Hier werden Sie geholfen

*Ein Leitfaden für alle, die gerne Naturwissenschaftler werden wollen. Für Frauen haben wir leider keinen Platz.

Einleitung, Ergebnisse, Diskussion. Aber nein, wir sind ja Englisch. Also: Introduction, Results, Discussion. So sieht die ideale Struktur einer modernen naturwissenschaftlichen Arbeit aus. Und genau so sollte man auch denken. Wenn Sie dieses Denkmuster einmal verinnerlicht haben, sind Sie eigentlich schon ein gemachter Mann. Gemachte Frauen haben leider Pech gehabt, denn im Büro-Thron sitzen darf nur, wer genügend Testosteron mitbringt.

Sie wollten schon immer einmal etwas Neues ausprobieren? Kommen Sie zu uns. In den Naturwissenschaften wird Ihnen das Lachen schon noch vergehen. Verrückte Ideen sollten Sie lieber gar nicht erst realisieren wollen. Am besten, Sie wissen schon vorher, was bei Ihren Experimenten herauskommt. Denn nur dann können Sie einen gelungenen Projektvorschlag einreichen. Zu Neudeutsch: Ein Project Proposal. Netter Name. Macht nichts, Hauptsache Arbeit.

Moment mal. Das klang jetzt aber ganz schön negativ. Was ist mit all den großen Denkern, Forschern, Nobelpreisträgern? Sie waren ja schließlich fast alle Naturwissenschaftler. Von einigen Entgleisungen abgesehen. Nehmen wir zum Beispiel Charles Darwin. Dem ist schließlich das Lachen niemals vergangen. Aber hätte jemand wie er heute noch eine Chance? Der Wettbewerb lässt keinen Platz für Spinner. Wer zwanzig Jahre an einer einzigen Theorie herumbastelt, der kann ja gar nicht wirklich gut sein. Zeit ist Geld.

Geld ist sowieso das Allerwichtigste. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Vertrag erstmal nur um einen Monat verlängert wird. Sie können jederzeit rausfliegen. Wenn das nicht Freiheit ist! Der Menschheit langer Traum vom Fliegen, er wird endlich wahr. Glauben Sie im Ernst, Sie können ruhig arbeiten, wenn Ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Na gut. Nehmen wir einmal an, Sie sind wirklich gut. Echte Elite. Reichen Ihnen dann 900 Euro im Monat, für zwei Jahre? So viel gibt beispielsweise der Bayerische Staat aus, um seine besten Doktoranden zu fördern. Grandios. Das ist weniger als eine halbe Doktorandenstelle. Nach ostdeutschem Tarifvertrag.

Sie wollen mehr? Ach ja, fast hätten wir es vergessen: Sie haben natürlich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, wenn das Stipendium erstmal ausgelaufen ist. Unsere Elite ist also bestens vorbereitet. Wie sagt es sich so schön: Nur wer wenig hat, kann viel geben. Aber es kommt noch besser.

Gehen wir mal eine Stufe tiefer. Sie wissen ja, in Deutschland ist alles nach einer so genannten Hierarchie geordnet. Wer am meisten hat, bekommt auch am meisten. Also, Ebene Null: Die Diplomanden. Die sind das Unterste, was wir zu bieten haben. Denn vor dem Diplom dürfen Sie ja eh nicht forschen. Da müssen Sie schön ruhig in der Vorlesung sitzen. Nehmen wir also an, Sie schreiben gerade Ihre Diplomarbeit. Das BAföG ist schon ausgelaufen, Sie sitzen also auf dem Trockenen. Ihre Arbeit haben Sie natürlich noch nicht offiziell angemeldet. Sie brauchen Geld? Kein Problem.

Arbeiten Sie doch einfach nebenbei als Sekretärin für Ihren Professor. Pardon. Als studentische Hilfskraft, versteht sich. Da fließt die Kohle, Ihre Diplomarbeit kann da ruhig warten. Und machen Sie sich keine Sorgen, wenn’s mal zwei Jahre dauert, bis Sie fertig werden. Da Sie Ihre Arbeit ja noch nicht offiziell angemeldet haben, kriegt es ja eh keiner mit. Hauptsache, Sie sind noch ein paar Jährchen geschützt vor der rauen Wirklichkeit des Arbeitslosenlebens.

Am besten, Sie schreiben Ihre Arbeit über ein Thema, das keinen interessiert. Der Vorteil: Keiner redet Ihnen rein, und Sie können jederzeit gezwungen werden, noch weiter zu arbeiten. So lange, bis Sie vielleicht doch was Interessantes herausgefunden haben. Und lassen Sie sich bloß nicht zu anspruchsvollen Tätigkeiten hinreißen. Machen Sie einfach das, was von Ihnen erwartet wird. Lieber noch ein bisschen weniger. Hauptsache, alles, was im Proposal steht, geht in Erfüllung. Wie bei einem Wunschzettel.

Es gibt da übrigens Leute, die sehr große Wunschzettel haben. Reisen in ferne Länder zum Beispiel. Alles bezahlt, von Uni, DFG und Co. Wie schaffen die das bloß? Ganz einfach! Sie suchen sich eine schöne Konferenz aus. Ibiza, Sardinien, Hawaii. Natürlich lassen sie sich nicht davon abbringen. Ihre Doktoranden können selber zahlen, Hauptsache sie haben mal wieder ein Schnäppchen mehr gemacht. Fürst Class. Die Faustregel: Je mehr sie Ihre Mitarbeiter sparen lassen, umso mehr bleibt für sie selbst übrig. Das fängt schon bei den Schreibwaren an. Papier, Taschentücher, Bleistifte sind natürlich selbst zu zahlen. Von dem Geld kaufen sie sich dann einen neuen Flachbildschirm.

Doch wer unten ist, der soll auch unten bleiben. Nicht Ibiza, sondern Büro. Nicht Hawaii, sondern Labor. Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Und genau so muss unser deutscher Wissenschaftsnachwuchs ausgebildet werden. Je strenger die Selektion, umso besser, denn die Arbeitsplätze sind gezählt.

„Wir brauchen mehr Hochschulabsolventen“ ruft der einmündige Chor der internationalen Bildungs-Beurteiler. Man könnte auch das Gegenteil fordern: „Werdet Friseur!“ Denn Friseure wird man auch in hundert Jahren noch brauchen.

Beitrag von Christoph Scherber.

Zur Person

Christoph Scherber (29) promoviert im Fachbereich Biologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Kategorien

Themen: Hochschule
backprinttop

Newsfeeds

Online-Recherche

Suchmaschinen, Infos, Datenbanken » mehr

Rezensionen

Buchrezensionen der sg-Redaktion » mehr

Wettbewerbe

Forschungswettbewerbe in der Übersicht » mehr

Podcasts

Übersicht wissenschaftlicher Podcast-Angebote » mehr

Mitmachen

Anzeige