Der elektronische Fuschzettel

*Geklaute Hausarbeiten vergiften die Atmosphäre an den Unis – und die alten Herren reagieren zunehmend wie Oberlehrer. Was steckt hinter der Debatte um gefälschte Studienarbeiten?

*Jeder Schüler kennt ihn, den altehrwürdigen Fuschzettel. Er half gegen Schulmonotonie und wer erwischt wurde, galt als verwegen. Das die Uni eine makabere Fortsetzung des grauen Schulalltags zu sein scheint, darauf deutet die gegenwärtige Diskussion um Plagiate hin. Manche Professoren treten derzeit ihren Studenten gegenüber wie Lehrer, die schummelnde Schüler jagen. Mehr als 25% der abgegebenen Hausarbeiten seien aus dem Internet geklaut, so berichten Forscher der Uni Bielefeld. Auf fast jeder Hochschulwebsite finden sich inzwischen Beschlüsse, die bei aufgedeckten Täuschungsversuchen sogar die Exmatrikulation androhen. Das Verhältnis zwischen Betreuern und Studierenden bekommt so eine ganz neue Färbung, nämlich die des Misstrauens.

Über die Kontraproduktivität von Betrug und Täuschung müssen nicht viele Worte verloren werden, irgendwie erklärt sich das Phänomen von selbst: Man studiert zwar schneller, hat auch weniger Arbeit – und lernt: gar nichts. Und wer an ständigem Dazulernen kein Interesse hat, der sollte die Uni lieber verlassen. Man könnte also leichtfertig behaupten, dass nur Nieten diese unehrliche Studienvariante in Erwägung ziehen – aber 25% Ausschuss an der Uni? Selbst Pessimisten halten das für unwahrscheinlich, also gibt es noch andere Gründe. Wo Betrug zu einem Massenphänomen wird, da stimmt etwas nicht.

Volltextsuchmaschinen
ermöglichen das Auffinden von ganzen Textpassagen im Netz. Täuschungsversuche sind seither fast aussichtslos.

Jeder Student kennt Seminare, die nur Lebenszeit vernichten. Da werden Kapitel aus Lehrbüchern vorgelesen, da werden private Anekdoten erzählt. Nach 90 Minuten verlässt man niedergeschlagen den Raum und weiß, dass man nichts neues weiß. Und am Ende dieser Seminare steht eine Wald- und Wiesen-Hausarbeit, Hunderte vorher haben genau diese Arbeit geschrieben. Es gibt kein Einsehen in die Arbeitsaufgabe, es gibt auch keinen Lerneffekt, es ist eine reine Fleißaufgabe, es ist verbrannte Lernzeit. Aber es gibt an den Unis natürlich kluge junge Leute, die wissen, dass sich im Internet genau diese Texte finden, man kann sie ausdrucken und abgeben – und sich zwischenzeitlich mit sinnvollem Beschäftigen.

*In kleinen, engagierten Seminaren – und auch davon gibt es viele – sind Täuschungsversuche so selten, dass sich nicht davon zu Reden lohnt. Die Dozenten müssen gar nicht erst eine Volltextsuchmaschine konsultieren. Sie wissen, was thematisiert wurde, welcher Teilnehmer intensiv gearbeitet hat und wer faul war. Das schlägt sich später in der Hausarbeit nieder. Eine Hausarbeit betreuen bedeutet, in der Entstehung beratend anwesend zu sein. Im anonymen Massenbetrieb der Großuni läuft das natürlich meist anders. Schlechte, überfüllte Seminare und neuerdings: Wüste Drohungen der Dozenten, die schon erwarten betrogen zu werden.

Inzwischen finden sich eine Vielzahl von Texten im Internet, in denen Professoren ihren Kollegen Tipps geben, wie sie gegen Plagiate vorgehen sollen. Die meisten führen zu einer weiteren Verschulung der Universität. Eigentlich fehlt nur noch Nachsitzen. Harte Fristensetzung und das Ablehnen von selbstgewählten Themen werden empfohlen. Anwesenheitspflicht in Seminaren und Misstrauen gegenüber Literatur, die nicht im Seminar erwähnt wurde – fraglos helfen solche Ideen gegen Täuschungsversuche. Sie sind aber auch leistungsfeindlich, sie sanktionieren nämlich die Studenten, die über den Tellerrand eines Seminars hinausblicken wollen. Die Situation ist denkbar, dass sich überdurchschnittliche Studenten in der Sprechstunde anhören müssen, sie hätten ihre Hausarbeit nicht selbst verfasst – weil sie sehr gut ist. Kurz, manche Vorsichtsmaßnahmen schaffen eine Atmosphäre, in der Spitzenleistungen anrüchig werden. Das könnte genau befördern, was eigentlich verhindert werden soll: Je weniger sich Engagement lohnt, desto näher rückt die Versuchung ...

Beitrag von Frank Berzbach

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zur Person

Frank Berzbach, geb. 1971, hat in Köln Sozialpädagogik und Frankfurt Erziehungswissenschaft studiert. Er arbeitet derzeit an seiner Dissertation und ist Redakteur dieses Magazins. Die Quellen für die abgebildeten Fuschzettel wird er nicht verraten.

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Themen: Hochschule | Lernen
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