Traumberuf Professor?

Peter FrankenbergWas tut sich im „Musterländle“ Baden-Württemberg in Sachen Hochschulpolitik? Ein kritischer Seitenblick nach der Ankündigung von Studiengebühren.

Peter Frankenberg hat es schwer an diesem kühlen Januartag in Freiburg. Vor der Pädagogischen Hochschule versperren ihm wütende Studierende den Weg in die Innenstadt. Sie protestieren lautstark gegen die Ökonomisierung der Hochschulen und die vermeintliche Benachteiligung finanzschwächerer Familien durch Studiengebühren. Als Frankenberg schließlich mit einiger Verspätung im Stadtzentrum eintrifft, um auf Einladung der CDU-Nachwuchsorganisation „Junge Union“ in kleinem Kreis unter dem Titel „Traumberuf Professor?“ über die Zukunft des akademischen Nachwuchses in Baden-Württemberg zu diskutieren, wartet schon die nächste Demonstration auf ihn. Durch die Freiburger Kaiser-Joseph-Straße, die Einkaufs- und Flaniermeile der beschaulichen Zähringerstadt, schlängelt sich eine dreihundert Meter lange Unterschriftenrolle gegen Studiengebühren, ausgelegt von Studierendenvertretern. Trillerpfeifen und Sprechchöre lärmen. Die Bereitschaftspolizei löst eine Sitzblockade auf.

Peter Frankenberg
wurde am 29. Juni 1947 in Bad Honnef geboren. Er besuchte dort das Gymnasium. Nach dem Abitur (1967) studierte er Geschichte, Geographie und Geologie an der Universität Bonn und von 1972 bis 1976 Botanik.
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Seine Rolle als Buhmann, der bei jedem Auftritt heftige Proteste von Studierenden provoziert, hat der Christdemokrat Frankenberg, ehemals Uni-Rektor aus Mannheim und seit 2001 Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, von seinem Vorgänger geerbt. Mit Reizwörtern wie „unternehmerische Hochschule“, der erfolgreichen Klage gegen das Verbot von Studiengebühren in Karlsruhe und seinem unerbittlichen Kampf gegen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn macht Frankenberg seiner Rolle allerdings auch alle Ehre. Vor gut zwei Dutzend Nachwuchsakademikerinnen und Jungforschern will der Minister an diesem Nachmittag jedoch vermitteln, dass es sich nach wie vor lohnt, den „Traumberuf Professor“ anzustreben.

Die Rahmenbedingungen dafür habe sein Bundesland in den letzten Jahren nachhaltig verbessert, so Frankenbergs Botschaft: Die „unternehmerische Hochschule“ versteht der Minister nicht im Sinne einer am Profit orientierten Firma, der es um die Massenproduktion von marktkonformen Turbo-Studenten geht. Hinter der in vielen akademischen Ohren provozierenden, in der Tat nicht ganz glücklichen Formel steht die Idee einer möglichst selbständigen Universität. Und dieser Vorstellung ist man Frankenberg zufolge in Baden-Württemberg schon sehr nahe gekommen: Von den ehemals weit über 200 Weisungs- und Mitspracherechten liegen inzwischen nur noch 30 in Frankenbergs Ministerium. Die Abteilung 3, einst zuständig für Berufungen, wird gerade „umgeschult“. Nun müssen etliche Beamte in Klausursitzungen mit dem Minister lernen, sich nicht mehr in Berufungsverfahren einzuschalten – denn die liegen jetzt allein im Verantwortungsbereich der Universitäten. Lediglich ein „kleines Widerspruchsrecht“ hinsichtlich der Verfassungstreue der Nominierten verbleibt beim Land. Auch Gehaltsverhandlungen, Stellen- und Mittelverteilung, teilweise sogar die Auswahl der Studierenden regelt im „Musterländle“ das Rektorat beziehungsweise der jeweilige Fachbereich der Hochschule selbst. Hinter diesen Neuerungen stecke, so betont der Minister mehrfach, keineswegs die pure Lust an der Konfrontation mit der kritisierten Kollegin in Berlin: „Nicht Länder gegen Bund, sondern möglichst große Autonomie für die Hochschulen“, laute seine Devise. Dazu gehöre in Zukunft auch ein flexibles Besoldungsrecht für Universitäten, damit diese attraktive Spitzenforscherinnen und talentierte Juniorprofessoren auch in pekuniärer Hinsicht vom Forschungsstandort Deutschland überzeugen könnten.

Das dafür nötige Geld, so Frankenberg, könne in Zeiten dürftiger Haushalte jedoch nicht mehr allein das Land aufbringen. Sein Vorschlag lautet: Studiengebühren. Die Universität Freiburg beispielsweise, mit ihren etwa 22.000 Studierenden, könnte durch die Einführung des gebührenpflichtigen Erststudiums mit einer zusätzlichen Finanzspritze von bis zu zehn Millionen Euro rechnen. Ein paar zusätzliche HiWi- und Qualifikationsstellen dürften dann schon drin sein. Allerdings nur, so muss man einwenden, wenn das Geld auch tatsächlich in vollem Umfang und zur freien Verfügung an die Hochschulen fließt, ohne dass zugleich die Hochschuletats der Länder schrumpfen und den erhofften finanziellen Stimulus gleich wieder dämpfen.

Die so genannten Lecturer
sorgen an englischsprachigen Universitäten – neben den hauptamtlichen und Assistenzprofessoren – vor allem für den reibungslosen Ablauf der Lehre. Sie bieten regelmäßig zentrale Vorlesungen und Seminare aus dem Grundstudiumscurriculum ihres jeweiligen Faches an und entlasten so die Forschung. Ihr deutsches Pendant, die Akademischen Räte, wurde unlängst abgeschafft. Die Räte kümmerten sich neben der Lehre um die Studienberatung sowie Verwaltungsaufgaben und waren häufig auch an Gymnasien tätig.

Mehr Wettbewerb und eine bessere Finanzierung der Universitäten, Studiengebühren hin oder her, sind für die Zukunft sicherlich eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Denn man muss das Wettbewerbsprinzip erst konsequent zu Ende denken, wenn man wieder mehr Spitzenplätze für heimische Institute in internationalen Rankings und bessere Karrierechancen für Jungforscherinnen und Jungforscher aller Disziplinen erreichen will. Mit der Einführung neuer Abschlüsse, wie etwa des Bachelor nach 6 Semestern, ist es nicht getan. Im Gegenteil: Auch Frankenberg kann nicht erklären, welche Berufsaussichten einen Bachelor-Absolventen der Philosophie oder Germanistik erwarten. Verlage, Lektorate und Kulturinstitute können sich schon jetzt kaum vor Bewerbungen hochqualifizierter Magister- und Diplomstudenten retten. Wo ist da noch Platz für den Bachelor? Wäre es nicht ehrlicher, mithin wettbewerbsorientierter, stattdessen – wie es der Konstanzer Philosoph Jürgen Mittelstraß seit Jahren fordert – die Fachhochschulen massiv auszubauen, während die Universitäten sich wieder ausschließlich auf die Spitzenforschung konzentrierten? Mehr Wettbewerb hieße dann auch: weniger – und nicht mehr – Studierende, die allerdings zugleich motivierter und intelligenter zu sein haben als der bisherige Durchschnitt. Mehr Wettbewerb hieße auch: deutlich mehr Forschungsmittel, um die dann der länderweite Wettbewerb eröffnet werden könnte. Dazu ein differenzierteres Stellengefüge: Die Mitarbeiter-Stellen, die nur auf wenige Jahre befristet und noch dazu mäßig bezahlt sind, motivieren kaum, sich auf den abenteuerlichen Qualifikationsweg zum Professor zu begeben. Schon jetzt müsste man deshalb dringend über langfristig abgesicherte Dozentenstellen nach dem Muster angloamerikanischer „Lecturer“ nachdenken, als Alternative zum Professorenamt. Das gebietet schon die Einführung der neuen Abschlüsse und die hohe Zahl der Erstsemester, die an unseren Hochschulen in den nächsten Jahren vor allem eine solide Grundausbildung erwerben sollen. Tutorinnen, Lecturer und Professoren ergänzen und entlasten sich gegenseitig – und stärken damit die Autonomie der Hochschule, die neben attraktiver Lehre vor allem durch exzellente Forschungsbedingungen gewährleistet wird. Nebenbei bemerkt, würden mehr Stellen unterhalb der Spitze der universitären Stellenpyramide und ein angemessenes Gehalt möglicherweise auch dazu beitragen, die skandalös niedrige Geburtenrate in Akademikerkreisen anzuheben und Familiengründungen zu erleichtern. Diejenigen, die gern darauf hinweisen, dass unserer Gesellschaft gerade die Kinder aus den „bildungsnahen“ Schichten – sprich: „die Intelligenten“ – fehlen, müssen auch diesen Zusammenhang stärker als bisher auf die (finanz-)politische Tagesordnung setzen.

Finanz- und Hochschulpolitisch geradezu absurd wirkt übrigens das von Frankenbergs Kollegen aus den unionsgeführten Ländern gestützte konsequente Nein des Ministers gegen Edelgard Buhlmans Fördertopf für ausgewählte „Elite-Unis“. Dass nun ein Mammut-Projekt mit 1,9 Milliarden Euro Volumen womöglich für längere Zeit auf Eis liegt, obwohl manche Institute schon jede Menge Zeit in Anträge gesteckt haben, ist parteipolitisch unsinnig und für die Hochschulen ein Desaster – auch wenn man über Bulmahns naive Elitephantasien den Kopf schütteln mag.

Ganz gleich, wessen Konzept sich in der hitzigen Hochschuldebatte am Ende durchsetzen wird, das Resultat dürfte eine neue Hochschullandschaft sein, vergleichbar nur mit den Ergebnissen der hochschulpolitischen Umbauten in den 60er- und 70er-Jahren. Wer angesichts dessen trotzdem eine akademische Karriere anstrebt, sich den „Traumberuf Professor“ erarbeiten will, nimmt einiges auf sich. Er oder sie hat dafür allerdings derzeit nicht einmal die schlechtesten Chancen, meint zumindest Peter Frankenberg.

Der Minister macht Mut – ausgerechnet mit dem demographischen Faktor! In den nächsten Jahren, nach mehreren Pensionierungswellen, seien immerhin rund 40 Prozent der Professorenstellen neu zu besetzen. Gute Aussichten also? Nach wie vor ist der letztlich nicht planbare Weg zum „Traumberuf Professor“ mit vielen Unwägbarkeiten und Überraschungen gepflastert und erfordert vor allem eines: einen langen Atem. Den hatten die Demonstranten vor der Universität offenbar nicht. Als der umstrittene Politiker zu seinem Wagen eilt, warten auf ihn nur noch die drei Dutzend Bereitschaftspolizisten, die ihn an diesem Tag schon mehrmals sicher durch die Stadt gelotst haben.

Beitrag von Christian Dries
Bildquelle: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

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Christian Dries ist Redakteur dieses Magazins. Neben seiner HiWi-Tätigkeit arbeitet er zur Zeit an einem Lehrbuch zur soziologischen Modernisierungstheorie.

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Themen: Forschungspolitik | Hochschule
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