Keine Experimente!
Die sogenannten Alternativ- oder Reformschulkonzepte, die wir heute kennen, wurden um die Jahrhundertwende erfunden und in der Weimarer Republik erprobt. Die Vielfalt der damaligen Schullandschaft ist für uns heute schwer vorstellbar. Die Skepsis gegenüber der frontalen Wissensvermittlung, die nur zu sturem Wiedergeben führt, setzte die reformpädagogischen Innovationen frei. Die Pädagogen ließen es ungern bei der Kritik, sondern entwickelten alternative Methoden, gründeten Schulen und konnten unmittelbar sehen, ob und wie Schüler lernen. Die Möglichkeit eine Alternativschule zu gründen wurde in einer (untergehenden) liberalen Gesellschaft auch von bürgerlichen Kreisen wohlwollend unterstützt. Wo wir heute scheinbar prinzipiell ablehnend und skeptisch reagieren, spürte man damals viel Wohlwollen und Ermutigung - und das ist für pädagogische Vorhaben wichtig.
Die
Vielfalt innovativer konfessioneller und freier Schulen wurde durch die Nazis
systematisch und effektiv zerstört. Ihr Ideal war eine "totale
Erziehung", die Hitler schon in "Mein Kampf" auf den Punkt
brachte. Er entwarf, etwas zynisch ausgelegt, das erste Programm lebenslangen
Lernens. (Obwohl es der Nazipädagogik im zoologischen Sinne primär
um züchten, weniger um lernen oder erziehen ging.) Hitlers Misstrauen
gegenüber anderen Sozialisationsinstanzen war so groß, dass er
neben der Schule ein militärisches Erziehungssystem entwarf, die sogenannte
Formationserziehung: vom Jungvolk über Hitlerjugend, Arbeitsfront, SA,
SS und Wehrmacht sollte lebenslang geprägt, kontrolliert und vor allem:
selektiert werden.
Methodisch legte man großen Wert auf die Manipulation von Emotionen und Körpern, also Singen bis zur Heiserkeit und Laufen bis zum Umfallen. Beklagen wir heute oft die Kopflastigkeit der Schule, so praktizierten die Nazis gezielt das Gegenteil: der militärische Drill, die martialischen Gesänge, die körperliche und seelische Überlastung durch krankhafte Stärkeideale verhinderte effektiv die Ausbildung des Intellektes. Erwünscht waren Krieger, nicht Dichter und Denker.
Dazu
konnten sich Nazipädagogen durchaus aus dem reformpädagogischen
Repertoire bedienen - auch hier spielten Wandern, Singen, Körperlichkeit
eine Rolle - allerdings mit anderen Hintergedanken. Die meisten Reformpädagogen
setzten auf die Interessen der Kinder, auf dessen eigene Motivation und Freude
am Lernen. In den "Arbeitsgemeinschaften (AGs)", die herausragende
Erfindung der Reformpädagogen, hatte man Zeit zur Entwicklung und Raum
für eigenen Gedanken. Bis 1945 hatten die Nazis ihre pädagogische
Vision weitgehend realisiert. Die Schullandschaft war bestimmt durch aggressive,
militärische Züchtungsprogramme, Methoden der "schwarzen Pädagogik" und
absichtsvolle Kriegsvorbereitung. Die Lernmaterialien waren durchgehend rassistisch
manipuliert.
Nach dem Krieg rief Adenauer der verängstigten Nachkriegsbevölkerung die Parole "Keine Experimente!" entgegen und erreichte damit eine Mehrheit. Auch für die Schule galt diese Parole, Alternativschulen blieben die Ausnahme und wurden im Klima der Restauration schnell unter Kommunismusverdacht gestellt - weil hier Kinder selbst denken konnten. In Ostdeutschland griffen die Restriktionen der Sovietideologie.
Was Erziehungswissenschaftler lange wissen, bewegt das ganze Land, seit eine Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit die PISA Studie veröffentlicht hat. Und da man Angst hat vor negativen wirtschaftlichen Auswirkungen, wird der Schule plötzlich viel Interesse entgegengebracht. Die etablierte Monokultur des Schulsystems erscheint jetzt in einem ganz anderen Licht. Die konservativen Schulformen machen nämlich strukturelle Vorgaben, die Lernen und auch effektives Lehren verhindern. Die Politik individualisiert das Problem leider erfolgreich, es geht plötzlich wieder einmal um die Lehrer. Aber die belastende Arbeitssituation, die sinnlosen 45-Minuten Schulstunden, die Halbtagsschule oder die behördengesteuerte Vorgabe von Curricula sind wirksame negative Rahmenbedingungen. Und in Bezug auf diese Struktur gilt noch immer: Keine Experimente!
Dabei
fragt man sich bei dieser Schule: warum eigentlich nicht? Eine schlechtere
Lernatmosphäre können wir kaum schaffen. Vergleiche ich meine Schulerinnerungen
mit denen von Marianne Fehringer (siehe Stein der Weisen), so kann ich nur
neidvoll erblassen. Ich habe eine provinzielle, westdeutsche Realschule in
den 80er Jahren besucht, von einem autoritären Rektor geleitet. Meine
intensivste Erinnerung daran ist die tägliche Angst vor den Schulstunden
mit der ich morgens auf den Schulbus wartete und die erst gegen 13 Uhr abnahm.
Ich habe Jahre gebraucht, um mich von dem negativen Selbstbild zu lösen,
welches mir dort vermittelt wurde: ich sei unsportlich, mittelmäßig
und für die Hauptschule gedacht. Erst Erfahrungen im Zivildienst und
im Studium haben mein Verhältnis zum Lernen positiv verändert.
Angesichts der Tatsache, dass ich heute an meiner Promotion arbeite, kann
die pädagogische Einschätzung meines Grundschullehrers nicht ganz
zutreffend gewesen sein. Der schrieb mir ins Zeugnis, ich solle die Hauptschule
besuchen. Meine Eltern ignorierten das einfach.
Bei genauerer Ansicht entdeckt man natürlich noch eine andere Dimension der Schule, die einiges erklärt. In der Pädagogik werden zwar primär Erziehungs- und Bildungsfragen diskutiert und erforscht, aber die gesellschaftliche Funktion der Schule notorisch übersehen: die Selektion nach Leistung. Die Karriere innerhalb des Erziehungssystems entscheidet nämlich darüber, wer wo in unserer Gesellschaft landet. Ohne Abitur kein Studium, ohne Abitur auch heute kaum noch eine anspruchsvolle Ausbildung, ohne Realschule schlechte Aussichten auf einen Beruf, der Weiterentwicklung erlaubt. Diese Selektionsmacht zwingt zu Vereinfachungen und groben Ungerechtigkeiten. Sie ist auch in den Schulstrukturen manifestiert, hier setzen sich die durch, die resistent sind gegen raues Klima und in schlechter Atmosphäre dennoch gut lernen (und lehren) können. Sie lernen wiederzugeben, was andere hören wollen. Ausgebildet werden meist mehr die Ellenbogen, weniger das Gehirn. Und wie vor 100 Jahren: primär die Ellenbogen der Jungen.
Links zum Thema
- sciencegarden: "Lehrer
sind keine Leistungssportler!"
Schule als ein spannendes Abenteuer? Schule, die Freude macht? Erinnerungen einer ehemaligen Versuchsschülerin.
Literatur
- Alfred Andersch: Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte. Zürich:
1982
(Der Lehrer von Alfred Andersch war der Vater von Himmler.) - Borchert, Manfred (Hrsg.): Freie Alternativschulen. Die Zukunft der Schule hat schon begonnen. Bad Heilbrunn/Obb.:1998
- Botros, Maria-Luise (Hrsg.): Frauen, die auszogen und Freie Schulen gründeten.Wien: 2000
- Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. 2 Bde Darmstadt: 1997
- Klassen, Theodor F. (Hrsg.): Handbuch der reformpädagogischen und alternativen Schulen in Europa. Baltmannsweiler: 1993
- Oelkers, Jürgen: Reformpädagogik. Eine kritische Dogmengeschichte. Weinheim 1996
- Schneider, Christian / Stillke, Cordelia / Leineweber, Bernd: Das Erbe der Napola. Versuch einer Generationsgeschichte des Nationalsozialismus. Hamburg 1996
- Weiss, Edgar: Pädagogische Neuerungen im Kontext politischer Reaktion. Berthold Otto und seine "kindzentrierte" Hauslehrerpädagogik. In: Archiv für Reformpädagogik, 4 (1999) 1, S. 3-26.
Die
Erinnerungen von Reformschülern aus der Weimarer Republik zeigen, dass
es pädagogische Alternativen gibt. Bis heute allerdings bleibt man skeptisch.
Warum?

