Oh, Tannenbaum...
Je näher die Weihnachtszeit rückt, desto schlimmer drängelt und quält die Frage: Was soll ich wem zum Heiligen Fest unter den Tannenbaum legen? Glücklich, wer nicht lange grübeln muss. Etwa weil er oder sie seit Jahren einfach immer wieder die gleichen Schecks mit den immer wieder gleichen Beträgen (natürlich ohne Berücksichtigung der Inflationsrate) an die Enkelkinderschar verteilt. Oder weil sich alle Schenkwilligen gemeinsam vorher absprechen (und damit neben den üblichen Einkaufs-Frustrationen auch gleich noch das leidige Umtauschen vermeiden). Vielleicht gehört er oder sie auch zu den überzeugten Abstinenzlern: Weihnachtskaufrausch? Ohne mich!
Auch Mitglieder von organisierten Gruppen, Vereinen und Stammtischen haben es leicht. Während andere verzweifelt durch die Kaufhallen, Juwelierläden und Boutiquen hetzen, schöpfen sie ihre Geschenkideen aus dem niemals versiegenden Reservoir verbindender Gemeinsamkeiten. Immer wieder spuckt diese unerschöpfliche Quelle verlässlich die guten alten Präsente in neuen Verpackungen und Varianten aus: Teekannen, Kochbücher, Turnschuhe, Anstecknadeln, Bildbände usw. usf. Vom Selbstgebastelten ganz zu schweigen.
Zu den Glücklichen gehören deshalb zwangsläufig auch alle farbentragenden Studentenverbindungen. Man schenkt sich dort, wie sonst unterm Jahr, nicht nur kräftig ein. Auch unterm Tannenbaum liebt man es rustikal. Bevor sich das gefürchtete Weihnachtsfieber auf den Häusern und während der Kneipe ausbreiten kann, greift man beherzt zum Versandkatalog für die farbentragende Korporation. Wahlweise und wesentlich zeitgemäßer aber auch in die Tastatur, um sich bei www.couleur.at oder www.studentenartikel.de mit dem idealen Geschenk für Bundesbruder und (eher selten) Bundesschwester einzudecken. Beim Verbindungsausstatter werden die schmissigen Freunde bierseliger Kameradschaft fündig: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, mit hohem Identifikationspotenzial und Wiedererkennungswert, mit langen historischen Wurzeln und Karriere fördernder Wirkung.
Da wäre zum Beispiel der unerlässliche „Zipfel“. Dem Uneingeweihten erschließt sich die Bewandtnis dieses kurzen Anhängsels nicht auf den ersten Blick. Ein Schelm (und/oder Psychoanalytiker), wer beim Lesen des Wortes unanständige Gedanken hegt. Er oder sie sei eines Besseren belehrt: Der „Zipfel“ (auch „Zipf“ genannt) ist alles andere als anstößig. Er ist gewissermaßen ein Verbindungsessential! Bei jeder Kneipe ist er Augenzeuge der bewährten Verrichtungen, als da wären: Kampftrinken, kollektive Produktion von Vollräuschen, mehr oder weniger artikuliertes Absingen deutschen Liedguts – anschließender Mordskater inklusive. Der kleine Schmuckanhänger (wahlweise als „Bier-“ oder „Sektzipf“ zu haben) besteht aus zwei unterschiedlich langen Stücken Stoffband in den traditionellen Verbindungsfarben (Couleur), das in Metall gefasst wird. An der oberen Metallfassung befindet sich ein kleines Kettchen mit Karabinerhaken, der den „Zipfel“ am „Zipfelhalter“ hält. Der „Zipfelhalter“ wiederum wird per Clip am Hosenbund oder an der Westentasche befestigt. Wie weiland das gute alte Fußballsammelbildchen werden die „Zipfel“ bevorzugt getauscht oder verschenkt. Sie sind – neben dem obligatorischen Sigelring – die Minimalisten unter den Erkennungsmerkmalen der Farbenträger.
Mit „Zipf“ oder Bierkrug kommt man an Weihnachten also nicht weit. Wer am 24. Dezember für leuchtende Augen auf dem Haus sorgen will, muss tiefer in die Tasche greifen: Wie wäre es zum Beispiel mit dem schweinsledernen „Allgemeinen Deutschen Kommersbuch“, selbstverständlich inklusive formschöner Biernägel, die das gute Stück bei feuchtfröhlichen Anlässen vor dem Verderben in weitflächigen Pfützen aller Art bewahren. Immerhin um die 100 Euro sind dafür zu berappen.
Wer sich am Fest der Liebe, statt friedfertig deutsches Liedgut zu trällern, eher für den gepflegten Schlagabtausch unter Freunden erwärmen kann, dem sei ein Stück aus der Abteilung Sekundantenausrüstung empfohlen: Welchem Farbenbruder liefe nicht das Wasser in den Augen zusammen, hielte er den vom Geschenkpapier erlösten Rückenschutz, nein, besser noch: den „Sekundantenschurz“ in seinen Händen. Anfängern hingegen muss man die Mensurhaube für die Probemensur ans Herz respektive auf den Gabentisch legen. Sie, die zärtlich auch „Muckhaube“ genannt wird, ist mit schlappen 74 Euro nur unwesentlich günstiger als die avantgardistische Mensurbrille (175 Euro), die an inzwischen aus der Mode gekommene Gasmaskenmodelle erinnert. Auch verbindungsferne Personen der Zeitgeschichte wie Mad Max hätte die fashionable Mensurbrille sicherlich sofort bestellt. Passend dazu bieten alle Studentenartikelversender scharfe Klingen für den gelungenen „Pauktag“. Weit gefehlt, wer hier an stupide Lernerei denkt. Die Pauker sind die engagierten Visagisten des (schlagenden) Verbindungspersonals. Mit ihren unmissverständlich „Paradeschläger“ genannten Fechtwerkzeugen sorgen sie kraftvoll für optische Akzente im (nicht mehr lange) makellosen Gesicht des Gegenüber. Ab 350 Euro bekommt man die Grundausstattung für die akademische Metzgerei, auf Wunsch sogar inklusive Gravur („Ihr Gesicht wurde verhackstückt von Freiherr Karl-Heinz von Schablonski“).
Wer es am Krippenfest doch lieber gediegener und vor allem unblutiger hat, greift zu den Krawatten unter den Studentenartikeln: Mit den guten alten Manschettenknöpfen oder einer Anstecknadel macht man garantiert nichts falsch („Oh, Manschettenknöpfe, wie schön! Danke, lieber Farbenbruder“). Auch ein „Trinkhorn“ (mit oder ohne Ständer!) kommt sicher immer gut, ebenso wie die schmucke – nomen est omen – „Schlägerbrosche“.
Modefetischisten bevorzugen den poppigen „Stulp“, der sich wahlweise auch in der Techno-Szene oder in jeder Baywatch-Folge sehen lassen könnte. Und wenn man sich in Verbindungskreisen richtig beliebt machen will, dann sollte man zumindest einmal im Leben die Ausgabe von nicht weniger als 1000 Euro für eine echte Galauniform (inklusive Stulpen, Hose, Couleurgürtelschnalle, Jacke, Bändchen, Hut, Handschuhe, „Paradeschläger“ u.v.m.) nicht scheuen. Das hat übrigens, neben unverbrüchlicher lebenslanger Kameradschaft, auch noch einen anderen Vorteil: Wer einem Farbenbruder den vollen „Wichs“ spendiert, spart insgeheim gewaltig an der Weihnachtsdekoration und schont damit die Verbindungskasse. Der Tannenbaum ist dann nämlich auf jeden Fall schon mal geschmückt. Noch besser: im neuen Jahr entsorgt der sich ganz von alleine, spätestens nach der ersten Januarkneipe. Auf vier Beinen, mit blutiger Backe und einem wunderschönen neuen „Zipfel“ am Revers...
Links zumThema
- Professionelle Homepage eines österreichischen Anbieters
- Ein weniger professioneller Internetauftritt aus Deutschland
- Eine weitere deutsche Fundgrube
- www.wikipedia.de
Wer mehr zum Thema wissen und lustige Bilder angucken will, muss nur das Stichwort „Studentenverbindung“ eingeben und sich durch den Text klicken
Zur Person
Karl Kater schreibt gelegentlich für dieses Magazin. Er trinkt lieber Wein als Bier und verletzt sich im Gesicht allenfalls beim Rasieren.
Literaturliste
- Klaus Theweleit (1990): Männerphantasien, 2 Bde. Reinbek bei Hamburg.
