Wissenschaft

Die richtigen Worte finden

Sie sind Wissenschaftler? Sie möchten Ihre Forschungsergebnisse verständlich und interessant darstellen? Aber Ihnen fehlen die richtigen Worte. Bei den Sag´s klar-Kommunikationstrainings der Klaus Tschira Stiftung in Heidelberg lernen Sie, wie das geht. Teilnahmebedingungen und Termine unter www.sags-klar.info.

In den jeweils zweitägigen Workshops „Schreibwerkstatt“ und „Medientraining“ wird trainiert, die Ergebnisse der eigenen Forschung den Medien und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Kurse richten sich an Naturwissenschaftler, Mathematiker und Informatiker, die aktiv in der Forschung tätig sind. Aber auch Wissenschaftler angrenzender Bereiche sind willkommen.

 

Im Steinbruch der Begriffe

Erst kürzlich hat der Hamburger Meiner-Verlag seine Enzyklopädie Philosophie eindrucksvoll generalüberholt. Nun zieht auch der Freiburger Alber-Verlag, wie Meiner seit Jahrzehnten Synonym für exquisite Fachliteratur, nach. Lange schon hatte man die Neubearbeitung des Handbuchs philosophischer Grundbegriffe von Hermann Krings (†), Hans-Michael Baumgartner (†) und Christoph Wild aus den 1970er Jahren angekündigt. Nun ist der Nachfolger jener schlanken grüngrauen Taschenbuchbände aus dem Kösel-Verlag, die bis heute zahllose Studierstuben schmücken, endlich erschienen: blau, dickleibig, dreibändig, mit behutsam aktualisiertem Konzept und gehaltvollen Beiträgen.

Erneut versammeln die Herausgeber – Petra Kolmer aus Bonn und Armin Wildfeuer von der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen – Grundbegriffe, die "anerkanntermaßen zum Grundvokabular der (aktuellen) philosophischen Terminologie gehören". Wieder geht es nicht um letztgültige Definitionen. Schon die Editoren des alten Handbuchs wussten, dass Begriffe, obgleich diskursiv vermittelt, immer auch "von verschiedenen philosophischen Temperamenten" geprägt werden. Das Neue Handbuch offeriert in der Tradition seines Vorläufers daher kein klassisches Lexikonwissen, sondern "will selbst Philosophie bieten", freilich ohne dabei nahtlos an die "rationalistische Orientierung" des alten Handbuchs anzuknüpfen.

Für die Neu-Herausgeber hängt jedes Philosophieren von lebensweltlichen Voraussetzungen ab (denen auch das alte philosophische Staunen, thaumazein, entspringt), von grundlegenden Intuitionen, Leitüberzeugungen und Gedankenmotiven, kurz: vom so genannten Vorverständnis. Auf Grundlage dieser Prämisse – der Einsicht, dass philosophische Reflexion nicht ausschließlich im Medium reiner diskursiver Vernunft zirkuliert – will das Neue Handbuch "Sprachausdrücke" kritisch klären, das heißt im Wittgensteinschen Sinn bestimmen, wie sie gebraucht werden oder gebraucht werden sollten. Neben die "notwendigen Momente" des Begriffs, nach denen das Vorläuferunternehmen primär suchte, treten in der Neuausgabe dessen "Sinnbilder". So sind die 215 neu verfassten Einträge stärker sprachphilosophisch und hermeneutisch ausgerichtet. Man kann, obwohl die Herausgeber sich dem Kantischen Projekt einer Kritik der reinen Vernunft verpflichtet fühlen, auch von einem postnietzscheanischen, vom linguistic turn wie vom Existenzialismus gleichermaßen imprägnierten Nachschlagewerk sprechen – der Verzicht auf "Eindeutigkeitsintentionen" ist Programm und die integrierten Temperamente, Perspektiven und Methoden sind so zahlreich wie die Artikel selbst.

Tatsächlich finden sich darunter 'klassisch' aufgebaute Texte im nüchternen, bisweilen ermüdenden Lexikonstil ebenso wie glänzende Abhandlungen namhafter Autorinnen und Autoren. Der Konzentration auf Grundbegriffe und den weiteren programmatischen Umständen ist manche Auslassung geschuldet. Aber das ist, zumal für ein Handbuch, kein Nachteil. Will man beispielsweise etwas über Urteilskraft erfahren (für die Herausgeber zu Recht kein Grundbegriff), muss man in unterschiedlichen Artikeln – zum Beispiel zu 'Aufklärung' und 'Urteil' von Rainer Enskat bzw. Christian Helmut Wenzel – suchen. Mit anderen Worten: Man sollte selbst bereits philosophische Intuition und mehr oder weniger Vorwissen mitbringen, um im Steinbruch der philosophischen Grundbegriffe erfolgreich zu navigieren. Unter dieser Voraussetzung wird das inspirierende und außerdem unschlagbar preiswerte Neue Handbuch philosophischer Grundbegriffe seinem Vorgänger rasch den angestammten Regalplatz streitig machen.

Petra Kolmer/Armin G. Wildfeuer (2011): Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. 3 Bände. Freiburg, 2728 S., 120 Euro.

Doppelte Einladung in die Soziologie

Hochschulabsolventen haben, so heißt es, gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das mag für Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieurinnen richtig sein. Für Soziologen sieht die Prognose schon anders aus. Wer sich also für die Wissenschaft von der Gesellschaft entscheidet, muss gute Gründe haben – oder überhaupt erst welche ausfindig machen.
Glücklicherweise herrscht an gedruckten Appetizern respektive einführenden Darstellungen für Studierwillige und Unentschlossene kein Mangel. Zu den herausragenden und insbesondere für Erstsemester empfehlenswerten Orientierungshilfen zählt ein handlicher Band aus dem Campus-Verlag. Der Untertitel ist Programm: Die beiden Herausgeber, Uwe Schimank und Nadine Schöneck, wollen Gesellschaft begreifbar machen, indem sie eine „Einladung zur Soziologie“ aussprechen. Genau genommen sind es dreizehn Einladungen, eingängig formuliert von namhaften deutschsprachigen Soziologinnen und Soziologen, darunter Michael Hartmann, Nicole Burzan, Armin Nassehi und Hartmut Rosa.

Die Autorinnen und Autoren des Bandes geben nicht nur einen kurzen Abriss ihrer jeweiligen Forschungsthemen – von den Dämonen der Beschleunigungsgesellschaft über Gleichheitsfiktionen in Paarbeziehungen bis zur Schlüsselrolle der Sozialpolitik und zum Doping im Spitzensport –, sie erzählen auch, mitunter sehr persönlich, was sie zur Soziologie gebracht hat, was sie an „ihrem“ Fach fasziniert.
Das ist im besten Sinne einladend – und gleichermaßen produktiv verwirrend. Denn nicht immer gehen Studienmotivation und wissenschaftliche Praxis Hand in Hand. Dass die Soziologie davon lebt, Verunsicherungswissenschaft zu sein, lieb gewonnene Gewissheiten und Alltagsüberzeugungen von einer Beobachterperspektive zweiter Ordnung aus in Frage zu stellen, macht der Band auf unterhaltsame Weise deutlich. Er vermittelt so einen ersten Eindruck von der besonderen Qualität soziologischen Denkens. Und er macht Lust auf mehr, allen Arbeitsmarktprognosen zum Trotz.

Wer die Forscherinnen und Forscher hinter den Texten näher kennen lernen will, hat nach der Lektüre des Sammelbands zwei Optionen: Er oder sie kann entweder gleich Soziologie studieren oder erst einmal das Medium wechseln: Im Internet finden sich ausführliche Viedeointerviews mit allen Protagonisten - eine zweite Einladung, der man ebenso gerne Folge leistet wie der ersten.

Uwe Schimank/Nadine M. Schöneck (Hrsg.) 2008: Gesellschaft begreifen. Einladung zur Soziologie. Frankfurt/M., 195 S., 18,90 Euro (auch als E-Book für 15,99 Euro erhältlich).

Zwei Seelen?

Wenn es tatsächlich zum Äußersten kommt, wird in mindestens einem Reaktor in Japan der Kern schmelzen. Atomkritiker sprechen in diesem Zusammenhang gern vom GAU. Und einige, sogar Medienvertreter frohlocken schon mit dem schlagenden Argument, das eine Atomare Katastrophe im japanischen Fukushima ihnen liefern könnte.

Dabei steht in Japan gerade vor allem das Leben von Menschen auf dem Spiel. Das, was immer auf dem Spiel steht, wenn es auch um die zivile Nutzung von Atomkraft geht. Und das, was auch die Atomkraftgegner eigentlich schützen möchten. Allein deshalb scheint jeder Zynismus, jeder Versuch, die Lage zu instrumentalisieren, unangebracht.

Stattdessen stellen sich Fragen. Was sind die Alternativen zur Atomenergie? Hier bei uns in Deutschland und in Europa. Aber auch in Japan, das als dicht besiedeltes, sich über mehrere Klimazonen erstreckender Archipel noch viel größere Schwierigkeiten haben dürfte, einen tragfähigen Mix aus regenerativen und ggf. fossilen Energieträgern zu finden.
Natürlich können wir den Menschen raten, weniger Auto und mehr Fahrrad und Zug zu fahren. Das tun bei uns schon viele - und in Japan gefühlt noch mehr. Aber können - sollten und dürfen - wir beispielsweise einem Land vorschreiben, bis zur Lösung des Energieproblems auf wirtschaftlichen Fortschritt zu verzichten? Wieviel unsere materiellen Wohlstands wären wir für so etwas aufzugeben bereit?
Und weiter: Können wir der ganzen Menschheit verbieten, potenziell brisante Phänome zu erforschen?

Falls ja, müssen wir uns auch den positiven Seiten des Fortschritts - Krankheiten verlieren ihren Schrecken, Technik wird sicherer - verabschieden. Falls nein, wird der Einsatz vergleichsweise gefährlicher "Brücken"-Technologien ein Dilemma bleiben. Für welchen Grad an "gutem Zweck" diese dann als Mittel legitim sind, ist und bleibt eine schwierig zu beantwortende Frage.
Also befindet sich in der Brust nicht eine Anti-Atomkraft- und eine Seele für die Menschen. Sondern eine Seele im Angesicht eines apokalyptischen Desasters und seiner ethischen Begleiterscheinungen.

Möge Japan und möge den Menschen dort in diesem Ernstfall das Allerschlimmste erspart bleiben!

Causa Guttenberg: Schattenwürfe auf das deutsche Wissenschaftssystem

Dirk Matten, in Düsseldorf promovierter Betriebswirtschaftswissenschaftler und Inhaber des Hewlett-Packard-Lehrstuhls für Corporate Social
Responsibility an der Schulich School of Business der York University in
Toronto, Kanada, hat einen distanzierten Ausblick auf die Causa Guttenberg. Eine solche Optik kann, wie man weiß, der Erkenntnis förderlich sein.

Und so weist Matten in einem lesenswerten Kommentar für Spiegel Online zu Recht darauf hin, dass bei aller Hähme, die ob seines akademischen Vergehens nun auf Herrn zu Guttenberg einprasselt, kaum jemand über die Beihilfe spricht, die das deutsche Wissenschaftssystem in der ganzen Angelegenheit geleistet hat.

Vielleicht sollte man das Exempel Guttenberg nicht nur zum Anstoß nehmen, über Wahrheit und Lüge in der Politik, das Promotionsansinnen von Politikerinnen (wie z.B. Kristina Schröder) und Wirtschaftsführern oder anti-intellektuelle Ressentiments der Bevölkerung zu debattieren. Es wird höchste Zeit, dass auch die Wissenschaft in sich geht: Doktorarbeiten, die von ihren Betreuern benotet, aber vielleicht nicht einmal gelesen werden, Graduiertenschulen, die im eigenen Saft schmoren, Gefälligkeitsgutachten für eigene Schützlinge etc. pp. desavouieren einen in Deutschland erworbenen Doktorgrad wohl nicht weniger als ein ministerielles Plagiat.

Causa Guttenberg - offener Brief an Angela Merkel

Während der Druck auf Bundesselbstverteidigungsminister zu Guttenberg beinahe stündlich wächst, und inzwischen auch hochrangige Wissenschaftsvertreter einen Betrüger nennen, was ein Betrüger ist, sammeln Deutschlands DoktorandInnen im Internet Unterschriften unter einen offenen Brief an Dr. Angela Merkel.

Darin wird der Kanzlerin in vorzüglichen Worten erläutert, was der Fall ist, warum Herr zu Guttenberg alle ehrlich Promovierenden und in der Wissenschaft Lehrenden verhöhnt und warum das ein Ende haben muss. Dem ist nichts hinzuzufügen außer der eigenen Unterschrift!

PS: Auch Promovierte und Habilitierte sind freundlich eingeladen, ihren Servus unter das Dokument zu setzen.

Goodbye academia!

Ein junger, erfolgreicher (Natur-)Wissenschaftler sagt der Wissenschaft schallend Adieu, holt sich sein Leben zurück - und trifft damit offenbar einen Nerv. In seinen Reflexionen angesichts der überwältigenden Reaktionen kommt er zu dem Schluss: "There is really something wrong with the ways of academic work out there". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer einem Imperativ: Lesen!

Bildungs(bananen)republik Deutschland

Nun hat sich auch die Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, zur Plagiatscausa Guttenberg geäußert. Sie habe keinen Wissenschaftlichen Mitarbeiter ins Kabinett berufen, sondern einen Verteidigungsminister. Das ist so richtig wie ehrenrührig. Wer es für kargen Lohn und ohne geregelte Berufsaussichten (nebenbei bemerkt: auch ohne ein Familienvermögen von rund 600 Mio. Euro im Rücken) mit der Wahrheit genau nimmt, darf sich von der promovierten Physikerin aus dem Berliner Regierungsviertel düpiert fühlen.

Jetzt wissen wir also, wie ernst es der Kanzlerin mit der "Bildungsrepublik Deutschland" ist, die sie vor wenigen Jahren vollmundig ausrief. Ihre Verachtung für das höchste Gut der Wissenschaft - deren handwerkliche Redlichkeit und den Anspruch unbedingter Glaubwürdigkeit - zeigt, dass es ihr nicht so sehr um Deutschlands Zukunft, sondern vor allem um die ihres eigenen Kabinetts bange ist.

Jede seriöse Hochschule ist bestens beraten, Plagiatsversuche bei Abschluss- und insbesondere bei Doktorarbeiten strengstens zu ahnden. Nichts weniger als ihr Renommee steht auf dem Spiel. Auch wenn große Teile der deutschen Bevölkerung in Guttenbergs Fehlverhalten eine lässliche Sünde sehen wollen: Wer in der Wissenschaft abkupfert, gefährdet nicht nur seinen akademischen Abschluss, er untergräbt die Grundfesten der Wissenschaft und ruiniert ihr Ansehen. Einer wettbewerbsbewussten Kanzlerin darf das nicht gleichgültig sein! Und all jenen, die durch ihr Statement herabgesetzt worden sind, auch nicht.

Fußnoten...

Der amtierende Bundesverteidigungsminister Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg steht derzeit wegen seiner 2007 an der Universität Bayreuth mit "summa cum laude" bewerteten juristischen Dissertationsschrift unter Plagiatsverdacht. Hat er oder hat er nicht - abgeschrieben, Anführungszeichen nicht gesetzt, Fußnoten vergessen?!

Dass Dr. Guttenberg ein eigenes Verhältnis zur Wahrheit unterhält, ließ sich schon bei seinem Amtsantritt als Minister der Großen Koalition feststellen. Da gab er an, bereits reichlich Erfahrung als mittelständischer Unternehmer gesammelt zu haben und insofern bestens qualifiziert zu sein für das Wirtschaftsministerium eines Landes, dessen gern zitiertes ökonomisches Rückgrat bekanntlich aus lauter emsigen Mittelständlern besteht. Tatsächlich hatte "KT", wie Freunde und Fans den Freiherrn gerne nennen, nur das Guttenbergsche Hausvermögen verwaltet.

Dass es bei der Anfertigung seiner Dissertation nun jedoch derart krumm zugegangen sein sollte, wie weiland im Fall eines blaublütigen Kollegen, dem Hohenzollernprinzen Friedrich Wilhelm (der seinen akademischen Grad schließlich reumütig "zurückgab"), wollen wir zu Guttenbergs Gunsten nicht hoffen. Vielleicht hätte er vor Abgabe seiner Arbeit aber doch einfach mal bei seinem Großvater nachlesen sollen, wie das mit den Fußnoten so läuft...

Konkurrenz belebt das (schmutzige) Geschäft

"In jeder Form des Wettbewerbs gibt es gezielte Regelverstöße, und ihre Wahrscheinlichkeit wächst mit der Intensität des Wettbewerbs ebenso wie mit dem Erfolgsdruck, unter dem sich Teilnehmer sehen. Unerträglicher Erfolgsdruck ist das Motiv, das beispielsweise William Summerlin, die zentrale Figur des ersten in den USA berühmt gewordenen neueren Fälschungsfalls, neben anderem anführte: "Immer wieder wurde ich aufgefordert, Versuchsdaten zu publizieren und Projektanträge … zu erstellen. Dann kam eine Zeit im Herbst 1973, als ich keine neue überraschende Entdeckung vorzuweisen hatte und mir Dr. Good brutal eröffnete, daß ich ein Versager sei … So stand ich unter extremem Produktionsdruck …".

Vor allem im amerikanischen System der Forschungsförderung, wo schon seit langem die Erfolgsquoten von Förderungsanträgen konsistent niedrig sind, muß die Motivation, durch regelwidriges Verhalten zum Erfolg zu kommen, hoch eingeschätzt werden. Unter vergleichbarem Druck sehen sich mittlerweile auch in Deutschland viele, vor allem junge, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Neben der Versuchung zum gezielten Regelverstoß kann Wettbewerbsdruck auch zu Nachlässigkeit und mangelnder Sorgfalt führen.

Ein Kernstück wissenschaftlicher Methode ist aber der systematische Zweifel an den eigenen Ergebnissen. Experimente sollten gerade dann – und möglichst unabhängig – wiederholt werden, wenn sie das erhoffte Ergebnis bringen. Erfolgsdruck und Eile, das Bestreben, schneller als die Konkurrenz zu publizieren, sind eine Quelle schlecht abgesicherter Resultate und kommen in der Praxis weit häufiger vor als Manipulationen und Fälschungen."


Aus den Empfehlungen der Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft".
Quelle: DFG.

Besorgniserregend

Besorgniserregend findet Hans-Werner Rückert, Diplom-Psychologe und Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU Berlin, eine aktuelle Erhebung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts. Fazit: Immer mehr junge Menschen werden aufgrund psychischer Erkrankungen behandelt - auch während ihrer Studienzeit.

Wegen mangelnder Verpflichtungen auf der einen, fehlender Strukturen und ausbleibender Unterstützung z.B. durch Professoren auf der anderen Seite kann gerade die "Lebensphase Studium" eine erhebliche Belastung für die Seele bedeuten, weiß Rückert. Zugenommen haben in den letzten Jahren neben Prüfungsängsten und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndromen daher vor allem Depressionen, aber auch schwere Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom. Rückert zufolge sind neben Zeitstress und Hektik (zu) hohe fachliche Anforderungen, die Ballung von Prüfungen, der fehlende Praxisbezug des Studiums und die unsicheren Berufsperspektiven der Bachelor-Abschlüsse dafür verantwortlich. Als belastend empfinden Studierende zudem die fehlenden gedanklichen Freiräume in verschulten Studiengängen, die auf "Employability" statt Persönlichkeitsbildung ausgerichtet sind.

Pikantes Detail: Durch die Einführung des neuen Studiensystems hat sich laut Rückert die Nachfrage in den Psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen um ca. 20 Prozent erhöht! "Bologna" ist also nicht nur gescheitert, es macht zu allem Überfluss auch noch krank.

So soll es sein!

Konzentriertes Arbeiten in einem Seminar (Japan)
Seit einer guten Woche bin ich jetzt in Japan. Und es ist keine dieser Reisen, deren Ende ich herbeisehne und während derer ich mich dauernd des politisch inkorrekten Gedankens erwehren muss: "Die sollten das besser so machen wie bei uns." Im Gegenteil denke ich häufig: "Warum können wir es nicht so machen wie die Japaner?"

Zum Beispiel Reisen: Trotz Dutzender Gäste ist das Riesenhotel, in dem ich meine Nacht auf japanischem Boden verbringe, nicht laut. (Und es ist keinbesonders teures.) Vor dem Einsteigen in den Zug herrscht kein Gedränge, sondern man steht ruhig und gesittet an - getrennt in 2 Reihen für die Raucher- und Nichtraucherwagen. Im Zug dann: Stille. Die Handys sollen auf "lautlos" gestellt werden und man folgt diesem Hinweis offenbar. Gespräche finden statt, aber leise und kurz.

Die Klingel meines Fahrrads habe ich trotz enger Radwege noch kein einziges Mal benutzt. Und auch in Geschäften - wo es häufig so voll ist wie bei uns nur an den Samstagen vor Weihnachten, gibt es keine Rempler, kein Kindergeschrei (aber Kinder!) und schon gar kein Vordrängeln an der Kasse. Selbst Fehleingaben in die Kasse zu meinen Ungunsten werden aus freien Stücken korrigiert!

Auf den Unialltag übertragen bedeutet dies, dass ich mir mit 3 anderen Doktoranden das Büro teilen kann, ohne je aus der Konzentration gerissen zu werden. Auf unserem Gang arbeiten rund 25 Personen - gern auch spätabends und am Wochenende. Das gilt nicht nur für Professoren und Doktoranden, sondern auch für die Studierenden.

Bachelor und Master verfügen je über einen Arbeitsraum am Lehrstuhl "ihres" Profs - und machen davon offenbar regen Gebrauch. Wie eifrig die tatsächliche Zusammenarbeit ist, kann ich nicht beurteilen. Aber man stört sich zumindest nicht und schafft füreinander eine motivierende Atmosphäre. Wenn wir das doch auch so machen würden!

Publish or perish?

Seit Jahren wird in Deutschland an den Universitäten herumgedoktert. Zwischenstand: 2 Exzellenzinitiativen, 9 Elite-Unis, dutzende Promotionsschulen, mehr Internationalisierung - und Geldmangel, Überstunden, Karriererisiken wie eh und je. Schlecht geht es hierzulande vor allem dem Rückgrat des akademischen Betriebs: dem Mittelbau. Lehrverpflichtung, Lehrstuhlarbeit, heimlicher Zwang zur Habilitation, zu wenige Juniorprofessuren und der alternativlose Karriere-K.o mit Anfang 40 machen die Universitätslaufbahn zum Lebensrisiko.

All das ist hinlänglich bekannt. Eher halboffiziell, aber nicht weniger dringend reformbedürftig ist hingegen jenes Mittelbau-Problem, das gerne auf den griffigen Slogan “publish or perish!” – zu Deutsch: publiziere oder stirb – gebracht wird. Dahinter verbirgt sich der betrübliche Umstand, dass nur, wer möglichst eifrig viel bedrucktes Papier ausgestoßen (und dabei im Zweifelsfall eher Masse statt Klasse produziert) hat, sich auch an den Fleischtöpfen der Wissenschaft laben darf. Ohne eine ansehnlich lange Publikationsliste, gespickt mit reichlich Impact-Faktoren, keine Berufung zu höheren Weihen!

Die inzwischen gängige Praxis – das Schielen nach Output und Impact, Masse statt Klasse – stellt das wissenschaftliche Selbstverständnis auf den Kopf: Während man einst einen Artikel schrieb, um einen wichtigen Befund mitzuteilen, ist heute das Schreiben und Veröffentlichen in Zeitschriften häufig nur noch Selbstzweck bzw. Mittel der Karriereplanung.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Arbeitsweise von Forscherinnen und Forschern aus? Bleiben wissenschaftliche Neugier und ergebnisoffenes Arbeiten möglicherweise auf der Strecke, wenn Forschungsthema und -design immer schon mit Blick auf die Publizierbarkeit der Ergebnisse konzipiert werden? Und welche Rückwirkungen hätte dies auf das “Unternehmen Wissenschaft”?
Ein mehrstündiger Workshop mit anschließender Podiumsdiskussion geht diesen Fragen – und möglichen Antworten bzw. Lösungen – am 26. Oktober im KörberForum Hamburg nach. Ein ausführliches (vorläufiges) Programm findet sich hier. Anmeldungen werden von der Körber-Stiftung entgegengenommen.

Bad News

Der 6. August ist weltgeschichtlich betrachtet kein unschuldiges Datum. Vor 65 Jahren explodierte an eben diesem Tag die Atombombe über Hiroshima. Vor drei Tagen starb in New York der berühmte Historiker Tony Judt an den Folgen einer 2008 diagnostizierten Amyotrophen Lateralsklerose (an der auch sein Landsmann, der ebenfalls weltbekannte Physiker Stephen Hawking leidet).

Judt engagierte sich in jungen Jahren in der zionistischen Bewegung für den damals ebenso jungen Staat Israel, wurde später einer der schärfsten (und scharf attackierten) Kritiker der israelischen Palästinenserpolitik und setzte mit seinem opus magnum "Postwar", zu Deutsch: "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart", bleibende Maßstäbe. Niemand vor ihm hat die lange Epoche des Kalten Krieges, die mit dem Abwurf der Atombombe beginnt und - laut Judt - 1989 endet, so klug und kenntnisreich, so souverän und inspirierend erzählt, wie der Gründer und Leiter des renommierten Remarque Institute zum Studium der amerikanisch-europäischen Beziehungen.

Tony Judt verkörperte - profiliert und streitlustig - den typisch "alteuropäischen" Intellektuellen, gepaart mit angloamerikanischer Klarheit. Er schätzte Europa wegen seiner sozialpolitischen Errungenschaften und er liebte seine zweite Heimat Frankreich, über dessen Geistesgrößen er geschliffene Essays verfasste (z.T. erschienen in: "Reappraisals. Reflections on the Forgotten Twentieth Century").

Tony Judt, dessen intellektuelles Leben mit der Liebe zu den Wörtern am elterlichen Familientisch begann, hat sich bis zuletztschreibend und dozierend gegen seine Krankheit gestemmt - wie Sisyphos, von dem Judts großes Vorbild Albert Camus einst schrieb, man müsse ihn sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Eine berührende Vorstellung vom Denker - und vom Menschen - Tony Judt bewahrt dieser sehenswerte Kurzfilm.

Der 6. August war wieder kein besonders guter Tag.

Sklavenhalterei an deutschen Universitäten

Helmut Pape, Bamberger Privatdozent, beklagt in der heutigen Zeit das Schicksal seiner Leidensgenossen. Die deutschen Universitäten hielten sich laut Pape "Tausende hoch qualifizierter Wissenschaftler, die als Privatdozenten oder außerplanmäßige Professoren ein kümmerliches Dasein fristen." In der oft falschen Hoffnung auf den Lehrstuhl ließen sich diese gnadenlos ausbeuten.

Pape macht auf die verschärfte Situation der "Uni-Sklaven" aufmerksam, die sich durch das politische Streichkonzert des vergangenen Jahrzehnts ergeben habe, dem die Stellen des Mittelbaus zum Opfer gefallen seien: Also die wenigen bezahlten Uni-Stellen jenseits des Lehrstuhles. Ein ungeheurer Skandal, wie auch ein Leser findet: "Wir haben in Deutschland Studiengänge, die ohne unbezahlte Zuarbeit gar nicht angeboten werden könnten, Massenfächer, die kollabieren würden, würde auch nur ein Drittel der Privatdozenten auf einmal abspringen." 

Ein anderer allerdings sieht in der misslichen Situation der Privatdozenten das Spiegelbild der gesamten Gesellschaft überhaupt: "Das ganze Land wird über prekäre Arbeitsverhältnisse zurechtgeschrumpft, um es -- wie es heisst -- global wettbewerbsfähig zu machen." Und in diesem Sinne lassen sich Papes Fragen "Warum die Unis nicht mit Klagen, Verfassungsbeschwerden und Demonstrationen überzogen werden? Warum Privatdozenten nicht die Hörsäle anzünden?" vielleicht damit beantworten, dass die Entsolidarisierung durch den Marktfundamentalismus freilich vor den Toren der Universität nicht halt macht. 

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