Philosophie

Klassiker auf Knopfdruck

Seit es die sogenannten neuen Medien gibt, wird der baldige Tod des Buchs entweder von notorischen Bibliophilen und Philologen laut beklagt oder von digital natives erwartungsfroh besungen. Kein Zweifel: die Verlagslandschaft steht vor erheblichen Veränderungen. Mit seinem jüngsten Frontalangriff hat der Internetriese Amazon nun die Befürchtungen von Büchermachern und Bücherfreunden hierzulande weiter verschärft. Man darf gespannt sein, wie die Branche reagiert.

Wie man sich den Giganten auch als Nischenbewohner auf Distanz hält, lässt sich schon jetzt am Beispiel des Hamburger Traditionshauses Meiner studieren: Zuerst und nach wie vor mit anspruchsvollen und gut lektorierten Neuerscheinungen, etwa dem Grundriss Heidegger, der Neuübersetzung von Adam Smith' Theory of Moral Sentiments oder einem Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, an dem künftig kein Hegel-Leser mehr vorbeikommen wird (und die es meist auch als eBook-Variante gibt). Der Bedarf an entsprechenden Produkten und professionellen Produzenten ist ungebrochen - bei ansprchsvollen Lesern wie Autoren gleichermaßen.

Darüber hinaus bewirtschaftet der Verlag auch sein eigenes "Hausantiquariat" selbst, und das so erfolgreich, dass es innerhalb kurzer Zeit bereits ausverkauft war und nun erst einmal wieder aufgefüllt werden muss. Als drittes Glied der Verwertungskette kann Meiner nun auf ein Angebot verweisen, auf das viele Leser lange gewartet haben dürften und das erhebliches Zukunftspotenzial besitzt: Einst vergriffene Titel lassen sich im Books-on-Demand-Shop nachkaufen. So sind die Schriften Brentanos ebenso wieder erhältlich wie Fichtes wunderliche Studie über sozialistische Planwirtschaft (Der geschloßne Handelsstaat). Zwar zahlt man für die in der Regel gebundenen Sonderanfertigungen im aktuellen Meiner-Grün nicht wenig. Aber das ist auf den gängigen Antiquariatsportalen im Netz, wo man mühsam nach den vergriffenen Titeln suchen muss, kaum anders. Außerdem darf man erwarten, dass der Verlag eventuelle Kostenvorteile durch technologische Innovationen des Herstellungsverfahrens künftig an seine Kunden weiterleitet.

Prinzipiell lässt sich auf diese Weise auch ohne gigantische Lagerkapazitäten das gesamte Verlagsprogramm vorrätig halten, inklusive aller Raritäten und Kuriosa aus der über 100-jährigen Verlagsgeschichte - ein großer Schritt in die richtige Richtung, der Amazons Attacken mit dessen eigenen Waffen pariert und an dem sich hoffentlich bald auch andere Fachverlage orientieren werden.

Du sollst schreiben!

Wer vor nicht allzu langer Zeit während des Studiums noch regelmäßig in akademischen Buchstabenwüsten verdurstete und auf der Suche nach kundiger Anleitung bei eigenen, ersten Schreibversuchen meist ins Leere lief, der sieht sich heute erfreulicherweise einer wachsenden Zahl wohlformulierter Monographien einerseits, einer stattlichen Phalanx an gedruckten Ratgebern und Workshops zum wissenschaftlichen Schreiben andererseits gegenüber.

Letztere versprechen "keine Angst vor dem leeren Blatt" (Otto Kruse) und begleiten den Schreibnovizen durch alle Unwägbarkeiten "von der Idee zum Text" (Helga Esselborn-Krumbiegel). Alttestamentarisch knapp mutet das soeben erschienene Vademecum des Hannoveraner Philosophieprofessors Dietmar Hübner an: Seine Zehn Gebote für das philosophische Schreiben, nur 80 Seiten kurz, gehören - das gleich vorweg - zum Besten (und nebenbei auch Unterhaltsamsten), was der Markt derzeit zu bieten hat; nicht nur für Philosophen!

Hübner schreibt nicht aus der Perspektive des Dienstleisters, sondern der des engagierten Dozenten, der sein Fachgebiet liebt und den die handwerkliche bzw. literarische Qualität der Haus- und Qualifikationsarbeiten seiner Studenten nicht selten befremdet. Dabei doziert er keineswegs von oben herab. Es gelingt ihm vielmehr auf engstem Raum konsequent und präzise und in lebendiger, direkter Sprache zu vermitteln, was eine gute, und das heißt immer auch: gut lesbare akademische Arbeit ausmacht - und dass an der Universität (jedenfalls in den Geisteswissenschaften) nur besteht, wer jenseits von "Facebook-Deutsch und Chatroom-Höhlenmalerei" die Grundregeln des Schreibens beherrscht. Diese sind dann rasch und ohne Umschweife aufgestellt: Interesse an der Sache, klare Struktur und Gedankenführung, Mut zum Selberdenken, Fairness im Urteil, guter Stil und Regelkenntnis, ausreichend breite Quellenbasis sowie schließlich formale Korrektheit.

Dass Hübner seine zehn Gebote selbst beherzigt, macht jede Seite des Büchleins eindrucksvoll deutlich. Auch Nichtphilosophen - und selbst erfahrene Scribenten - werden es mit Gewinn lesen, weil es nicht nur auf typische Anfängerfehler eingeht, sondern zugleich eindringlich daran erinnert, was gute Wissenschaft überhaupt auszeichnet (z.B. nicht die schwächsten, sondern stets die stärksten Argumente eines akademischen Gegenübers zu attackieren). Die Empfehlung des Autors, neben der Schreibpraxis immer wieder auf herausragende Texte - vornehmlich Weltliteratur - zurückzugreifen, um den eigenen Ausdruck zu schärfen, lässt sich auf ihn selbst anwenden: Unbedingt lesen!

Dietmar Hübner (2012): Zehn Gebote für das philosophische Schreiben. Göttingen, 80 S., 6,99 Euro.

Philosophisches auf Hochglanzpapier

Als ich es vor Jahren an einem Zeitungskiosk in der südfranzösischen Provinz zufällig erblickte, war ich von der Idee sofort begeistert: Ein monatlich erscheinendes Hochglanzmagazin ausschließlich über: Philosophie – popularisierte, aber dennoch anspruchsvolle, unbequeme Philosophie, nicht bloß die üblichen Verschnitte, wie sie hierzulande in schmalen Kolumnen, Rubriken und Talkshows von neunmalklugen Phrasendreschern unters Volk gebracht werden. Schade, dass das nicht auch bei uns geht, dachte ich damals, die Franzosen um ihre traditionsreiche und gleichermaßen breitenwirksame Liaison von Weisheitsliebe und Öffentlichkeit beneidend.

Doch, es geht! Seit diesem November nämlich liegt die erste Nummer des deutschen "Philosophie Magazin" in den Auslagen der Zeitungsgeschäfte, mit einer stattlichen Erstauflage von 100.000 Stück und einem, jedenfalls für die verprenzlauerbergten Regionen Deutschlands, hinreichend provokanten Titel: "Warum haben wir Kinder? Auf der Suche nach guten Gründen?" Das klingt zunächst nun doch ein wenig nach Maybrit Illner, ist es aber nicht. Sicher, die Optik wirkt zeitgemäß trendig; ohne die üblichen Sprechblasen, Blitzlichter und Presseschaufetzen geht es auch auf den ersten Seiten des "Philosophie Magazin" nicht. Dafür wird die interessierte Leserin gleich zum Einstieg umstandslos mit ein paar Absätzen Malthus, Jean Baudrillard, Thomas Kuhn und Georg Simmel bekannt gemacht. Die Themenauswahl ist breit, mit leichter französischer Schlagseite, denn die Redaktion bezieht einen guten Teil ihrer Inhalte vom "Mutterblatt". Neben Interviews (Julian Assange diskutiert via Skype mit dem Moralphilosophen Peter Singer; Axel Honneth spricht über Anerkennungsdefizite und Finanzkapitalismus), Reportagen, Buchkritiken und philosophischen Splittern, beispielsweise über Judith Butlers Kritik des Lacanschen Phallogozentrismus oder die Innenperspektive von Fledermäusen, und dem umfangreichen, nachdenklich stimmenden Dossier über Segen und (vor allem) Fluch des Kinderkriegens bietet die Erstausgabe auch ein umfangreiches Klassikerporträt zu Aristoteles. Aus diesem Anlass wird gleich noch das Prinzip Warenprobe in die Philosophie eingeführt: Beigelegt ist ein Sonderdruck über Freundschaft aus der Nikomachischen Ethik mit pointiertem Vorwort von Pierre Aubenque (aber leider ohne die leserfreundlichen Kursivierungen der zugrunde liegenden Meiner-Ausgabe). Das Abstraktionsniveau vieler Beiträge ist – für ein publizistisches Breitenprodukt – durchaus hoch, der Stil trotzdem erfrischend.

Wer Magazinformate nicht mit akademischen Abhandlungen verwechselt, Wissenschaftsjournalismus nicht mit Wissenschaft, und den hierzulande weit verbreiteten, oft dünkelhaften Vorbehalt gegen mediale Vermittlungsversuche anspruchsvoller Inhalte hintanstellt, erhält für wenig mehr als fünf Euro eine Massendrucksache, die auch den Fachmann unterhält - Weiterdenken ausdrücklich erlaubt. Auch wenn an der ein oder anderen Ecke noch geprobt wird (der obligatorische Schlusscartoon kommt sehr behäbig daher, manches Textstück ist dann doch etwas zu zeitgeistig-knapp geraten), kann man auf die Folgenummern gespannt sein und dem jungen Druckwerk nur eines wünschen: eine in jeder Hinsicht gelingende Traditionsbildung!

Intellektuelles Wurzelgeflecht in Handbuchform

Gilles Deleuze und Félix Guattari gehören zu den herausragenden französischen Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts. Gemeinsam haben sie den aus der Botanik stammenden Terminus ,Rhizom' in die Philosophie eingeführt, als metaphorischen Gegenentwurf zum klassischen ,Baum' des Wissens. Während die Baumstruktur hierarchisch und dichotomisch ist, jedem Element einen eindeutigen Platz in einem festen Gefüge zuweist und ohne Querverbindungen, Sprünge und Uneindeutigkeiten auskommt, ist das Rhizom eine vielfältig in sich und mit anderen Rhizomen verflochtene, wild wuchernde Struktur von Verästelungen und Knollen.

So ähnlich, wie eine Art Sprossachsensystem, kann man sich die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts vorstellen, mit ihren Verflechtungen in Richtung Phänomenologie und Psychoanalyse, den erhabenen Knotenpunkten – der Kaderschmiede École Normale Supérieure oder dem Collège de France –, ihren genialischen Sprösslingen à la Sartre und Foucault und intellektuellen Schattengewächsen wie Marc Richir, Étienne Balibar, Sarah Kofman oder Mikel Dufrenne, die über die Grenzen Frankreichs hinaus nicht mehr Vielen bekannt sind.

In ihrem Autorenhandbuch zur französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts haben die beiden Hagener Philosophen Thomas Bedorf und Kurt Röttgers dieses ausgreifende Geflecht nun in eine gleichermaßen benutzer- wie gegenstandsfreundliche Form gebracht. Denn obwohl die Herausgeber ein Theoriefeld mit deutlich identifizierbaren Konturen – Strukturalismus, Dekonstruktion, Diskurstheorie... – ausmachen, wollen sie in erster Linie die "die Vielfalt des französischen Denkens in seiner Breite abbilden", ohne dabei allzu scharfe historische und geographische Grenzen zu ziehen: Neben Nachkriegsautoren finden sich Denker des späten 19. Jahrhunderts; Belgier, Schweizer und vornehmlich auf Englisch publizierende Autoren stehen gleichberechtigt neben Franzosen. Man kann das (alphabetisch gegliederte) Handbuch daher getrost rhizomatisch lesen, von einem Verzweigungspunkt zum anderen. Die insgesamt 98 Artikel namhafter Expertinnen und Experten sind von unterschiedlicher Länge, aber ausnehmend hoher Qualität. Sie geben einen kurzen biographischen Abriss ihres Protagonisten, eine knappe Darstellung der zentralen theoretischen Innovationen nebst Ausblick auf Einflüsse und Umfeld sowie ausgewählte Lektürehinweise. Ein ausführliches Literaturverzeichnis, Begriffs- und Personenregister beschließen den kompakten Band, der den Blick auf "ein theoretisch fruchtbares Jahrhundert" weitet und dazu einlädt, sich tiefer in das französischen Denkgeflecht des 20. Jahrhunderts hineinzugraben.

Thomas Bedorf/Kurt Röttgers (Hg.) 2009: Die französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Ein Autorenhandbuch. Darmstadt, 400 S., 79,90 Euro (Preis für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft: 49,90 Euro).

Im Steinbruch der Begriffe

Erst kürzlich hat der Hamburger Meiner-Verlag seine Enzyklopädie Philosophie eindrucksvoll generalüberholt. Nun zieht auch der Freiburger Alber-Verlag, wie Meiner seit Jahrzehnten Synonym für exquisite Fachliteratur, nach. Lange schon hatte man die Neubearbeitung des Handbuchs philosophischer Grundbegriffe von Hermann Krings (†), Hans-Michael Baumgartner (†) und Christoph Wild aus den 1970er Jahren angekündigt. Nun ist der Nachfolger jener schlanken grüngrauen Taschenbuchbände aus dem Kösel-Verlag, die bis heute zahllose Studierstuben schmücken, endlich erschienen: blau, dickleibig, dreibändig, mit behutsam aktualisiertem Konzept und gehaltvollen Beiträgen.

Erneut versammeln die Herausgeber – Petra Kolmer aus Bonn und Armin Wildfeuer von der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen – Grundbegriffe, die "anerkanntermaßen zum Grundvokabular der (aktuellen) philosophischen Terminologie gehören". Wieder geht es nicht um letztgültige Definitionen. Schon die Editoren des alten Handbuchs wussten, dass Begriffe, obgleich diskursiv vermittelt, immer auch "von verschiedenen philosophischen Temperamenten" geprägt werden. Das Neue Handbuch offeriert in der Tradition seines Vorläufers daher kein klassisches Lexikonwissen, sondern "will selbst Philosophie bieten", freilich ohne dabei nahtlos an die "rationalistische Orientierung" des alten Handbuchs anzuknüpfen.

Für die Neu-Herausgeber hängt jedes Philosophieren von lebensweltlichen Voraussetzungen ab (denen auch das alte philosophische Staunen, thaumazein, entspringt), von grundlegenden Intuitionen, Leitüberzeugungen und Gedankenmotiven, kurz: vom so genannten Vorverständnis. Auf Grundlage dieser Prämisse – der Einsicht, dass philosophische Reflexion nicht ausschließlich im Medium reiner diskursiver Vernunft zirkuliert – will das Neue Handbuch "Sprachausdrücke" kritisch klären, das heißt im Wittgensteinschen Sinn bestimmen, wie sie gebraucht werden oder gebraucht werden sollten. Neben die "notwendigen Momente" des Begriffs, nach denen das Vorläuferunternehmen primär suchte, treten in der Neuausgabe dessen "Sinnbilder". So sind die 215 neu verfassten Einträge stärker sprachphilosophisch und hermeneutisch ausgerichtet. Man kann, obwohl die Herausgeber sich dem Kantischen Projekt einer Kritik der reinen Vernunft verpflichtet fühlen, auch von einem postnietzscheanischen, vom linguistic turn wie vom Existenzialismus gleichermaßen imprägnierten Nachschlagewerk sprechen – der Verzicht auf "Eindeutigkeitsintentionen" ist Programm und die integrierten Temperamente, Perspektiven und Methoden sind so zahlreich wie die Artikel selbst.

Tatsächlich finden sich darunter 'klassisch' aufgebaute Texte im nüchternen, bisweilen ermüdenden Lexikonstil ebenso wie glänzende Abhandlungen namhafter Autorinnen und Autoren. Der Konzentration auf Grundbegriffe und den weiteren programmatischen Umständen ist manche Auslassung geschuldet. Aber das ist, zumal für ein Handbuch, kein Nachteil. Will man beispielsweise etwas über Urteilskraft erfahren (für die Herausgeber zu Recht kein Grundbegriff), muss man in unterschiedlichen Artikeln – zum Beispiel zu 'Aufklärung' und 'Urteil' von Rainer Enskat bzw. Christian Helmut Wenzel – suchen. Mit anderen Worten: Man sollte selbst bereits philosophische Intuition und mehr oder weniger Vorwissen mitbringen, um im Steinbruch der philosophischen Grundbegriffe erfolgreich zu navigieren. Unter dieser Voraussetzung wird das inspirierende und außerdem unschlagbar preiswerte Neue Handbuch philosophischer Grundbegriffe seinem Vorgänger rasch den angestammten Regalplatz streitig machen.

Petra Kolmer/Armin G. Wildfeuer (2011): Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. 3 Bände. Freiburg, 2728 S., 120 Euro.

Weltzustand Fukushima

In seinen "Thesen zum Atomzeitalter" von 1959 zieht der Philosoph, Literat und Essayist Günther Anders (1902-92) einen ungeheuren Vergleich: Die Drohung mit der Atombombe sei totalitär, sie verwandele die ganze Erde "in ein ausfluchtloses Konzentrationslager" - weil sich der atomare Fallout im Ernstfall nicht an Ländergrenzen halte und die Vernichtungskapazität der weltweit existierenden Bombenarsenale jede Zweck-Mittel-Relation sprenge. In der kettenreaktiven Logik von Erstschlag und Zweitschlag bedeutet das nichts anderes als: "Jeder kann jeden Treffen, jeder von jedem getroffen werden."

In diesem Sinn markierte der 6. August 1945 - der Tag des Abwurfs der ersten Atombombe - für Anders eine Epochenzäsur: "Hiroshima als Weltzustand". Seit diesem Tag sei die Menschheit in der Lage, sich selbst auszurotten; eine irreversible 'Fähigkeit', die in totaler Ohnmacht mündet.

Wie Recht der oft als enervierender Schwarzmaler attackierte Anders mit seiner frühen Warnung vor der Atomtechnik hatte - in die er ausdrücklich auch die 'friedliche Nutzung der Kernenergie' einbezog -, demonstrierte einer tatsächlich ohnmächtigen Weltgemeinschaft einmal mehr die Reaktorhavarie von Fukushima. Wieder ist eine jener "nuklearen Zeitbomben mit unfestgelegtem Explosionstermin" (Anders) in die Luft geflogen. Und wieder ist die Weltgemeinschaft, bis auf eine Ausnahme, rasch zur atomaren Tagesordnung zurückgekehrt. Günther Anders hätte in diesem Fall gewiss "Apokalypseblindheit" diagnostiziert.

Doch nicht nur als Vordenker der Anti-Atom-Bewegung, auch als kritischer Theoretiker der Moderne, als Medienphilosoph avant la lettre, Dichter und Tagebuchschreiber ist Günther Anders bis heute immer noch ein lesens- und bedenkenswerter Autor. Wer ihn näher kennen lernen will, kann neben seinen Schriften aus dem Beck-Verlag nun auch wieder auf ein aus aktuellem Anlass bei Diogenes neu aufgelegtes Lesebuch zurückgreifen, darin ausgewählte atom- und fernsehkritische Texte, zahlreiche philosophische Fabeln und Aphorismen, Auszüge aus Tagebüchern sowie Günther Anders' Briefwechsel mit dem als 'Hiroshima-Pilot' in die Geschichte eingegangenen Claude Eatherly, abgerundet von einem Interview aus dem Jahr 1979.

Günther Anders: Die Zerstörung unserer Zukunft. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Bernhard Lassahn. Zürich 2011, 352 S., 10,90 Euro.

Killer Kant

Immanuel Kant gilt lektüretechnisch als harter Knochen. Ein ordentlicher Brocken ist auch der jüngste Wissenschaftskrimi des Berliner Schriftstellers Jens Johler, der den Titel Kritik der mörderischen Vernunft trägt. Ein scheinbar emotionsloser Killer mit dem Decknamen des großen Aufklärers hat es darin auf Hirnforscher abgesehen, die den freien Willen leugnen. Der Thriller, der in Berlin und London spielt, ist sauber recherchiert und liest sich runter wie die Abschrift eines gut gemachten TV-Krimis mit Henry Hübchen und Maria Furtwängler in der Hauptrolle. Keine Spitzenprosa, aber wirklich gute Unterhaltung. Nur das gelegentliche Product Placement nervt, gehört aber offenbar zum fernsehkompatiblen „Sound“ des Buches.

Selbst wer die Debatte um den freien Willen und die Hirnforschung nicht oder nur kaum verfolgt hat, kommt auf seine Kosten bei diesem 500 Seiten-Schmöker, der die einschlägigen philosophischen Probleme auf spannende Weise mit dem Fortgang der Story verwebt. Im Zentrum steht dabei die Frage: Was darf eigentlich die Wissenschaft? Killer „Kant“ meint: Wir müssen ihren „Terror“ stoppen, weil sie im Verbund mit Pentagon und Wirtschaftslobbyisten (Achtung: Verschwörung!) danach trachtet, den Menschen in einen gefügigen, leicht kontrollierbaren und manipulierbaren Roboter zu verwandeln. Der latent melancholische Wissenschaftsjournalist Troller und seine smarte Freundin Jane heften sich unter Lebensgefahr und mit einschneidenden Folgen für ihre Beziehung an „Kants“ Fersen, der erstaunlich gut ins Raster jener Hirnforscher passt, die mit dem freien Willen auch die Schuldfähigkeit des Menschen radikal in Abrede stellen. Der veritable Showdown des Buches legt einen anderen Schluss nahe.

Jens Johler (2009): Kritik der mörderischen Vernunft. Berlin: Ullstein, 544 Seiten, 9,95 Euro.

Lexikongigant (fast) für lau

Historisches Wörterbuch der Philosophie

Das Historische Wörterbuch der Philosophie ist ein gedruckter Superlativ. Die 12 Textbände im Lexikonformat gelten – mit rund 3.800 Artikeln und 1.500 Autorinnen und Autoren – als eines der größten geisteswissenschaftlichen Editionsprojekte weltweit und bilden zusammen laut Verlagswerbung „das umfangreichste und bedeutendste philosophische Begriffslexikon aller Zeiten“. Und das ist wahrlich kein PR-Gehuber. Fast jeder, der in Deutschland eine Geisteswissenschaft studiert, hat „es“ im ersten Semester kennen gelernt, seitdem ehrfürchtig bestaunt und immer wieder mit Genuss und Gewinn in die Hand genommen und die eng bedruckten, gehaltvollen Texte beackert. Allein die Anschaffungskosten von um die 2000 Euro (Neupreis) verhinderten bisher, dass man sich die alterslose Lexikon-Diva wie andere, aber weitaus günstigere, Nachschlagewerke selbst ins Regal stellte.

Zu ihrem 60jährigen Bestehen offeriert die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) aus Darmstadt das Standardwerk des Schwabe-Verlags, das sie in Lizenz vertreibt, nun für kurze Zeit zu einem sensationellen Preis. Der dürfte – Liebhabergefühle vorausgesetzt – womöglich auch notorisch klamme Studierende und Doktoranden zum Nachdenken anregen.

Im „HWPh“, so das liebevolle Kürzel des Geistes-Giganten, werden alle wichtigen Begriffe der Philosophie behandelt, Namen von Schulen und Richtungen ebenso wie die philosophischen Termini der Gegenwart und der Philosophiegeschichte, aber auch philosophisch relevante Begriffe angrenzender Fachgebiete wie Theologie, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Politik, Jurisprudenz und sogar der Naturwissenschaften. Unter den Einträgen kommt die Manie ebenso zu Wort wie Liebe und Logik. Auch Altphilologen, Historiker und Germanisten haben an diesem Werk gewiß Freude. Die begriffsgeschichtliche Darstellung zeigt die Herkunft und Genese der Begriffe auf und beschreibt den Wandel ihrer Bedeutung und Funktion im Laufe der Jahrhunderte. Und weil das Editionsprojekt bereits 1971 begann, aber mit einem Vierteljahrhundert Verspätung erst 2005 abgeschlossen werden konnte, dokumentiert es darüber hinaus auch eine Begriffs-Geschichte in sich selbst. Dennoch sind alle Artikel einheitlich aufgebaut, dafür aber unterschiedlich lang und – wie sollte es bei einem derart massiven Editionsprojekt anders sein – unterschiedlich gut lesbar. Neben zahlreichen Literaturbelegen wird jeder Artikel durch Literaturhinweise abgerundet. Der Registerband bietet über 30.000 Verweise einschlägiger philosophischer Termini auf die Artikel des Gesamtwerks und zu jedem Artikel sind ergänzende Nachbarartikel angegeben. Die beigefügte CD-ROM beinhaltet den Text aller 13 Bände, inklusive Volltextsuche und erweiterte Suchfunktionen.

12 Textbände und ein Registerband (nur geschlossen beziehbar), zusammen über 9182 Seiten mit etwa 3800 Stichwörtern, Fadenheftung, Ganzleinen, CD-ROM kosten vorübergehend nur noch € 798,-. Einzige Voraussetzung: die – allerdings günstige – Mitgliedschaft bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft.

Nida-Rümelin über Philosophie in Deutschland

In seinem Beitrag "Philosophie ohne Sinn" vom 16. Januar kritisiert Patrick Spät in sciencegarden, dass der akademischen Philosophie in Deutschland durch den Bologna-Prozess systematisch das für ihr Selbstverständnis konstitutive Staunen ausgetrieben werde.

In der SZ legt nun der im Januar neu gewählte Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Julian Nida-Rümelin, seine Sicht der Dinge dar. Zwar habe die Philosophie ihren Status als Königsdisziplin schon längst verloren, räumt Nida-Rümelin ein, sei aber gesellschaftlich immer noch hoch angesehen und als Orientierungsinstanz gefragt. Bedenklich stimme hingegen, dass das Fach in Deutschland - das in den letzten 300 Jahren "nahezu die Hälfte der relevanten philosophischen Literatur beigesteuert hat" - an den Schulen ein Mauerblümchendasein friste.

Der Ex-Kulturstaatsminister verweist im Interview auch auf die besonderen Schwierigkeiten, denen die Philosophie im Exzellenz-Wettbewerb mit anderen Wissenschaften ausgesetzt ist. So gilt unter graduierten Denkern das Buch immer noch als publizistische Krönung, offizielle Rankings zählen jedoch nur - meist englischsprachige - Artikel. Hier ist Änderungsbedarf dringend angezeigt.

Stadt oder Leben!

Haben wir die Stadt, den Mittelpunkt unseres Lebens, Schaffens und Sterbens in schlechte Hände gegeben? Autobahnen zerschneiden einstige Ruheräume, kahle Hochhausfassaden veröden ganze Viertel, in den Wohnsilos vegetieren wir nachbarschaftslos vor uns hin.

In der neuen Ausgabe des Merkur geht der hierzulande relativ unbekannte Philosoph und konservative Außenseiter Roger Scruton nicht nur aus ästhetischen Gründen mit den Architekten und Stadtplanern der Moderne hart zu Gericht, die den Kampf um die Ideen an den Universitäten zu unser aller Leid gewonnen hätten: 

"Die Vandalisierung des Curriculums verlief erfolgreich: Die europäischen Fakultäten für Architektur brachten den Studenten nicht mehr die Grammatik der klassischen Säulenordnungen bei, sie unterrichteten nicht länger, wie Friese zu verstehen sind, wie man die bestehenden Baudenkmäler, städtischen Straßen, den Körper des Menschen zeichnet, noch solche wesentlichen ästhetischen Phänomene wie den Lichtfall auf einem korinthischen Kapitell oder den Schatten eines Campanile auf einem schräg abfallenden Dach; nicht länger wurde das Verständnis von Fassaden gelehrt, von Gesimsen, Toröffnungen oder irgendetwas anderem, was man durch das Studium der Werke von Sebastiano Serlio oder Andrea Palladio in Erfahrung bringen konnte. Das Ziel des neuen Curriculums bestand darin, ideologisch motivierte Ingenieure auszubilden, deren zeichnerische Fähigkeiten nicht über Grundrisse und isometrische Zeichnungen hinausgingen und die die gigantischen Projekte des sozialistischen Staates vorantreiben würden: Menschen in Wohnsiedlungen zu schaufeln, Pläne für Industrie- und Gewerbegebiete aufzureißen, Schnellstraßen durch alte Stadtzentren zu schlagen und überhaupt das Bürgertum daran zu erinnern, dass Big Brother es kontrollierte."

Als ideellen Widerpart und Verheißung auf ein besseres Stadtleben bringt Scruton den luxemburgischen Architekten Léon Krier auf den Reißplan. Dessen Entwürfe der englischen Stadt Poundbury sind tatsächlich ganz im positiven Sinne reaktionär.  

Graswurzelphilosophie

In der Rue Bouquière in Bordeaux

      (In der Rue Bouquière in Bordeaux, Sommer 2008)

An der deutschen Universität ein Mauerblümchen, in weiten Teilen der Gesellschaft populär: die Philosophie. Während die einen auf Fachkongressen über das Leib-Seele-Problem in der Aristotelischen Naturphilosophie streiten, lesen andere leicht Verdaulich-Allzuverdauliches vom Schlage des Philo-Bestsellers "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?".

Zwar ist unklar, ob der unerwartete Erfolg des Buches mehr Elke Heidenreichs Lese-Empfehlung geschuldet ist, als seinem nicht gerade inspirierenden Inhalt. Aber die Tendenz zur U-Philosophie (im Gegensatz zur universitären E-Philosophie) ist kaum zu übersehen. Die kommende Buchmesse in Frankfurt wird das nur bestätigen.

Wirklich erfreulich ist hingegen etwas anderes:

Auf der bunten Philosophie-Wiese vor der Alma mater erblüht seit geraumer Zeit in unseren Landen ein zartes, aber ansehnliches Pflänzchen: die Idee der philosophischen Praxis. Erdacht hat sie Gerd B. Achenbach, der in Bergisch Gladbach auch eine Ausbildungsstätte für angehende Praktiker betreibt. In seiner Folge eröffnen immer mehr Absolventen des brotlosen Faches Dependancen der Lebensweisheit von Hamburg bis Zürich und anderswo (siehe Foto).

Sicher, auch unter den Praxisphilosophen mag es ein paar schwarze Schaafe geben, die ihre "Kunden" mit geistloser Instantnahrung vergiften. Doch nicht vermessen ist die Hoffnung, die vielen guten Denkstuben mögen es schaffen, der  Gesellschaft - sozusagen von unten und in gemeinsamer Anstrengung mit ihren Klienten - zu vermitteln, warum wir ohne Philosophieren schwerlich leben können und warum es sich lohnt, das Denken zu lernen. Das wäre nicht zuletzt auch der akademischen Philosophie selbst zu wünschen, der die Studierenden mehr und mehr abhanden kommen.

Video: Groß und Nichtig

„Perspektivenerweiternd“ ist das folgende Video, welches die Relativität der Dinge im Universum und den Effekt einer dem Betrachtungsmaßstab angehängten Null illustriert.

(Wer das jetzt nicht versteht, sollte sich den Film auf jeden Fall anschauen ;-)

"Größter" oder größter Quatsch?

Mit Gott und Religion setzen sich im laufenden Semester 2 Veranstaltungsreihen in Niedersachsen auseinander. In Hannover widmet sich eine Ringvorlesung mit Vorträgen namhafter Forscher der vermeintlichen Auferstehung der Götter. Mitdiskutieren zum Verhältnis von Glaube und Wissenschaft ist dagegen im Themenforum der Evangelischen Studierendengemeinde (esg) Braunschweig erwünscht.

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