Von Mikrogrammen, Unterlagen und Zettelkästen
Prüfungen können schriftlich und mündlich abgelegt werden. Manchmal genügt als Leistungsnachweis beispielsweise auch eine Hausarbeit. Besonders in Ingenieurfächern ist es jedoch verbreitet, dass eine Klausur geschrieben werden muss. Nicht selten ist, dass dabei die Nutzung aller schriftlichen Unterlagen erlaubt ist. Häufig hört man die Meinung, dass Klausuren mit Unterlagen vergleichsweise einfach sind. Der Vorteil scheint auf der Hand zu liegen: Man muss nichts auswendig lernen, kann also auch nichts vergessen. Der Nachteil wird dabei häufig übersehen. Wird eine Prüfung mit Unterlagen geschrieben, so zwingt dies den Prüfer, für jede Klausur neue Aufgaben zu finden. Das Wiederverwenden alter, bereits in früheren Klausuren oder als Hausaufgaben gestellter Aufgaben verbietet sich, da die Studierenden die Lösungen dafür natürlich in ihren Unterlagen haben. Warum ist das ein Nachteil? Bei dem Versuch, etwas Neues zu finden, müssen Assistenten und Professoren immer weiter ausholen, müssen immer außergewöhnlichere Fragestellungen erdenken, müssen nach immer schwierigeren Spezialfällen fragen. Ohne es zu wollen, werden die Aufgaben damit tendenziell immer schwerer. Wird eine Klausur hingegen ohne Unterlagen geschrieben, so werden oft alte Aufgaben leicht verändert erneut gestellt. Dies macht die Vorbereitung einfacher, da der Inhalt der Klausur besser abgeschätzt werden kann; die Gefahr böser Überraschungen ist geringer.
Wie
kann man sich dennoch effektiv auf Klausuren mit Unterlagen vorbereiten?
Sehr häufig ist festzustellen, dass Studierende beinahe mehr Energie
und Überlegung in ein System zur Organisation ihrer Unterlagen stecken,
als in den eigentlichen Stoff. Dieses Vorgehen ist zum Scheitern verurteilt.
Wenn man nicht versteht, wonach gefragt wird, helfen auch die besten Fachbücher
nicht weiter. Um mehr Zeit zum fachlichen Arbeiten zu haben, werden im Folgenden
drei Methoden vorgestellt, wie die Arbeit mit vielen Unterlagen sinnvoll
strukturiert werden kann.
Grundsätzlich gilt, dass es sinnvoller ist, wenige Unterlagen zu nutzen, in denen man sich sehr gut auskennt, als die gesamte in der Bibliothek vorhandene Literatur zu nutzen. Für deren detaillierte Analyse bleibt in den meisten Fällen keine Zeit. Am Anfang der Klausurvorbereitung sollte man sich einen Überblick über den zu bewältigenden Stoff verschaffen. Es ist nicht sinnvoll, völlig auf das Auswendiglernen zu verzichten. Formeln und wichtige Sätze, die häufig benötigt werden, sollten schnell abrufbar sein. Deshalb sollte der Stoff in zwei Gruppen geteilt werden: Grundwissen, das auswendig gelernt werden oder zumindest ohne langes Nachschlagen präsent sein muss und Detailwissen, welches in den Unterlagen möglichst einfach zugänglich sein sollte. Das Grundwissen muss zunächst zusammengetragen und übersichtlich aufbereitet werden. Das kann bedeuten, dass einfache, verständliche (!) Übersichten angelegt oder Kopien aus verschiedenen Unterlagen zusammengestellt werden. Wichtig ist dabei jedoch nicht nur das Sammeln. Jede Information sollte durchdacht werden: „Verstehe ich alles, was ich gerade aufgeschrieben habe? Weiß ich, wo es her kommt? Kenne ich die Randbedingungen? Welches weiterführende Wissen baut auf das Erarbeitete auf?“ Grundsätzlich gilt, dass Informationen, die man selbst aufgeschrieben hat, wesentlich besser im Gedächtnis bleiben, als dies mit nur gelesenem oder gehörtem Stoff der Fall ist.
Die
Art der Aufbereitung von Detailwissen orientiert sich am eigenen Lerntyp.
Häufig ist es sinnvoll, sich aus den Unterlagen wesentliche Informationen
herauszuschreiben. Ergänzt werden können diese durch eigene Querverweise
auf verwandte Themen, die exakten Textstellen oder zugehörige Tabellenwerke.
Auf diese Weise legen sich Studierende eigene Nachschlagewerke an, in denen
sie sich besser auskennen als in fremden Unterlagen. Dieses Vorgehen hat
den weiteren Vorteil, dass in eigenen Worten wiedergegeben werden muss, was
ein Abschnitt/Kapitel aussagt. Dies zwingt den Lernenden, das Gelesene zu
durchdenken und zu analysieren, um die wesentlichen Informationen zu extrahieren.
Nachteilig ist dabei allerdings, dass nicht alle Informationen derart aufbereitet
werden können. Es besteht die Gefahr, wichtige Aussagen zu übersehen.
In vielen Fällen bereiten sich die Studierenden vor, indem sie ihre Unterlagen markieren. Mit kleinen Zetteln werden Seiten markiert, mit farbigen Stiften Textstellen hervorgehoben. Als sinnvoll hat sich herausgestellt, die verwendeten Notizzettel zu beschriften und/oder verschiedenenfarbige Zettel zu verwenden. Auch eine bestimmte Struktur kann bei der Nutzung des Werkes helfen. Wichtig ist, nicht beliebig viele Notizen zu machen, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken. Wenn beinahe jede Seite einen eigenen Zettel bekommt, wird das Vorgehen schnell unübersichtlich. Gleiches gilt auch für das Markieren von Textstellen. Weniger ist hier oft mehr. Gegen das Vorgehen spricht, dass man sich vielleicht mehr damit beschäftigt, ob Passagen anzustreichen sind oder nicht, als mit dem Inhalt des Textes. Auch bleibt, wie bereits angesprochen, wesentlich weniger des Stoffes im Gedächtnis, wenn man es nur liest: Schreiben ist sehr effektiv!
Perfekte Organisation
Der Soziologe Niklas Luhmann hatte einen komplex organisierten Zettelkasten,
der Tausende von Hinweisen enthielt. Er behauptete, sein Zettelkasten
wüsste mehr als er selbst.
Eine dritte Variante wird eher selten angewandt. Einige Studierende legen sich eigene Indizes an. In diesen werden eigenen Stichworte, kurz kommentiert und nach Priorität geordnet, und relevante Textstellen oder Tabellen aufgelistet. Diese kommentierten Stichwortlisten oder -zettel erlauben es, schnell die gewünschte Stelle zu finden, ohne darauf angewiesen zu sein, lange nachzugrübeln, unter welchen Stichworten das Gesuchte eventuell zu finden ist. Wie komplex so eine Indizierung angelegt werden kann, hat der Soziologe Niklas Luhmann mit seinem gigantischen Zettelkasten gezeigt.
In keinem Fall kann man darauf verzichten, das verwendete Verfahren auf seine Prüfungstauglichkeit zu überprüfen. Das Arbeiten mit alten Klausuren hat sich dafür als sinnvoll erwiesen. Man bemerkt sehr schnell, ob das gewählte Ordnungsprinzip auch funktioniert. Eingeübt wird vor allem auch die Schnelligkeit im Aufsuchen relevanter Stellen und – gerade wichtig bei Prüfungen in den Ingenieurfächern – die selbständige Anwendung des Wissens in (Rechen-)Aufgaben. Durch Schnelligkeit und Sicherheit beim Umgang mit Unterlagen und dem Taschenrechner gewinnt man eine Sicherheit, die in der Klausur die notwendige Ruhe gibt. Als Studierender sollte man beim Lernen auch versuchen, über die Aufgaben hinaus zu denken. Welche anderen Aspekte des Problems können interessant sein? Welche Spezialfälle könnte man unter Umständen auch berechnen? Man löst sich auf diese Weise von dem starren Denkgerüst, welches von der Aufgabe vorgegeben wird und trainiert das Gehirn, auch weniger offensichtliche Probleme zu sehen. Vielleicht werden ja gerade diese in der nächsten Klausur gestellt?
So bitte nicht!
Der Schriftsteller Robert Walser schrieb mit stumpfem Bleistift sogenannte
Mikrogramme. Seine Sütterlinschrift hatte nur eine Durchschnittsgröße
von 1 Millimeter (!), viele Worte wurden durch Abkürzungen ersetzt.
Die Entzifferung treibt noch heute Wissenschaftler in den Wahnsinn, während
der Klausur sollte es schneller gehen.
www.walser-archiv.ch
Nicht zuletzt hat es sich als sinnvoll erwiesen, offene Fragen nicht nur mit anderen Kommilitonen zu diskutieren, sondern intensiv die angebotenen Sprechstunden zu nutzen. Je relevanter ein Thema für die Prüfung ist, desto ausführlicher wird ein hilfsbereiter Assistent auch auf konkret gestellte Fragen antworten. Wichtig ist dafür jedoch, gut vorbereitet in die Sprechstunde zu kommen, um gegebenenfalls kompetent nachfragen zu können. Als einfache Möglichkeit, Stoff zu wiederholen, eigenen sich Sprechstunden nicht.
Eine Sonderform der Prüfung mit Unterlagen soll noch erwähnt werden. Es kann vorkommen, dass die Prüfung zwar ohne Unterlagen geschrieben wird, der Prüfling jedoch Notizen in begrenztem Umfang – üblich ist beispielsweise ein DIN A4-Blatt handschriftlich beschrieben – vorbereiten und nutzen kann. Die Idee dieser Art von Prüfung ist es, den Prüfling dazu zu zwingen, den Stoff mindestens einmal intensiv durchzuarbeiten – und sei es nur, um die relevanten Informationen für das Merkblatt zu extrahieren. Wichtig ist eine sinnvolle Struktur der Daten und eine gute Lesbarkeit. Lieber etwas größer schreiben, um die eigenen Notizen auch lesen zu können. Robert Walser ist da kein Vorbild!
Links zum Thema
Zur Person
Birgit Milius ist Diplom Ingenieurin und arbeitet als Doktorandin an der TU Braunschweig. Sie ist Redakteurin von sciencegarden.de.
Literaturliste
- Niklas Luhmann (1992): Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht. In: ders.: Universität als Milieu. Kleine Schriften. Haux Verlag, Bielefeld, S.53-61.
Morgens
8 Uhr, Prüfungstag. Bleich und angespannt warten die Studierenden auf
ihre Aufgabenblätter. Neben ihnen: schwere Taschen und Rucksäcke,
gut gefüllt mit Büchern, Aktenordnern, selbst geschriebenen Merkblättern.
Alltag bei Prüfungen mit Unterlagen.

