Eile mit Weile
Protestantische Arbeitsethik: Von Max Weber (1864-1920) beschriebene ethisch-religiöse Grundlage kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung, zu deren Hauptmerkmalen die Handlungsmotivation durch auf längere Fristen und Planung ausgerichtete „Bändigung“ und „Temperierung“ zählt.
In einer beschleunigten Welt sind Reflexionen über die Zeit en vogue und das Geschäft mit Zeitmanagementratgebern boomt. Gängige Suchmaschinen zeigen 66.200 deutschsprachige Einträge zum Stichwort „Zeitmanagement“, die Anzahl der Bücher zum Thema ist kaum überschaubar. Einer der bekanntesten Zeitmanagementratgeber ist Lothar J. Seiwerts. Sein Bestseller „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“ liegt jetzt in der 8. aktualisierten Auflage vor - Grund genug, ein Zeitfenster zu öffnen und sich seine „sieben Schritte zur Zeitsouveränität und Effektivität“ näher anzuschauen.
Während
frühere Zeitmanagementratgeber Beschleunigung und - damit einhergehend
- Effizienzsteigerung propagierten, kam es in den vergangenen Jahren zu einer
Trendwende. Heute lautet das Credo: „Gehe langsam, wenn du es eilig
hast.“ Dies ist zunächst erstaunlich, denn obgleich die „Entdeckung
der Langsamkeit“ seit Sten Nadolnys gleichnamigem Erfolgsroman zum
geflügelten Wort wurde - und der Protagonist über mehr Lebensdurchblick
verfügt als seine Mitmenschen -, bietet die Idee vom Leben in slow motion
für die meisten von uns kaum eine Andockstelle für Effektivität
und konventionellen Erfolg.
Seiwert
erkennt die Zeichen der Zeit - er spricht von „TimeShift“ - und
stellt im ersten Teil seines Buches die rhetorische Frage: „Abschied
vom Zeitmanagement?“ (Die Frage kann nicht ernstgemeint sein, denn
auch Seiwert verdient mit dem Thema sein Geld!) Im Einführungskapitel
geht es um den „Wertewandel im Zeitmanagement“, der Suche nach
einer neuen Zeitkultur. Gemeint ist damit der Paradigmenwechsel von der Eile
zur (guten) Weile. Zeitgenossen, die diesen Übergang vom Zeitnutzungsfetischismus
zur graduellen Entschleunigung alltagsweltlicher Lebensführung bereits
gemeistert und die Kreativität der Langsamkeit für sich entdeckt
haben, werden verniedlichend Slobbies - slower but better working people -
genannt. Sie erinnern an jene gegen den schnellen Strom der Zeit schwimmende
gesellschaftliche Avantgarde, die der Aachener Soziologe Karl H. Hörning
als „Zeitpioniere“ bezeichnet: „Zeitpioniere“ stellen
eine relativ kleine gesellschaftliche Gruppe dar, die dem grassierenden Tempowahn
den Kampf ansagt und die Insignien eines im herkömmlichen Sinne erfolgreichen
Lebens - angesehener Beruf, voller Terminkalender, sattes Konto - bewusst
eintauscht für ein Mehr an frei disponibler Zeit.
Dass es Menschen gibt, die leben, um zu arbeiten - sogenannte Workaholics -, wissen wir. Dass auch eine Alternativlebensweise existiert - arbeiten, um zu leben -, ist ebenfalls bekannt. Und dass letztere Option eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine ausgeglichene Work-Life-Balance, ein Leben im Lot, verspricht, stellt den Tenor von Seiwerts aktuellem Zeitratgeber dar. Zeitmanagement wird zum Lebensmanagement und erfährt auf diese Weise eine „Verganzheitlichung“: Arbeit ist nicht (mehr) alles, was zählt. Auch zu leben, will gelernt sein. Und trotzdem - dem Erfolg im Job sollen Seiwerts Zeittipps keinen Abbruch tun; deutlich wird seine primär arbeitsweltliche Orientierung, wenn es konkret an die „sieben Schritte zur Zeitsouveränität und Effektivität“ geht.
Diese
Schritte nehmen im zweiten Teil des Buches jeweils ein Kapitel ein und reichen
vom Übergeordneten zum eher Kleinschrittigen. Der Autor beginnt mit
abstrakteren Themen wie Vision, Leitbild, Lebensziel und arbeitet sich durch
bis zu Jahres-, Wochen- und Tageszielen und der Selbstdisziplin als tägliche
Erfolgsbasis. Im letzten Schritt erscheint es, als mache Seiwert Anleihen
bei der protestantische Arbeitsethik, beispielsweise wenn es darum geht,
Arbeitspläne zu erstellen und diese konsequent zu absolvieren. Die präsentierten „Prioritäten-Matrizen“,
mit A-, B- und C-Aufgaben von unterschiedlichen Dringlichkeits- und Wichtigkeitsgraden
erinnern an die weitverbreitete Abhakmentalität und finden sich zudem
in jedem Zeitmanagementbuch. Der von Seiwert selbst postulierten Ganzheitlichkeitsmentalität
laufen diese Herangehensweisen allerdings entgegen. Insgesamt bietet die
Lektüre dieses zweiten, umfangreichen Teil des Buches wenig Neues. Die
meisten Leser wissen um die Wichtigkeit von Visionen und Prioritäten.
Und dass der Job nicht alles ist, kann heute nicht mehr als revolutionäre
Erkenntnis gefeiert werden.
Der
dritte Teil des Buches aber enthält wirklich spannende Gedanken. Seiwert
präsentiert sein sogenanntes „DISG-Persönlichkeitsmodell“ -
vier Zeittypen, die unterschiedliche Zeitstrategien nahe legen. Anhand eines
Selbsttests lässt sich herausfinden, zu welcher Zeit-Attitüde der
Leser neigt. Dabei unterscheidet der Autor anschaulich zwischen einem dominanten
Typ (D), dem initiativen Typ (I), dem stetigen Typ (S) und dem gewissenhaften
Typ (G). Diese Idealtypen ergeben sich aus den Gegensatzpaaren extrovertiert
versus introvertiert sowie menschen- versus sachorientiert: Dominante Charaktere
zeigen ein aufgabenorientiertes und extravertiertes Verhalten; initiative
Charaktere sind ebenfalls extravertiert, jedoch zugleich menschenorientiert;
stetige Charaktere gelten als menschenorientiert, aber introvertiert; gewissenhafte
Charaktere weisen ein introvertiertes und aufgabenorientiertes Verhalten
auf. Die letzten beiden Charaktere sind Seiwert zufolge prädestiniert
für den versierten Einsatz von Zeitplansystemen, wohingegen für
die ersten zwei Charaktere die Lektüre von Zeitmanagementratgebern als
zweckmäßige zeitliche Investition empfohlen wird. Erfreulicherweise
bietet der Autor neben der bloßen Beschreibung dieser Typen auch -
gegen Ende des Buches - praxisbezogene „Zeitstrategien für betroffene
Zeittypen“.
Als vergeudete Zeit lassen sich die viereinhalb Stunden Lektüre - samt visuellem Genuss der liebenswürdigen Karikaturen - gewiss nicht ansehen. Das Ausmaß wirklich innovativer Empfehlungen hält sich zwar in Grenzen, doch selbst, wenn tatsächlich ein sozialer Wandel gen Entschleunigung zu konstatieren sein sollte, so ist dieser durchaus einer Beschreibung wert. Andererseits - Seiwert will sicherlich mehr als die Beschreibung dieser Trendwende. Er propagiert den Wandel und gibt Empfehlungen, ihn erfolgreich zu vollziehen. Ob ihm das gelingt?
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Zur Person
Nadine M. Schöneck Sozialwissenschaftlerin, geboren 1975, studierte Sozialwissenschaften in Bochum, Austin/Texas und Oxford. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt „Inklusionsprofile“ und Doktorandin an der FernUniversität in Hagen. Ende Oktober wird sie auf dem Forum „Zeit-Kultur-Medien“ in Bonn (Bundeskunsthalle) der Körber-Stiftung zu hören sein.
Literatur
- Karl H. Hörning/Anette Gerhard/Matthias Michailow (1998): Zeitpioniere. Flexible Arbeitszeiten - neuer Lebensstil. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
- Nadolny, Sten (1987): Die Entdeckung der Langsamkeit. Piper, München.
- Lothar J. Seiwert (2003): Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Das neue Zeitmanagement in einer beschleunigten Welt. Sieben Schritte zur Zeitsouveränität und Effektivität. Campus, Frankfurt am Main/New York (8. aktualisierte Auflage).
- Weber, Max (2000): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Beltz Quadriga, Weinheim (3. Auflage).


