Fünfmal Gold für Zukunftsvisionen
Die Liste der Zukunftsängste junger Menschen liest sich wie ein nicht enden wollender Albtraum: Wir werden später keine Rente bekommen! Wer neben dem akademischen Abschluss nichts vorweisen kann, kriegt keinen Job! Die Gesellschaft wird überaltern und wir müssen die Pflege zahlen! – klingt alles grauenhaft. Doch was ist dran?
Der Deutsche Studienpreis der Körber-Stiftung
wird seit 1996 ausgeschrieben. Er soll vor allem junge Wissenschaftler aber auch Architekten, Künstler und Designer zu eigenständigen und unkonventionellen Arbeiten ermutigen.
Wohin wird sich die Gesellschaft entwickeln? Wie sollen wir der Zukunft begegnen? Die Körber-Stiftung sucht Antworten auf diese Fragen. Deshalb schrieb sie den Deutschen Studienpreis 2004 unter dem Motto „Hauptsache Arbeit: Mythos Markt?“ aus. 351 Studenten, Doktoranden und bereits Promovierte sandten ihre Arbeiten ein. Sieben von ihnen wurde am 2. Mai im Leibnizsaal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften der erste Preis verliehen. Die beiden Zweierteams und die drei Einzelkämpfer erhielten jeweils 5000 Euro und eine goldene Trophäe.
Eine goldene Säge bekamen Christiane Mück und Karen Mühlenbein. „Lohnt sich ein akademischer Abschluss heute noch?“, wollten die beiden Doktorandinnen wissen und fanden heraus, dass Akademiker heute kaum noch mehr verdienen als Berufstätige ohne Hochschulabschluss. „Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, für Akademiker immer noch geringer“, sagte Karen Mühlenbein bei der Preisverleihung.
Wie kulturelle Missverständnisse unter Arbeitskollegen aus verschiedenen Ländern über Erfolg oder Misserfolg einer internationalen Firma entscheiden können, untersuchte Christin-Melanie Fuchs am Beispiel deutscher Arbeitnehmer in Brasilien.
Die Deutsch-Brasilianerin kennt kulturelle Konflikte aus eigener Erfahrung: „Brasilianer planen viel kurzfristiger als Deutsche und vermissen gleichzeitig eine gewisse Spontaneität ihrer deutschen Kollegen“, meint sie. Für ihre Studie bekam sie einen goldenen Spaten.
» vergrößern
Die Mistgabel in Gold ging an Christian Apfelbacher und Anne Giebel. „Who cares?“ wollten die beiden wissen und untersuchten die Situation in der Altenpflege in Deutschland. „Trotz der hohen Arbeitslosigkeit, fehlen schon heute qualifizierte Pflegekräfte“, sagt Apfelbacher. Die Gründe für diesen Notstand sehen die Preisträger vor allem in der Geschichte von Pflegeberufen: Früher waren es Nonnen, ehrenamtliche Mitarbeiter karitativer Einrichtungen und nicht zuletzt Hausfrauen, die alte Menschen betreuten. Die Studienpreis-Gewinner fordern eine stärkere „Anerkennungskultur“ für ehrenamtliches Engagement. Außerdem müsse der Berufsstand des Pflegers gesellschaftlich höher angesehen werden.
Am Theater sind arbeitstechnisch längst neue Zeiten angebrochen: Projektarbeit, Flexibilität, Mobilität und die als Selbstverwirklichung empfundenen Verschmelzung von Beruf und Privatleben stehen hier längst auf dem Spielplan. Ihr Beitrag über die „Schöne neue Arbeitswelt?“ am Theater bescherte Doris Eikhof eine goldene Axt.
Doch der Deutsche Studienpreis richtet sich nicht nur an junge Wissenschaftler. Auch Designstudenten haben eine Chance. Susanne Ludwig nutze sie und gewann mit ihrer Diplomarbeit. Sie fotografierte bankrotte Betriebe. Mit ihrem Thema Insolvenz dokumentiert sie die verdrängte Seite der Marktwirtschaft, die in der Industriefotographie sonst nicht gezeigt wird. Auf den Fotos sind keine Menschen zu sehen – doch die leeren Büros und ausgestorbenen Betriebshallen zeigen Spuren der Arbeit. „Gerade das Fehlen der Angestellten macht die bedrückende Situation nach der Pleite spürbar“, sagte die Fotografin auf der Bühne, nachdem ihr ein goldener Hobel überreicht worden war.
Die Juroren des Deutschen Studienpreises 2004 gefiel vor allem die kreative und unkonventionelle Herangehensweise an das Thema „Mythos Markt?“. „Der Preis belohnt auch Querdenker, was im Universitätsalltag eher selten der Fall ist“, sagte Wolf Schmidt, Vorstandsmitglied der Körber-Stiftung. „Den jungen Preisträgern ist jede Ideologie suspekt. Sie glauben weder an Marx noch an den Markt“, meint Lothar Dittmer, Geschäftsführer des Deutschen Studienpreises.
Doch das Thema ist noch lange nicht gegessen. Auch in der diesjährigen Ausschreibung des Deutschen Studienpreises geht es um Arbeit. „Ausweg Wachstum?“ ist die Frage, der sich junge Geistes- und Naturwissenschaftler, Architektur-, Kunst- oder Designstudenten im Jahr 2005 widmen sollen.
Bleibt zu hoffen, dass – wenn deutsche Akademiker sich weiterhin als Dauerpraktikanten die Klinke in die Hand geben und Jugendliche keine Ausbildungsplätzen finden, während Firmen händeringend qualifizierte Kräfte suchen – jemand die Schaufel in die Hand nimmt. Und hoffentlich fasst er sie dabei nicht mit Samthandschuhen an – als wäre sie aus Gold.
Links zum Thema
Zur Person
Dagny Lüdemann studierte Biologie und Französisch an der Universität Hamburg und der Université Paul Valéry in Montpellier. Als freie Wissenschaftsjournalistin schreibt sie unter anderem für Spektrum der Wissenschaft und den Berliner Tagesspiegel.
Literatur
- „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“, Jeremy Rifkin, Campus Verlag 2004
- „Das Methusalem-Komplott“, Frank Schirrmacher, Blessing Verlag 2004
Fürs Querdenken belohnt wurden in diesem Jahr sieben junge Leute, die sich mit dem Thema „Mythos Markt“ beschäftigt hatten. Jeder von ihnen erhielt eine eigentümliche Trophäe: Ob goldene Säge, Mistgabel oder Spaten – sie alle freuten sich über den ersten Platz beim Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung.

