Hirnflüssigkeit und Mathematik
Wie überträgt man Wissen? Einer etablierten Übervereinfachung nach behandeln wir Wissen als Material. Wir tun so, als sei Wissen ein vorliegender Gegenstand, der außerhalb der Gehirne existiert. Information und Wissen werden ständig verwechselt. Ein Buch zum Beispiel ist ein Gegenstand. Indem ich diesen Gegenstand einem Schüler in die Hand drücke, habe ich ihn weitergegeben. Ich kann jetzt behaupten: er hat das Buch. Mit dem Inhalt des Buches, ein Lehrbuch der Mathematik, verhält es sich völlig anders. Wenn ich ihm das Buch vorlese, so erreiche ich leider damit nicht, dass der Schüler rechnen lernt. Er lernt nur wiederzugeben, was ich vorgelesen habe. Er wird das im Kurzzeitgedächtnis speichern.
Nach diesem Muster wird heute in Schule und Hochschule oft gelehrt, aber natürlich nicht gelernt. Menschen sind zwar lernfähig, aber nicht belehrbar. Das Gehirn muss individuell, im Anschluss an bereits vorhandene Erfahrungen, Wissen rekonstruieren. Die Konstruktionen von anderen helfen dabei nicht immer. Rhetorische Fragen haben daher eine versteckte Lernebene: man muss richtig einschätzen, was der Frager hören will. Dies ist wichtiger für die Beurteilung, als die einzig richtige Antwort - die es meist nicht gibt. Meist trainiert schlechter Unterricht also nur die Fähigkeit, Lehrer richtig einzuschätzen.
Die ältere Generation musste oft Schiller Gedichte auswendig lernen, heute wird wohl kein Abiturient mehr "Die Glocke" aufsagen können. Die damalige Unterrichtsmethode erlag allerdings einem fatalen Irrtum: was weiß der, der ein langes Gedicht auswendig kann, über Schiller? Nichts! Er weiß nur, dass er das Gedicht auswendig wissen muss, um in Deutsch nicht schlecht benotet (oder verprügelt) zu werden. Erst nachher geben viele dieser Sinnlosigkeit einen Sinn, weil sich so besser leben lässt. Und nur deshalb muss man sich von den Eltern anhören, dass man früher noch etwas in der Schule gelernt habe.
Jonathan Swift hat 1726 seinen ironischen Reisebericht "Gullivers Reisen" veröffentlicht. Leider fällt einem dazu heute oft nur Lilliput ein, dabei ist dies nur eine der Reisen in skurrile Länder. Viel spannender sind andere Reisen. In einem Land sind die Menschen so vergeistigt, dass ihre Diener sie ins Gesicht schlagen müssen, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ein Gegenüber mit ihnen spricht. Die hochgeschätzten Wissenschaftler dort arbeiten Jahre lang an erfolglosen Projekten. Zum Beispiel soll die in Gurken gespeicherte Sonne rückgewonnen werden, um im Winter die Felder damit zu bestrahlen. Nach 15 Jahren sei man kurz vorm Ziel. Und in diesem Land der Akademien, hochgeschätzten Wissenschaften und der Bildung finden sich auch Schulen. Swift beschreibt die Unterrichtsmethode:
"Ich besuchte auch die Mathematikschule, wo der Lehrer nach einer Methode unterrichtete, von der man sich bei uns in Europa kaum eine Vorstellung machen kann. Lehrsätze und Beweise wurden mit einer aus Gehirnsubstanz bestehenden Tinte sauber auf dünne Oblaten geschrieben. Diese musste der Schüler bei leerem Magen hinunterschlucken und durfte dann an den drei folgenden Tagen nichts anderes als Brot und Wasser zu sich nehmen. War die Oblate verdaut, so stieg die Tinte ins Gehirn und nahm den Lehrsatz mit dorthin."
Das scheint mir, will man die heutige Unterrichtsmethode weiterentwickeln, als innovativer Vorschlag. Doch Swift berichtet auch von Zweifeln - und nach PISA sind die wieder aktuell:
"Der Erfolg dieser Methode entspricht allerdings noch nicht den Erwartungen. Dies liegt wohl teilweise auch an der Widerspenstigkeit der Schüler, denen diese Arznei so ekelhaft ist, dass sie sich gewöhnlich heimlich entfernen, um sie wieder von sich zu geben, ehe sie wirksam werden. Auch haben sie sich bisher noch nicht dazu bereitgefunden, solange Diät zu halten, wie es die Vorschrift verlangt."
Literatur
- Jonathan Swift: Gullivers Reisen in ferne Länder. Frankfurt/Main: 1964
- Jonathan Swift: Satiren und Streitschriften. Manesse Verlag, Zürich: 1993
Ist Wissen eine Art Materie, die wir ins Gehirn anderer einschleusen? Schon Jonathan Swift hat sich über diese Vorstellung lustig gemacht. Erbauliche Ferienlektüre ... 

