Literatur

Die vielleicht spannendsten Längen der Filmgeschichte

schilf.jpg „Alles, was denkbar ist, existiert“- davon ist zumindest Sebastian Wittig überzeugt. Fieberhaft arbeitet der Physikprofessor am Beweis seiner Theorie. Unterdessen verschwindet sein kleiner Sohn Nick von einer Autobahnraststätte, und ein mysteriöser Anrufer fordert Wittig auf, einen Mord zu begehen.
Regisseurin Claudia Lehmann gelingt es in „Schilf“, Juli Zehs genialen Thriller ebenso genial auf die Leinwand zu bannen. Die Story zweier befreundeter Physiker mit Widerstreitenden Theorien und Lebenseinstellungen erzählt sie geradeheraus und ohne viel Psychologisieren. Die fesselnde Spannung des Films entspringt aus den sorgfältig komponierten Wechseln zwischen den parallelen Welten, die Protagonist Wittig zunächst herbeitheoretisiert – und sich dann in sie verstrickt. Angst vor möglichen Entführern seines Sohnes und vor der Unmöglichkeit, sich mit seiner Theorie verständlich zu machen, lassen ihn dessen Verschwinden zunächst auch gegenüber seiner Frau verschweigen. Als diese aus dem Urlaub zurückkehrt und sie beide schließlich die Polizei verständigen, findet sich Klein-Nick wohlbehalten im Ferienlager wieder. Allerdings habe er geschlafen, „und dann war ich hier“.

Spätestens hier ist eine zweite Ebene im Film deutlich. Während die übrigen Protagonisten jeweils in einer Welt verankert erscheinen, hat Wittig offenbar Erinnerungen aus mehreren Paralleluniversen. Für den Zuschauer erscheint dies in der Bildsprache wie eine Psychose oder „einfach Überarbeitung“, wie seine Frau die peinliche Episode mit dem gar nicht verschwundenen Sohn kommentiert. Doch über diesen Schein normaler Verrücktheit legt die Regisseurin einen Schleier aus wohldosierten Filmeffekten – dünne Gegenstände, die sich als Trennlinie vor dem Hintergrund auflösen, Straßenmarkierungen unter dem vorwärts drängenden Auto, die mit englischsprachigen Bandaufnahmen zum Stroboskopeffekt hinterlegt werden, aber auch die üblichen Mittel des Thrillers.

Steht Klein-Nick noch neben seiner Mutter auf dem Bahnsteig, als Wittig in selbstberuhigender Tapferkeit seine Lieben verabschiedet? (Man weiß es nicht.) Und wie nahe wird Wittig der geheimnisvolle Schilf kommen, der ihm immer an den Übergängen zwischen den Welten begegnet? Gegen Ende des Films sehen sich beide in die Augen. Schilf offenbart Wittig seine Identität und endlich auch das Geheimnis hinter Entführung, nicht begangenem Mord und der Auseinandersetzung mit Freund Oskar über die Existenz der Paralleluniversen. In dieser Szene entfaltet sich die Poesie dieses Films zu voller Pracht. Schilf kommt Wittig näher, er geht in eindringlichem Reden auf den anderen zu und sie beginnen, wie im Kampf Kreise umeinander zu drehen. Doch, soviel darf man vorausnehmen: Schilf zieht keine Pistole, um in Hollywood-Manier dem Zuschauer einen Höhepunkt des Grauens zu bereiten. Er blickt – starr und seiner Mission bewusst – in Wittigs Augen, und diese blicken suchend, zweifelnd, aber kaum noch ängstlich zurück. Nach Hollywood-Maßstab hat „Schilf“ beträchtliche Längen. Man kann aber auch sagen, er hat eine eigene Sprache. Und die inszeniert perfekt die Komplexität des Sujets und lässt echte Spannung entstehen. Die vielleicht spannendsten Längen seit „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 7)

Donnerstag den 12.VII.34
"Auch die Verhunzung der 'Anständigkeit'. (...) Goebbels, der erklärt, die Regierung habe das Volk über die Ereignisse des 30. Juni mit beispielloser Offenheit und Redlichkeit aufgeklärt. Die Anständigkeits-, Schlichtheits-, Tugend-Propaganda für die kleinen Leute. Man wirft ihnen die Homosexualität als moralischen Köder hin -- als ob sie nicht wesentlich zur Bewegung, zum Kriegertum, ja zum Deutschtum gehörte. Eine besondere Niedrigkeit."
Thomas Mann: Tagebuch 1934. S.Fischer, Frankfurt/Main: 1978
Ende der 1970er Jahre wird Klaus Theweleit mit seiner Untersuchung zu den "Männerphantasien" berühmt. Die mag umstritten sein und heute zeigt die Täterforschung sicher ein differenzierteres und empirisch belastareres Bild. Aber wie immer bei der Psychoanalyse: sie entwickelt eine Deutungskraft, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Vielleicht sollte man daher allein aus intuitiven Gründen Freud nie ganz ad acta legen. Theweleit zeigt an den Schriften der Krieger, Soldaten und Generäle unter anderem, wie erotisch Männer-, Schäferhund- und Pferdekörper geschildert werden. Ende der 1970er Jahre erscheint auch Thomas Manns Tagebuch und lässt wenig Zweifel daran, dass der Autor schwul war. Aber was geht aus einer unterdrückten sexuellen Orientierung hervor? Thomas Mann sieht früh und klar die verkappte Homosexualität faschistischer Männerbünde. Aber was ist mit ihm selbst? Mit seinem ungelebten Leben? Freud beschrieb zwei Triebe und die Wege der Sublimierug: Mann verwandelt sein ungelebtes Leben in hochkulturelle Textbeiträge, die mit Unglück erkauft sind. Sonst bleibt nur der fatale Mechanismus der Projektion. Der soldatische Körper verzichtet ebenfalls auf das Ausleben männlicher Erotik, und sublimiert dies mit einem Körperpanzer, mit Hass und Gewalt gegen Frauen. Die Unterdrückung wird bedroht, wenn die schönen Frauen (oder die Knaben) ins Bild laufen. Clawdia Chauchat vom Russentisch, die die Tür so laut schlägt, verfolgt den Helden des Zauberbergs. Währen die Krieger mit ihren Untaten doch fähig gewesen, zu schreiben, wahrhaft zu lesen oder zu malen! Wieviel Leid wäre erspart geblieben. Die schreibenden "Wolllüstlinge des Krieges", so Mann über Ernst Jünger, mussten selten Hand an legen, um ihr Glück zu finden. Lieber Tagebuch oder Romane schreiben. Das ist nicht viel, aber schon ein Kulturbeitrag. Ist der Weg versperrt, so bleibt die männliche Barbarei. Kultur hingegen ist gedacht als Barbareiverhinderungssystem.

Thomas Manns Tagebücher lesen (Nr. 6)

Basel, Donnerstag den 4.V. (1933)
"Die Hauptsache ist, dass ich irgendwo zur Ruhe komme, auspacke, mich installiere und gleichmäßige Arbeitstage habe, eine förderliche Lebensordnung."
Thomas Mann: Tagebuch 1933-1934. S.Fischer, Frankfurt/Main 1977
Wie kommt es eigentlich, dass in nur 80 Jahren genau das Gegenteil vielen als "förderliche Lebensordnung" erscheint? Lieber einpacken und aufbrechen; keinen Ballast ansammeln und bloß keinen langweilenden Rhythmus der Arbeitstage haben -- so das Mantra globalisierter Arbeit. Die neuen Medien, vom TV bis zum iPad sind erfunden, damit dem Mensch nicht in der Risikozone seelischer Ruhe landet, die untragbare Bedrohungen postmoderner Identität bereit halten: Stille, Alleinsein, Konzentration, Präsens und Achtsamkeit, sich spüren und einen Gedanken zu Ende denken.
Zur Ruhe kommen, das bezieht sich bei Thomas Mann auch auf einen Alltag, der ihn befreit von allerlei Sklavenarbeit. Sein Werk entsteht, weil er nicht die Betten machen, Getränkekästen schleppen, seine Kinder hüten und die Küche putzen muss. In der emanzipierten Welt ohne Hausangestellte ist das allerdings unmöglich. Wir hätten sogar Skrupel; uns bedienen lassen erscheint als moralisches Vergehen.
Welcher Schriftsteller heute könnte sich im eigenen Haus wohl fühlen, wenn Vollpension herrschte? (Martin Mosebach natürlich ausgenommen.) Es ist ein Fortschritt, dass die gesellschaftliche Gleichheit zugenommen hat (auch wenn sie rapide wieder abnimmt). Aber aus der egoistischen Perspektive der Geistesarbeit & der Kunst, sogar die Moral außer acht gelassen: Welchen Vorteil hat es für ein Lebenswerk, wenn wir unsere eigenen Zimmermädchen und Küchenjungen sind, wenn Männer und Frauen Kinder vollzeitlich selbst umsorgen und bespielen, wenn in einer nicht-bürgerlichen Gegenwart die (klein)bürgerlichen Ordnungsvorstellungen weiter gelten? Wir sind ordentlich und reinlich bis zur Neurose, alle Zumutungen männlicher und weiblicher Drehbücher gelten für beide Geschlechter; wir lieben den Altbau, müssen aber viele viele Stunden in die Hausarbeit investieren, damit das Heim aussieht wie in "Schöner Wohnen".
Die Literaturproduktion bleibt also eine unbürgerliche Veranstaltung. Eine ihr förderliche Lebensordnung wird durch Gesetze der Erwerbsarbeit gestört. Und heute zudem noch von Hausarbeit und do-it-yourself-Ideologie. Thomas Mann hatte das seltene Glück, sogar im Exil die produktiven Arbeitsbedingungen wieder zu gewinnen. Wir müssen heute nicht ins Exil, die "förderliche Lebensordnung" ist, finanziell wie ideologisch, generell zerstört.

Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 5)

Dienstag den 4.IV.33.

"Nach dem Frühstück Gespräch mit K. über die Zukunft der Kinder, namentlich die von Klaus, auch über unsere unsicheren Aussichten, und dass eigentlich unter den Freunden in der Welt sich hilfreiche, ein Heim bereitstellende Gönner finden müssten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wiesen nach Südfrankreich, Italien. Aber mein Wunsch, nicht von gewohnten Kulturbedingungen abgeschnitten zu sein, nach Zürich oder Winterthur."

Thomas Mann: Tagebuch 1933-1934. S.Fischer, Frankfurt/Main 1977.


Frühstück bei den Manns, bildungsbürgerliche Morgenlage: Zukunftsfragen, Sorgenkinder, Künstlermalaise. À première vue wird hier zu feinem „Thee" und importierter Orangenmarmelade auf hohem Niveau gejammert. Der Dichter präsentiert sich in seinen Aufzeichnungen als larmoyanter Familienkantor. Tief bürgerlich und doch längst vom Durchschnittsleben ausgemustert, erklingt - gewiss auch unter dem Eindruck derneuen Machtverhältnisse - sein Klagelied: Mögen uns die Gönner beistehen!

Wie Recht er damit hatte, und noch heute hat. Denn wofindet sie statt, die „Revolution der gebenden Hand", von denen der (längst auch finanziell) etablierte Schriftsteller Peter Sloterdijk unlängst fabulierte? Wo sind sie, die Mäzene, die bunte Plakate in Cafés und Universitäten aufhängen: „Biete wahlweise Stipendium/Haus am See/Ferienwohnungim Tessin für mittellose Poeten und Denker. Voraussetzungen: keine!"; wo die Vorstandsvorsitzenden und Finanzjongleure, die aus Unmut über zu viel spätrömische Dekadenz im Investmentbanking irrlichternde Renditen in Optionenauf freie Denk- und Arbeitsräume umwandeln? - für Menschen, die kaum mehr benötigen als einen bescheidenen Unterhalt plus Büchergeld und Laptop, um krisenresistentes (Welt-) Kulturerbe zu akkumulieren.

Frühstück 2010: Immer noch Zukunftssorgen. Was soll nur aus den Kindern werden? Statt Südfrankreich Drittmittelakquise mit Teebeutel. Mäzene, bitte melden!

Christian Dries (Philosoph)

Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 4)

Sonntag den 17.XII.33

"Nach dem Thee korrespondiert."

Thomas Mann: Tagebücher 1933-1934. S. Fischer, Frankfurt/Main 1977, S. 270

Nur vier Wörter bringen eine doppelte historische Distanz zu Bewusstsein. Die erste erzählt von einer vergangenen Tischkultur, die zweite gibt Einblick in die Mediengeschichte. Tee oder Kaffee, das hieß im bürgerlichen Zusammenhang nicht nebenbei ein Heißgetränk zu schlürfen oder gar mit einem Pappbecher "to go" über den Bahnsteig zu eilen. Tee ist im Westen einerseits ein Getränk, andererseits ein kulturhistorisch bedeutender gesellschaftlicher Anlass. Für ihn wurde der Tisch gedeckt, es kamen vielleicht Gäste und die Uhrzeit stand fest. Eine Stunde wurde auf Medien verzichtet, kein Telefon störte, kein Radio dudelte nebenher. Die älteren Kinder und die Gattin, vielleicht die (Schwieger)Eltern oder geladene Gäste am Nachmittag -- eine Stunde Gespräche und passendes Gebäck. Erst der Tee, dann etwas anderes; eine Zeit vor der Erfindung des Multitasking. Erst nachdem vom Tisch aufgestanden wurde, widmete man sich etwas anderem –– der Korrespondenz. Auch die ist heute digitalisiert und somit unschädlich gemacht: Früher kamen mit der Schneckenpost wichtige Briefe, sie landeten in einer schönen, ledernen Mappe. Sie wurden archiviert. Gestärkt vom Tee am Schreibtisch sitzen, Briefe (wieder) lesen, die Antworten entwerfen und ungestört verfassen. Während man schrieb, trafen nicht neue E-Mails ein, die die eben verfasste Antwort überflüssig machen. Weder Spam noch Rundmails belästigten die Leser. So entstanden bedeutende Werke neben den Romanen. Fontane, Kafka, Rilke; Heinrich, Thomas und Klaus Mann: sie wären auch dann bedeutend, wenn nur ihre Briefe gerettet worden wären.

Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 3)

Basel, Dienstag den 2.V.33.

"Gestern Diner im Hotel, mit Bermanns und Annette, die mein sehr angegriffenes Aussehen feststellte. Man hielt sich nachher in einem großen, zurückgelegenen Salon auf, Annette spielte auf dem schlechten Piano eine schöne, vertraute Melodie von Chopin, und wir tranken Lindenblütenthee mit einer Citronenscheibe. Während des Essens war ich sehr erschöpft gewesen, wurde aber nachher stärker ..."


Thomas Mann: Tagebücher 1933-1934. S. Fischer, Frankfurt/Main 1977, S. 68

Mann trinkt nur Tee, nie Kaffee. Das lässt der Magen nicht zu, aber Tee passt auch besser -- die durchgängige altmodische Schreibweise mit "h" steigert noch diese Kultiviertheit. In den russischen Romanen, die er so liebt, wird ständig Tee gereicht; selbst noch in den schäbigen Hinterzimmern in Dostojewskys Romanen. Aber das Anette Kolb, die Halbfranzösin, gerade Lindenblütentee reicht, das kann doch kein Zufall sein. Findet sich da ein Proust-Fanclub zusammen?: "Und dann war mit einem Male die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntag morgen in Combray (weil ich in diesem Tage nach dem Hochamt nicht aus dem Hause ging) sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte." Auch die Erinnerung des Grüppchens in Basel findet zurück in eine untergegangene Vergangenheit. Bei Proust wird sie erinnert, in Deutschland ungute Wiederkehr. Das deutsche Exilgrüppchen ist gezwungen "von deutschen Dingen" zu sprechen. Mann, der noch den ersten Weltkrieg befeuert hatte, findet das Gegenwärtige "eine neue Form der alten deutschen Kultur-Quatscherei"; einmal mehr zeigt sich der Wandel seiner (politischen) Einstellung. Gewünscht hätte man ihnen eine Beschwörung vergangenen Salon-Lebens in Manns Münchener Villa, die sicher proustsche Züge annehmen könnte.

Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 2)

Dienstag den 4. IV. 33

"Der Schlaf hat ohne Nachhilfe keine rechte Ausdauer, ich erwache früh bei großer Müdigkeit am Abend."

Thomas Mann: Tagebücher 1933-1934. S. Fischer, Frankfurt/Main 1977, S. 36

Warum können die Dichter nicht schlafen? In Vladimir Nabokovs Autobiographie finden wir den legendären Satz "Im Einschlafen bin ich mein ganzes Leben lang schlecht gewesen." In Franz Kafkas Tagebuch den Eintrag: "Schlaflose Nacht. Schon die dritte in einer Reihe. Ich schlafe gut ein, nach einer Stunde aber wache ich auf, als hätte ich den Kopf in ein falsches Loch gelegt." (2.10.1911). Thomas Mann liefert in seinen Tagebüchern freudig Auskunft über alle gängigen Schlafmittel, die er nutzt wie Lutschbonbons. "Brom. Müde, niedergeschlagen." (9.3.1933), allerlei Namen pharmazeutischer Präparate tauchen immer wieder auf. Die Nacht ist keine Erholung, sie ist ein Gegner, sie wird zum Kampf. Aber womit? Herta Müller dachte als Kind, die Nacht sei aus Tinte gemacht -- eine Fantasie, die doch einem Dichter, zumindest zu Manns Zeiten, keine Alpträume bereiten sollte. Wenn sie aber alle nicht schlafen konnten, was taten sie? Thomas und Katia Mann hatten getrennte Schlafzimmer, wie auch Friedrich Schiller (das wäre Manns Vorbild Goethe nicht passiert!). Sex kam also nicht in Frage, der gefährdet wohl auch die Sublimierung. Einen Dichter, zumindest einen klassischen, können wir (Deutschen) uns nicht zugleich als sexuellen Helden vorstellen. Daran ändert auch Schnitzler nichts! Dichter haben in der romantischen Fantasie weder Familie noch erfülltes Sexualleben oder nur ein durch Syphilis gefährdetes Sexualleben (man denke an Franz Schubert). Sie schlafen nicht und sie haben keinen Sex und gelesen haben sie schon tagsüber. Es fehlt also eine Literaturgeschichte der Schlaflosigkeit -- ob die eines Tages ein Graduiertenkolleg liefern wird?

Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 1)

Donnerstag, den 16.III.1933

"Obgleich ich leidlich geschlafen, waren heute vom Erwachen an meine Nerven in schlechtem, beängstigenden Zustande. Die Trennung von den Meinen flößt mir Furcht ein, obgleich ich mich dessen schäme. Verzweiflung an meiner Lebensfähigkeit nach der Zerstörung der ohnedies knappen Angepaßtheitssituation."

Thomas Mann: Tagebücher 1933-1934. S.Fischer, Frankfurt/Main 1977, S. 6

Der Dichter vermisst seine Villa in München, seinen streng geregelten Arbeitsalltag: Morgens am Roman schreiben, nachmittags Briefe und "profunde" Lektüre, abends Musik hören und leichtere Lektüre. Freunde und die Kinder raten dringend ab, nach Deutschland einzureisen. Keiner weiß, wie unberechenbar die neue politische Polizei ist und ob nicht schon der "Schutzhaftbefehl" ausgestellt ist, auf dessen Grundlage man den Nobelpreisträger nach Dachau gebracht hätte. Auf der Vortragsreise wird er von der Machtergreifung überrascht und er ahnt noch nicht, dass er vor 1945 gar nicht mehr zurückkehren wird können. Die innere Unabhängigkeit, auch von der Familie, gerät in dieser existenziellen Situation in Gefahr. Obwohl Dichter die Freiheit brauchen, ist sie doch wohl mehr eine gepflegte Illusion. Das erkennt Thomas Mann, für den Geistesmenschen Grund genug, sich zu schämen. Selbst in der heimischen Villa, in der Mann ein großbildungsbürgerliches Leben lebt, fühlt er sich nicht aufgehoben. Intellektuelle sind, ganz gleich wie groß die Anerkennung ist, die sie bekommen, einsam. Auch unter Menschen fühlen sie sich meist allein. Sie sind unglücklich, sie widmen ihr Leben der Lektüre und dem Schreiben, beides Tätigkeiten mit dissozialen Zügen. Das Gefühl, entführt worden zu sein, bestimmt Mann auch vor 1933; aber es steigert sich zu Angst und Nervosität, wenn zum existenziellen Gefühl des Entführtseins noch die reelle Vertreibung tritt.

((Mit diesem Beitrag beginnt eine Reihe im sg-Blog, in der Fundstücke aus Manns Tagebüchern freigeistig und gelegenheitsphilosophisch interpretiert und kommentiert werden. Es sind nur 5000 Seiten; ich werde Gastautoren hinzuziehen. Das Projekt könnte eine längere Laufzeit haben, vielleicht sieben Tage, oder, wer weiß, vielleicht werden es sieben Jahre werden?))

Übersetzungswettbewerb für Schüler und Studierende

"The Great Depression" lautet das Oberthema eines Theaterstücks, welches das Theater Bielefeld gern übersetzt haben möchte. Aber Achtung, jetzt kommt's: von allen, die dazu Lust haben und sich aufgerufen fühlen. Interessierte Schüler, Studierende und Gruppen bekommen weitere Auskünfte hier.

Ein Preis ist selbstverständlich auch ausgeschrieben!

Filmgeschichte

Einen kompakten Einstieg in die Filmgeschichte gibt Werner Faulstich in seinem gleichnamigen Band der UTB-basics. Das Buch hat 348 Seiten, einen Umfang, den man angesichts der üblichen 90-Seiten-Bändchen für den BA ausdrücklich loben muss! Wer das Lehrbuch durcharbeitet, der hat also einen Überblick. Die Kapitel sind klar strukturiert: chronologisch, oft nach Filmemachern, nach Nationalitäten oder Genres; wie es dem Autor sinnvoll erscheint. Die vielen, und nicht immer sinnvollen "Merksätze" und Kontrollfragen sind oft überflüssig, stören aber den Lesefluss auch nicht. Sehr hilfreich sind die weiterführende Literatur und die Filmtipps. Ähnlich wie Faulstichs Mediengeschichte ist auch dieser Band gelungen und lesenswert.

Werner Faulstich: Filmgeschichte. UTB basics, Stuttgart: 2005.

http://www.utb.de/katalog_suchen_detailseite.jsp?buchid=1404

In der Eifel fischen

"Vater ging, wann immer Zeit war, mit Hermann und mir zusammen fischen." Im neuen Roman von Norbert Scheuer, der die Eifel zu einem etablierten Distrikt der europäischen Literatur macht, kommt der Protagonist zurück in die felsige Heimat. Er will sich um seinen Bruder kümmern, der sein Zimmer nicht mehr verlässt; wenn er überhaupt in diesem Zimmer sein sollte. So richtig tun kann er nichts, außer fischen zu gehen. Und aus dem Fluss zieht er die Erinnerung, die Geschichten und Geschichtchen der verschrobenen Eifelbewohner, also auch seine eigene. Dieser Roman ist nicht nur Fischern zu empfehlen, aber die werden ihre besondere Freude daran haben -- nicht allein wegen der beigefügten Strichzeichnungen der Fische. "Denn wenn wir am Fluss ankamen, dann hörte Vater auf zu reden. Er hielt seinen Finger vor dem Mund (...) um anzudeuten, dass die Fische jetzt alles hörten." Fischer können schweigen, Leser auch. Der Roman "Überm Rauschen" ist keine verschwafelte Stadtgeschichte, sondern er ist ruhig (wie die Fischer), subtil (wie das Angeln), metaphernfrei und karg (wie die Eifel). Dem Vorbild William Faulkner wird still gehuldigt, erneut läuft eine Figur namens "Satorius" durch den Roman -- den kennen die, die den rauen Landburschen im Süden der USA folgen. Und auch die greifen oft zur Angel.

Norbert Scheuer: Überm Rauschen. Roman.

167 Seiten, 20 schwarz/weiß-Abbildungen, gebunden, C.H. Beck / München.

Ein neues Deutschland?

Zu Beginn dieses Jahres bat das Feuilleton der FAZ den Schriftsteller Jörg Albrecht, in Anklang an Stefan Zweigs Umbruchserfahrungen ("Die Welt von gestern") die Brüche in seiner eigenen Lebenswelt zu schildern . Leider ist nicht nur die Vermessenheit, den Erinnerungen eines schicksals- und leidgeprüften Exilanten des Zweiten Weltkrieges diejenigen eines in den BRD-Wohlstandsspeck der achtziger Jahre geborenen Jungautors gegenüberzustellen, der Redaktion anzulasten.

In seinem verhedderten Patchwork-Text "The world of morgen" beweist Albrecht vor allem, dass man im Jahr 2009, anders als in seinem Geburtsjahr 1981, weder Deutsch noch Englisch schreiben muss, um von der FAZ gedruckt zu werden. Ansonsten beschränken sich die Umbruchserfahrungen Albechts in erster Linie auf banale Beschleunigungserlebnisse vor der Videospielkonsole. Ob sich diese stark eingeschränkte Wahrnehmung daraus erklärt, dass Albrecht die meiste Zeit seines Lebens im Internet, vor dem Fernseher oder im "Strukturwandel" steckengebliebenem Ruhrgebiet verbracht hat, wissen wir nicht. Dass der Buchautor die dramatischen Zeitenwandel, die sich während seiner Lebensspanne inmitten Europas ereigneten, auf das Web 2.0 und die Erfindung der Digitalkamera reduziert, ist zweifelsohne mehr als ärgerlich. Als Altersgenosse schämt man sich ein wenig für derlei Nabelschau. Wäre doch so viel darüber zu sagen gewesen, wie sich das Deutschland, in das wir geboren wurden, in unseren Jugend- und Studienjahren einschneidend und atemberaubend rasch veränderte. (Auch für West-Deutsche.)

So bleibt es einem alten Hasen überlassen, von außen einen Blick auf "New Germany" zu werfen. Der Historiker Perry Anderson ergreift in der aktuellen Ausgabe der "New Left Review" die Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme der tiefgehenden Veränderungen von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur in Deutschland. In einem umfassenden Essay, dessen Ausführungen vom neoliberalen Schockprogramm der Schröderjahre, über den Bevölkerungsexodus in Ostdeutschland und die neuen Kriege bis hin zu gegenwärtigen Tendenzen im politischen Denken reichen, zeichnet Anderson ein Portrait der deutschen Gesellschaft, das befreit vom alltäglichen Nachrichten-Klein-Klein die gewaltigen Veränderungen aufzeigt, die uns aus der Nahperspektive so leicht zu entgehen drohen.

Killer Kant

Immanuel Kant gilt lektüretechnisch als harter Knochen . Ein ordentlicher Brocken ist auch der jüngste Wissenschaftskrimi des Berliner Schriftstellers Jens Johler , der den Titel Kritik der mörderischen Vernunft trägt. Ein scheinbar emotionsloser Killer mit dem Decknamen des großen Aufklärers hat es darin auf Hirnforscher abgesehen, die den freien Willen leugnen. Der Thriller, der in Berlin und London spielt, ist sauber recherchiert und liest sich runter wie die Abschrift eines gut gemachten TV-Krimis mit Henry Hübchen und Maria Furtwängler in der Hauptrolle. Keine Spitzenprosa, aber wirklich gute Unterhaltung. Nur das gelegentliche Product Placement nervt, gehört aber offenbar zum fernsehkompatiblen „Sound“ des Buches.

Selbst wer die Debatte um den freien Willen und die Hirnforschung nicht oder nur kaum verfolgt hat, kommt auf seine Kosten bei diesem 500 Seiten-Schmöker, der die einschlägigen philosophischen Probleme auf spannende Weise mit dem Fortgang der Story verwebt. Im Zentrum steht dabei die Frage: Was darf eigentlich die Wissenschaft? Killer „Kant“ meint: Wir müssen ihren „Terror“ stoppen, weil sie im Verbund mit Pentagon und Wirtschaftslobbyisten (Achtung: Verschwörung!) danach trachtet, den Menschen in einen gefügigen, leicht kontrollierbaren und manipulierbaren Roboter zu verwandeln. Der latent melancholische Wissenschaftsjournalist Troller und seine smarte Freundin Jane heften sich unter Lebensgefahr und mit einschneidenden Folgen für ihre Beziehung an „Kants“ Fersen, der erstaunlich gut ins Raster jener Hirnforscher passt, die mit dem freien Willen auch die Schuldfähigkeit des Menschen radikal in Abrede stellen. Der veritable Showdown des Buches legt einen anderen Schluss nahe.

Jens Johler (2009): Kritik der mörderischen Vernunft. Berlin: Ullstein, 544 Seiten, 9,95 Euro.

Gesundheit

In "Corpus Delicti", dem neuen Roman von Juli Zeh, dürfen wir einem eigenartigen Strafprozess folgen: die Protagonistin muss sich nämlich verantworten für die vorsätzliche "Verweigerung obligatorischer Untersuchungen zu Lasten des allgemeinen Wohls". Der Schauprozess findet in einer Diktatur statt, die Gesundheit zur ersten Bürgerpflicht erklärt. Sie ist nicht Privatsache, sondern juristisch und ideologisch verankert. Nicht zu den Pflichtuntersuchungen zu gehen, Giftstoffe im Urin zu haben (die Abwässer werden gescannt) oder einen Rückstand auf dem Heimtrainer rufen die Ordnungshüter auf den Plan. Die Freiheit von Körper und Seele, Krank zu werden, löscht dieser Staat aus. Die Folgen sind für die Unangepassten, nun ja, eher gesundheitsschädlich. Der wohl jedem Leser bekannte internalisierte Zwang zur Fitness mag für das Gewissen quälend sein, aber die Folgen sind eben doch drastischer, wenn das Über-Ich juristische Gesetzeskraft erlangt und sich als Vernunft ausgibt. Das man ahnt, wie die Sache ausgeht, ist der Lesefreude nicht abträglich. Der Plot trägt eher die Ereignisse, über die man erst nachzudenken beginnt und vor denen man am Ende zittert. Wie in bisher allen Romanen grenzt Juli Zeh sich mit dieser Dystopie deutlich ab von der belanglosen Popliteratur. Unbelesenen Käufern müssen ihre Romane seltsam erscheinen. So auch dieser, in dem wir sowohl einen "bad journalist" wie bei Heinrich Böll finden und in dem die Figuren mehr von der Autorin verschoben werden, ein Zugriff von außen, den man von Günter Grass kennt. Wer hier überhaupt erzählt, das erfahren wir nicht, aber die Sprache ist -- passend zur Diktatur -- geradezu desinfiziert. Der "Roman" lässt sich kaum festlegen: ist es eine Hexenjagd oder ein Polit-Thriller, eine Horrorstory oder eine Geschwisterromanze, bei der man an Antigone oder an Nabokovs "Ada" denkt? Egal, wie man sich entscheidet, der Verlauf der Handlung ist unerbittlich. Man ahnt, es geht schlecht aus und lernt: es geht noch schlimmer! Aber am Ende kommt man in die Verlegenheit sich darüber zu freuen, dass man sich noch einen Schnupfen einfangen darf ohne von den Nachbarn denunziert zu werden. Und ungefährliche Krankheiten schenken einem Lesezeit ...

Corpus Delicti

Juli Zehs neuer Roman "Corpus Delicti" ist soeben erschienen, aber einen Geschmack über den Text hinaus kann man am 13. März in Leipzig im Werk II bekommen. Die Autorin wird nicht als bloße Vorleserin antreten, sondern legt sich ins Zeug. Zusammen mit den Musikern von "Slut" sind Grenzgänge zwischen Hörspiel, Lesung und Theater zu erwarten. Neue Literatur trifft auf Musik, einmal jenseits der Oper.

Veranstaltungsinfos:

http://werk-2.de/program.php?program_id=274&date=2009-03-13

Infos zur Autorin: www.juli-zeh.de/

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