Die Teilung in den Köpfen überwinden
Muslim sein, Amerikaner und Weltbürger - das scheint dieser Tage eine Anforderung zu sein, die den Amerikanern muslimischen Glaubens eine besondere individuelle und kollektive politische Ortsbestimmung abfordert. Eine schwierige Aufgabe - angesichts der weiten Verbreitung des Islam über viele Länder dieser Welt.
Dass
unter den Opfern der terroristischen Anschläge vom 11.September auch mehrere
Hundert Muslime waren, davon hat man bisher in der Medienberichterstattung
nur wenig gehört. Genauere Zahlen dazu findet man auf der Homepage des Islamic
Circle of North America. Per Mausklick ist auf dieser Seite auch ein religiöses
Gutachten (fatwa) des Scheikh Yousef al-Qaradawi - eines anerkannten Führers
der islamischen Bewegung in Amerika - zugänglich. Seine Position zu den aktuellen
Ereignissen ist eindeutig: Er brandmarkt die Tötung unschuldiger Zivilisten
als schweres Verbrechen - und begründet seine Verurteilung des Mordens mit
der Koransure 5:32, nach welcher das Auslöschen eines einzigen Menschenlebens
einem Mord an der gesamten Menschheit gleichkommt.
Schnell wird klar: Eine einseitige Verurteilung aller Muslime kann und darf es niemals geben, und die Situation für die Menschen islamischen Glaubens in den USA ist bei weitem komplexer als mancher es in seinem Schwarzweißdenken gerne hätte.
Ein weiteres Beispiel: Bereits wenige Tage nach den terroristischen Anschlägen in den USA haben muslimische Hilfsorganisationen in den USA zu freiwilligen Hilfeleistungen und Blutspenden aufgerufen. Der Präsident der Holy Land Foundation (HLF, die sich sonst insbesondere für palästinensische Flüchtlinge einsetzt, rief dazu auf, einer "Teilung der Nation" entgegenzutreten.
Doch die Öffentlichkeit ist - nicht nur in den USA - irritiert. Zu stark wirken die über Jahre hinweg auch von Seiten der Medien geförderten Klischees vom "terroristischen Turbanträger", zu tief ist bereits die Teilung in den Köpfen fortgeschritten.
In den USA wird sich der Islam nach Schätzungen des US Außenministeriums bis zum Jahr 2010 zur zweitgrößten Religion nach dem Christentum entwickeln. 77 Prozent der heutigen muslimischen Bevölkerung sind nicht in den USA geboren, sie sind aus Asien und dem Nahen Osten zugewandert. Diese Gruppe ist durch die Irritation in der amerikanischen Öffentlichkeit besonders getroffen.
Zur rhetorischen Ausgrenzung von Muslimen gesellen sich Gewaltandrohung und tätliche Übergriffe. Auf Internetseiten amerikanischer muslimischer Lobbyorganisationen wie des Islamic Circle of North America (ICNA) und des Council on American/Islamic Relations CAIR finden sich inzwischen zahlreiche Pressemiteilungen zu Übergriffen auf muslimische Einrichtungen und Einzelpersonen. Ein Ansturm von so genannten Hassmails führte sogar dazu, dass manche islamische Internetseiten zeitweilig aus dem Netz genommen werden mussten.
Die öffentliche Rede vom Terrorangriff auf die "zivilisierte Welt" hat viele Gesichter und birgt einen Interpretationsspielraum, der sich leicht von den Vertretern einer Teilung der Welt entlang kulturalistischer Perspektiven nutzen lässt. Schnell ist der Begriff der Zivilisation einseitig vereinnahmt, die Teilung in den Köpfen der Menschen komplett; und andere Sichtweisen müssen mühsam wieder eingeführt werden. Die "zivilisierte Welt" darf sich nicht teilen und in nationale, ethnische oder religiöse Schranken verweisen lassen.
Doch zum Glück gibt es auch zahlreiche versöhnliche Stimmen - ihnen sollte gerade in solch schweren Zeiten mehr Gehör geschenkt werden. Dann wird es den Amerikanern Muslimischen Glaubens wieder leichter fallen, Muslim, Amerikaner und Weltbürger zugleich zu sein. Und dann wird es für uns alle leichter sein, die Teilung in unseren Köpfen entgültig zu überwinden.
Text überarbeitet nach einer Pressemitteilung der Ruhr-Uni-Bochum (Nr. 273, 20.09.2001). Autoren: Mousa Othman und Susanne Kröhnert-Othman.
Weitere Informationen:
Mousa Othman und Susanne Kröhnert-Othman
Fakultät
für Sozialwissenschaft der Ruhr Universität Bochum
Projekt VINGS
44780
Bochum
Tel: 0234/32-23406
Wir
alle wissen, wie es den Amerikanern nach den jüngsten Terroranschlägen geht.
Aber wissen wir auch, wie es den 6 Millionen Amerikanern geht, die muslimischen
Glaubens sind? Mousa Othman und Susanne Kröhnert-Othmann von der Ruhr-Universität
Bochum haben genauer hingesehen.