Aufwachen in Australien

In der Wissenschaft geht es um objektive Ergebnisse. Forscher werden nach ihrem Können im Labor, ihren Versuchen und Ergebnissen beurteilt. Dachte ich immer. Dann ging ich nach Melbourne. Hier begegneten mir Politik, Abhängigkeit von Vorgesetzten und der Frust des Laboralltags.

Unter meinen Kommilitonen gab es immer diejenigen, die genau wussten, wen man kennen musste und mit wem man sich gut stellen musste und auf der anderen Seite gab es diejenigen, die jegliches Taktieren entweder ignorierten, oder geradezu ablehnten mit der Begründung, dass Politik nichts mit Wissenschaft zu tun hat. Ich gehörte zur letzteren Gruppe.

Bei meinem Austauschjahr in Australien ist mir zum ersten Mal klar geworden, wie wichtig Firmenpolitik auch in meinem Fach, der Biologie, ist - oder ich hatte hier zum ersten Mal Zeit und Gelegenheit, darüber nachzudenken. Und ich fand die Gesprächspartner, es zu reflektieren.

Buch: Karin Knorr-CetinaAuf beiden Seiten des Erdballes geht es in den Laboren im Grunde vor allem um eines: Publikationen in guten wissenschaftlichen Zeitschriften herauszubringen. Dies bekommt ein Student in der Regel jedoch erst dann mit, wenn er selbst einmal Teil eines Labors wird, seinen Alltag über einen längeren Zeitraum hinweg erlebt und dort auch Freundschaften schließt. Von solchen Freunden erfährt man dann am besten, wie der Hase wirklich läuft.

In Australien war ich etwa drei Monate lang jeden Tag in meinem Labor im Peter MacCallum Cancer Institut - lange genug, um gute Freundschaften zu schließen und so einiges über Laborgepflogenheiten und auch die Politik in der Wissenschaft zu erfahren. So wurde ich in meiner Naivität überrumpelt, als ich erfuhr, dass ein Leiter eines Labors offenbar bekanntermaßen fachlich nicht wirklich viel auf dem Kasten hatte, aber doch auf einem ausgesprochen guten Posten saß - und das vor allem aufgrund seiner Fähigkeit, sich mit den richtigen Leuten zu verbrüdern. Nun mag ich da in meiner Naivität einzigartig sein, aber ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, dass man ja auch in der Wissenschaft "die richtigen Leute kennen" muss.

Biostudium in Berlin, Praktika und freie Mitarbeiten
In Berlin gibt es wirklich hervorragenden Kurse im Hauptstudium, in denen Studenten im Rahmen von Praktika an der richtigen Forschung im Labor teilhaben und mitarbeiten. Wer einen solchen Kurs bei der Platzvergabe errungen hat, ist für zwei oder vier Wochen Teil des Labors. In Zweiergruppen werden dann kleine Versuche durchgeführt. Das hat den Vorteil, dass die Studenten wirklich an aktueller Forschung mitarbeiten und nicht das Gefühl haben, einen "Schulversuch" durchzuführen, den schon Studentengenerationen vorher mit dem gleichen Ergebnis beendet haben. Des weiteren kann man auch in Berlin die sogenannten "Freien Mitarbeiten" machen, die einem einen noch tieferen Einblick gestatten, denn man geht dafür in der Regel ewa acht Wochen in ein Labor und arbeitet an einem eigenständigen Projekt.

Noch etwas: Ich hätte nie gedacht, wie wichtig es sein kann, dass man einen Betreuer hat, der gute Empfehlungen schreibt. Ein wirklich guter, fleißiger Student - Daniel - hat hier sein "Honors" (eine einjährige Forschungsarbeit nach dem Bachelor, ähnlich wie eine Diplomarbeit, nur nach dem 3. Studiumsjahr) gemacht und hatte hierfür zwei Betreuer. Seine Arbeit wurde "sehr gut" benotet. Um sich danach für ein Stipendium für die Doktorarbeit zu bewerben, brauchte Daniel ein Empfehlungsschreiben von seinen Betreuern. Dummerweise war einer davon nicht sonderlich gut im überschwänglichen Loben - etwas, was für Empfehlungsschreiben nun einmal dringend notwendig ist. Der entstandene Vierzeiler brachte Daniel um sein Stipendium.

Wie abhängig ein Diplomand oder ein Doktorand von seinem Betreuer ist! Daniel hatte sich damals von einem interessanten Thema reizen lassen, kam auch anfänglich mit seinem Betreuer gut zurecht, aber je weiter er mit seiner Arbeit fortschritt, desto mehr bemerkte er, dass seine Fragen von seinem Betreuer kaum beantwortet wurden, dieser es einfach ablehnte, mit Daniel über seine Thesen, Versuche und Ideen zu reden. Es mag irrsinnig erscheinen und es ist doch wahr. Ich habe es selbst erlebt. Und erstaunlicherweise bin ich jetzt, zurück in Deutschland, auch hier einem ähnlichen Fall begegnet.

In einer solchen Situation kann man seinen Betreuer wechseln, dies ist aber mit vielen Schwierigkeiten verbunden, seien es die bürokratischen Hürden, oder aber die Angst, es sich mit dem Betreuer endgültig zu verscherzen. Denn hier geht's wieder um Politik: Wenn ich erst von dem einen weggehe, brauche ich einen Grund; sage ich öffentlich, dass er sich nicht um mich gekümmert hat, denunziere ich ihn quasi, was mir alle Kollegen übel nehmen und sich jetzt mit mir als schwierigem Studenten auch nicht mehr abgeben wollen. Motto: Wer einmal seinen Betreuer öffentlich schlechtgemacht hat, könnte das mit seinem neuen Betreuer auch machen - das will keiner.

Was lernt ein Student daraus? Suche Dir Deine Betreuer gut aus! Sie sind letztlich diejenigen, die über wohl und wehe entscheiden, wahrscheinlich ebenso sehr, wie Deine Arbeit. Solltest Du in Australien (oder in einem anderen Land) Deine Diplomarbeit oder Doktorarbeit machen wollen, versuche, Deinen Betreuer schon vorher gut kennenzulernen und befrage vielleicht frühere Studenten von ihm.

Beitrag von Sina Bartfeld

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Zur Person

Sina Bartfeld war im Jahr 2001 an der Universität Melbourne und wurde dabei vom Deutsch- Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert. Dieser Artikel ist ein Teil ihres Berichtes für den DAAD. Jeder Stipendiat muss am Ende seines Auslandsaufenthaltes einen solchen Bericht abliefern. Damit soll vor allem Studenten, die in ein Gastland gehen wollen, die Möglichkeit gegeben werden, Informationen über ein Gastland, über ein Studium im Ausland und über Erfahrungen während eines solchen Austauschjahres zu bekommen. > Teil 1.

Literatur

  • Karin Knorr-Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaften. Frankfurt/Main, Suhrkamp: 1991. (Die Autorin beschreibt, wie in den Naturwissenschaften "Objektivität" konstruiert wird.)

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Themen: Australien | Studieren im Ausland
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