Ein Faktor gegen das Vergessen
Wer Professor Tuszynski erreichen will, hat es schwer. Er ist derzeit wahrscheinlich einer der meistgefragtesten Alzheimer-Forscher. Schließlich hat er im Mai 2005 einen Text in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ publiziert, der die Fachwelt aufhorchen ließ: „A phase 1 clinical trial of nerve growth factor gene therapy for Alzheimer´s disease“ – eine Studie, in der er eine neue Alzheimer-Therapie erstmals am Menschen testet.
Ein 57-minütiges Interview mit Tuszynski ist hier zu sehen.
„Wir haben heute die Chance, Techniken zu entwickeln, von denen wir früher niemals zu träumen gewagt hätten“, sagt Tuszynski. Sein Traum: Ein Wachstumsfaktor soll verhindern, dass Gehirnzellen von Alzheimer-Patienten absterben.
„Dieser so genannte Nervenwachstumsfaktor ist ein Protein, das ganz normal im Gehirn vorkommt“ – nur leider nicht an der Stelle, an der es bei Alzheimer-Patienten nötig ist. Tuszynski hat eine Idee, wie er diesen Mangel ausgleichen kann: „Gentherapie ist für uns die Methode der Wahl, um den Faktor ins Gehirn einzuschleusen“.
Mehr als fünfzehn Jahre lang hat er seine Therapie an Zellkulturen entwickelt, an Ratten getestet und die Ergebnisse an Affen bestätigt. Nun ist die erste klinische Studie mit acht Alzheimer-Patienten abgeschlossen.
Am Anfang war es unmöglich gewesen, das Eiweiß „NGF“ („Nerve Growth Factor“) ohne katastrophale Nebeneffekte ins Gehirn einzuschleusen. Die Versuchstiere litten unter Gewichtsverlust und Schmerzen, Zelltypen begannen auszuwandern und unkontrolliert zu wachsen. Das lag nicht zuletzt daran, dass es an einer geeigneten Methode mangelte, den wachstumsfördernden Stoff punktgenau an den gewünschten Ort im Gehirn zu bringen.
„Mit Hilfe der Gentherapie können wir dieses Problem umgehen“, so Tuszynski, „denn wir können eine kleine Gruppe von Zellen in einer ganz bestimmten Gehirnregion mit dem Wachstumsfaktor versorgen“.
» Welche Gehirnregionen sterben bei Alzheimer ab?
(Animation, WMV, 94 KB)
Das Prinzip ist einfach: Tuszynski und Kollegen entnehmen jedem Patienten eine kleine Menge an Hautzellen, die man Fibroblasten nennt. Diese erhalten durch Gentransfer eine zusätzliche Erbinformation – in diesem Falle für den Nervenwachstumsfaktor NGF. Wenn die Transformation der Fibroblasten geklappt hat, injiziert man sie dem Patienten direkt mit einer feinen Nadel ins Gehirn. Dort geben die Zellen dann Nervenwachstumsfaktoren in ihre Umgebung ab, und regen so Nervenzellen zu neuem Wachstum an.
„Natürlich ist das Ganze auch mit Risiken verbunden“, räumt Tuszynski ein. Und genau diese seien der Grund für die klinische Studie gewesen. „In einer sogenannten Klinischen Studie der Phase 1 geht es um die Sicherheit einer neuen Therapiemethode“, erklärt er. „Das heißt: Wir wollten herausfinden, ob Gentherapie eine sichere Form der Alzheimerbehandlung darstellt“.
Das Ergebnis: Bei den Patienten, denen NGF-produzierende Zellen injiziert wurden, sterben die Nervenzellen weniger schnell ab als bei normalen Alzheimer-Patienten. In der Umgebung der NGF-produzierenden Zellen konnten die Forscher sogar neues Wachstum von Nervenzellen beobachten.
Ein schwerer Rückschlag
Während der klinischen Studie starb ein Patient. Warum? » ganzer
Text
„Unsere Studie ist natürlich erst der Anfang“, gibt Tuszynski
zu bedenken. „Wir hatten zum Beispiel keine Placebo-Gruppe“.
Außerdem starb einer der acht Patienten fünf Wochen nach der Operation.
Trotzdem: Die Ergebnisse der Studie können dabei helfen, zukünftige
Versuche zur Gentherapie bei Alzheimer sicherer zu machen.
Wie wird also die Zukunft aussehen? Wie lange wird es noch dauern, bis Alzheimer wirklich therapiert werden kann? Lesen Sie dazu unser Interview mit Armin Blesch, Forscher am Institut von Mark Tuszynski an der University of California San Diego (USA).
Links zum Thema
- „Meet the dean“ – Ein Online-Vortrag von und mit Mark Tuszynski
- Videos: Gehirnverlust bei Alzheimer
- Interaktiver Gehirnatlas
- Homepage der Arbeitsgruppe von Mark Tuszynski
Zur Person
Christoph Scherber (28) promoviert in Biologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Literatur
- Gouras, G. K. (2001) Current theories for the molecular and cellular pathogenesis of Alzheimer´s disease. Expert Reviews in Molecular Medicine, 31.May, www-ermm.cbcu.cam.ac.uk/01003167h.htm
- Klyobin, I. et al. (2005) Amyloid ß protein immunotherapy neutralizes Aß oligomers that disrupt synaptic plasticity in vivo. Nature Medicine, Vol. 11m No. 5m 556-561.
- Mattson, M.P. (2004) Pathways towards and away from Alzheimer’s disease. Nature, Vol. 430, 631-639.
- Tuszynski, M.H. et al. (2005) A phase 1 clinical trial of nerve growth factor gene therapy for Alzheimer disease. Nature Medicine, Vol. 11, No. 5, 551-555.
Forscher aus Nordamerika sind bei der Bekämpfung der Alzheimer-Erkrankung
einen großen Schritt vorangekommen. Sie haben Patienten gentechnisch
veränderte Hautzellen ins Gehirn injiziert.

