Ab in die letzten großen Ferien
Kübler-Ross
wurde 1926 in Zürich geboren und studierte Medizin und Psychologie.
Gemischte Gefühle ist wohl der passende Ausdruck für die Eindrücke, die die filmische Inszenierung des Lebensweges der weltberühmten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hinterlässt. Der Inhalt selbst ist dabei schnell erzählt: Das kleine, willensstarke Mädchen „Beth“ setzt seinen Wunsch, Ärztin zu werden, auch gegen den gestrengen Vater durch. Sie wandert mit ihrem Ehemann von der Schweiz in die USA aus und entdeckt dort den Umgang von schwer kranken Menschen mit ihrem Sterben und Tod als Forschungsthema. Nach sowohl privaten als auch beruflichen Höhen und Tiefen sieht Elisabeth Kübler-Ross nun dem eigenen Tod ins Gesicht.
Allein
die Gefühlspalette, die die Filmdramaturgie und die Person Kübler-Ross
bedienen, ist uneindeutig und reicht vom Amüsanten bis ins Tragische.
Der Film, konzipiert als Zusammenschnitt von Interviews mit Vertrauten Kübler-Ross’ und
Archivmaterialien über ihre Arbeit, stellt bei oberflächlicher
Betrachtung das amüsante Moment in den Vordergrund. Im schwizzerdütschen
Plauderton erzählen Beths Schwestern über Kabbeleien der Drillinge
und Anekdoten aus der Kindheit. „Ihr ganzes Leben lang hat sie über
den Tod geschrieben“, so Drillingsschwester Erika; und jetzt, da auch
für die durch zahlreiche Schlaganfälle geschwächte und teils
gelähmte Beth mit 77 Jahren die Zeit zum Abschiednehmen komme, sage
sie immer: „‚Ja, aber ich muss noch erst das erledigen. Und dann
das. Und dann noch das. Und nur noch dieses Weihnachten.‘“ So
wird einerseits das Bild einer nimmer müden Frau gezeichnet, die in
den 1960er Jahren mit ihrem Buch On Death and Dying (dt.: Interviews
mit Sterbenden) das Sterben aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke
holte. Kübler-Ross initiierte damit die Hospizbewegung. Sie avancierte
von der Sterbe- zur Lebensberaterin, die die Kranken auch die schönen
Momente ihres Bettlägerigseins sehen lassen wollte. Früh plädierte
sie für die soziale Akzeptanz von Schwäche und für gegenseitige
Hilfe im Falle von Pflege – vor allem auch der Alten durch die Jungen.
Andererseits
wirkt dieser Aufruf für ein Leben in Nächstenliebe jedoch seltsam
gebrochen. Die Grande Dame des Sterbens, die Zeit ihres Lebens auf ihre Autonomie
pochte, ist heute nicht gewillt, „die anderen mit meinem Tod zu belästigen“.
Bis vor einiger Zeit lebte sie allein auf ihrer Ranch in Arizona, bis sie
unglücklich stürzte. Seitdem ist sie in einem Pflegeheim untergebracht.
Der Lebensabend der Elisabeth Kübler-Ross liest sich als Scheitern der
eigenen Ideologie.
In sehr persönlichen Einstellungen erzählt der Film so das Leben einer Frau, deren privates Schicksal sich von dem anderer ihres Alters nicht sonderlich unterscheidet. Gerade dies scheint jedoch der Schlüssel zu sein, den der Filmemacher Haupt zur Erklärung des Phänomens Kübler-Ross anbieten will: Sie hat sich das ‚Menschliche‘ ihres Menschseins bewahrt. Trotz Weltberühmtheit keine Affektiertheit. Sie ist ein Mensch mit Schwächen – mit einer Schwäche für Schweizer Schokolade ebenso wie mit der Angst vor der eigenen Vergänglichkeit und der Gewissheit, Teil einer sich inzwischen bis zur Enkelin fortgeführten Generationenfolge zu sein, in der sie weiterleben wird. Gleichzeitig ist sie ein Mensch, der sich selbst nur in psychologisierender Selbstreflexion begreifen kann. So leitet sie beispielsweise ihren Einsatz für die ins gesellschaftliche Abseits gedrängten Kranken und Sterbenden aus persönlicher Identitätslosigkeit als Drilling ab: „Man hat als Drilling keine eigene Kleidung. Man hat kein eigenes Spielzeug, das nur einem selbst gehört. Ohne diese Form der Identitätslosigkeit hätte ich mich wohl nicht so mit Sterbenden beschäftigt.“
Elisabeth
Kübler-Ross. Dem Tod ins Gesicht sehen. Schweiz 2002. Buch und
Regie: Stefan Haupt. Verleih: Salzgeber & Co. Medien GmbH.
Und sie ist ein Mensch – so suggeriert zumindest der Film weiter –, dessen Umgang mit dem eigenen Sterben durch dieselbe Phasen-Brille betrachtet werden kann, mit der Kübler-Ross einst ihre „Interviews mit Sterbenden“ rasterte. Ihren Ergebnissen zufolge begegnen Schwerkranke und Sterbende ihrem Schicksal zunächst mit Leugnen. Die nächste Phase ist gekennzeichnet durch Wut, um anschließend über ein Verhandeln mit Gott und der Welt in Depressionen zu verfallen. In der letzten Phase schließlich akzeptiert der Sterbende sein Schicksal als das seinige. Vor diesem Hintergrund erscheint die Komposition des Films in ihrer zeitlichen Anordnung – die sich nicht immer an der Chronologie des Lebens, sondern an systematischen, für jene behaupteten Phasen typischen Situationsbeschreibungen orientiert – als Psychogramm der Elisabeth Kübler-Ross. So berichten Schwestern über ihr Nicht-Sterben-Wollen, das Aufrappeln nach jedem Schlaganfall und die intensive Auseinandersetzung mit Gott und einem Leben nach dem Tod als Vorbereitung auf das letzte Rendezvous. Dem Tod ins Gesicht zu sehen, bedeutet für Kübler-Ross letztendlich, jenes „schöne Stadium der Akzeptanz“ zu erreichen. Und so wirbt sie vollmundig im Filmprospekt: „Sterben, das ist, wie wenn man in Ferien fährt. Ich freue mich unheimlich!“
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Zur Person
Alexandra Niessen studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum und Essex. Seit Oktober 2003 Doktorandin im Graduiertenkolleg „Technisierung und Gesellschaft“ der TU Darmstadt. Mit ihrer Studie „Schneller Sterben. Töten auf Verlangen“ hat sie den Deutschen Studienpreis gewonnen.
Kontakt: Alexandra Niessen
Literatur
- Elisabeth Kübler-Ross (1999): Interviews mit Sterbenden. Knaur, München.
Drei sehr unterschiedliche Klassiker zum Thema Tod:
- Bauman, Zygmut (1994): Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien. Fischer, Frankfurt a. Main.
- Ariès, Philippe (1982): Geschichte des Todes. dtv, München.
- Elias, Norbert (2002): Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Suhrkamp, Frankfurt a. Main. (Zuerst: 1982).
Forschen über
das Sterben und den Tod – das war ihre Lebensaufgabe. Wie aber sieht
Elisabeth Kübler-Ross nun im hohen Alter dem eigenen Tod ins Gesicht?
Stefan Haupt hat ihr Leben filmisch ins Bild gesetzt. Eine Filmkritik.

