Quarterlife Crisis - nicht in Sicht!

Sahar El-QasemEine Kölner Studentin arbeitet an der Gründung des ersten deutschsprachigen islamischen Kindergartens, gewinnt Preise mit Filmen über das Kopftuch und hat einen großen Vorteil: sie hat Ziele!


Orientierungslosigkeit und völlige Politikferne verbindet man gewöhnlich mit der "Generation Golf" (Infokasten), der Jahrgänge 1965 bis 1975. Sahar El-Qasem gehört nicht zu dieser Generation. Sie ist 1977 in Deutschland geboren, Jordanierin und müsste nun allmählich in die "Quarterlife Crisis" geraten. So bezeichnen zwei amerikanische Autoren die Sinnkrisen, in die zunehmend "Twentysomethings" geraten - die zwar früh Erfolg und Geld haben, dem Leben aber keinen Sinn mehr abgewinnen können.

Quarterlife Crisis
bezeichnet eine Krise junger Erwachsener Mitte Zwanzig, die von Abby Wilner und Alexandra Robbins beschrieben wurde. (Siehe Literaturangabe am Ende des Textes).

Sahar hat Erfolg, aber eine Krise ist trotzdem nicht in Sicht. Vielleicht liegt das daran, dass es mindestens zwei Arten von Erfolg gibt: sinnleeren und sinnvollen. Wer Anerkennung im Szenetalk ernten will und sich von IT-, Event- und Werbeagenturen ausbeuten lässt, der steht meist irgendwann vor der Sinn-Frage - und findet nicht leicht eine positive Antwort.

Die zweite Art von Erfolg könnte man Leuten wie Sahar zuordnen: sie fährt keinen BMW, will nicht mal einen, aber sie will den ersten deutschsprachigen islamischen Kindergarten des Landes gründen. Ihr stellt sich die Orientierungsfrage nicht, weil sie ihr Studium der Sozialpädagogik nur für ihr Projekt aufgenommen hat.

Kindergärten
sind Einrichtungen der Jugendhilfe und haben ihre gesetzliche Grundlage im Kinder- und Jugendhilfegesetzt (KJHG-SGB VIII). Gesetzlich zugewiesene Aufgabe ist die familienergänzende Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern. Es werden öffentliche und freie Träger unterschieden, die nach Anerkennung durch das Jugendamt staatlich gefördert werden.

Sie gehört also nicht zu denen, die sich im achten Semester zum ersten mal fragen, wie ihre berufliche Zukunft aussehen könnte. Sie gehört auch nicht zu den mythenverliebten Weltverbesserern, die notorisch die Verantwortung anderer anmahnen, sich im Dauerprotest ermüden, aber ständig verheimlichen müssen, dass sie gar keine Alternativen anzubieten haben.

Sahar sieht gesellschaftliche Probleme und zieht für sich daraus Konsequenzen. Sie schlägt die PISA Studie und die Tageszeitung auf, betrachtet sich und ihr Umfeld und formuliert genau zwei Gründe, warum ein islamischer Kindergarten gegründet werden muss: Zum einen schicken muslimische Eltern ihre Kinder selten in staatliche oder christliche Kindergärten, weil sie den Wunsch haben, dass ihre Kinder eine islamische Früherziehung erhalten. Zum anderen entsteht dadurch ein Sprachproblem: viele Ausländerkinder können bei der Einschulung kein oder zu wenig deutsch. Die Folgen: Schlechtere Leistungen, sinkendes Durchschnittsniveau der Schüler, später schlechte Berufschancen - und wenn das Defizit bleibt: mangelnde Integration in die deutsche Gesellschaft.

Sahar El-QasemPädagogen und Gehirnforscher sind sich über die große Bedeutung der Früherziehung einig, dort werden viele Grundlagen gelegt. Ein islamischer Kindergarten, der bilingual erzieht - primäre Sprache soll Deutsch sein - würde die Skepsis der Eltern brechen, weil er eben auch islamisch ist. Vor allem die Vorbereitung auf die Grundschule, in der Deutsch gesprochen wird, steht im Mittelpunkt. "Islamisch" bedeutet nun nicht, dass hier Koranunterricht gegeben wird, wie auch katholisch nicht bedeutet, dass im Kindergarten die Dogmen des Papstes vermittelt werden. Islamisch bedeutet für den Verein "Sindbad e.V." in Wuppertal, den Sahar gegründet hat, dass hier Geschichten der Brüder Grimm neben denen aus dem Koran oder der Bibel stehen, aber eben nicht zufällig Schweinefleisch auf dem Teller liegt. Die Ausrichtung ermöglicht eine andere kulturelle Sensibilität, die vor allem die Eltern überzeugen soll, die ihre Kinder gewöhnlich in gar keinen Kindergarten schicken.

Enthüllungen
ist ein Video zum Kopftuch-Tragen von muslimischen Mädchen und jungen Frauen in Deutschland. Der Film ist entstanden aus dem Medienprojekt Wuppertal (Link siehe Liste).

Derzeit steht die Suche nach einer Immobilie im Vordergrund, alle anderen Arbeiten sind getan: Konzepte stehen, die Anmeldungen laufen. Nur die Raumsuche ist schwierig, weil alles kindgerecht sein muss und das Projekt eben kein versteckter, improvisierter Kinderhort in einem Hinterhof werden soll. Es geht um einen "richtigen" Kindergarten, der als Träger der freien Jugendhilfe im Sinne des KJHG (Infokasten) anerkannt ist und somit auch staatliche Förderung erhält. Sahars Projekt unterscheidet sich von anderen Institutionen der islamischen Wohlfahrtsstruktur in Deutschland dadurch, dass ihr Kindergarten weder einer speziellen islamischen Glaubensrichtung, noch einer einzigen Nation verpflichtet ist.

Für den geplanten Kindergarten stehen pädagogische Ziele im Vordergrund - die Integration in die deutsche Gesellschaft über die Entwicklung von Sprachkompetenz - dies schließt allerdings eine Tradierung islamischer Kultur keineswegs aus. Neben der konkreten sozialpädagogischen Arbeit bleibt Sahar noch genügend Zeit, sich anderen Phänomenen des Mulitkulturalismus zu widmen. Doch auch dies geschieht meist in Projekten, die die Öffentlichkeit einbeziehen.Ihr jüngster Erfolg ist ein Preis für den Film "Enthüllungen", der das Kopftuch-Tragen muslimischer Mädchen thematisiert. Mit sechs anderen Filmerinnen hat sie damit den Wettbewerb "Auf den Spuren der Kulturen" gewonnen, der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ausgeschrieben wurde.

Generation Golf
Mit dem Bestseller "Generation Golf" wurde Florian Illies zum FAZ Autor. Das Buch ist der deutsche Nachfolger der "Generation X" von Douglas Coupland (1991). Beide Bücher zählen zu den pointiert-amüsanten Generationenportraits, hinter deren Ironie viel Kritik steckt.

Beitrag von Frank Berzbach

Links zum Thema

Zur Person

Sahar El-Qasem ist Jordanierin, 1977 in Deutschland geboren. Sie hat nach einer Ausbildung als Erzieherin und Abitur an der FH Köln ein Studium der Sozialpädagogik aufgenommen. Dort arbeitet sie als studentische Hilfskraft im Forschungsschwerpunkt "Interkulturelle Kompetenz durch Personal- und Organisationsentwicklung". Sie leitet den Verein "Sindbad e.V.", der die Gründung des islamischen Kindergartens anstrebt.

Sindbad e.V.
Friedrich Ebert Straße 96
42103 Wuppertal

Literatur

  • Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Ausländern (Hg.): Deutsch lernen (k)ein Problem. Bonn 1997
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. 6. Familienbericht. Bonn: 2000
  • Lars Jensen: Des Lebens müde. "Quarterlife Crisis" - Die Generation der Überzwanzigjährigen ist ein bisschen zu früh von sich selbst erschöpft. In: Süddeutsche Zeitung. 1./2. Juni 2002, S. V.
  • Abby Wilner / Alexandra Robbins: Quarterlife Crisis - The Unique Challenges of Life in Your Twenties. New York: 2001

Kategorien

Themen: Erziehung & Schule | Religion
backprinttop

Newsfeeds

Online-Recherche

Suchmaschinen, Infos, Datenbanken » mehr

DFG Science TV

Rezensionen

Buchrezensionen der sg-Redaktion » mehr

Wettbewerbe

Forschungswettbewerbe in der Übersicht » mehr

Podcasts

Übersicht wissenschaftlicher Podcast-Angebote » mehr

Mitmachen

Anzeige

Maximow Award

Anzeige