Die Hochschule als virtueller Leuchtturm

Die Macher der besten E-Learning-Projekte trafen sich auf der Messe Campus-Innovation in Hamburg. Ein verblüffendes Resultat: Die Trägheit der Hochschulen hat auch Vorteile ...

„Wir sind noch weit von der digitalen Normalität entfernt”, so die Feststellung von Dr. Ulrich Schmid, Geschäftsführer des Veranstalters Multimedia Kontor, in seiner Eröffnungsrede der Messe. Er formulierte damit vorab die Quintessens für die folgenden 30 Vorträge, Diskussionen und Workshops. Es gibt viele Erfolge, aber noch mehr anstehende Aufgaben.

Mehrwert
Der Vorteil für Lernende, der sich aus der Nutzung neuer Medien ergibt, wenn erweiterten Möglichkeiten der Wissenspräsentation genutzt werden. Der Mehrwert entsteht durch gezielten Einsatz bewegter bildlicher Darstellungen (Visualisierung, Animation), bessere Möglichkeiten für Querverweise (Vernetzung, Hyperlinks) oder durch die bessere Anpassbarkeit des Informationsangebots an die Bedürfnisse der Nutzer. Zum Mehrwert des E-Learnning gehört auch die räumliche und zeitliche Unabhängigkeit der Lernenden.

Tony Bates von der University of British Columbia (Kanada), näherte sich dem E-Learning auf unerwartete Weise. Weder Technik noch Medienpädagogik standen im Vordergrund. Er lenkte den Blick auf die wirtschaftliche Seite: „There must be a financial return.” Ein Problem, das tatsächlich vielen E-Learning-Initiativen in Deutschland auf den Nägeln brennt. Ende 2003 läuft für viele Projekte die Förderung aus – seit dem Jahr 2000 waren zunächst 220 Millionen Euro aus den Gewinnen der UMTS-Versteigerung an die Hochschulen geflossen.

Doch der ökonomische Druck stand nicht im Vordergrund. Zwei Fragen beherrschten die zweieinhalb Messetage: Was genau ist eigentlich E-Learning angesichts der breiten Palette der Angebote? Und wie schafft man es, computerbasierte Lernformen dauerhaft im Hochschulalltag zu verankern?

Professor Karl-Werner Hansmann von der gastgebenden Hamburger Universität sprach für viele andere Experten auf dieser Messe, als er auf der Podiumsdiskussion “Nachhaltige E-Learning Strategien” feststellte: „Ohne Verbindung zur Präsenzlehre wird es kein nachhaltiges E-Learning geben.” Auch Professor Friedrich Hesse, Leiter des Instituts für Wissensmedien in Tübingen, attestierte dem E-Learning in Deutschland die fehlende Breitenwirkung. Einen Grund für dieses Problem wurde mit Nachdruck aus dem Publikum artikuliert: „Es sind die Professoren, die überhaupt nicht mit den neuen Medien umgehen können!” Hesse möchte deshalb seine Kollegen vorsichtig an die virtuelle Lehre heranführen. Sein Portal „e-teaching@university“ zeigt die Verwendungsmöglichkeiten neuer Technologien im Rahmen von altbekannten Lehrformen wie Vorlesungen und Seminaren.

Foren, Internetforen
Technisch betrachtet so genannte Server (Internet-Computer), die Nachrichten von Nutzern empfangen und die empfangenen Nachrichten nach Themen geordnet zugänglich machen. Nutzer haben die Möglichkeit, sich an einer bestimmten Diskussion, einem „thread” zu beteiligen. Einige Foren sind jedem Internetnutzer zugänglich, bei anderen ist eine Anmeldung mit Passwort erforderlich. Die Unterteilung der Diskussion in verschiedene Themenbereiche wird ausschließlich durch die Benutzer gesteuert.

Ganz auf die Ergänzung der traditionellen Präsenzlehre durch neue Technologien setzt WISSPRO, auf der Campus-Innovation vorgestellt von Professor Horst Oberquelle und Michael Janneck von der Universität Hamburg. Einerseits wird in diesem Projekt laufend an der open-source Software „commsy” gefeilt. Dabei handelt es sich um ein relativ simples Diskussions- und Informationsforum. Vorlesungsteilnehmer können zum Beispiel Informationen untereinander oder auch einer breiteren Öffentlichkeit über das Internet verfügbar zu machen. Andererseits beinhaltet WISSPRO Studien zur Einführung neuer Lernformen. Motto: Die verbesserte Kommunikation über das Netz ermöglicht bessere und individuellere Betreuung – zum Beispiel für das Lernen in Projektform.

Außergewöhnlich auch „laMedica”, das Medizin-Studenten, aber auch Laien, über das Internet aufwändig aufbereitete medizinische Fachinformationen zur Verfügung stellt. Da das Projekt sich ausdrücklich als Ergänzung zur teilweise unzureichenden Ausbildung in vielen Krankenhäusern versteht, können angehende Mediziner Echtzeit-Videos von Operationen – unterlegt mit fachgerechten Erklärungen – vom heimischen PC aus ansehen. Projekt-Vertreter Dr. Richard Melamed versicherte: „Selbst alteingesessene Ärzte waren begeistert von der Qualität der Videos und der Erläuterungen.”

Die vorgestellten Projekte zeigen: E-Learning besitzt viele Facetten. Einerseits benötigen gerade E-Learning-Kurse, die sich den Möglichkeiten wie Audio, Video und Animationen bedienen, eine ausgeklügelte technische Basis. Andererseits müssen Vorlesungsskripte erst überarbeitet werden, um überhaupt für das Lernen im Netz in Frage zu kommen. Die pädagogische Dimension wird dabei oft übersehen. Es geht beim E-Learning jedoch nicht darum ein Maximum an Materialien einfach für Studenten online zur Verfügung zu stellen. Der Jura-Professor Stephan Breidenbach betonte daher auch, dass der Erfolg des E-Learning vom „Mehrwert” abhängt, den die Materialien im Netzt haben.

Open source
Programme und Betriebssysteme, die nicht als fertige Version zur Verfügung stehen, sondern deren Quellcode auch öffentlich zugänglich ist. Programmierer können sich so an der Weiterentwicklung der Software beteiligen. Meist bedarf es nur einer formlosen Anmeldung, um sich an der Programmierung interessanter Software zu beteiligen. Das bekannteste Open-source Projekt ist das Betriebssystem Linux.

Im Verlauf der Konferenz stellte sich jedoch heraus, dass die meisten Experten die Zukunft des E-Learning als Teil des Blended Learning sehen. Darunter versteht man die gezielte Ergänzung traditionellen Lernens durch Nutzung der neuen Medien. Dass in diesem schnelllebigen Bereich gerade die Hochschulen die Nase vorn haben, liegt dabei nach Expertenmeinung an deren Trägheit. Denn wo Wirtschaftsunternehmen es längst aufgegeben haben, nach der idealen Balance zwischen normalem Lernen und der Hilfe des Computers zu suchen, haben die Hochschulen die Chance, zu experimentieren.

Campus-Innovation zeigte die gesamte Bandbreite des E-Learning, von der Content-Erstellung bis hin zu elektronischen Konferenzen über Chat oder Message-Boards. Die vorgestellten technischen Lösungen erscheinen bereits zu diesem Zeitpunkt vielversprechend. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Medienpädagogen und Technikern erscheint allerdings wünschenswert. Die Faszination der technischen Möglichkeiten ist groß, aber ob – und was – dabei überhaupt gelernt wird, ist manchmal fraglich. Der Blick auf den vorwiegend privatwirtschaftlich organisierten Fortbildungsmarkt zeigt, dass sich E-Learning häufig in der auf CD-Rom gepressten Version eines Lehrbuchs erschöpft. Auch auf der Campus-Innovation waren erstaunlicherweise viele Referenten und Aussteller nicht bereit, ihre Projekte vor Ort einem Praxistest durch die Tagungsteilnehmer zu unterziehen. Warum bloß?

Beitrag von Christiane Zehrer

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Zur Person

Christiane Zehrer (22) studiert Internationales Informationsmanagement mit den Nebenfächern Politik und BWL in Hildesheim.

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Themen: Hochschule | Lernen
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