Literatur
Übersetzungswettbewerb für Schüler und Studierende
"The Great Depression" lautet das Oberthema eines Theaterstücks, welches das Theater Bielefeld gern übersetzt haben möchte. Aber Achtung, jetzt kommt's: von allen, die dazu Lust haben und sich aufgerufen fühlen. Interessierte Schüler, Studierende und Gruppen bekommen weitere Auskünfte hier.
Ein Preis ist selbstverständlich auch ausgeschrieben!
Filmgeschichte
Einen kompakten Einstieg in die Filmgeschichte gibt Werner Faulstich in seinem gleichnamigen Band der UTB-basics. Das Buch hat 348 Seiten, einen Umfang, den man angesichts der üblichen 90-Seiten-Bändchen für den BA ausdrücklich loben muss! Wer das Lehrbuch durcharbeitet, der hat also einen Überblick. Die Kapitel sind klar strukturiert: chronologisch, oft nach Filmemachern, nach Nationalitäten oder Genres; wie es dem Autor sinnvoll erscheint. Die vielen, und nicht immer sinnvollen "Merksätze" und Kontrollfragen sind oft überflüssig, stören aber den Lesefluss auch nicht. Sehr hilfreich sind die weiterführende Literatur und die Filmtipps. Ähnlich wie Faulstichs Mediengeschichte ist auch dieser Band gelungen und lesenswert.
Werner Faulstich: Filmgeschichte. UTB basics, Stuttgart: 2005.
http://www.utb.de/katalog_suchen_detailseite.jsp?buchid=1404
In der Eifel fischen

"Vater ging, wann immer Zeit war, mit Hermann und mir zusammen fischen." Im neuen Roman von Norbert Scheuer, der die Eifel zu einem etablierten Distrikt der europäischen Literatur macht, kommt der Protagonist zurück in die felsige Heimat. Er will sich um seinen Bruder kümmern, der sein Zimmer nicht mehr verlässt; wenn er überhaupt in diesem Zimmer sein sollte. So richtig tun kann er nichts, außer fischen zu gehen. Und aus dem Fluss zieht er die Erinnerung, die Geschichten und Geschichtchen der verschrobenen Eifelbewohner, also auch seine eigene. Dieser Roman ist nicht nur Fischern zu empfehlen, aber die werden ihre besondere Freude daran haben -- nicht allein wegen der beigefügten Strichzeichnungen der Fische. "Denn wenn wir am Fluss ankamen, dann hörte Vater auf zu reden. Er hielt seinen Finger vor dem Mund (...) um anzudeuten, dass die Fische jetzt alles hörten." Fischer können schweigen, Leser auch. Der Roman "Überm Rauschen" ist keine verschwafelte Stadtgeschichte, sondern er ist ruhig (wie die Fischer), subtil (wie das Angeln), metaphernfrei und karg (wie die Eifel). Dem Vorbild William Faulkner wird still gehuldigt, erneut läuft eine Figur namens "Satorius" durch den Roman -- den kennen die, die den rauen Landburschen im Süden der USA folgen. Und auch die greifen oft zur Angel.
Norbert Scheuer: Überm Rauschen. Roman.
167 Seiten, 20 schwarz/weiß-Abbildungen, gebunden, C.H. Beck / München.
Ein neues Deutschland?
Zu Beginn dieses Jahres bat das Feuilleton der FAZ den Schriftsteller Jörg Albrecht, in Anklang an Stefan Zweigs Umbruchserfahrungen ("Die Welt von gestern") die Brüche in seiner eigenen Lebenswelt zu schildern. Leider ist nicht nur die Vermessenheit, den Erinnerungen eines schicksals- und leidgeprüften Exilanten des Zweiten Weltkrieges diejenigen eines in den BRD-Wohlstandsspeck der achtziger Jahre geborenen Jungautors gegenüberzustellen, der Redaktion anzulasten.
In seinem verhedderten Patchwork-Text "The world of morgen" beweist Albrecht vor allem, dass man im Jahr 2009, anders als in seinem Geburtsjahr 1981, weder Deutsch noch Englisch schreiben muss, um von der FAZ gedruckt zu werden. Ansonsten beschränken sich die Umbruchserfahrungen Albechts in erster Linie auf banale Beschleunigungserlebnisse vor der Videospielkonsole. Ob sich diese stark eingeschränkte Wahrnehmung daraus erklärt, dass Albrecht die meiste Zeit seines Lebens im Internet, vor dem Fernseher oder im "Strukturwandel" steckengebliebenem Ruhrgebiet verbracht hat, wissen wir nicht. Dass der Buchautor die dramatischen Zeitenwandel, die sich während seiner Lebensspanne inmitten Europas ereigneten, auf das Web 2.0 und die Erfindung der Digitalkamera reduziert, ist zweifelsohne mehr als ärgerlich. Als Altersgenosse schämt man sich ein wenig für derlei Nabelschau. Wäre doch so viel darüber zu sagen gewesen, wie sich das Deutschland, in das wir geboren wurden, in unseren Jugend- und Studienjahren einschneidend und atemberaubend rasch veränderte. (Auch für West-Deutsche.)
So bleibt es einem alten Hasen überlassen, von außen einen Blick auf "New Germany" zu werfen. Der Historiker Perry Anderson ergreift in der aktuellen Ausgabe der "New Left Review" die Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme der tiefgehenden Veränderungen von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur in Deutschland. In einem umfassenden Essay, dessen Ausführungen vom neoliberalen Schockprogramm der Schröderjahre, über den Bevölkerungsexodus in Ostdeutschland und die neuen Kriege bis hin zu gegenwärtigen Tendenzen im politischen Denken reichen, zeichnet Anderson ein Portrait der deutschen Gesellschaft, das befreit vom alltäglichen Nachrichten-Klein-Klein die gewaltigen Veränderungen aufzeigt, die uns aus der Nahperspektive so leicht zu entgehen drohen.
Killer Kant
Immanuel Kant gilt lektüretechnisch als harter Knochen. Ein ordentlicher Brocken ist auch der jüngste Wissenschaftskrimi des Berliner Schriftstellers Jens Johler, der den Titel Kritik der mörderischen Vernunft trägt. Ein scheinbar emotionsloser Killer mit dem Decknamen des großen Aufklärers hat es darin auf Hirnforscher abgesehen, die den freien Willen leugnen. Der Thriller, der in Berlin und London spielt, ist sauber recherchiert und liest sich runter wie die Abschrift eines gut gemachten TV-Krimis mit Henry Hübchen und Maria Furtwängler in der Hauptrolle. Keine Spitzenprosa, aber wirklich gute Unterhaltung. Nur das gelegentliche Product Placement nervt, gehört aber offenbar zum fernsehkompatiblen „Sound“ des Buches.
Selbst wer die Debatte um den freien Willen und die Hirnforschung nicht oder nur kaum verfolgt hat, kommt auf seine Kosten bei diesem 500 Seiten-Schmöker, der die einschlägigen philosophischen Probleme auf spannende Weise mit dem Fortgang der Story verwebt. Im Zentrum steht dabei die Frage: Was darf eigentlich die Wissenschaft? Killer „Kant“ meint: Wir müssen ihren „Terror“ stoppen, weil sie im Verbund mit Pentagon und Wirtschaftslobbyisten (Achtung: Verschwörung!) danach trachtet, den Menschen in einen gefügigen, leicht kontrollierbaren und manipulierbaren Roboter zu verwandeln. Der latent melancholische Wissenschaftsjournalist Troller und seine smarte Freundin Jane heften sich unter Lebensgefahr und mit einschneidenden Folgen für ihre Beziehung an „Kants“ Fersen, der erstaunlich gut ins Raster jener Hirnforscher passt, die mit dem freien Willen auch die Schuldfähigkeit des Menschen radikal in Abrede stellen. Der veritable Showdown des Buches legt einen anderen Schluss nahe.
Jens Johler (2009): Kritik der mörderischen Vernunft. Berlin: Ullstein, 544 Seiten, 9,95 Euro.
Gesundheit
In "Corpus Delicti", dem neuen Roman von Juli Zeh, dürfen wir einem eigenartigen Strafprozess folgen: die Protagonistin muss sich nämlich verantworten für die vorsätzliche "Verweigerung obligatorischer Untersuchungen zu Lasten des allgemeinen Wohls". Der Schauprozess findet in einer Diktatur statt, die Gesundheit zur ersten Bürgerpflicht erklärt. Sie ist nicht Privatsache, sondern juristisch und ideologisch verankert. Nicht zu den Pflichtuntersuchungen zu gehen, Giftstoffe im Urin zu haben (die Abwässer werden gescannt) oder einen Rückstand auf dem Heimtrainer rufen die Ordnungshüter auf den Plan. Die Freiheit von Körper und Seele, Krank zu werden, löscht dieser Staat aus. Die Folgen sind für die Unangepassten, nun ja, eher gesundheitsschädlich. Der wohl jedem Leser bekannte internalisierte Zwang zur Fitness mag für das Gewissen quälend sein, aber die Folgen sind eben doch drastischer, wenn das Über-Ich juristische Gesetzeskraft erlangt und sich als Vernunft ausgibt. Das man ahnt, wie die Sache ausgeht, ist der Lesefreude nicht abträglich. Der Plot trägt eher die Ereignisse, über die man erst nachzudenken beginnt und vor denen man am Ende zittert. Wie in bisher allen Romanen grenzt Juli Zeh sich mit dieser Dystopie deutlich ab von der belanglosen Popliteratur. Unbelesenen Käufern müssen ihre Romane seltsam erscheinen. So auch dieser, in dem wir sowohl einen "bad journalist" wie bei Heinrich Böll finden und in dem die Figuren mehr von der Autorin verschoben werden, ein Zugriff von außen, den man von Günter Grass kennt. Wer hier überhaupt erzählt, das erfahren wir nicht, aber die Sprache ist -- passend zur Diktatur -- geradezu desinfiziert. Der "Roman" lässt sich kaum festlegen: ist es eine Hexenjagd oder ein Polit-Thriller, eine Horrorstory oder eine Geschwisterromanze, bei der man an Antigone oder an Nabokovs "Ada" denkt? Egal, wie man sich entscheidet, der Verlauf der Handlung ist unerbittlich. Man ahnt, es geht schlecht aus und lernt: es geht noch schlimmer! Aber am Ende kommt man in die Verlegenheit sich darüber zu freuen, dass man sich noch einen Schnupfen einfangen darf ohne von den Nachbarn denunziert zu werden. Und ungefährliche Krankheiten schenken einem Lesezeit ...
Corpus Delicti
Juli Zehs neuer Roman "Corpus Delicti" ist soeben erschienen, aber einen Geschmack über den Text hinaus kann man am 13. März in Leipzig im Werk II bekommen. Die Autorin wird nicht als bloße Vorleserin antreten, sondern legt sich ins Zeug. Zusammen mit den Musikern von "Slut" sind Grenzgänge zwischen Hörspiel, Lesung und Theater zu erwarten. Neue Literatur trifft auf Musik, einmal jenseits der Oper.
Veranstaltungsinfos:
http://werk-2.de/program.php?program_id=274&date=2009-03-13
Infos zur Autorin: www.juli-zeh.de/
Der Große Frost
"Der Große Frost war, so erzählen uns die Historiker, der strengste, der diese Inseln je heimsuchte. Vögel erfroren mitten in der Luft und stürzten wie Steine auf die Erde. Zu Norwich wollte eine junge Bauersfrau in ihrer üblichen robusten Gesundheit die Straße überqueren und ward von Zuschauern gesehen, wie sie sich vor aller Augen in Pulver verwandelte und als ein Staubgewölk über die Dächer verwehte, als der eisige Sturm sie an der Straßenecke traf. Die Sterblichkeit unter Schafen und Rindern war enorm. Leichen froren ein und konnten nicht von den Laken gezogen werden. Es war kein ungewöhnlicher Anblick, auf eine ganze Herde von Schweinen zu stoßen, die unbeweglich auf der Straße angefroren waren. Die Felder waren voll von Schafhirten, Pflügern, Pferdegespannen und kleinen, Vögel scheuchenden Jungen, alle erstarrt in dem, was sie gerade getan hatten, der eine mit der Hand an der Nase, ein anderer mit der Flasche an den Lippen, ein dritter mit einem Stein, den er erhoben hatte, um ihn nach einem Raben zu werfen, der wie ausgestopft kaum einen Meter von ihm entfernt auf der Hecke saß. Die Strenge des Frostes war so außerordentlich, dass manchmal eine Art Versteinerung erfolgte; und es wurde allgemein angenommen, dass der große Zuwachs an Steinen in einige Teilen Derbyshires nicht auf einen Vulkanausbruch zurückzuführen war, denn es gab keinen, sondern auf die Verfestigung unglückseliger Fahrensleute, die im wahrsten Sinne des Wortes dort, wo sie gingen und standen, zu Stein geworden waren."
Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. S. Fischer, Frankfurt/Main 1990, S. 25 f. (Zuerst 1928).
Buddenbrooks als Dallmayr Prodomo
Die großbürgerliche Welt von Thomas Manns "Buddenbrooks" ist uns heute so fremd wie ein vor Jahrzehnten dahingeschiedener Anverwandter. Dagegen sind auch die hilflosen Reanimationsversuche der Leiche, wie sie seit einigen Jahren unter dem Stichwort "Neue Bürgerlichkeit" betrieben werden, machtlos: Den ganzen Lebensumständen und damit auch den Sorgen, dem Empfinden dieser Zeit sind wir heute weit entrückt.
Die Frage, ob es sich also bei den "Buddenbrooks" um einen verstaubten Schinken handelt, den man besser in Großmutters Regal lässt, ginge dennoch fehl: Denn immerhin bringt er uns dem Verständnis dieser verlorenen Welt näher. Sehr viel mehr aber auch nicht, auch wenn das zu behaupten nach der hundertjährigen Kanonisierung des Romans ein Sakrileg ist.
Durchaus hätte man aber dem Stoff mehr abgewinnen können als seine neueste Verfilmung, die heute in die Kinos kommt. Die "Buddenbrooks" hätten weitaus Besseres verdient, als vom Regisseur Heinrich Breloer auf das Schamloseste in weichgezeichneten Schnulzen-Szenen, die auch für Dallmayr Prodomo hätten werben können, verwurstet zu werden.
Zahlreiche Romangestalten fehlen gänzlich, die Verbliebenen verkommen im Film zu menschlichen Abziehbildern, im schlimmsten Fall zu lächerlichen Karrikaturen. Überhaupt stampft Breloer die feine Ironie Manns mit dem Presslufthammer platten Humors ein oder gibt sich gleich völlig humorlos. Ebenso werden die zentralen Dialoge des Romans oft auf Plattitüden eingedampft, einige blödsinnige Änderungen geben dem Romanstoff den Rest.
Der mit 16 Millionen Euro teuerste deutsche Film ist an aufwendigen Kostümen und Kulissen reich staffiert, geht aber an inhaltlicher Leere zugrunde. Ungewollt hat Breloer damit der "Neuen Bürgerlichkeit" ein passendes Denkmal gesetzt: Nach außen hin schillernd, nach innen hohl.
"Buddhistische Stille" im Kino
In einem Dokumentarfilm über die buddhistische Stille sollte nicht nur lautstark gesprochen werden. Leider ist das der Fall, auch wenn zwei Nonnen und vor allem der Hamburger Oliver Petersen sehr kluge, buddhistisch fortgeschrittene Einsichten äußern. Aber das (in mäßiger Tonqualität) andauernde lautstarke Reden einiger Protagonisten treibt die Zuschauer entweder aus dem Kino oder spricht vielleicht gerade die Teilzeitbuddhisten an, denen die Religion eine hippe Anti-Stressmethode ist. Spirituell ernst genommen ist der Film ärgerlich: Der Dalai Lama kommt als lachende, aber sonst ganz inhaltsfreie Kultfigur vor, in verwackelten Handkamerabildern. Ihn sogar bei der Meditation filmen zu wollen, wird zur touristischen Peinlichkeit. Viele der Interviewten sind so sehr mit dem eigenen Ich beschäftigt, dass es unangenehm wird: Ein zentrales Anliegen im Buddhismus ist doch gerade die Überwindung dieser egozentrischen Fixierung! Hinzu kommt noch, dass die Ästhetik des Films eher am Fernsehen orientiert bleibt; eine Ebene avancierter Bildsprache ist schlicht gar nicht vorhanden. Und nach einem Meisterwerk wie "Die große Stille" über ein Karthäuserkloster fällt dies schmerzlich auf. Angesichts eines zeitgeistinkompatiblen Wertes wie "Geistesruhe" ist der zeitgeistige Dokumentarfilm über Buddhisten unerfreulich. Der Film vermittelt jedenfalls nicht, worum es geht. Es ist also angeraten 5,40 Euro zu investieren in ein hervorragendes Reclam-Bändchen, das in den Buddhismus einführt. Und natürlich: Sich selbst einmal an buddhistischer Meditation zu versuchen.
Schrecksenmeisterlich belesen!
Nur eine Buchseite von Walter Moers reicht aus, um zu belegen, dass es sich um einen großartigen Autor handelt. Seine Bücher sind unterhaltsam, lustig, wunderbar illustriert. Aber das sind auch andere. Nur: Wo finden sich auf einer ersten Seite eines Fantasie-Unterhaltungsromans so viele intertextuelle Verweise, dass auch festen Anhängern der E-Literatur die Knie weich werden? Nehmen wir als Beispiel Moers "Schrecksenmeister". Abgesehen vom Motto, welches die Hexen von Macbeth oder auch Goethes Hexen aus Faust in Erinnerung ruft; Hauptfigur und Kapitel heißen "Echo". Eine "Kratze", eine zamonische Variante von Fritz the Cat? Echo, eine Figur aus der antiken Sage, die dazu verdammt ist, die letzten Sätze des Satzes des Geliebten zu wiederholen. Bei Moers wird Echo schon auf Seite eins zum Waisen -- alle Waisen der Weltliteratur lassen also grüßen. Der erste Satz lautet: "Stellt Euch den krankesten Ort in ganz Zamonien vor!", der erste Satz aus Rilkes Malte Laurids Brigge lautet: "So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier." Und so geht es, bei Moers und Rilke, weiter: Krankheiten werden geschildert, bei Rilke: "Ich habe gesehen: Hospitäler, Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank." Bei Moers und Rilke werden dann die morbiden Gerüche geschildert, Jod und Tod bei beiden. Dieser Ort heißt bei Moers "Sledwaya", und da fällt einem zumindest zweierlei ein: zum einen "Seldwyla", wo Gottfried Keller seine Geschichten spielen lies. Mit Keller denkt man an dessen Hauptwerk, dem Grünen Heinrich -- einer Untergangsautobiographie eines Künstlers! Zum anderen denkt man aber auch an "Suleyken", in dem Siegfried Lenz seine lustigen masurischen Geschichten ansiedelt. Wahrscheinlich fände ein wahrhaft belesener Mensch (Peter von Matt?) noch dreihundert Anspielungen mehr. Auf der ersten Seite. Eines Fantasieromans!
Lesen!
Ab heute sind die ersten Bände der neuen "edition unseld" im Handel
erhältlich. Inhaltlich ist den acht Werken gemein, dass sie als Dialoge der
Geistes- und Naturwissenschaften geschrieben sind. Die Deutungshoheit rein
technischer und naturalistischer Weltsichten darf hinterfragt werden.
Schubladendenken wird Vorgebildete eher im Lesefluss hindern; kreatives
(Neu-)Denken ist gefordert, nicht Einordnen in Altbekanntes.
Streitschriften sind dabei und Verteidigungsschriften. Zum
Beispiel ein pro-sozialistisches Manifest von Dietmar Dath, das wir in der
nächsten Ausgabe von sciencegarden ausführlicher rezensieren, und wenn es als
Maßstab für die anderen Titel der Edition gelten kann, verspricht diese viel
Zündstoff zu wichtigen Themen.
Wie es sich für Streitschriften gehört, sind die Bücher bezahlbar
(10 Euro), transportfähig (Maße: 11x17,5 cm) und mit höchstens 130 Seiten auch zügig (das heißt zwischen Jonathan Littell und Raoul Schrott,
nicht erst danach) lesbar.
Wer den Streitschrift-Schreiber Daht vorab persönlich für
den Sozialismus kämpfen sehen will, der schalte den Fernseher ein: Literatur im
Foyer „68 und kein Ende?“, sehr schön moderiert von Thea Dorn, wird am Freitag,
25. April um Mitternacht vom SWR und am Sonntag, 18. Mai, 10.15 Uhr von 3sat
ausgestrahlt. Unter anderen liefern sich Dath und Daniel Cohn-Bendit einen
erfrischenden Schlagabtausch (keine
lahme Gesprächsrunde). Letzterer tritt auf als paternaler Altehr-68er und
tut den Sozialismus als „völligen Unsinn“ ab...
Annekathrin Ruhose
Die Hörisch-Affäre...
...köchelt weiter. Gestern antwortete der preisgekrönte Buchautor Georg Klein auf den offenen Brief, den Jochen Hörisch als Reaktion auf die Rezension seines neuesten Buches durch den Literaturkritikers Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung (nachzulesen bei buecher.de) per Mail an alle möglichen Kulturjournalisten verschickt und zur beliebigen Veröffentlichung freigegeben hat. Nun hat sich auch Müller selbst zu Hörischs harschem Brief geäußert.
Was zunächst wie ein berechtigtes Aufbegehren gegen die nicht immer gewissenhafte, manchmal selbstherrliche und egozentrische Kritikerkaste aussah und als Appell zu mehr Sachlichkeit und weniger persönlichen Angriffen auch meine Zustimmung fand, zeigt nun mehr und mehr befremdliche Züge.
Natürlich gibt es unter Kritikern schwarze Schafe, und nicht selten läuft die Herde den publizistischen Leithammeln nach, so dass anders lautende Bewertungen kaum mehr durchdringen. Das ist für den Autor bedauerlich.
Ein paar kritische Fragen an denselben drängen sich im konkreten Fall, der sich zur Affäre ausgewachsen hat, aber doch auf: Mindestens die, ob es klug war, in so scharfer Weise auf eine Buchkritik zu antworten, und das dann sowohl via Mailverteiler als auch durch die Aufzählung vermeintlicher Fehler des Rezensenten, die als Bumerang zurückkommen mussten - handelt es sich bei Müller doch durchaus um einen sachkundigen Sprachwissenschaftler!
Auch hat der für seine Polemik gefürchtete, aber meist geschätzte Hörisch den Ton schon besser getroffen. Ein astreines Eigentor hat er mit der Bezugnahme auf eine vier Jahre zurückliegende SZ-Kritik geschossen, die ebenfalls seinen Unmut hervorrief. Souveränität sieht anders aus.
Fazit: In der webbasierten Wissensgesellschaft ist Gegenwehr möglich, aber auch gefährlich. Das Internet vergisst nichts. Schlechte Kritiken genauso wenig wie missratene Reaktionen. Hörisch weiß, dass gerade die Wissenschaft von öffentlichen Diskussionen lebt. Daraus kann man in diesem und anderen Fällen nur den Schluss ziehen: Wer sich ihr in Buchform aussetzen will, sollte seine Gedanken mehr als bisher in Freundes- und Kollegenkreisen durchsprechen, bevor er sie drucken lässt. Darüber hinaus hilft nur Gelassenheit.
Wer kontrolliert die Kontrolleure?
Autoren kämpfen gern gegen Verrisse ihrer Bücher. Wer mit den Autoren selbst spricht, der versteht warum: sie sind den Journalisten ausgeliefert und müssen auch persönliche Beleidigungen über sich ergehen lassen. Juli Zeh sagte einmal, dass sie sich über begründete Verrisse manchmal sogar freue. Wenn sich ein Fachjournalist ernsthaft auf ihr Buch einlasse und darlegt, was er misslungen findet, dann bereichert das Autoren und Leser. Der Kampf der Zeitungen gegeneinander und Antipathien gegen Autoren, die im Kulturbetrieb nicht mitspielen wollen, führen aber zu etwas anderem: persönliche Diffamierung, Beleidigung und vor allem sachliche Fehler erzeugen niederträchtige Buchkritiken. (Buchverlage kennen inzwischen sogar Anrufe der Anzeigenredaktionen, in denen angedeutet wird, dass positive Kritiken auch mit dem Schalten von Anzeige im Zusammenhang steht.) Gegen diffamierende Kritik wehrt sich nun entschieden der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch. Dankenswerter Weise bietet der Perlentaucher ein Forum für die neue Textgattung, in der Autoren die Kritiker kritisieren dürfen. Es könnte sogar sein, dass der Perlentaucher eine neue Art Pressedienst wird: einer, der die Macht der Großen durch seine unabhängigen Kommentare bedroht. Damit zeigt sich, dass das Internet ein Segen sein kann -- für Leser und Autoren. Journalisten hingegen zwingt es zur Sachlichkeit, weil eine Gegenrede möglich ist: www.perlentaucher.de/artikel/4562.html
Eine Idee, die sichtbar ist
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Eigentlich hätten die Bücher erst im Jahr 2041 entdeckt werden dürfen. So liest man 1941 im Nachwort der Erzählung Tlön, Uqbar, Orbis Tertius von Jorge Luis Borges: "Wenn unsere Prognosen nicht irren, wird in hundert Jahren jemand die hundert Bände der Zweiten Enzyklopädie von Tlön entdecken". Es sind 50 Bände, der Autor muss ich geirrt haben. Ines von Ketelhodt und Peter Malutzki, beide etablierte Buchgestalter, haben sich von der dichterischen Fantasie gefangen nehmen lassen -- und haben diese Enzyklopädie erschaffen. Borges schrieb nur für fortgeschrittene Leser, die aber nun greifbare Enzyklopädie bietet zudem für Kunst-, Design- und Buchkunstkenner ein Glückserlebnis. In den 50 Bänden stecken 10 Lebensjahre harte Arbeit, zahlreiche gestalterische Ideen und natürlich: die Erzählung von Borges selbst. Jeder Band im Format 12,5 x 30 cm ist im Handsatz gedruckt und fadengeheftet. Er enthält jeweils nur ein Stichwort. Der Band "Air" zum Beispiel beschäftigt sich mit dem Element Luft, er enthält Texte von H.C. Artmann (und natürlich Borges), aufwändige Illustrationen und Fotos. Das Buch zu "Labyrinth" besteht aus Collagen reproduzierter Holzstich-Illustrationen, deren Druckplatten zweifach verwendet wurden. Im Zentrum jeder Seite ist ein rechteckiges Fenster gestanzt, insgesamt ergibt sich ein Doppellabyrinth. Vom einen zum anderen Labyrinth kommt man nur durch das Buch selbst, kein Weg führt hinaus. Für den Band zum Thema "Schatten" wurden schwarz/weiß Fotos auf einem Dachboden aufgenommen, die den nostalgischen Klischees gerade nicht entsprechen. Die Bände sind mit verschiedenen Drucktechniken auf unterschiedlichen Papieren hergestellt und schon eine Augenweide, bevor man nur eine Zeile liest. Ästhetik ist eben ein vorsprachlicher Eindruck. Borges hätte sich so vielleicht eine Enzyklopädie vorgestellt; die Buchkünstler haben jedenfalls eine Idee, eine bloße Fantasie sichtbar gemacht. Über den Preis der Bücher, die in einer Auflage von 40 Exemplaren erschienen sind, wurde Stillschweigen vereinbart (um es humorvoll auszudrücken) ... Bibliotheken in Frankreich, USA und Deutschland haben die Enzyklopädie aber schon erworben. Nur noch 12 Stück sind lieferbar. Und die bleiben für die meisten eher eine Fantasie, wie für Borges die Enzyklopädie selbst.
