Zitat des Tages
"Öffentliches Interesse"
"Welche Maßnahmen planen Sie zur Eindämmung des Konflikts im Mittleren Osten ? Oder zur Senkung der Inflationsrate, der Kriminalitätsrate, der Arbeitslosenquote ? Wie sehen Ihre Pläne für den Schutz der Umwelt oder die Verminderung der Gefahr eines Atomkrieges aus ? Was planen Sie, im Hinblick auf die NATO, die OPEC, die CIA, die Bemühungen um eine stärkere Integration von Ethnische Minderheiten und Frauen in das öffentliche und wirtschaftliche Leben und die ungeheuerliche Behandlung der Bahais im Iran zu tun ? Was gedenken Sie zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus zu unternehmen. Ich bin so frei und antworte an Ihrer Stelle: Gar nichts."
Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode, 1985.
Grafik: Dieter Schütz/pixelio.de
Die Stille des Schnees
Die Stille des Schnees, dachte der Mann, der gleich hinter dem Busfahrer saß. Er hätte zu dem, was er in seinem Inneren empfand, "die Stille des Schnees" gesagt, wenn dies der Beginn eines Gedichtes wäre. Er hatte den Bus, der ihn von Erzurum nach Kars bringen sollte, im letzten Augenblick erwischt. (...) Gleich nachdem der Bus losgefahren war, machte der Reisende am Fenster seine Augen weit auf, in der Hoffnung, vielleicht etwas Neues zu sehen, und betrachtete die winzigen armseligen Krämerläden, die Bäckereien, die verfallenen Teehäuser in den Vierteln an Erzurums Stadtrand. Schon begann der Schnee zu fallen. Er war dichter und großflockiger als der Schnee, der den Weg von Istanbul nach Erzurum über gefallen war. Wäre der Reisende am Fenster nicht so müde von der Fahrt gewesen und hätte er etwas mehr auf die wie Flaumfedern vom Himmel fallenden Flocken geachtet, dann hätte er womöglich den starken Schneesturm, der da aufzog, gespürt und gefühlt, dass er sich auf eine Reise machte, die wohl sein ganzes Leben verändern würde, und wäre umgekehrt (...).
Orhan Pamuk: Schnee. Roman. Hanser, München 2002.
Gebet um Fortschritt im Studium
"O Gott, Vater und Herr, Schöpfer aller Dinge, unaussprechlich an Größe und Macht, der Du mit wunderbarer Weisheit die ganze Welt eingerichtet hast, wahrer Quell und letzter Grund aller Wissenschaft, verleihe meinem Verstande Einsicht und Klarheit, meinem Willen Fertigkeit und Stärke. Nimm von mir die doppelte Finsternis, in der ich geboren wurde, die Sünde und Unwissenheit. Gib mir Schärfe des Verstandes, Treue des Gedächtnisses, Ausdauer beim Studieren, Gewandtheit im Erklären, Gefälligkeit und Richtigkeit im Ausdruck. Stehe mir bei im Anfange meiner Studien, leite ihren Fortgang und gib dem Schluss eine glückliche Vollendung, der Du als wahrer Gott lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."
Prof. Hub. Lindemann: Der Akademiker. Gebete und Erwägungen für die akademischen Stände zunächst für Universitätsstudenten. (Mit kirchlicher Druckerlaubnis.) Dülmen i. W., A. Laumann'schen Buchhandlung. (Verleger des heil. Apostol. Stuhles.) Monasterii, die 13. Februarii 1917, S. 228
Virales Marketing (für Weihnachten)
"Wer heute über die Sache des christlichen Glaubens vor Menschen zu reden versucht, die nicht durch Beruf oder Konvention im Inneren des kirchlichen Redens und Denkens angesiedelt sind, wird sehr bald das Fremde und Befremdliche eines solchen Unterfangens verspüren. Er wird wahrscheinlich bald das Gefühl haben, seine Situation sei nur allzu treffend beschrieben in der bekannten Gleichniserzählung Kierkegaards über den Clown und das brennende Dorf (...). Die Geschichte sagt, dass ein Reisezirkus (...) in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, zumal die Gefahr bestand, dass (...) das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie möchten eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten bis zu Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute; er versuchte vergebens, die Menschen zu beschwören, ihnen klarzumachen, dies sei keine Verstellung, kein Trick, es sei bitterer Ernst, es brenne wirklich. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet -- bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten."
Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis. 4. Auflage, Kösel, München: 1968, S. 17.
Warum Gott keine Unikarriere macht
Why God never received tenure at a university
1. Because he had only one major publication.
2. And it was in Hebrew.
3. And it had no cited references.
4. And it wasn't published in a refereed journal or even submitted for peer review.
5. And some even doubt he wrote it himself.
6. It may be true that he created the world -- but what has he done since?
7. The scientific community has had a very rough time trying to replicate his results.
8. He rarely came to class, just told students to read the book.
9. He expelled his first two student for learning.
10. Although there were only ten requirements, most students failed his tests.
11. His office hours were infrequent and usually held on a mountain top.
Ökologische Kommunikation
Das überraschende Auftreten eines neuartigen Ökologiebewusstseins hat wenig Zeit gelassen für theoretische Überlegungen. Zunächst denkt man deshalb das neue Thema im Rahmen der alten Theorien. Wenn die Gesellschaft sich durch ihre Einwirkungen auf die Umwelt selbst gefährdet, dann sollte sie das eben lassen; man müsse die daran Schuldigen ausfindig machen und davon abhalten, notfalls bekämpfen und bestrafen. Das moralische Recht dazu sei auf Seite derer, die sich gegen die Selbstdestruktion der Gesellschaft einsetzen. Unversehens geht die Theoriediskussion in moralische Frageformen über, und das Theoriedefizit wird mit moralischem Eifer kompensiert. Die Absicht der Demonstration guter Absichten bestimmt die Formulierung der Probleme. So diskutiert man aufs Geratewohl über eine neue Umweltethik, ohne die Systemstrukturen zu analysieren, um die es geht.
Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. Kann sich die moderne Gesellschaft auf ökologische Gefährdungen einstellen? Wiesbaden: 1986 (!), zitiert nach der 4. Auflage, 2004, S. 18 f.
Bericht aus Deutschland 1950
"Unter der Oberfläche hat die Einstellung der Deutschen zur Arbeit einen tiefen Wandel erfahren. Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen nur ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, dass die Geschäftigkeit zu ihrer Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist. Und man möchte aufschreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich -- wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das vergangene Grauen, wirklich sind die Toten, die Ihr vergessen habt. Doch die angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit den Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann."
Hannah Arendt: Besuch in Deutschland 1950. Die Nachwirkungen des Naziregimes. In: Dies.: Zur Zeit. Politische Essays. dtv, München: 1989.
Familienweihnachten als Pflichtveranstaltung
"Wie kommen Kriegskinder und Friedenskinder miteinander aus? Wie funktionieren die Beziehungen zwischen Generationen, die auf verschiedenen Planeten aufgewachsen sind? Wenn Eltern über die verheerenden Erlebnisse ihrer Kindheit in einer Weise redeten, als hätte ihnen das alles nichts ausgemacht ("Das war für uns normal"), wenn sie ihre frühe Erschütterung und Prägung nicht wahrnahmen, konnte das folgenlos für die nächste Generation bleiben? (...) Wie geht es eigentlich den deutschen Kriegskindern heute? Meine Recherchen bezogen sich nicht nur auf die entsprechenden Jahrgänge 1930-1945, sondern ich wurde genauso hellhörig, wenn mir damals eine Generation tiefer 30 bis 40-jährige von schlechten Beziehungen zu Mutter und Vater erzählten. Dabei tauchte wortgleich immer wieder auf: "Meine Eltern wissen gar nicht, wer ich bin." Es stellte sich heraus, dass die Kinder eine weit bessere Ausbildung als ihre Eltern erhalten hatten und sozial aufgestiegen waren. Doch ein einleuchtender Grund für schlechte Beziehungen ist das nicht. Wenn Ältere und Jüngere nichts mehr miteinander anfangen können, wenn das Familienweihnachten für die erwachsenen Kinder eine reine Pflichtveranstaltung ist, wo nur über Banales geredet wird, wenn keiner mehr dem anderen zuhören mag, dann kann das nicht allein an einer kulturellen Entfremdung liegen ..."
Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta, Stuttgart: 2009, S.17
Zitat des Tages: Atemschaukel
"Es war noch Krieg im Januar 1945. Im Schrecken, dass ich mitten im Winter wer weiß wohin zu den Russen muss, wollte mir jeder etwas geben, das vielleicht etwas nützt, wenn es schon nichts hilft. Weil nichts auf der Welt etwas half. Weil ich unabänderlich auf der Liste der Russen stand, hat mir jeder etwas gegeben und sich sein Teil dabei gedacht. Und ich habe es genommen und mir gedacht mit meinen siebzehn Jahren, dass dieses Wegfahren zur rechten Zeit kommt. Es müsste nicht die Liste der Russen sein, aber wenn es nicht zu schlimm kommt, ist es für mich sogar gut. Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. Statt Angst hatte ich diese verheimlichte Ungeduld. Und ein schlechtes Gewissen, weil die Liste, an der meine Angehörigen verzweifelten, für mich ein angenehmer Zustand war. Sie fürchteten, dass mir etwas zustößt in der Fremde. Ich wollte an einen anderen Ort, der mich nicht kennt. (...)"
Herta Müller: Atemschaukel. Hanser, München 2009.
Déjà-vu...
"Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch an ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs."
Walter Benjamin - Über den Begriff der Geschichte (1939)
Zitat des Tages
"Es sind nicht die großen Aufgaben und nicht die wirklichen Probleme, die unter Stress setzen. Gestresst ist, wer nicht wahrhaben will, dass er vor einem Problem steht. Und der Stress selbst ist das unbelehrbare Bestreben, eine Aufgabe zu lösen, von der man weiß, wissen könnte, dass man sie so und jetzt nicht lösen wird. Man lässt nicht locker. Und je gestresster man ist, desto weniger ist man imstande, nachzulassen. Ein Teufelskreis, aus dem es nur zwei Ausstiegspunkte zu geben scheint: beim ersten Anzeichen von Stress oder beim Zusammenbruch. Der Stress ernährt sich von dem Versuch, ihn zu leugnen. (...)"
Dirk Baecker: Postheroisches Management. Ein Vademecum. Merve, Berlin 1994, S.22
Die Herren Wirtschaftsführer
Stets hat die Menschheit ihre Helden gehabt: Priester oder Ritter, Gelehrte oder Staatsmänner. Bis zum 14. Juli 1931 waren es für Deutschland die Wirtschaftsführer, also Kaufleute.
Die Kaufleute sind Exponenten des Erwerbsinnes; sie haben immer ihre Rolle gespielt, doch wohl noch nie so eine große wie heute. Weil das, was sie in Händen halten, das wichtigste geworden ist, werden sie in einer Weise überschätzt, die lächerlich wäre, wenn sie nicht so tragische Folgen hätte. Die deutsche Welt erschauert, sie braucht Götzen, und was für welche hat sie sich da ausgesucht –!
Man sollte meinen, dass der gesunde Menschenverstand wenigstens eines sehen könnte: den Mißerfolg. Aber damit ist es nichts. Niemand von denen, die diese Wirtschaftsführer bewundern, behielte auch nur einen Tag lang einen Chauffeur, der ihm die Karre mit Frau und Kind umgeworfen hätte, auch dann nicht, wenn dem Chauffeur die Schuld nicht nachzuweisen wäre. Er kündigt, denn solchen Chauffeur will er nicht. Aber solche Wirtschaftsführer, die will er.
Der unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre törichte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwa zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export.
Für diese Sorte sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern ›Mitarbeiter‹ zu titulieren pflegen, die natürlichen Feinde. Auf sie mit Gebrüll! Drücken, drücken: die Löhne, die Sozialversicherung, das Selbstbewußtsein – drücken, drücken! Und dabei merken diese Dummköpfe nicht, was sie da zerstören. Sie zerstören sich den gesamten innern Absatzmarkt.
Sie scheinen ihn nicht zu wollen – dafür haben sie dann den Export. Was dieses Wort in den Köpfen der Kaufleute angerichtet hat, ist gar nicht zu sagen. Ihre fixe Idee hindert sie nicht, ihre Waren auch im Inland weiterhin anzupreisen; ihre Inserate wirken wie Hohn. Wer soll sich denn das noch kaufen, was sie da herstellen? Ihre Angestellten, denen sie zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel geben, wenn sie sie nicht überhaupt auf die Straße setzen? Die kommen als Abnehmer kaum noch in Frage. Aber jene protzen noch: dass sie deutsche Werke seien, und dass sie deutsche Kaufleute und deutsche Ingenieure beschäftigten – und wozu das? »Um den Weltmarkt zu erobern!«
So schlau wie die deutschen Kaufleute sind ihre Kollegen jenseits der Grenzen noch alle Tage. Es setzt also überall jener blödsinnige Kampf ein, der darin besteht, einen Gegner niederzuknüppeln, der bei vernünftigem Wirtschaftssystem ein Bundesgenosse sein könnte. Die Engländer preisen rein englische Waren an, die Amerikaner rein amerikanische, und das Wirtschaftsinteresse tritt als Patriotismus verkleidet auf. Eine schäbige Verkleidung, ein jämmerlicher Maskenball.
Schuld –? Vielleicht gehört eine große geistige Überlegenheit dazu, aus diesem traurigen Trott des Geschäftes herauszukommen und auch einmal ein bißchen weiterzublicken als grade bis zum nächsten Ultimo. Aber das können sie nicht. Sie machen weiter, wie sie es bisher getrieben haben. Also so:
Niederknüpplung des Inlandskunden; Spekulation auf einen Export, der heute nicht mehr so durchzuführen ist wie sich die Herren das träumen; Überlastung der gesamten Industrie durch ein gradezu formidables Schreibwerk, das hinter dem Leerlauf der Staatsbürokratie um nichts zurücksteht. Was da an Pressechefs, Syndicis, Abteilungsleitern, Bürofritzen herumsitzt und Papierbogen vollschreibt, ohne auch nur das leiseste zu produzieren, das belastet uns alle. Aufgeblasen der Verwaltungsapparat – man sehe sich etwa das Verwaltungsgebäude der IG-Farben in Frankfurt am Main an: das Ding sieht aus wie eine Zwingburg des Kapitalismus, weit ins Land dräuend. Früher haben die Ritter die Pfeffersäcke ausgeplündert; heute hat sich das gewandelt.
Wie immer in ungesunden Zeiten ist der Kredit in einer gradezu sinnlosen Weise überspannt. Das Wort ›Wucher‹ ist ganz unmodern geworden, weil der Begriff niemand mehr schreckt, er erscheint normal.
Nun haben aber Kartelle und kurzfristige Bankkredite die Unternehmungslust und die sogenannte ›freie Wirtschaft‹ völlig getötet – es gibt sie gar nicht mehr. Fast jeder Unternehmer und besonders der kleinere ist nichts als der Verwalter von Bankschulden; gehts gut, dann trägt er den Ungeheuern Zins ab, und gehts schief, dann legen die Banken ihre schwere Hand auf ihn, und es ist wie in Monte Carlo: die Bank verliert nicht. Und wenn sie wirklich einmal verliert, springt der Steuerzahler ein: also in der Hauptsache wieder Arbeiter und Angestellte.
›Das Werk‹, dieser Götze, hat sich selbständig gemacht, und stöhnend verrichten die Sklaven ihr Werk, nicht mehr Sklaven eines Herrn, sondern Sklaven ihrer selbst Auch der Unternehmer ist längst zu einem Angestellten geworden, nur kalkuliert er für sich ein derartiges Gehalt heraus, dass er wenig riskiert. Die fortgeschrittenen Kommunisten tun recht daran, den Unternehmer nicht mehr damit zu bekämpfen, dass sie ihm Sekt und Austern vorwerfen, dergleichen verliert von einer gewissen Vermögensgrenze ab seine Bedeutung. Aber dass diese Kerle die Verteilung von Ware und Verdienst ungesund aufbauen, dass sie ihre Bilanzen vernebeln und den Angehörigen der wirtschaftlich herrschenden Klassen so viel Geld zuschieben, dass den andern nicht mehr viel bleibt: das und nur das ist Landesverrat.
Ohnmächtig sieht der Staat dem zu. Was kann er machen? Nun, er kann zum Beispiel eine Verordnung erlassen, wonach das zu verkaufende Brot sein Gewicht auf der Kruste eingeprägt erhalten muß, und das ist ein großer Fortschritt. Seine Gesetze berühren die Wirtschaft gar nicht, weil sie ihm ebenbürtig an Macht, weil sie ihm überlegen ist. Sie pariert jeden Schlag mit den gleichen Mitteln: mit denen einer ausgekochten Formaljurisprudenz, mit einer dem Staat überlegenen Bürokratie, mit Geduld. Schiebt ihm aber alle Lasten zu, ohne ihm etwa das Erbrecht zu konzedieren. Er hat zu sorgen. Wovon? Das ist seine Sache.
Also unsre Sache. Für wen wird gelitten? Für wen gehungert? Für wen auf Bänken gepennt, während die Banken verdienen?
Für diese da. Es ist nicht so, dass sie sich mästen, das ist ein Wort für Volksversammlungen. Sie mästen den Götzen, sie sind selber nicht sehr glücklich dabei, sie führen ein Leben voller Angst, es ist ein Kapitalismus des schlechten Gewissens. Sie schwindeln sich vom Heute in das Morgen hinein, über viele Kinderleichen, über ausgemergelte Arbeitslose – aber das Werk, das Werk ist gerettet.
Selbst die ›Frankfurter Zeitung‹, die sich in einer gradezu rührenden Weise bemüht, diesen störrischen Eseln des Kapitalismus gut zuzureden, wobei jene wild hinten ausschlagen, gibt zu, dass »nach den Erhebungen, die das Institut für Konjunkturforschung und eine deutsche Großbank unabhängig voneinander durchgeführt haben, noch entbehrliche Läger im Werte von mehreren Milliarden vorhanden sind« – man male sich das angesichts dieser Not aus! Aber die Lager bleiben. Und das Werk ist gerettet.
Wo steht geschrieben, dass es gerettet werden muß? Warum ist die Menschheit nicht stärker als dieser Popanz? Weil sie den Respekt in den Knochen hat. Weil sie gläubig ist. Weil man sie es so gelehrt hat. Und nun glaubt sie.
Noch ist die andre Seite stärker als man glaubt. Zu warnen sind alle jene, die die Arbeiter sinnlos in die Maschinengewehre und in die weitgeöffneten Arme der Richter hineintreiben. Drei Jahre Zuchthaus – zwei Jahre Gefängnis – vier Jahre Zuchthaus ... das prasselt nur so. Noch sind jene stärker. Die Arbeiterparteien sollten ihre Kräfte nicht in einem zunächst aussichtslosen Kleinkrieg verpulvern, solche Opfer haben einen ideologischen Wert, ihr praktischer ist noch recht klein. Drüben ist viel Macht.
Also muß gekämpft werden. Aber so wenig ein geschulter Proletarier individuelle Attentate auf Bankdirektoren gutheißen kann, so wenig sind Verzweiflungsausbrüche kleinerer oder größerer Gruppen allein geeignet, ein System zu stürzen, das jede, aber auch jede Berechtigung verloren hat, Rußland zu kritisieren. Wer so versagt, hat zu schweigen.
Doch schweigen sie nicht. Sie haben die Dreistigkeit, unter diesen Verhältnissen noch ›Vertrauen‹ zu fordern, dieselben Männer, die das Unglück verschuldet haben. Und keiner tritt ab, nur die Gruppierung ändert sich ein wenig. Das verdient die schärfste Bekämpfung.
Kampf, ja. Doch unterschätze man den Gegner nicht, sondern man werte ihn als das, was er, immer noch, ist: ein übernotierter Wert, der die Hausse erstrebt und die Baisse in sich fühlt. Sein Niedergang wird kommen. Das kann, wie die gescheiten und weitblickenden unter den Kaufleuten wissen, auch anders vor sich gehen als auf dem Wege einer Revolution. Bleiben die Wirtschaftsführer bei dieser ihrer Wirtschaft, dann ist ihnen die verdiente Revolution sicher.
Ignaz Wrobel, Die Weltbühne, 18.08.1931, Nr. 33, S. 254.
Promotionsqualen
"Zum erstenmal begegnete mir hier etwas, was ich bei jeder späteren Arbeit
wieder erfahren habe: Bücher nützen mir nichts, solange ich mir die
fragliche Sache nicht in eigener Arbeit zur Klarheit gebracht hatte. Dieses
Ringen um Klarheit vollzog sich nun in mir unter großen Qualen und ließ mir
Tag und Nacht keine Ruhe. Damals habe ich das Schlafen verlernt, und es hat
viele Jahre gedauert, bis mir wieder ruhige Nächte geschenkt wurden. Nach
und nach arbeitete ich mich in eine richtige Verzweiflung hinein. Es war zum
erstenmal in meinem Leben, dass ich vor etwas stand, was ich nicht mit
meinem Willen erzwingen konnte. […] Oft hatte ich mich damit gerühmt, dass
mein Schädel härter sei als dickste Mauern, und nun rannte ich mir die Stirn
wund, und die unerbittliche Wand wollte nicht nachgeben. Ich sagte mir oft
selbst, dass es ganz unsinnig sei. […] Aber Vernunftgründe halfen nichts.
Ich konnte nicht mehr über die Straße gehen, ohne zu wünschen, dass ein
Wagen über mich hinwegführe."
Edith Stein (1891- 1942)
Aus dem Leben einer jüdischen Familie, Edith Stein Gesamtausgabe, Bd. 1, S. 226f. (Danke an Marcus Knaup aus Freiburg für den Hinweis auf das Zitat.)
Früher
"Die Universitäten ermöglichen es jungen Menschen, eine Reihe von Jahren außerhalb aller gesellschaftlichen Gruppen und Verpflichtungen zu stehen, wirklich frei zu sein."
Hannah Arendt (1906-1975)
Die bürgerliche Welt
"Kurz, die bürgerliche Welt stirbt und lebt; indem sie stirbt. Es ist ihre spezifische Form der Selbstbehauptung, aus Untergängen Überlebenskräfte zu gewinnen und sich am eigenen Grabe Gesundheit zu besorgen. Wenn Thomas Mann von sich behauptet, er habe in seinem ganzen Leben immer nur die eine Geschichte des Verfalls erzählt, so wäre er, indem er sie mit jenem "bösen Blick" erzählte, den man ihm attestiert hat, gerade nicht die große Abschlussfigur der bürgerlichen Epoche, sondern einer der Repräsentanten, deren kritischer Begleitung sie ihre Dauer verdankt. (...)"
"Die verbreitete Neigung, eine bürgerliche Lebenspraxis mit einer antibürgerlichen Rhetorik zu verbinden, die private Existenz an Maßstäben zu orientieren, die man gleichzeitig im Öffentlichen diffamiert, zeigt eine tiefe Unsicherheit an: das verlorene Vermögen, zu sich selbst zu stehen, Gegnerschaften zu ertragen und Kritik nicht nur auszuhalten, sondern sich und was man ist daran zu messen."
Joachim Fest: Bürgerlichkeit als Lebensform. Rowohlt, Reinbek: 2007
