Das Einmal-Eins-Komma-Null der Noten
Nehmen wir einmal an, Sie sind Biologe und bewerben sich gemeinsam mit einem Mediziner und einer Pharmazeutin um eine Stelle bei einem Chemie-Konzern. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden Sie – zumindest was die Abschlussnote anbetrifft – die besten Karten haben. Laut einer im Januar 2003 veröffentlichten Studie des Wissenschaftsrates werden Sie eine Durchschnittsnote von 1,4 haben, während Mediziner und Pharmazeutin mit 2,4 und 2,5 weit abgeschlagen sind. Ähnlich würde es auch aussehen, wenn sich ein Physiker, ein Mathematiker und ein Informatiker um eine Stelle bewerben: Mit 1,4 hätte der Physiker im Vergleich zu seinen Mitstreitern (1,9 bzw. 1,7) schon von Haus aus die Nase vorn.
In den Geisteswissenschaften sind die Unterschiede sogar noch ausgeprägter. Während Psychologen mit durchschnittlich 1,4 im Diplomzeugnis glänzen können, sind Juristen mit 3,3 und Wirtschaftswissenschaftler mit 2,4 vergleichsweise arm dran. Und all dies in einer Zeit, in der die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunimmt. Wie soll man bei einer Durchschnitts(!)-Note von 1,4 (wie am Beispiel des Biologie-Diploms) überhaupt noch die Spreu vom Weizen trennen können? Einseitige Notengebung und mangelnde Transparenz machen es schwer, Absolventen verschiedener Fächer hinsichtlich ihrer Noten miteinander zu vergleichen. Damit aber verlieren Noten ihren Sinn, denn wenn die Notenskala nicht ausreichend ausgeschöpft wird, genügen Noten nicht mehr als Instrument der Differenzierung. Zudem erschwert einseitige Benotung den Vergleich zwischen Hochschulen, und erst recht den internationalen Vergleich.
Der Wissenschaftsrat |
Differenzierte Daten liegen inzwischen für die Jahre 1996, 1998 und 2000 in Form eines Arbeitsberichtes des Wissenschaftsrates vor. Das Gremium selbst weist jedoch auf erhebliche Mängel bei der Erhebung der Prüfungsdaten hin. Prüfungsämter, die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), sowie Statistische Ämter des Bundes und der Länder sollten sich „um eine ständige Verbesserung des Datenmaterials bemühen“, da es sonst zu „erheblichen und nicht nachvollziehbaren Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Statistiken“ komme. Die HIS entwickelt unter anderem das sogenannte „Prüfungsverwaltungssystem der deutschen Hochschulen“, mit dessen Hilfe die Prüfungsämter Prüfungsdaten verwalten können.
Doch Datenmängel hin oder her, die Ergebnisse sollten schon jetzt genug Gelegenheit zum Nachdenken bieten – schließlich ist Deutschland nicht das erste Land, in dem zu gute Einheitsnoten beklagt werden. Auch renommierte Universitäten wie Harvard (Cambridge, USA) wurden bereits bezichtigt, ihren Absolventen „Kuschelnoten für erfolgsverwöhnte Studenten“ zu verpassen (DIE ZEIT Nr. 18 vom 25.4.2002, S. 32). Auch hier könnte sich die Logik eingeschlichen haben, dass der bezahlende Kunde von Privatunis nicht gern in ein „ausreichend“ investiert. Wer die Kappelle bezahlt, bestimmt die Musik.
Während Durchschnittsnoten um 2,0-2,5 für eine breite Ausschöpfung der Notenskala sprechen, sollten „Eins Komma“-Noten im bundesweiten Durchschnitt als Alarmsignal begriffen werden. Denn wenn Noten sowieso nichts mehr gelten, oder nur noch Stellen hinter dem Komma berücksichtigt werden dürfen, dann führt sich das System selbst ad absurdum. Per Definition sollten Noten schließlich dazu dienen, Leistungen zu objektivieren, um sie vergleichbar zu machen. Wo dies nicht mehr gewährleistet ist, leidet letzten Endes die Qualität der Ausbildung. Es ist höchste Zeit, dass die Universitäten sich quer über alle Fachgrenzen und Bundesländer hinweg auf einheitliche Standards bei der Benotung einigen. Sonst haben wir wirklich bald „Elite-Universiäten“ mit lauter Traumnoten – in Biologie zumindest.
Die Hochschul-Informations-
System (HIS) GmbH
wird finanziert durch Bund und Länder. Ziel ist die Unterstützung
der Hochschulen und Verwaltungen in Fragen der Rationalisierung. Das HIS
entwickelt unter anderem Software für die Erfassung von Verwaltungsdaten,
betreibt Hochschulforschung und -planung.
Links zum Thema
Zur Person
Christoph Scherber (27) promoviert im Fach Biologie an der Uni Jena. Er ist Mitgründer von sciencegarden.
Literaturliste
- „Noten ohne Wert“, in: DIE ZEIT Nr. 9 vom 20.02.2003, Seite 36
- Prüfungsnoten an Hochschulen 1996, 1998 und 2000 nach ausgewählten Studienbereichen und Studienfächern. Arbeitsbericht, Dt. Wissenschaftsrat, Köln, Januar 2003.
- Eckdaten und Kennzahlen zur Lage der Hochschulen von 1980 bis 2000. Dt. Wissenschaftsrat, Köln, Januar 2002.
Haben
Sie sich eigentlich schon mal gefragt, warum Biologen ihr Diplom meistens
mit einer eins vor dem Komma abschließen – Juristen aber nur
mit 3? Die Notengebung an deutschen Hochschulen dürft Personalchefs
schlaflose Nächte bereiten...

