr
für sciencegarden mit dem Freiburger Emeritus.
Wolfgang Reinhard wurde 1937 in Pforzheim geboren, studierte
Geschichte, Anglistik und Geographie in Freiburg und Heidelberg, wurde
1963 bei Erich Hassinger (Freiburg) promoviert und habilitierte sich 1973,
nach seiner Zeit im Schuldienst und als Schulentwicklungsreferent am Oberschulamt
Freiburg.
» ganzer
Text
sg: Herr Professor Reinhard, „Unsere Lügengesellschaft“ lautet der Titel Ihres vor wenigen Wochen erschienenen Essays – wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über die Lüge zu schreiben?
WR: Also da muss ich gleich eine kleine Korrektur anbringen,
der Titel stammt vom Verleger. Ich wollte das Ding eigentlich nennen „Die
Wahrheit wird Euch frei machen“ [Joh. 8, 32; Anm. d. Red.], das heißt,
es etwas stärker auf die Wahrheit fokussieren. Ich bin seit langem der
Meinung, dass sich die deutsche Politik im Allgemeinen und die deutsche Hochschulpolitik
im Besonderen durch eine besondere Verlogenheit auszeichnet.
Man spricht allenthalben von „Reform“ und meint eigentlich „Einsparung“, „Gehaltskürzung“.
Warum sagt man das nicht ehrlich? Das trifft man auch auf den unteren Ebenen
an: Die edle Kunst des Jammerns, so zu tun, als stünden wir alle kurz
vor dem Zusammenbruch, auch wenn die Ausstattung ganz passabel ist, ist eine
beliebte Taktik, beispielsweise auf Fakultätsratssitzungen.
Das Buch ist jedenfalls eine Art Kurzfassung von einem Band, der sich „Krumme
Touren“ nennt [Krumme Touren. Eine Anthropologie kommunikativer Umwege;
erscheint bei Böhlau; Anm. d. Red.]. Der Titel stammt von einer meiner
Augsburger Doktorinnen, Barbara Rajkay. Die „Lügengesellschaft“ ist
inhaltlich reduzierter und eben stärker auf Lüge fokussiert – die
Versammlung der Generalvertreter des Verlages war einfach der Meinung, unter
dem Titel verkaufe es sich besser.
sg: Wann sind die „krummen Touren“ zu erwarten?
WR: Das
liegt beim Böhlau-Verlag, und es liegt daran, ob ich das nötige
Kleingeld für die Drucklegung zusammenbetteln kann. Der Band geht auf
eine sehr erfolgreiche Tagung an der katholischen Akademie in Freiburg im
März des vergangenen Jahres zurück, ist ungefähr 400 Seiten
stark und umfasst eine breite Palette an Beiträgen aus den Disziplinen
Geschichte, Politik, Psychologie, Wirtschaft, Recht, Medizin, unter anderen
auch ein fulminantes linguistisches Referat, das die These vertritt, dass
alle Kommunikation auf Umwegen stattfindet. Es geht also um das breitere
Spektrum indirekter Kommunikation.
sg: In der „Lügengesellschaft“ handeln Sie die verschiedenen Felder Geschichte, Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft ab…
WR: …es fehlen natürlich einige, die auch in dem großem Band nicht auftauchen, da bin ich erst hinterher draufgekommen. Auf das eine hat mich ein atheistischer Freund hingewiesen: „Die Kirche, da wird so viel gelogen!“ Und das andere ist natürlich der Sport, also Doping, die Amateurlüge, aber davon verstehe ich nichts, da bin ich exkulpiert…
sg: …und Sie kommen zu dem Schluss, dass es ohne die Lüge nicht geht. Sie sprechen von „Demokratie als Fiktion“, die Lüge bekommt geradezu gesellschaftskonstituierende Attribute – kommen wir ohne Lüge nicht aus?
WR: In der Tat, so ist es wohl. Natürlich werde ich
das in der Langfassung etwas entschärfen, das heißt, ich würde
nicht alles Lüge nennen. Wenn Demokratie eine Fiktion ist, dann würde
ich deswegen nicht von der „Demokratielüge“ sprechen.
Der springende Punkt ist, dass gewisse Grundprinzipien, etwa die Volkssouveränität
oder die Effektivität des Systems, schlicht fiktiv sind, auch wenn wir
davon ausgehen, sie seien real. Es geht also nicht um Lüge, sondern
um Fiktion. Das schließt aber nicht aus, dass in der konkreten Praxis
die Politiker kräftig lügen. Sie sind nur klug und raffiniert genug,
sich nicht dabei erwischen zu lassen, denn in den seltensten Fällen
gelingt es, einen Politiker einer konkreten Lüge zu überführen.
Da gibt es immer die Möglichkeit zu sagen: „Ausgehend von meinem
damaligen Informationsstand…“ Politiker pflegen einen kreativen
Umgang mit der Wahrheit.
sg: Aber wieso lassen die Menschen sich freiwillig belügen? Wieso wählt beispielsweise gut die Hälfte der Italiener einen Berlusconi?
WR: Berlusconi, das ist eher ein indirektes Lügenproblem. Meine persönliche These ist, dass er einfach das Ideal eines Großteils, oder eben der Hälfte der italienischen Bevölkerung, verkörpert. Berlusconi ist der Super-Furbo [italienisch furbo = clever, listig, verschlagen; Anm. d. Red.], der Mensch von ganz unten, der durch Schläue und einige lausige Tricks ganz nach oben kommt. Noch dazu ist er ein Medienzar und kann sich geschickt vermarkten. Viele Italiener bewundern das ganz offen.
sg: Trotzdem gibt es doch auch ein dem Menschen immanentes Streben nach Wahrheit beziehungsweise in vielen Kulturen auch ein ethisch-religiöses Gebot zur Wahrheit, man denke an eines der wenigen direkt von Gott überlieferten Zitate im Christentum: „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“. Sie ziehen es allerdings vor, von Wahrhaftigkeit statt von Wahrheit zu sprechen.
WR: Ja, das ist eben genau der Knackpunkt: Man kann feststellen,
und der Philosoph Bernard Williams hat das auch getan, dass, je mehr die
Philosophie und die Wissenschaft sich um die Wahrheit bemühen, desto
mehr verdunstet sie und löst sich auf. Je mehr wir über Wahrheit
wissen, desto weniger wissen wir über sie beziehungsweise, ob es sie überhaupt
gibt.
Deswegen ziehe ich es vor, von Wahrhaftigkeit zu sprechen. Das ist ein dynamischer
Begriff, der eine Handlung, ein Streben impliziert. Der Wahrheitsbegriff,
wie wir ihn von der Steintafel her kennen, hängt dagegen eher in der
Luft. Man kann ja auch mit der Wahrheit lügen, das lässt sich machen.
Ich denke, das ist eine anthropologische Konstante, dass wir Menschen eigentlich
eine ziemlich verlogene Bande sind, aber gleichzeitig ein strenges Bedürfnis
nach Wahrheit haben. Allerdings, wie wir halt so sind, machen wir immer auch
ein Mordsgeschäft mit der Wahrheit: Die Bild-Zeitung bringt pausenlos
irgendwelche Wahrheiten ans Licht, oder der Spiegel. Aber das Grundbedürfnis
nach Wahrheit ist nicht klein zu kriegen – und das ist auch gut so!
sg: Es gibt verschiedene Versuche, gerade aus der Sprachwissenschaft, das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Lüge zu relativieren. Sie zitieren Simone Dietz: „Die ‚Lüge an sich‘ ist ein zu ungenau bestimmter sprachlicher Akt, um moralisch bewertet werden zu können“. Aber ist das nicht eines der großen Probleme unserer Zeit, dass uns die Grundwerte abhanden kommen, und müssen wir nicht Wahrheit und Lüge als solche im Auge behalten?
WR: Ganz klar, das ist schon richtig. Ich denke, dass das
auch der Sinn des Buches ist, nämlich zu zeigen, dass es sich hier um
ein weites Feld handelt. Die Tendenz der neueren Forschung ist nun, dieses
ganze weite Feld unter „Lüge“ abzuhandeln und dann zu sagen, „eigentlich
ist es gar keine Lüge“.
Die Gefahr ist, dass die wörtliche Lüge als sittliche Kategorie
zu verschwinden droht. Das ist die alte Sache mit der „normativen Kraft
des Faktischen“ (Georg Jellinek): Alle Menschen lügen, und wenn
alle lügen, dann ist die Lüge akzeptiert oder vielleicht sogar
wertvoll. Hier wird durch Begriffskosmetik abgeschwächt, und da werde
ich bockig. Daher bevorzuge ich, wie gesagt, auch „krumme Touren“ als
Begriff zwischen Wahrheit und Lüge.
sg: Dem Historiker, beispielsweise dem, der sich mit Mikropolitik beschäftigt, fällt auf, dass mit Patronage und Beziehungsnetzen in der frühen Neuzeit sehr viel offener umgegangen wurde als heute. In den Quellen wird oft frei heraus erklärt „Ich bin der Bruder von N.N. und möchte daher jetzt bitte eine Stelle, Pension et cetera.“ Ein derart offener Umgang mit Kontakten gilt inzwischen als verrufen. Sind wir heute verlogener als damals?
WR: In diesem Bereich würde ich das schon sagen. Nietzsche hat mal – sinngemäß – gesagt: „Heuchelei ist eine Investition in die Wahrheit.“ Denn, wenn man bestreitet, dass es Heuchelei ist, dann gibt irgendwann das Gewissen nach und sagt: „Es ist ja gar keine Heuchelei.“ Das hat sich etwas verändert, aber wir wollen unsere Frühneuzeit-Menschen auch nicht allzu sehr loben. In diesem Punkt waren sie vielleicht ehrlicher, in anderen Bereichen, wie zum Beispiel im Sexuellen, waren sie sicherlich verklemmter. Wobei selbst hier einschränkend anzumerken wäre, dass das Gerede von sexuellen Höchstleistungen heutzutage auch nicht mehr als eine reduktionistische Lüge zu sein scheint. Gerade letztens wurde ich in einem Interview gefragt, wie es vor diesem Hintergrund mit dem vorgetäuschten Orgasmus bei Frauen aussehe.
sg: Wenn wir nun die heutige Wissenschaftswelt betrachten, spielt Vermarktung, die Einwerbung von Drittmitteln eine immer größere Rolle. Was bedeutet das für die Wissenschaft: Muss sie mitspielen oder gibt es eine Alternative?
WR: Ich fürchte nein, aber wissen Sie, ich bin ja
froh, dass ich aus dem Geschäft raus bin. Ehrlich gesagt, ich war in
dieser Hinsicht immer ein bisschen skeptisch. Jede Wissenschaft ist eine
Art soziales System, sowohl die Wissenschaft als solche, als auch die einzelnen
Fächer. Jedes System geht mit Abhängigkeiten formeller und informeller
Art einher. Man ist als Wissenschaftler also Zwängen ausgesetzt und
einem beträchtlichen Konformitätsdruck, gerade, wenn man Karriere
machen will. Je höher nun der Druck, desto größer die Gefahr
der Unaufrichtigkeit, im Extremfall der Fälschung von Ergebnissen.
Wenn die Margarineindustrie eine Untersuchung in Auftrag gibt, steht nicht
zu erwarten, dass dabei herauskommt, Butter sei gesünder. Übersetzt:
Wenn Sie eine Doktorarbeit über Mikropolitik bei Wolfgang Reinhard schreiben,
werden Sie darin kaum behaupten, Mikropolitik sei Unsinn. Die Frage ist aber,
ob wir so zu Erkenntnissen gelangen, die weiterführen. Die Wissenschaft
reproduziert sich pausenlos selbst, es wird Recycling betrieben. Das führt
in gewisser Hinsicht zu Leerlauf, weil die jungen Leute dazu gezwungen sind,
ständig das Rad neu zu erfinden.
Zu über 90 Prozent sind die heute in den Geisteswissenschaften erzielten
Ergebnisse eigentlich überflüssig, und ich vermute, dass sich das
bei den Naturwissenschaften ganz ähnlich verhält, auch wenn die
mir das jetzt übel nehmen werden. Wirklich innovative, neue Erkenntnisse
sind jedenfalls die Ausnahme, und man kann dann sogar noch dankbar sein,
wenn man nicht ausgegrenzt wird. So war das bei mir ja auch: Meine eher braven
Projekte wurden gefördert, die wirklich innovativen abgeschossen.
Das Dilemma der Professoren ist, dass da eine Menge eifriger junger Leute
dranhängen, für die es um Stellen geht. Das ist eine Frage der
Verantwortung, und da ist man nicht immer ehrlich. Ich will Ihnen nur ein
Beispiel nennen: Als ich in der Neu-Auflage des Gebhardt [Handbuch der deutschen
Geschichte, 10. Auflage 2001, Teil III – Frühe Neuzeit; Anm. d.
Red.] schrieb, die frühe Neuzeit existiere allein deswegen, weil es
Frühneuzeitwissenschaftler gäbe, die sich damit befassen, und nicht
etwa andersherum, bekam ich einen bitterbösen Brief von einem Kollegen,
es sei unverantwortlich, so etwas laut zu sagen. Der hat mir vorgeworfen,
ich hätte sozusagen das Betriebsgeheimnis ausgeplaudert, und das ginge
nicht, denn nun könnte ja einer kommen und Lehrstühle streichen.
Dabei würden für das, was wir über den Holocaust oder Luther
wirklich wissen müssen, auch ein, zwei Lehrstühle ausreichen. Aber
das darf man eben nicht sagen, und da zeigt sich eine Art strukturelle Verlogenheit.
Freilich ist es schön, wenn man Luxus treibt, und Wissenschaft ist ein
besonders schöner Luxus. Die Frage ist aber doch schlicht, ob wir uns
diesen Luxus noch leisten können.
sg: Sie haben es angesprochen: Für Nachwuchswissenschaftler geht es um Stellen. Um zu bestehen, müssen sie sich heutzutage vermarkten können. Auf der einen Seite also Zwang zur Eigenwerbung, auf der anderen Seite „Aufrichtigkeit“ und „Genauigkeit“, die Ihr Buch dem Wissenschaftler als Werkzeuge an die Hand gibt – wie geht das zusammen?
WR: Ja, das geht schlecht. Das ist so ähnlich wie
in der Politik. Auch die Wissenschaft unterliegt gewissen Spielregeln, die
sich nicht besonders um Wahrhaftigkeit scheren. Ich persönlich habe
Wissenschaft noch anders erlebt. Das liegt vielleicht auch am persönlichen
Stil: Auf Unabhängigkeit habe ich immer großen Wert gelegt.
Ich fürchte aber, unter den heutigen Systemzwängen ist ein unabhängiges
Berufsleben nicht mehr möglich. Es hat sich ja auch ein neuer Professorentyp
heraus entwickelt: Früher gab es Gelehrte, heute zunehmend Macher.
sg: Was würden Sie einem Nachwuchswissenschaftler unter diesen Umständen denn raten?
WR: Dass er etwas anderes tun sollte.
sg: Wie bitte?
WR: Er sollte sich einen anderen Job suchen! Das klingt jetzt etwas zynisch, aber ich betrachte es als einen großen Erfolg, dass ich eine meiner besten Schülerinnen überzeugen konnte, nach der Doktorarbeit nicht weiter im Geschäft zu bleiben. Die ist jetzt Referentin, und es macht ihr Spaß.
sg: Darf man das als Plädoyer gegen die Wissenschaft verstehen?
WR: Nicht gegen die Wissenschaft, aber gegen die derzeitige
wissenschaftliche Situation.
Es müsste ja nicht so sein. Theoretisch könnte man durchaus einiges
verbessern, nur in der Praxis hat sich die Wissenschaft als zur Selbstreform
unfähig erwiesen.
Die deutsche Universität ist eine Oligarchie von Professoren, und es
ist empirisch bewiesen, dass gleichberechtigte Oligarchen nicht dazu in der
Lage sind, sich auf eine Reform zu einigen. Das zeigen die Beispiele der
antiken römischen Republik und des Heiligen Römischen Reichs Deutscher
Nationen und seiner Reichsstädte in der Geschichte – immer wurde
von Reform geredet, aber nichts geschah. Bis dann vielleicht ein Napoleon
kam. Das klingt jetzt etwas ernüchternd, aber Sie wollten ja ein Interview,
ein einigermaßen wahrhaftiges.
sg: Herr Reinhard, herzlichen Dank für das Gespräch!
Zur Person
Moritz Trebeljahr studierte Geschichte, Romanistik, Anglistik und Politikwissenschaften in Göttingen und Freiburg und promoviert über Papst Paul V. Als Stipendiat der FAZIT-Stiftung hat er ein halbes Jahr auf Malta geforscht. Seit diesem Jahr ist er Mitarbeiter des Teilprojekts B6 des Sonderforschungsbereichs 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme“ an der Universität Münster. Daneben arbeitet er seit mehreren Jahren als freier Journalist für diverse Rundfunk- und Printmedien.
Literatur
- Wolfgang Reinhard (2006): Unsere Lügengesellschaft. Warum wir nicht bei der Wahrheit bleiben. Murmann.
Der
Freiburger Emeritus Wolfgang Reinhard, Träger des renommierten Historikerpreises,
hat einen Essay über „unsere Lügengesellschaft“ geschrieben.
Im Interview mit Moritz Trebeljahr spricht Reinhard über „krumme
Touren“, die Vorzüge der Wahrhaftigkeit und die Zukunftsaussichten
heutiger Nachwuchswissenschaftler. Jenen rät er ohne Umschweife: „Suchen
Sie sich einen anderen Job!“