Die Universität und der KnowledgeholderValue
Die Frage nach dem Nutzen der Bildung im Allgemeinen und dem meiner Studienfächer
Germanistik und Politik im Besonderen ereilte mich im ersten Semester.
Ich saß mit ein paar Freunden zusammen, wir unterhielten uns über
das Übliche, Frauen, Fußball, Heidegger, als ein Medizinstudent
plötzlich mit ernsthaftem Gestus folgende Frage an mich richtete: „Sag
mal, was ist es eigentlich wert, Goethe zu lesen?“
Mit so viel plattem Realismus konfrontiert war ich schockiert, meine argumentative
Abwehrreihe war ausgespielt und ich war unfähig auf diese Frage, die
aus der Mitte des Raumes kam, auch nur irgend etwas, das nach Begründung
oder Antwort aussah, zu erwidern. Ich dachte damals, ich wäre als studentisches
Greenhorn noch unfähig Argumentationsketten aufzustellen, Raumdeckung
zu spielen und meine Fächer und ihren gesellschaftlichen Nutzen zu verteidigen.
Auch heute, zehn Jahre später, einige Zeilen Goethe und unzählige
Diskussionen und Fragen reicher, kann ich mich zur Luhmannschen Systemtheorie
auslassen, Dekonstruktion als Methode anwenden und die Postmoderne als Überwindung
der Postmoderne verstehen. Aber die Frage nach dem Nutzen dieser Fähigkeiten
führt mich immer noch an meine Grenzen.
Was ist es eigentlich wert, den Goethe zu lesen? Was ist der „Knowledgeholder
Value?“ Was ist der Profit, den eine Gesellschaft aus dem investierten
Kapital in Bildung und Forschung zurückgewinnt? Diese banal anmutenden
Fragen sind Sprengstoff. Wer sich auf sie ernsthaft einlässt, hat die
Zündschnur in der einen, das Feuerzeug in der anderen Hand, und man muss
kein geistiger Pyromane sein, um sich als Sprengmeister in diesem Diskurs
zu empfehlen.
In einem Umfeld, in dem Bildung mit allgemein einsetzbarem Wissen bei Wer
wird Millionär? verwechselt wird, in dem PISA-Studien den vermeintlichen
geistigen Befähigungsstand von Schülern und Uni-Rankings die Effizienz
und Wettbewerbsfähigkeit von verschiedenen Bildungsstandorten messen,
gedeiht ein Glaube an die Möglichkeit der Bewertung von Wissen.
Ein Glaube, der auch in die Universitäten Einzug gehalten hat. Dort wird
der Quantifizierbarkeit von Forschung und Lehre seit einiger Zeit eine erhöhte
Aufmerksamkeit eingeräumt. Nutzen-/Kostenrechnungen werden aufgestellt,
und es zeigt sich ein Trend, das Studium mit Pragmatismus und Praxisorientierung
aufzuladen.
Zugegeben, die Universitäten haben es nicht leicht, sich gegen Vorwürfe zu erwehren, sie würden an Markt und Gesellschaft vorbei ausbilden, sie wären zu theorielastig und zu praxisfern, und sowieso würden sie Elfenbeintürmen gleichen, die Wissen produzieren fernab der Brauchbarkeit in einer wie auch immer gearteten Realität. Doch das Gedankenkonstrukt, das hinter einem solchen Nutzenkalkül verborgen ist, geht von falschen Prämissen aus.
Der erste Fehler schleicht sich ein, wenn vorausgesetzt wird, dass man sich
Bildung, Wissen, Erkenntnis, Forschung et cetera mit irgendeinem Messinstrument
von außen nähern könnte. Doch die Einheiten mit denen gezählt,
geschätzt, gewogen wird, bleiben seltsam willkürlich und entpuppen
sich bei genauerer Betrachtung häufig als sprachliche Worthülsen,
die selbst jeder Messbarkeit ausweichen.
Ein zweiter Irrtum liegt darin zu glauben, dass Bildung und Forschung, deren
Nutzen nicht unmittelbar beobachtbar und in gesellschaftliche Strukturen rücküberführbar
ist, nutzlos sei.
Last but James Last wird in den Argumentationen ein wesentliches Moment vernachlässigt,
das auch heute noch eine wichtige Einflussgröße der Forschung für
das Auffinden wie auch immer gearteter Erkenntnis ist: der Zufall.
Diese Annahmen führen zu der Auffassung, man könnte das zweckgebundene
Fordern und Fördern von universitärer Bildung und Wissenschaft von
außen steuern. Die üblichen Verdächtigen haben die Bühne
betreten und gebärden sich nicht mehr als Statisten, sondern werden vielmehr
zu Protagonisten, die mit den vermeintlich zielführenden Allgemeinplätzen
des Politischen, des Gesellschaftlichen, des Ökonomischen sprechen und
für ihren Auftritt mit Applaus bedacht werden.
Wenn der Student zum Kunden wird, der das Studium als Dienstleistungsangebot
wahrnehmen soll, wenn die Universität zu einer Ansammlung von einzelnen
Profitcentern mutiert, Globalhaushalte aufgestellt, Drittmitteleinwerbungen
zu Erfolgskriterien werden und Gesellschaften kritisch den Return on Investment
in Bildung beobachten, dann ist allerdings das verloren gegangen, was den
Kern der Wissenschaft, der Universität und des akademischen Daseins ausmacht,
was ihr Nukleus und ihr Erfolgsgeheimnis zugleich ist: die Freiheit der Selbstbestimmung
gepaart mit einer leidenschaftlichen Neugier, die das Denken infiltriert und
das Weiterdenken in alle Richtungen ermöglicht und motiviert.
Der Schaden, der durch einen Knowledgeholder Value-Ansatz in die Universitäten
getragen wird, lässt sich in seinem Ausmaß erst in einigen Jahren
ablesen.
Der zunehmende Druck, der durch außeruniversitäre ökonomische
und gesellschaftliche Interessen in den Hochschulen aufgebaut wird, folgt
einem kurzfristig gedachten Ansatz. „Werthaftigkeit“ und „Nützlichkeit“
von Forschung und Lehre beziehen sich auf momentane Bedürfnisse und Ansprüche
und verlieren dabei Möglichkeiten aus den Augen, die erst in Zukunft
relevant werden könnten.
Die Opportunitätskosten, das heißt die Kosten, die dadurch entstehen,
dass bestimmte Möglichkeiten der Ressourcennutzung nicht wahrgenommen
werden, weil sie diesen momentanen Anforderungen nicht gehorchen, könnten
immens sein.
Wer daher von den Universitäten fordert, dass sie in einem unternehmerischen
Prozess Wissen vermittelt, Forschung rein zweckorientiert steuert und für
das Berufsleben ausgebildete Akademiker produziert, hat das Wesen der Universität
nicht verstanden.
Ist Wissenschaft weiterhin die Suche nach Wahrheiten, und sei es in der Auflösung
von Wahrheiten oder der Zersplitterung in eine Vielzahl von Ansichten, Methoden
und Denkwegen, so bleibt sie – und dieses gilt für alle Fächer
– letztendlich nicht steuerbar.
Wissenschaft muss sich ihren Zweck selbst definieren und zwar in jedem einzelnen
Lernenden und Lehrenden, was zunächst nichts anderes bedeutet als die
Freiheit von Lehre und Forschung. Diese Freiheit schließt einen bewussten
und anerkennenden Umgang mit dem Zufall und der ihn provozierenden Wahrscheinlichkeiten
ein. Nur so kann Wissenschaft von Erkenntnis zu Erkenntnis gelangen.
Letztendlich bleiben selbst die akademischen Verteidigungsbewegungen, die
sich insbesondere in den Geisteswissenschaften gegen eine ökonomische
und pragmatische Ausrichtung der Universität formieren, auf Umwegen der
Logik der Quantifizierung verhaftet.
Sie setzen ebenfalls das Nicht-Messbare, das Nicht-Beobachtbare als offensichtlichen
Nutzen unserer Bildungsanstalten voraus. Charakterstärke, Persönlichkeitsentwicklung,
Abstraktionsfähigkeit, Lösungskompetenz et cetera werden hier genannt.
Es erinnert alles an Don Quixotes Kampf gegen Riesen, die eigentlich Windmühlen
sind, die wie Elfenbeintürme aussehen.
Die Gretchenfrage bleibt im Raum stehen: Wie lässt sich der gesellschaftliche
Nutzen eines Studienfaches messen?
Antwort: Gar nicht!
Zur Person
Christian Pohl hat nach einer Banklehre Germanistik und Wissenschaftliche Politik in Freiburg studiert. 2004 promovierte er zu einem medientheoretischem Thema. Der Titel seiner Dissertation lautet „Grundlagen einer systemtheoretischen Medienbetrachtung”.
Universitäre
Forschung und Lehre haben unbestreitbar einen gesellschaftlichen Nutzen. Zweifelhaft
bleibt jedoch, ob und wie sich dieser Nutzen von außen steuern lässt.
Mit dem Trend, an deutschen Universitäten die „Werthaftigkeit“
von Wissenschaft und Fächern zu messen, beschäftigt sich Christian
Pohl.

