Die Verkehrsplanung ist männlich
„Ich bin Greifswalder Bürgerin, deshalb interessiert mich die Bahnparallele“ sagt Luise Duda, „und was da geplant wurde, ist für uns nicht akzeptabel.“ Die angehende Germanistin hat zusammen mit Anna Andrea Neumann, einer Biologiestudentin, viel Zeit mit Büchern zur Stadtsoziologie und an Bahnübergängen verbracht. Was eine „Bahnparallele“ überhaupt sein soll, dass weiß kaum ein Greifswalder. „Es geht um den Bau eines altstadtnahen Autobahnzubringers, aber um das Vorhaben politisch durchzubringen, muss ein Begriff her, der positive Assoziationen weckt.“ Drei Bahnschranken sollen dafür wegfallen, Häuser abgerissen werden und parallel zum Schienenverlauf eine große Straße gebaut werden. Auch dem Haus in dem Luise Duda derzeit wohnt, droht der Abriss.
Die Analyse der Gutachten und Vorlagen für die Bürgerschaft überraschte die Preisträgerinnen: Stadtplanung heißt scheinbar nur noch Verkehrsplanung und damit sind nicht alle Verkehrsteilnehmer gemeint, sondern nur die Autofahrer. Und dem ganzen Vorhaben liegt ein unreflektiertes Ideal von Beschleunigung zu Grunde, Luise Duda meint dazu: „Die Herren gehen davon aus, dass höhere Mobilität eine höhere Lebensqualität bedeutet. Mit dem geplanten Bauvorhaben wird die Lebensqualität aber schwinden.“
Und
das ist nicht nur Ansichtssache, sondern lässt sich empirisch belegen.
Tage lang standen die Studentinnen an den Bahnschranken und haben Fragebögen
verteilt, Schließzeiten gemessen und mit Leuten gesprochen. Dabei kam
unter anderem heraus, dass die meisten Radfahrer und Fußgänger
Frauen sind, die Autofahrer mehrheitlich männlich. Beim Warten an der
Schranke entstehen vielfältige Sozialkontakte, die Autofahrer nutzen
die kurze Pause auch zur Entspannung. Wenn die Schranke unten ist, bleibt
das Zeiterleben subjektiv: wer sich darüber ärgert, dem wird die
Zeit lang. Das Wegfallen der Bahnübergänge würde vor allem
die benachteiligen, die ohne Auto unterwegs sind. Und damit mehrheitlich
Kinder, Frauen und Senioren – die „schwächeren“ Verkehrsteilnehmer,
die stadt- und umweltfreundlichen. Die Greifswalder Verkehrsplanung ist aber
nicht nur autoorientiert, sondern auch männlich: durch die geplanten
Fußgängertunnel würden laut Umfrage die meisten Frauen nachts
gar nicht gehen wollen. Und warum das alles? Luise Duda dazu: „Damit
man in Zukunft unglaubliche vier Minuten schneller durch Greifswald durchfahren
kann!“.
Die
Stadtplanung erblindet allmählich und scheint nur noch Autos zu sehen.
Zwei Studentinnen aus Greifswald haben mit einer provozierenden Studie den
Deutschen Studienpreis gewonnen.