Kultur
Philosophisches auf Hochglanzpapier
Als ich es vor Jahren an einem Zeitungskiosk in der südfranzösischen Provinz zufällig erblickte, war ich von der Idee sofort begeistert: Ein monatlich erscheinendes Hochglanzmagazin ausschließlich über: Philosophie – popularisierte, aber dennoch anspruchsvolle, unbequeme Philosophie, nicht bloß die üblichen Verschnitte, wie sie hierzulande in schmalen Kolumnen, Rubriken und Talkshows von neunmalklugen Phrasendreschern unters Volk gebracht werden. Schade, dass das nicht auch bei uns geht, dachte ich damals, die Franzosen um ihre traditionsreiche und gleichermaßen breitenwirksame Liaison von Weisheitsliebe und Öffentlichkeit beneidend.
Doch, es geht! Seit diesem November nämlich liegt die erste Nummer des deutschen "Philosophie Magazin" in den Auslagen der Zeitungsgeschäfte, mit einer stattlichen Erstauflage von 100.000 Stück und einem, jedenfalls für die verprenzlauerbergten Regionen Deutschlands, hinreichend provokanten Titel: "Warum haben wir Kinder? Auf der Suche nach guten Gründen?" Das klingt zunächst nun doch ein wenig nach Maybrit Illner, ist es aber nicht. Sicher, die Optik wirkt zeitgemäß trendig; ohne die üblichen Sprechblasen, Blitzlichter und Presseschaufetzen geht es auch auf den ersten Seiten des "Philosophie Magazin" nicht. Dafür wird die interessierte Leserin gleich zum Einstieg umstandslos mit ein paar Absätzen Malthus, Jean Baudrillard, Thomas Kuhn und Georg Simmel bekannt gemacht. Die Themenauswahl ist breit, mit leichter französischer Schlagseite, denn die Redaktion bezieht einen guten Teil ihrer Inhalte vom "Mutterblatt". Neben Interviews (Julian Assange diskutiert via Skype mit dem Moralphilosophen Peter Singer; Axel Honneth spricht über Anerkennungsdefizite und Finanzkapitalismus), Reportagen, Buchkritiken und philosophischen Splittern, beispielsweise über Judith Butlers Kritik des Lacanschen Phallogozentrismus oder die Innenperspektive von Fledermäusen, und dem umfangreichen, nachdenklich stimmenden Dossier über Segen und (vor allem) Fluch des Kinderkriegens bietet die Erstausgabe auch ein umfangreiches Klassikerporträt zu Aristoteles. Aus diesem Anlass wird gleich noch das Prinzip Warenprobe in die Philosophie eingeführt: Beigelegt ist ein Sonderdruck über Freundschaft aus der Nikomachischen Ethik mit pointiertem Vorwort von Pierre Aubenque (aber leider ohne die leserfreundlichen Kursivierungen der zugrunde liegenden Meiner-Ausgabe). Das Abstraktionsniveau vieler Beiträge ist – für ein publizistisches Breitenprodukt – durchaus hoch, der Stil trotzdem erfrischend.
Wer Magazinformate nicht mit akademischen Abhandlungen verwechselt, Wissenschaftsjournalismus nicht mit Wissenschaft, und den hierzulande weit verbreiteten, oft dünkelhaften Vorbehalt gegen mediale Vermittlungsversuche anspruchsvoller Inhalte hintanstellt, erhält für wenig mehr als fünf Euro eine Massendrucksache, die auch den Fachmann unterhält - Weiterdenken ausdrücklich erlaubt. Auch wenn an der ein oder anderen Ecke noch geprobt wird (der obligatorische Schlusscartoon kommt sehr behäbig daher, manches Textstück ist dann doch etwas zu zeitgeistig-knapp geraten), kann man auf die Folgenummern gespannt sein und dem jungen Druckwerk nur eines wünschen: eine in jeder Hinsicht gelingende Traditionsbildung!
Kaizen des Alltags
Die Liebe der Japaner zum Detail und den Hang, Gegenstände und Technologien bis zur (Über-)Perfektion zu verbessern, ist in der westlichen Welt ebenso legendär wie gefürchtet. Von ihr kündet eine Bandbreite von Phänomenen, angefangen vom liebevoll gestalteten Blumengesteck über den Zen-Garten bis hin zum Design elektronischer Geräte. Jedoch hört die eifrige Suche nach der perfekten Lösung zur freudigen Überraschung des unbedarften Besuchers nicht an der Grenze des Exportierbaren und Bewundernswerten auf.
Zum Beispiel die Sache mit der Dusche: Wer hat sich nicht schon darüber geärgert, in einem Hotel (oder gar zuhause) Wassertemperatur und Wasserdruck nur abhängig von einander reguieren zu können. Wenn ich mich recht erinnere, ist dies in Europa vielerorts eine Aufgabe von der Komplexität einer Gleichung 4. Grades - und mitnichten immer lösbar. In Japan dagegen, selbst in einem ansonsten nicht sehr exklusiven Studentenwohnhein, macht man es sich unter der Dusche problemlos bequem: Einfach am Durchlauferhitzer die Temperatur des heißen Wassers eingestellt und dann mit einem dafür vorgesehenen Hebel an der Armatur das Wasser mit dem gewünschten Druck aus dem Duschkopf sprudeln lassen. Funktioniert auch nach Beimischung kälteren Wassers. Vor der lästigen Alternative, entweder unfreiwillig zu heiß zu duschen oder alle mitgebrachten Habseligkeiten mit einem schwer zu zähmenden Wasserstrahl alles im Umkreis zu durchnässen, steht hier niemand.
Oder nehmen Sie die Bushaltestelle auf dem obigen Foto. Angenommen, der Bus nähert sich auf der Straße rechts im Bild, was fällt ihnen auf? Richtig, das Wartehäuschen steht richtig herum. Nicht so, dass es die Wartenden vor dem unwahrscheinlichen Fall eines angreifenden Gartenschlauchs aus dem Vorgarten des Hauses hinter ihrem Rücken schützt. Sondern so, dass Spritzwasser, Schlamm oder aufgewirbelter Dreck von der Straße möglichst abgehalten und so ein tatsächlich geschütztes Warten ermöglicht werden.
Beide Beispiele beinhalten wenig High-Tech und sicher keine nobelpreiswürdige Denkleistung. Aber wenn "wir" so etwas auch könnten, warum tun wir es dann nicht?
Das habe ich nicht gebucht!
Japan ist eine Reise wert. Auch und gerade eine, bei der nicht nur touristische Sehenswürdigkeiten auf dem Programm stehen, sondern die auch einen Einblick in das tägliche Leben und das Tun von Menschen wie einem selbst ermöglicht!
Wirtschaftliche und technologische Motive für einen Besuch im Land der aufgehenden Sonne sind nur allzu offensichtlich: schließlich kamen von dort die PKWs, die gerade Deutschlands stolze Autobauer zeitweilig aus der Bahn kegelten. Dort lernten Roboter, sich wie Hunde und schließlich auch wie Hausdiener zu verhalten. Und die Züge fahren nicht nur schneller, sondern vor allem auch pünktlich ohne Wenn und Aber.
Das Erfolgsheimnis kann ein Besuch vor Ort zwar nicht endgültig erklären. Aber immerhin lässt sich aus Verantwortlichkeit für die jeweilige Aufgabe, Freundlichkeit und nicht zuletzt eine aufrichtige Liebe zum Detail ein Gefühl für das Entscheidende zusammenreimen.
Es gibt Automaten, die einem beim Vorbeikommen ein Heißgetränk anbieten, eine Stimme informiert über die Temperatur des Duschwassers, und im Stadtbus bezahlt man nur für genau die Distanz, für die man ihn auch wirklich benutzt hat.
Der öffentliche Raum ist sauber, die Menschen extrem hilfsbereit (wenn auch sehr zurückhaltend), und selbst ich als Frau denke nicht zweimal darüber nach, im Dunkeln mit Öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren.
Bei genauerem Nachdenken allerdings liegt ein Schatten über diesem Gefühl absoluter Sicherheit. Denn Japan ist Erdbebengebiet, und mein derzeitiger Standort, die Shizuoka-Präfektur, wird eines der Hauptschadensgebiete sein, wenn es losgeht.
"Es", das ist das große Tokai-Erdbeben, benannt nach der Subduktionszone der philippinischen unter die eurasische Platte etwas südwestlich von Tokyo. Für die Dekade von 2000 bis 2010 errechneten Forscher eine Eintritts-wahrscheinlichkeit von 35 bis 45 Prozent.
Erdbeben-Evakuierungsübungen, die nun nach den Beben in Indonesien hier durchgeführt wurden (und auch sonst regelmäßig durchgeführt werden), rufen das Unvermeidliche ins Bewusstsein. Wenn alle Stricke reißen - und das ist wohl mehr eine Frage der Zeit - werden hier in der Gegend über 7000 Todesopfer und 20.000 Schwerverletzte zu beklagen sein. Das habe ich nicht gebucht ;-(
So lange es noch nicht soweit ist, erscheint es aber durchaus spannend, sich mit den praktischen Präventionsmaßnahmen und der Wissenschaft hinter den Voraussagen zu beschäftigen. Dabei ergibt sich nicht zuletzt eine natürliche Anwendungsmöglichkeit des Web 2.0. Ein unvermeidlicher Zynismus kommt hier zum Tragen: Wie schlimm die Beschädigungen durch ein Erdbeben (die sog. "seismic intensity") sind, können nur Menschen beurteilen, keine Messgeräte!
Zitat des Tages: Raumheizer
"Computer sind im Grunde nur Raumheizer, es sei denn, jemand ist kulturell fähig, sie zu interpretieren."
Jaron Lanier
(im FAZ-Interview, 16.1.2010, S. 33)
Übersetzungswettbewerb für Schüler und Studierende
"The Great Depression" lautet das Oberthema eines Theaterstücks, welches das Theater Bielefeld gern übersetzt haben möchte. Aber Achtung, jetzt kommt's: von allen, die dazu Lust haben und sich aufgerufen fühlen. Interessierte Schüler, Studierende und Gruppen bekommen weitere Auskünfte hier.
Ein Preis ist selbstverständlich auch ausgeschrieben!
Geschenkgutscheinskeptisches ...
Eine neue Marketingidee bringt Gutscheine der unsympathischen Großketten in alle Läden dieser Ketten. Wer also seinen Scheingeländewagen auftanken fährt, der kann sogleich dort für Möbel, Elektrogeräte, Parfüm, Kaufhäuser und alles andere die Geschenkgutscheine mitnehmen. Der hat immerhin etwas für den Heiligen Abend in der Hand. Das ist aus ökologischer Sicht ein klein wenig besser als die vielen Geschenke, die sofort bei Ebay wieder eingestellt werden oder aus Gründen des schlechten Gewissens ein Jahr im Keller warten. Allerdings könnte es unter dem Weihnachtsbaum zum Tausch dieser Gutscheinkärtchen kommen, ein wunderbar peinlicher Moment!
Insgesamt aber bleibt das Problem: Was sollen sich Menschen, die im Überfluss einer Wegwerfgesellschaft leben, überhaupt noch schenken? Tankstellengutscheine? Alkohol? Schokolade? Transfairprodukte? Meine Großmutter, meine Eltern, eigentlich auch mich interessieren materielle Geschenke nicht mehr. Dennoch wird geschenkt, aus Gewohnheit. Mit leeren Händen zu erscheinen ist schwer auszuhalten. Schenken bedeutet zu geben -- aber können wir das noch? Oder können wir nur noch kaufen? Und das Annehmen? Das ist ebenso schwer -- verpflichtet uns ein Geschenk nicht auf unangenehme, das Gewissen marternde Weise? Die tiefen Gefühle des Gebens und Annehmens sind lange vom Tauschprinzip zerfressen!
Entspricht das Weihnachten? Ist das zu ändern? Soll es so bleiben?
Gegen Vorweihnachtsdiebe

Schnelle Kunst
17 Meisterschüler, 3 Ausstellungen, 2 Wochen. Kein Zweifel, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das Projekt hub:kunst.diskurs hat den Zeitgeist zum Programm erhoben und präsentiert ab Donnerstag, den 27.11.09 in Hannover eine Blitzausstellung herausragender Absolventen der HBK Braunschweig. Dokumentiert und kommentiert wird alles in einem eigenen Blog: http://www.kunst-diskurs.de/
Wer sich's leisten kann
Wen das Gerede von der "Neuen Bürgerlichkeit" ebenso befremdet wie den Berliner Soziologen Hans-Peter Müller, wird sich über dessen Ausführungen in der Januar-Ausgabe des Merkur freuen. Dort fragt Müller, warum die Rede von einer (neuen) Bürgerlichkeit grassiert, wo doch "die gegenwärtige gesellschaftliche Verfassung weit entfernt von einer bürgerlichen Gesellschaft klassischen Zuschnitts ist und Vorstellungen vom Bürgertum eine Sozialformation umreißen, die lange schon der Vergangenheit angehört." Dass Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen, legt der Soziologe in seinem Essay ebenso dar, wie er den Nieder- und Untergang des Bürgertums historisch umreißt. Müller stellt fest, dass "vor dem Hintergrund der Gesundung von Unternehmen und Staat auf dem Rücken der Bürger [...] den Betroffenen die Rede von »neuer Bürgerlichkeit« als angesonnenes Wert-, Stil- und Habitussyndrom wie purer Zynismus vorkommen" muss. Und weiter: "Sie ist ein Synonym für zu geringe Löhne und Einkommen, zu geringe private Kaufkraft und nur schwache private Vorsorgefähigkeit, höhere Kosten für Lebenshaltung, höhere Abgaben und Steuern und trotz veritabler Wirtschaftskonjunktur und einem Rekordsteueraufkommen für den Staat kein Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Resultat ist Verunsicherung, massive Statusangst bis weit in die Mittelschicht und geringe Zuversicht."
Müllers Worte tun gut in Zeiten, in denen diese Mittelschicht auch in Europa ökonomisch, sozial und kulturell zerstört wird. Sein Fazit ist allerorten nachzuvollziehen: Viele Bürger würden gern dem neuen Narrativ der Bürgerlichkeit folgen, allein es fehlen ihnen die Mittel dazu."
Die Frage aller Fragen
Überholte Technik dominiert die Szene so sehr, dass sie dem Kinobesucher fast psychedelisch entrückt erscheint: Während in der Fernschreibzentrale junge Fauen in emsigem Stakkato auf ihre Schreibmaschinen einhacken, meint der Beobachter mit heutigem Kenntnisstand, dass sich im Hintergrund ein unheilvolles Geschehen wie bleierner Nebel dem Angesicht der Erde nähert. Haftbefehle gegen Stauffenberg und Goebbels - welcher soll weitergegeben werden? Der diensthabende Offizier kommt nur kurz ins Grübeln - natürlich beide.
Diese Art, den Showdown zwischen Widerständlern und dem Führerhauptquartier zu inszenieren, ist typisch für "Operation Walküre". Regisseur Bryan Singer gelingt es, die Entschlossenheit von Stauffenberg und die Bedeutung des Geschehens zu transportieren, ohne dabei die kleinen Stolpersteine und den Faktor Zufall aus den Augen zu verlieren. Die Dramaturgie des Films ist dabei preußisch-genau mit der motivischen Dichte und Verschlungenheit einer Wagner-Oper: Auch der unbedarfte Zuschauer ahnt, dass der Spiel-Schwertkampf von Stauffenbergs Kindern zu den schmetternden Klängen des "Walkürenritts" mehr beinhaltet als die zündende Idee, wie das Attentat samt politischer Machtübernahme zu bewältigen sei. Gleichzeitig erinnern die Texte, in denen beispielsweise Hitler sagt, er wünsche "es gäbe mehr Männer wie [Stauffenberg]" in ihrer ahnungsvollen Doppeldeutigkeit fast schon an Shakespeare.
Sein Momentum gewinnt der Thriller mit ernstem Hintergrund denn auch nicht aus dem eigentlichen Geschehen, dessen Ausgang ja bekannt ist. Vielmehr wirkt er durch das ständig sichtbare Ringen zwischen der stringenten Ausführung eines militärischen Plans auf der einen und Zufall und menschlichem Zweifel auf der anderen Seite. Von diesem Zaudern werden alle Dienstränge gleichermaßen erfasst: Hier bekommt General Olbricht plötzlich (und zurecht) Angst vor der Linientreue seines Vorgesetzten Fromm, dort wollen Stabsunteroffiziere "in jedem Fall auf der richtigen Seite" stehen. Indem er das Innere seiner Protagonisten auf die Bühne zerrt, antwortet der Regisseur auf die zweitwichtigste Frage zu "Operation Walküre": Nein, das deutsche Volk erhält durch diesen Film keine völlig weiße Weste!
Darüber bringt der Film aber auch eine der zentralen Fragen der Historiker ins Bewusstsein: Im Gegensatz zu "Der Untergang" legt "Operation Walküre" ein vorzeitges Ende des Hitler-Regimes nämlich als durchaus möglichen Pfad der Geschichte nahe. Und im Anschluss daran die Überlegung: Wie wichtig ist die Person Adolf Hitler für das Deutschland der Jahre 1933-1945?
Der Große Frost
"Der Große Frost war, so erzählen uns die Historiker, der strengste, der diese Inseln je heimsuchte. Vögel erfroren mitten in der Luft und stürzten wie Steine auf die Erde. Zu Norwich wollte eine junge Bauersfrau in ihrer üblichen robusten Gesundheit die Straße überqueren und ward von Zuschauern gesehen, wie sie sich vor aller Augen in Pulver verwandelte und als ein Staubgewölk über die Dächer verwehte, als der eisige Sturm sie an der Straßenecke traf. Die Sterblichkeit unter Schafen und Rindern war enorm. Leichen froren ein und konnten nicht von den Laken gezogen werden. Es war kein ungewöhnlicher Anblick, auf eine ganze Herde von Schweinen zu stoßen, die unbeweglich auf der Straße angefroren waren. Die Felder waren voll von Schafhirten, Pflügern, Pferdegespannen und kleinen, Vögel scheuchenden Jungen, alle erstarrt in dem, was sie gerade getan hatten, der eine mit der Hand an der Nase, ein anderer mit der Flasche an den Lippen, ein dritter mit einem Stein, den er erhoben hatte, um ihn nach einem Raben zu werfen, der wie ausgestopft kaum einen Meter von ihm entfernt auf der Hecke saß. Die Strenge des Frostes war so außerordentlich, dass manchmal eine Art Versteinerung erfolgte; und es wurde allgemein angenommen, dass der große Zuwachs an Steinen in einige Teilen Derbyshires nicht auf einen Vulkanausbruch zurückzuführen war, denn es gab keinen, sondern auf die Verfestigung unglückseliger Fahrensleute, die im wahrsten Sinne des Wortes dort, wo sie gingen und standen, zu Stein geworden waren."
Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. S. Fischer, Frankfurt/Main 1990, S. 25 f. (Zuerst 1928).
Buddenbrooks als Dallmayr Prodomo
Die großbürgerliche Welt von Thomas Manns "Buddenbrooks" ist uns heute so fremd wie ein vor Jahrzehnten dahingeschiedener Anverwandter. Dagegen sind auch die hilflosen Reanimationsversuche der Leiche, wie sie seit einigen Jahren unter dem Stichwort "Neue Bürgerlichkeit" betrieben werden, machtlos: Den ganzen Lebensumständen und damit auch den Sorgen, dem Empfinden dieser Zeit sind wir heute weit entrückt.
Die Frage, ob es sich also bei den "Buddenbrooks" um einen verstaubten Schinken handelt, den man besser in Großmutters Regal lässt, ginge dennoch fehl: Denn immerhin bringt er uns dem Verständnis dieser verlorenen Welt näher. Sehr viel mehr aber auch nicht, auch wenn das zu behaupten nach der hundertjährigen Kanonisierung des Romans ein Sakrileg ist.
Durchaus hätte man aber dem Stoff mehr abgewinnen können als seine neueste Verfilmung, die heute in die Kinos kommt. Die "Buddenbrooks" hätten weitaus Besseres verdient, als vom Regisseur Heinrich Breloer auf das Schamloseste in weichgezeichneten Schnulzen-Szenen, die auch für Dallmayr Prodomo hätten werben können, verwurstet zu werden.
Zahlreiche Romangestalten fehlen gänzlich, die Verbliebenen verkommen im Film zu menschlichen Abziehbildern, im schlimmsten Fall zu lächerlichen Karrikaturen. Überhaupt stampft Breloer die feine Ironie Manns mit dem Presslufthammer platten Humors ein oder gibt sich gleich völlig humorlos. Ebenso werden die zentralen Dialoge des Romans oft auf Plattitüden eingedampft, einige blödsinnige Änderungen geben dem Romanstoff den Rest.
Der mit 16 Millionen Euro teuerste deutsche Film ist an aufwendigen Kostümen und Kulissen reich staffiert, geht aber an inhaltlicher Leere zugrunde. Ungewollt hat Breloer damit der "Neuen Bürgerlichkeit" ein passendes Denkmal gesetzt: Nach außen hin schillernd, nach innen hohl.
Finanzkonglomeraterichtlinieumsetzungsgesetz
"Denk' ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen..."
So bitter sich einst der Exildichter Heine in seinen Pariser "Nachtgedanken" nach dem Vaterland sehnte, so düster klingen seine Verse heute nach, wenn uns die Bilder der jüngeren deutschen Geschichte vor Augen treten. Ach ja, die Deutschen! "Für die Weltgeschichte habt ihr genug getan", seufzte schon Churchill. Dazu noch die eklatante Humorlosigkeit, das fette Essen, die preußische Akkuratesse...
Aber wie steht es heute wirklich um unser Ansehen in der Welt? Was denken die anderen von uns - und was können wir dadurch über uns selbst lernen? Fragen, auf die ein glanzvoll geschriebener und reichlich illustrierter Band aus dem Bucher-Verlag auf das Unterhaltsamste zu antworten weiß: "Piefke, Krauts und andere Deutsche. Was die Welt von uns hält", 187 Seiten, 140 Abbildungen, 24,95 Euro und hochgradig geschenktauglich.
Dem Bamberger Autorenpaar Andrea und Martin Schöb, die hauptberuflich unter anderem eine Text- und Übersetzungsagentur betreiben, gelingt in ihrem Buch, was man heute nur noch selten findet: Die Verbindung von profundem Wissen und subtilem Humor mit verblüffenden Details, die pars pro toto das Große im Kleinen erhellen. Kein einziges der zehn Kapitel - über deutsche Ordnung, deutschen Humor, deutsches Essen und deutsche Kultur... - hat einen Hänger, die feine, lebendige Sprache beglückt den Leser permanent und die Überleitungen am Ende jedes Kapitels machen es schwer, den Band nicht in einem Stück zu lesen, und das obwohl "die Deutschen" ja bekanntlich zu monströsen Bandwurmwörtern (siehe Überschrift) und ominösen Rechtschreibreformen neigen.
Am Ende des Buches weiß man nicht nur, wie viele Brathähnchen während des Oktoberfests verschlungen werden (und - typisch deutsch? - wie viel Müll auf der Wies'n anfällt) oder dass es überall auf der Welt Gartenzwegbefreiungsarmeen gibt. Sondern vor allem, dass unser Land von außen oft differenzierter und freundlicher wahrgenommen wird, als wir selbst das für gewöhnlich tun. Ob Heine deshalb heute besser schlafen würde, steht zwar auf einem anderen Blatt. Die Tränen aber müssten ihm nicht mehr fließen.

Weihnachten & falsche Erwartungen
Schenken Sie zum "Fest der Liebe" oder zum "Fest des Friedens", solche dummen Sätze produzieren die Texter der Vorweihnachtswerbung. Sie verankern in den Konsumenten die Illusion, an Weihnachten herrsche qua göttlicher Fügung Harmonie. In LUKAS 2,9 liest man: "Und siehe, des Herren Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr." Vielleicht ist das die Kernbotschaft der Geschichte: Weihnachten ist das Fest der Klarheit, und was in der sichtbar wird, ist weder gut noch böse -- es ist wahrhaftig, und damit eventuell schwer auszuhalten. Klarheit kann Angst machen. An Weihnachten kann einem klar werden, wen man liebt (und wen nicht), wozu man bereit ist (und wozu nicht mehr), wieweit die Höflichkeit gehen soll (und wo sie Heuchelei ist), wie man zur eigenen Familie steht (und wie nicht). Die ganze Weihnachtsgeschichte ist eine Elendsgeschichte -- wer hätte schlechtere Rahmenbedingungen als Maria und Joseph? -- und nach der Ankunft des Christus folgt der Kindsmord. Gewalt ist in der Geschichte, die Grundlage des Weihnachtsfestes ist, also eingebaut. Jesus liegt noch als Baby in der Wiege, er bringt die Möglichkeit des Friedens, der noch keineswegs an Weihnachten erreicht ist. Und wer die Bergpredigt liest, der wird wissen, dass es ein Fernziel ist, Christ zu werden (wie es Kierkegaard und Tolstoj sagten), und keineswegs einfach durch ein Bekenntnis zu realisieren. Wer liebt schon seine Feinde? Wer empfindet maßloses Mitgefühl? Wer richtet nicht? Diese Werte wollen lange erarbeitet werden. Die heutigen Erwartungen an das Weihnachtsfest sind derart verfälscht, das psychologisch das Scheitern vorprogrammiert scheint. Und tatsächlich: Die Selbstmordraten steigen, die Anzahl der Depressionen auch. Die Originaltexte der Heiligen Schrift suggerieren diese falschen Erwartungen nicht. Man möchte also Rufen: Glaubt nicht der Werbung! Der Engel, und an den hält man sich besser, rief: "Fürchtet euch nicht!" In der Klarheit wird man nämlich nicht allein gelassen, Christus ist geboren.
Nachbarschaftsverständnishilfe
Wenige europäische Völker haben unter Hitlers Vernichtungsfeldzug so sehr gelitten wie die Polen. Die Wunden sind bis heute nicht vernarbt. Und schnell wieder aufgerissen, wie man an der Debatte um das geplante Vertriebenenzentrum in Berlin oder an den Versuchen der letzten polnischen Regierung unter Jaroslaw Kaczynski ablesen konnte, aus der besonderen Schwere der Kriegsfolgen eine europäische Sonderrolle für das Land abzuleiten.
Die Auseinandersetzung der Polen mit den einstigen Besatzern aus dem Westen reicht zurück bis ins Mittelalter - fast ebenso lange kursieren schon jene hartnäckigen Vorurteile der Deutschen über die vermeintliche ökonomische und politische Unfähigkeit ihres östlichen Nachbarn und seinen angeblichen Hang zur Kleptomanie ("Polenwitze"). Doch sie überdecken nur, wie eng beide Länder miteinander verbunden sind - und dass es höchste Zeit wird, einander wieder näher kennen zu lernen. Europa sei dank, hindert uns daran eigentlich nichts mehr. Die Grenzen sind offen, viele Polen sprechen fließend Englisch oder Deutsch. Und doch scheint uns das Land so fern und unbekannt wie Afrika und - die Vorurteile sitzen tief - wohl auch ein wenig unheimlich. Allein es fehlt an Wissen!
Wussten Sie zum Beispiel, was die Preußen mit den Polen zu tun haben, warum polnische Konservative die deutschen Christdemokraten nicht mögen, wie der polnische Papst Johannes Paul II. die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht hat und aus welchen historischen Gründen Polen - in Europa nahezu isoliert - für den Irak-Krieg George W. Bushs stimmte? Oder dass Karl Marx und Friedrich Engels gewissermaßen den Vorläufer der EU gründeten - gemeinsam mit einem Polen?
Diese und andere Fragen klärt Thomas Urban in der neuen, von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker herausgegebenen und liebevoll aufgemachten Reihe "Die Deutschen und ihre Nachbarn". Der langjährige SZ-Korrespondent, selbst mit einer Breslauer Polin verheiratet und wohnhaft in Warschau, bringt seinen Lesern auf 170 Seiten persönlich, kompakt und kenntnisreich die wichtigsten Wegmarken deutsch-polnischer (Mentalitäts-)Geschichte nahe. Mehrere Abbildungen und Karten, Zeittafel und Literaturverzeichnis runden den positiven Gesamteindruck ab und verleiten dazu, den geplanten Asienurlaub umgehend zu stornieren.
Die auf dem Buchumschlag stilisierte Marienkirche steht übrigens in Krakau (polnisch: Krakow), bis 1596 Hauptstadt Polens und Sitz der zweitältesten Universität Mitteleuropas, inmitten eines Viertels, dass architektonische Glanzstücke aus Gotik, Renaissance und Barock versammelt und für sich schon eine Reise wert ist.



