Zwischen Platzvergabe und "I don't know" - Bachelor im Selbsttest
Berlin, Semesterbeginn, im Hörsaal. Ich könnte durchdrehen, am liebsten die dort vorne erschlagen. Nach stundenlangen Abstimmungen kommen wir endlich zum Knackpunkt: Darf ich dieses Semester ein Praktikum machen? Nein, vielleicht sollte ich doch nicht die da vorne erschlagen, sondern lieber einige meiner Kommilitonen - dann würde ich wenigstens meinen Praktikumsplatz bekommen.
Es ist jedes Jahr das gleiche: "Platzvergabe" - das ist das Horrorwort für Berliner Biologiestudenten. Es steht für einen Nerven zerreißenden Vorgang, bei dem - sehr demokratisch und ebenso unfair - die Praktikumsplätze für das anstehende Semester vergeben werden.
In Biologie zählt das Können im Labor, denn hier werden die Theoretiker zu Forschern. Damit ich mein Studium beenden kann, muss ich eine recht hohe Anzahl von praktischen Stunden nachweisen können. Also will ich Praktika machen. Möglichst natürlich in Genetik oder Molekularbiologie. Genau wie alle anderen. In diesen beliebten Fächern ist das Angebot aber rar. Es gibt zu wenig Lehrveranstalter und zu wenig Geld.
Außerdem wird die Anzahl der Praktikumsplätze durch den Faktor Sicherheit im Labor begrenzt. Wenn es um Versuche mit DNA, Radioaktivität oder krebserregenden Chemikalien geht, dann ist für die meisten Lehrveranstalter bei sechs Studenten Schluss. Wer also einen Platz ergattert hat, kann sich glücklich schätzen, in kleinen Gruppen mit guter Betreuung wirklich effektiv lernen zu können.
Ich habe die FU Berlin verflucht. Warum können wir nicht mehr Praktikumsplätze bekommen? Wie soll ich denn mein Studium schnell abschließen, wenn ich nicht die dazu notwendigen Kurse belegen kann? Dann bin ich nach Melbourne gegangen.
Hier
ist alles anders. Die Universität Melbourne gehört zu den wohlhabendsten
und renommiertesten Universitäten in Australien. Internationale Studenten
zahlen hier gut und gerne 10.000 bis 15.000 Mark pro Jahr an Studiengebühren,
Australier bezahlen etwa ein Fünftel. Der Campus glänzt mit neuen Bauten,
an jeder Ecke findet sich ein hilfsbereiter und freundlicher Angestellter,
der einem gerne weiterhilft, Computerlabore mit Internetzugang sind 24 Stunden
am Tag nutzbar - und das meist mit höchstens 10 Minuten Anstehen.
Und ich werde als Kunde behandelt. Ich möchte das Praktikum für die Biomediziner machen? Ich solle doch bitte einmal kurz beim Lehrveranstalter vorbeischauen. Nach einem persönlichen Gespräch mit "John" kann ich mich einschreiben. Wie, so einfach ist das? Wahnsinn.
Dann kommt die erste Stunde. Dreißig Studenten sitzen in einem Raum, den ich nicht wirklich als Labor identifizieren kann. Es sieht eher wie ein Klassenraum aus der Schule aus. "John" ist abwesend, dafür erklären uns seine drei Assistenten, was wir zu tun haben. Wir untersuchen das Hirngewebe von Patienten mit Alzheimer unterm Mikroskop. Dummerweise gibt es nur drei Mikroskope im Raum. Für dreißig Studenten.
"Markus" der Assistent, der für mich und neun andere zuständig ist, nickt gefällig, als ich ihn frage, ob ich mir das Gewebe unterm Mikroskop anschauen kann. Ich suche, aber das Ding ist vollkommen verstellt. Markus will es wieder einstellen.
Wie ein Marsmensch, der zum ersten Mal ein irdisches Raumschiff sieht, betrachtet er das Mikroskop an, legt seinen Kopf schief und denkt nach. Schließlich dreht hier ein bisschen, schaut wieder durch, dreht dort ein bisschen, nächster Versuch. Nach etwa zehn Minuten erhebt er sich mit leicht zweifelndem Blick.
Ich schaue in das Mikroskop und kann es nicht fassen. Was Markus eingestellt hat, ist keinesfalls Hirngewebe, noch nicht einmal Zellen, sondern ein eingetrockneter Klebefilm. Als ich ihn entgeistert frage, ob er meine, dass dies Zellen sind, entgegnet er mit entwaffnender Ehrlichkeit "I don't know".
Der Kurs geht weiter, ich schlage mich durch langweilige Wochen. Ich gewöhne mir langsam ab, Fragen zu stellen und versinke im schweigenden, lethargischen Chor meiner Mitstudenten. Wenigstens ist die Theorie sehr anspruchsvoll. Ich lerne viel über Alzheimer, Allergien und andere Krankheiten.
Aber nach einem Semester weiß ich: Ich mache hier kein zweites Praktikum. Statt dessen gehe ich zu einem Krebsforschungsinstitut und biete meine Dienste dort an. Ich stelle mich bei Doktor Huiling Xu vor, einer Chinesin, die am Peter MacCallum Institut for Cancer Research arbeitet.
Ich erzähle ihr, dass ich aus Deutschland komme, dort schon vier Jahre Bio studiere und welche Praktika ich gemacht habe. Sie lächelt und sagt: "Ja, ich kenne die Deutschen. Die sind gut ausgebildet. Du kannst gerne hier anfangen".
Infos zum Austausch:
- Ich bin über ein Austausch-Programm der Freien Uni Berlin nach Melbourne gekommen, Informationen zu solchen Programmen bekommst Du bei dem Akademischen Auslandsamt Deiner Uni oder auch beim DAAD
- Die Uni Melbourne im Web
- Das Peter MacCallum Cancer Institut, in dem ich später ein Praktikum gemacht habe
Kürzer,
schneller, frischer - so müsste das Studium in Deutschland werden. Heißt
es. Bachelor und Masters, da liege die Zukunft. Wirklich? Ich studiere Biologie.
Nach meinen ersten Jahren in Deutschland bin ich in Australien im Studiengang
Bachelor of Science. Ein ganz persönlicher Vergleich.