Die Evolution der Präsentationstechnik
Der englische Schriftsteller Charles Dickens war ein brillanter Vortragskünstler.
Seine Lesungen waren hoffnungslos überfüllt, die Atmosphäre
spannungsgeladen: manche Frauen vielen in Ohmacht, wegen der drastischen Schilderungen
des Elends. Um seine Zuhörer zu fesseln reichten Mimik, Gestik und wohlgesetzte
Worte völlig aus. Diese Zeiten sind vorbei. Wer heute das Medium Sprache
beherrscht und darauf baut, der beginnt seinen Vortrag meist mit einer Entschuldigung.
Denn ein bloßer Vortrag ist beinah peinlich, heute wird nämlich
nur noch „präsentiert“. Tauchen also tatsächlich Referenten
ohne Folien oder Power-Point-Präsentation auf, so sind das entweder von
Zeitgeistkonzessionen freie Professoren oder waghalsige Kandidaten, die meinen
nicht beweisen zu müssen, wie unglaublich modern und professionell sie
sind.
Seit dem sprachmächtigen 19. Jahrhundert hat die Wissensvermittlung,
wozu auch der Vortrag einmal gehört hat, eine rasante Evolution der Visualisierung
erlebt. Man könnte auch zeitgeistiger sagen: einen iconic turn. Zuerst
wurden die Kreidetafeln hinzugenommen, an denen Generationen von Schülern
traumatisiert wurden, weil sie vorrechnen oder vordeklinieren mussten. Heute
tauchen Kreidetafeln nur noch in der journalistischen Fotografie auf: voller
unverständlicher mathematischer Formeln gekritzelt, davor steht meist
ein etwas wirr dreinschauender Naturwissenschaftler. Dann kamen die Folien
und Overheadprojektoren. Damit verbindet man hauptsächlich die völlig
verrückte Anfrage des Referenten ans Publikum: „Kann man das lesen?“.
Man konnte es niemals lesen, aber dennoch blieben alle bei der von Word voreingestellten
12-Punkt-Schriftgröße. Der abgedunkelte Raum wurde allerdings durch
die Projektoren gemütlicher, es kam beinah Kinoatmosphäre auf. Nur
das Popcorn fehlte, und Schlafen wurde nun unauffälliger.
Die dritte Stufe der Entwicklung erweiterte das Spiel aber ungemein. Jetzt
kamen Techniker ins Spiel, teure Beamer und empfindliche Laptops, viele Farben,
bewegte Bilder, Sonderzeichen und Fotos, sogar Musik, Stimmen und Geräusche.
Die Tafel und der Projektor verschwanden, der Referent war plötzlich
wieder an einen Standort gefesselt, ans Klicken der Maus. Die Power-Point-Präsentation
hat sich nicht nur durchgesetzt, sie ist quasi obligatorisch geworden. Inzwischen
funktionieren die Beamer zuverlässiger, Tagungshäuser ohne professionelle
Technikbetreuung geraten ins Abseits. Der Techniker heute ist wichtiger als
die Raucherpause und die Qualität des Kuchens. Das ist alles wunderbar.
Nichts macht technikverliebten Männern (und leider auch den sprachbegabteren
Frauen) mehr Freude, als die Möglichkeiten des Microsoft-Programms auszutesten.
Endlich fühlt man sich bei der Vorbereitung von „Vorträgen“
wie ein Filmemacher: Man schneidet Filme, verschiebt Sounddateien, wählt
Fotos aus, Schriftgrößen und Bewegungen, gestaltet farblich. Endlich
wird das sonst unsichtbare Wissen der Wissenschaften sichtbar. So eine unterhaltende
Präsentation fasziniert die eigenen Kinder, die Lebenspartner und sogar
noch die Eltern.
„Rasante Evolution der Visualisierung“
Das Monopol der Präsentation allerdings hat sich abgenutzt. Tagungen
sind geworden wie eine lange Kinonacht, in der alle drei Teile vom „Herrn
der Ringe“ gezeigt werden. Natürlich ist Peter Jacksons Fantasie-Trilogie
auf der Ebene der digitalen Tricks und der künstlichen Landschaften und
Wesen ein Erlebnis, allerdings nur, wenn man alle Dialoge und eigentlich die
ganz unsäglich infantile Handlung des Films ignoriert. Nur: Durch den
Hokuspokus auf der visuellen Ebene vergisst man glatt, dass es Inhalte und
eine Geschichte einmal gab. Übertragen auf die Vortrags-Kultur kann man
feststellen, dass die Protagonisten der Generation Power Point immer blasser
werden hinter den visuell expandierenden Aspekten ihrer Präsentationen.
Tagungsfotos sehen daher aus wie aus dem Bildkatalog der Werbeagenturen: smarte
Referenten, kurzhaarige Männer in Anzug mit eckigen Brillen, Frauen mit
Pagenkopf und Kostüm, rhetorisch glatte Sprache und Gestik – videotrainiert
–, attraktiv, idealgewichtig, makellos, sympathisch. Es betrifft aber
auch viele ältere Referenten, die nun mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit
am Laptop ihre Modernität, Jugendlichkeit und Professionalität belegen
können. Aktuell muss das Medium sein, nicht der Inhalt. Es würde
bei Alten und Jungen allerdings kaum auffallen, wenn Atavare diesen Part übernähmen
oder Schauspieler – wäre es ein Unterschied?
Auch die Interaktion mit dem Publikum ist betroffen. Als es noch wie ursprünglich
„Vortrag mit Diskussion“ hieß, ließen sich nicht alle
Zuhörer mit einer bloßen Präsentation abspeisen. Aber die
glatte Perfektion der Präsentation, die Vielzahl an Grafiken, O-Tönen
und Filmen versetzt den Hörer in Fernsehstimmung. In der ist man gewöhnt
umzuschalten, aber nicht nachzufragen. Nach einer gelungenen Präsentation
entstehen überhaupt gar keine Fragen mehr, es sind einfach keine im Kopf
der Zuhörer, weil es keine Irritationen gab. Alles klingt plausibel,
vor allem: es sieht schlüssig und rund aus. Tauchen tatsächlich
Fragen auf, dann gibt es nur noch Antworten wie „Da haben Sie mich falsch
verstanden“, „Ich wollte damit keinesfalls sagen, dass ...“
oder schlimmer noch: „Ach, das konnte man schlecht lesen“.
Damit wird deutlich, dass die technische Entwicklung und die unbändige
Freude daran keinen Fortschritt für die Aneignung gebracht haben. Im
Kopf hat man, wie auch nach dem Fernsehen, die Bilder, Töne und Farben.
Vielleicht das wiederkehrende Logo der Uni, die Marke des Laptops oder die
Pannen der Technik. Man wurde unterhalten, nur das Popcorn fehlte noch. Aber
was hat man gelernt? Was weiß man nachher, was man vorher nicht wusste?
Vielen nehmen neue ästhetische Anregungen für die eigene Präsentation
mit nach Hause. Das Medium ist die message. Bei Wissenshungrigen erzeugt das
eine seltsame Sehnsucht: nach den alten Hasen, die ihre Muttersprache noch
so gut beherrschten, dass irritierende Sätze, Begriffe und Gedanken auftauchten;
deren Vorträge zwar nicht unterhaltend waren, man aber nach vier Wochen
immer noch das eine oder andere davon im Kopf hatte. Es ist ein wenig wie
bei den Kurzromanen von Arno Schmidt, für die man zwar länger braucht
als für 600 Seiten Stephen King – von denen aber dennoch mehr hängen
bleibt.
„Seltsame Sehnsucht nach den alten Hasen“
Wie die Schreibmaschine Auswirkungen auf die schöne Literatur hatte,
so formt die Technik der Präsentation sehr subtil das vermittelte Wissen.
Für die Power-Point-Präsentation muss alles in Stichworte passen.
Die Inhalte werden farblich, typographisch, durch Fotos und Geräusche
vorinterpretiert. Es geht hier primär um Ästhetik, nicht um Wissen.
Es geht um Inszenierung, nicht um Lernen. Zudem sind die Präsentationen
so gestaltet, dass sie meist ohne den Referenten rezipierbar sind, wie ein
gutes Script. Nach der Tagung stehen sie als pdf im Netz, der Referent ist
also per se überflüssig. Der nächste Schritt der Visualisierung
ist damit natürlich angedeutet: Auch die persönliche Präsentation
durch einen Referenten wird überflüssig, Tagungen an sich werden
überflüssig. Kuchen gibt es bei jedem Bäcker, jeder besitzt
ein Telefon, und Kinos gibt es in jeder Stadt – und da gibt es auch
Popcorn.
(Dieser Text ist zuerst erschienen in: DIE – Zeitschrift für Erwachsenenbildung,
11. Jg, Nr. 4, 2004, S. 48–49)
Zur Person
Dr. Frank Berzbach arbeitet an der Universität Tübingen
und benutzt bei Vorträgen Powerpoint. Nach diesem Text wird das nicht einfacher.
Literatur
- Bücher ohne Bilder, Infokästen und beigelegte CD-ROM gibt es
in jeder Buchhandlung.


