Schmetterlinge im Kopf - wo sich die Liebe wirklich abspielt

Präriewühlmaus
Präriewühlmaus ( Microtus ochrogaster )
Foto : Cr. Thomas Curtis, Florida State University

Die Liebe ist ein seltsames Spiel – finden auch Wissenschaftler und erforschen das schönste aller Gefühle. An Hirnscans zeigen sie, was sich in den Köpfen von Verliebten abspielt, bei Mäusen entdecken sie das Treuegen und selbst dem weiblichen Orgasmus rücken sie zuleibe.

Irgendwo aus der Bauchgegend kommt dieses komische Gefühl von Glück – denken wir. Pausenlos muss man grinsen und fühlt sich wie krank. Die Stirn ist ganz heiß und das Herz rast. Komisch, schlecht geht es einem dabei eigentlich nicht – im Gegenteil. Die Liebe hat viele Facetten. Neben der romantischen, leidenschaftlichen Zuneigung zum anderen, manchmal auch zum eigenen Geschlecht, kennen wir die Mutterliebe, die Geschwisterliebe und andere Formen emotionaler Bindung. Was unterscheidet diese Gefühle voneinander und was passiert mit uns, wenn wir verliebt sind?

Andreas Bartels
Andreas Bartels schaut ins Gehirn von Verliebten
Foto: Andreas Bartels

Andreas Bartels , ein junger Neurobiologe aus Zürich, ist diesen Fragen auf den Grund gegangen. Gemeinsam mit Semir Zeki vom University College in London erforscht er die Liebe – im Kopf. Mit Hilfe von fMRI , einer besonderen Art der Computertomografie, scannen die beiden Wissenschaftler Gehirne von Verliebten und untersuchen, welche Regionen aktiv sind, wenn ein Mensch bis über beide Ohren verknallt ist. 17 Probanden legten sich dazu in einen Kernspintomografen. Während ihnen Fotos vom heiß begehrten Partner gezeigt wurden, machten Bartels und Zeki Schnappschüsse vom Gehirn.

Das Ergebnis: Bei allen Versuchspersonen leuchteten die gleichen vier Areale auf. "Es ist erstaunlich, dass die Aktivität im Gehirn bei einem derartig komplexen Gefühl wie der Liebe auf so eng begrenzte Regionen beschränkt ist", meint Bartels. Als Gegenprobe legte man den Verliebten auch Fotos von Freunden vor, in die sie nicht verschossen waren. Darauf sprangen die Liebeszentren nicht an.

Noch überraschter waren die Forscher, als sie den gleichen Versuch mit Müttern wiederholten, die auf Fotos von ihren Sprösslingen schauten. In unserem Empfinden ist es ein großer Unterschied, ob wir vor Aufregung zu sterben glauben, wenn uns der oder die Angehimmelte im Supermarkt begegnet oder ob wir das eigene Kind von ganzem Herzen lieben. Bartels und Zeki vermuteten, dass sich diese sehr verschiedenen Emotionen auch im Gehirn unterschiedlich darstellen würden. Doch falsch gedacht: Bei liebenden Müttern sind überwiegend die gleichen Hirnregionen aktiv wie bei liebestollen Partnern.

Anhand der fMRI-Aufnahmen konnten die beiden Forscher erkennen, was es ist, das die beiden Arten der Liebe vereint: Die Orte, an denen sich Liebe in unseren Köpfen abspielt, decken sich zu großen Teilen mit Regionen, die auch auf Drogen wie Kokain ansprechen. Liebe macht glücklich, weil sie unser Belohnungszentrum aktiviert, das uns berauscht und benebelt. So verstärkt die Natur Verhalten, das wir wiederholen sollen, sie erfreut uns mit Glücksgefühlen.

"Gleichzeitig wurden bei beiden Arten der Liebe Hirnareale deaktiviert, die mit negativen Gefühlen einhergehen", so Bartels. Und mehr noch: Blockiert wurden besonders die Regionen, die für die kritische Beurteilung eines Menschen verantwortlich sind. Liebe macht wirklich blind. Und das ist in den Augen der Forscher auch durchaus sinnvoll. Denn durch die rosarote Brille wird unsere natürliche Distanz zu anderen Menschen überwunden, wir gehen Beziehungen ein und unsere Bedenken gegenüber dem anderen werden im Zaum gehalten.

Zu wissen, wo die Liebe im Kopf ihr Unwesen treibt, reichte einigen Amorologen aber noch nicht. Sie wollten herausfinden, was genau passiert, wenn die Neuronen im Rausch der Leidenschaft ihre Signale abfeuern. Deshalb beschäftigten sich Miranda Lim und ihre Kollegen von der Emory-University in Atlanta mit den Molekülen, aus denen die Liebe ist. Vasopressin und Oxytocin heißen die Botenstoffe, die als körpereigene Drogen die Sinne berauschen, wenn Wühlmäuse verliebt sind. "Diese Stoffe werden vom Gehirn nach dem Sex ausgeschüttet oder im Zusammenhang mit anderen Verhaltensweisen bei der Fortpflanzung", so die Wissenschaftler. Bei Menschen ist das ähnlich. Auch Bartels fand bei seinen Probanden besonders diejenigen Bereiche im Gehirn stimuliert, in denen es von Andockstellen für die Liebesboten nur so wimmelt.

Wiesenwühlmaus
Wiesenwühlmaus ( Mycrotus pennsylvanicus )
Foto: Larry Young,
Emory University, Altlanta

Diese Empfängermoleküle, die Rezeptoren, entscheiden, ob eine körpereigene Glücksdroge überhaupt wirken kann. Verblüffenderweise kann ein einzelner Rezeptor über enorm komplexe Verhaltensweisen entscheiden, wie jetzt Lim und ihr Team zeigen konnten. Die Forscher verglichen zwei verschiedene Wühlmausarten: Männchen der Wiesenwühlmaus ( Mycrotus pennsylvanicus ) wechseln häufig die Partner, während Präriewühlmäuse ( Microtus ochrogaster ) sich mit einem einzigen zufrieden geben. Bei letzteren entdeckten die Forscher einen erhöhten Anteil an Vasopressin-Rezeptoren im Belohnungszentrum.

Die Wissenschftler isolierten die Erbanlage für diesen Treue-Rezeptor und schleusten sie den flatterhaften Wiesenwühlmaus-Männchen ein. Plötzlich wichen auch die sonst so umtriebigen Machos ihren Partnerinnen nicht mehr von der Seite. Ob ein Mäuserich treu bleibt oder nicht, hängt also von einem einzigen "Treuegen" ab.

Es gibt zwar auch beim Menschen ein Gen für den Vasopressin-Rezeptor, aber ob der so wirkt wie bei Mäusen, wissen die Forscher noch nicht. Und selbst wenn Frauen künftig einen Gentest verlangen sollten, um die Treue des Partners checken zu lassen, kann der Mann sofort einen Racheakt starten. Er braucht seine Frau nur in einen Positronen-Emissionstomografen ( PET ) stecken zu lassen. Darin können Wissenschaftler nämlich eindeutig einen echten von einem vorgetäuschten Orgasmus unterscheiden – und das kann peinlich werden.

Gert Holstege von der Universität Groningen in Holland hat das allen Ernstes gemacht – allerdings nicht mit seiner eigenen Frau. Er schickte Probandinnen vor, die mit ihren Partnern entweder zu echten Höhepunkten kamen oder so taten, als törne sie die skurrile Umgebung in der klinisch anmutenden Röhre so richtig an. Anhand der Hirnscans wurde sichtbar, dass unterschiedliche Regionen des weiblichen Gehirns aktiv sind – je nachdem ob der Orgasmus echt war oder nicht.

Wühlmäuse
Ein einziges Gen schweißt diese beiden Wühlmäuse ein Leben lang zusammen.
Foto: Larry Young,
Emory University, Altlanta

Die neuen Ergebnisse aus der Liebesforschung machen deutlich, dass Liebe keine Einbildung ist und physiologisch bei verschiedenen Menschen ähnlich abläuft. "Wir können die Liebe im Kopf jetzt sehen", sagt Andreas Bartels und fügt hinzu: "Es sind vor allem Hirnregionen aktiv, die auch auf körpereigenen Drogen wie Vasopressin und Oxytocin anspringen – und auch auf künstliche wie Kokain oder Extasy." Bisher weiß man wenig über den menschlichen "Liebestrunk", zusammengebraut in den Drüsen des Gehirns. Klar ist jedenfalls, dass kleine Mäuschen wenig Einfluss auf ihr Verhalten nehmen können, wenn im Gehirn hormongesteuerte Neuronen wie Milliarden winziger Pfeile Amors den Verstand außer Gefecht setzten. Vermutlich sind auch wir weniger Herr unserer Sinne als gedacht. Die im Hirn ausgeschütteten Stoffe lassen uns Zweifel vergessen, schalten negative Gefühle aus und verblenden den kritischen Blick auf unser Gegenüber. Mit dieser Vernebelungstaktik hat uns die Evolution ein Schnippchen geschlagen, damit wir uns eifrig vermehren. Egal wie sehr wir uns anstrengen, unser Leben bewusst zu steuern – wenn wir verliebt sind, ist alles aus.

Beitrag von Dagny Lüdemann

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Zur Person

Dagny Lüdemann studierte Biologie und Französisch an der Universität Hamburg und der Université Paul Valéry in Montpellier. Als freie Wissenschaftsjournalistin schreibt sie für P.M., Spektrum der Wissenschaft und andere Formate.

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Themen: Biologie | Liebe | Zoologie
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