Kultur
Zitat des Tages: Raumheizer
"Computer sind im Grunde nur Raumheizer, es sei denn, jemand ist kulturell fähig, sie zu interpretieren."
Jaron Lanier
(im FAZ-Interview, 16.1.2010, S. 33)
Übersetzungswettbewerb für Schüler und Studierende
"The Great Depression" lautet das Oberthema eines Theaterstücks, welches das Theater Bielefeld gern übersetzt haben möchte. Aber Achtung, jetzt kommt's: von allen, die dazu Lust haben und sich aufgerufen fühlen. Interessierte Schüler, Studierende und Gruppen bekommen weitere Auskünfte hier.
Ein Preis ist selbstverständlich auch ausgeschrieben!
Geschenkgutscheinskeptisches ...
Eine neue Marketingidee bringt Gutscheine der unsympathischen Großketten in alle Läden dieser Ketten. Wer also seinen Scheingeländewagen auftanken fährt, der kann sogleich dort für Möbel, Elektrogeräte, Parfüm, Kaufhäuser und alles andere die Geschenkgutscheine mitnehmen. Der hat immerhin etwas für den Heiligen Abend in der Hand. Das ist aus ökologischer Sicht ein klein wenig besser als die vielen Geschenke, die sofort bei Ebay wieder eingestellt werden oder aus Gründen des schlechten Gewissens ein Jahr im Keller warten. Allerdings könnte es unter dem Weihnachtsbaum zum Tausch dieser Gutscheinkärtchen kommen, ein wunderbar peinlicher Moment!
Insgesamt aber bleibt das Problem: Was sollen sich Menschen, die im Überfluss einer Wegwerfgesellschaft leben, überhaupt noch schenken? Tankstellengutscheine? Alkohol? Schokolade? Transfairprodukte? Meine Großmutter, meine Eltern, eigentlich auch mich interessieren materielle Geschenke nicht mehr. Dennoch wird geschenkt, aus Gewohnheit. Mit leeren Händen zu erscheinen ist schwer auszuhalten. Schenken bedeutet zu geben -- aber können wir das noch? Oder können wir nur noch kaufen? Und das Annehmen? Das ist ebenso schwer -- verpflichtet uns ein Geschenk nicht auf unangenehme, das Gewissen marternde Weise? Die tiefen Gefühle des Gebens und Annehmens sind lange vom Tauschprinzip zerfressen!
Entspricht das Weihnachten? Ist das zu ändern? Soll es so bleiben?
Gegen Vorweihnachtsdiebe

Schnelle Kunst
17 Meisterschüler, 3 Ausstellungen, 2 Wochen. Kein Zweifel, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das Projekt hub:kunst.diskurs hat den Zeitgeist zum Programm erhoben und präsentiert ab Donnerstag, den 27.11.09 in Hannover eine Blitzausstellung herausragender Absolventen der HBK Braunschweig. Dokumentiert und kommentiert wird alles in einem eigenen Blog: http://www.kunst-diskurs.de/
Wer sich's leisten kann
Wen das Gerede von der "Neuen Bürgerlichkeit" ebenso befremdet wie den Berliner Soziologen Hans-Peter Müller, wird sich über dessen Ausführungen in der Januar-Ausgabe des Merkur freuen. Dort fragt Müller, warum die Rede von einer (neuen) Bürgerlichkeit grassiert, wo doch "die gegenwärtige gesellschaftliche Verfassung weit entfernt von einer bürgerlichen Gesellschaft klassischen Zuschnitts ist und Vorstellungen vom Bürgertum eine Sozialformation umreißen, die lange schon der Vergangenheit angehört." Dass Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen, legt der Soziologe in seinem Essay ebenso dar, wie er den Nieder- und Untergang des Bürgertums historisch umreißt. Müller stellt fest, dass "vor dem Hintergrund der Gesundung von Unternehmen und Staat auf dem Rücken der Bürger [...] den Betroffenen die Rede von »neuer Bürgerlichkeit« als angesonnenes Wert-, Stil- und Habitussyndrom wie purer Zynismus vorkommen" muss. Und weiter: "Sie ist ein Synonym für zu geringe Löhne und Einkommen, zu geringe private Kaufkraft und nur schwache private Vorsorgefähigkeit, höhere Kosten für Lebenshaltung, höhere Abgaben und Steuern und trotz veritabler Wirtschaftskonjunktur und einem Rekordsteueraufkommen für den Staat kein Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Resultat ist Verunsicherung, massive Statusangst bis weit in die Mittelschicht und geringe Zuversicht."
Müllers Wort tun gut in Zeiten, in denen diese Mittelschicht auch in Europa ökonomisch und sozial zerstört wird. Seinem Fazit schließt man sich gerne an: Viele Bürger würden gern dem neuen Narrativ der Bürgerlichkeit folgen, allein es fehlen ihnen die Mittel dazu."
Die Frage aller Fragen
Überholte Technik dominiert die Szene so sehr, dass sie dem Kinobesucher fast psychedelisch entrückt erscheint: Während in der Fernschreibzentrale junge Fauen in emsigem Stakkato auf ihre Schreibmaschinen einhacken, meint der Beobachter mit heutigem Kenntnisstand, dass sich im Hintergrund ein unheilvolles Geschehen wie bleierner Nebel dem Angesicht der Erde nähert. Haftbefehle gegen Stauffenberg und Goebbels - welcher soll weitergegeben werden? Der diensthabende Offizier kommt nur kurz ins Grübeln - natürlich beide.
Diese Art, den Showdown zwischen Widerständlern und dem Führerhauptquartier zu inszenieren, ist typisch für "Operation Walküre". Regisseur Bryan Singer gelingt es, die Entschlossenheit von Stauffenberg und die Bedeutung des Geschehens zu transportieren, ohne dabei die kleinen Stolpersteine und den Faktor Zufall aus den Augen zu verlieren. Die Dramaturgie des Films ist dabei preußisch-genau mit der motivischen Dichte und Verschlungenheit einer Wagner-Oper: Auch der unbedarfte Zuschauer ahnt, dass der Spiel-Schwertkampf von Stauffenbergs Kindern zu den schmetternden Klängen des "Walkürenritts" mehr beinhaltet als die zündende Idee, wie das Attentat samt politischer Machtübernahme zu bewältigen sei. Gleichzeitig erinnern die Texte, in denen beispielsweise Hitler sagt, er wünsche "es gäbe mehr Männer wie [Stauffenberg]" in ihrer ahnungsvollen Doppeldeutigkeit fast schon an Shakespeare.
Sein Momentum gewinnt der Thriller mit ernstem Hintergrund denn auch nicht aus dem eigentlichen Geschehen, dessen Ausgang ja bekannt ist. Vielmehr wirkt er durch das ständig sichtbare Ringen zwischen der stringenten Ausführung eines militärischen Plans auf der einen und Zufall und menschlichem Zweifel auf der anderen Seite. Von diesem Zaudern werden alle Dienstränge gleichermaßen erfasst: Hier bekommt General Olbricht plötzlich (und zurecht) Angst vor der Linientreue seines Vorgesetzten Fromm, dort wollen Stabsunteroffiziere "in jedem Fall auf der richtigen Seite" stehen. Indem er das Innere seiner Protagonisten auf die Bühne zerrt, antwortet der Regisseur auf die zweitwichtigste Frage zu "Operation Walküre": Nein, das deutsche Volk erhält durch diesen Film keine völlig weiße Weste!
Darüber bringt der Film aber auch eine der zentralen Fragen der Historiker ins Bewusstsein: Im Gegensatz zu "Der Untergang" legt "Operation Walküre" ein vorzeitges Ende des Hitler-Regimes nämlich als durchaus möglichen Pfad der Geschichte nahe. Und im Anschluss daran die Überlegung: Wie wichtig ist die Person Adolf Hitler für das Deutschland der Jahre 1933-1945?
Der Große Frost
"Der Große Frost war, so erzählen uns die Historiker, der strengste, der diese Inseln je heimsuchte. Vögel erfroren mitten in der Luft und stürzten wie Steine auf die Erde. Zu Norwich wollte eine junge Bauersfrau in ihrer üblichen robusten Gesundheit die Straße überqueren und ward von Zuschauern gesehen, wie sie sich vor aller Augen in Pulver verwandelte und als ein Staubgewölk über die Dächer verwehte, als der eisige Sturm sie an der Straßenecke traf. Die Sterblichkeit unter Schafen und Rindern war enorm. Leichen froren ein und konnten nicht von den Laken gezogen werden. Es war kein ungewöhnlicher Anblick, auf eine ganze Herde von Schweinen zu stoßen, die unbeweglich auf der Straße angefroren waren. Die Felder waren voll von Schafhirten, Pflügern, Pferdegespannen und kleinen, Vögel scheuchenden Jungen, alle erstarrt in dem, was sie gerade getan hatten, der eine mit der Hand an der Nase, ein anderer mit der Flasche an den Lippen, ein dritter mit einem Stein, den er erhoben hatte, um ihn nach einem Raben zu werfen, der wie ausgestopft kaum einen Meter von ihm entfernt auf der Hecke saß. Die Strenge des Frostes war so außerordentlich, dass manchmal eine Art Versteinerung erfolgte; und es wurde allgemein angenommen, dass der große Zuwachs an Steinen in einige Teilen Derbyshires nicht auf einen Vulkanausbruch zurückzuführen war, denn es gab keinen, sondern auf die Verfestigung unglückseliger Fahrensleute, die im wahrsten Sinne des Wortes dort, wo sie gingen und standen, zu Stein geworden waren."
Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. S. Fischer, Frankfurt/Main 1990, S. 25 f. (Zuerst 1928).
Buddenbrooks als Dallmayr Prodomo
Die großbürgerliche Welt von Thomas Manns "Buddenbrooks" ist uns heute so fremd wie ein vor Jahrzehnten dahingeschiedener Anverwandter. Dagegen sind auch die hilflosen Reanimationsversuche der Leiche, wie sie seit einigen Jahren unter dem Stichwort "Neue Bürgerlichkeit" betrieben werden, machtlos: Den ganzen Lebensumständen und damit auch den Sorgen, dem Empfinden dieser Zeit sind wir heute weit entrückt.
Die Frage, ob es sich also bei den "Buddenbrooks" um einen verstaubten Schinken handelt, den man besser in Großmutters Regal lässt, ginge dennoch fehl: Denn immerhin bringt er uns dem Verständnis dieser verlorenen Welt näher. Sehr viel mehr aber auch nicht, auch wenn das zu behaupten nach der hundertjährigen Kanonisierung des Romans ein Sakrileg ist.
Durchaus hätte man aber dem Stoff mehr abgewinnen können als seine neueste Verfilmung, die heute in die Kinos kommt. Die "Buddenbrooks" hätten weitaus Besseres verdient, als vom Regisseur Heinrich Breloer auf das Schamloseste in weichgezeichneten Schnulzen-Szenen, die auch für Dallmayr Prodomo hätten werben können, verwurstet zu werden.
Zahlreiche Romangestalten fehlen gänzlich, die Verbliebenen verkommen im Film zu menschlichen Abziehbildern, im schlimmsten Fall zu lächerlichen Karrikaturen. Überhaupt stampft Breloer die feine Ironie Manns mit dem Presslufthammer platten Humors ein oder gibt sich gleich völlig humorlos. Ebenso werden die zentralen Dialoge des Romans oft auf Plattitüden eingedampft, einige blödsinnige Änderungen geben dem Romanstoff den Rest.
Der mit 16 Millionen Euro teuerste deutsche Film ist an aufwendigen Kostümen und Kulissen reich staffiert, geht aber an inhaltlicher Leere zugrunde. Ungewollt hat Breloer damit der "Neuen Bürgerlichkeit" ein passendes Denkmal gesetzt: Nach außen hin schillernd, nach innen hohl.
Finanzkonglomeraterichtlinieumsetzungsgesetz
"Denk' ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen..."
So bitter sich einst der Exildichter Heine in seinen Pariser "Nachtgedanken" nach dem Vaterland sehnte, so düster klingen seine Verse heute nach, wenn uns die Bilder der jüngeren deutschen Geschichte vor Augen treten. Ach ja, die Deutschen! "Für die Weltgeschichte habt ihr genug getan", seufzte schon Churchill. Dazu noch die eklatante Humorlosigkeit, das fette Essen, die preußische Akkuratesse...
Aber wie steht es heute wirklich um unser Ansehen in der Welt? Was denken die anderen von uns - und was können wir dadurch über uns selbst lernen? Fragen, auf die ein glanzvoll geschriebener und reichlich illustrierter Band aus dem Bucher-Verlag auf das Unterhaltsamste zu antworten weiß: "Piefke, Krauts und andere Deutsche. Was die Welt von uns hält", 187 Seiten, 140 Abbildungen, 24,95 Euro und hochgradig geschenktauglich.
Dem Bamberger Autorenpaar Andrea und Martin Schöb, die hauptberuflich unter anderem eine Text- und Übersetzungsagentur betreiben, gelingt in ihrem Buch, was man heute nur noch selten findet: Die Verbindung von profundem Wissen und subtilem Humor mit verblüffenden Details, die pars pro toto das Große im Kleinen erhellen. Kein einziges der zehn Kapitel - über deutsche Ordnung, deutschen Humor, deutsches Essen und deutsche Kultur... - hat einen Hänger, die feine, lebendige Sprache beglückt den Leser permanent und die Überleitungen am Ende jedes Kapitels machen es schwer, den Band nicht in einem Stück zu lesen, und das obwohl "die Deutschen" ja bekanntlich zu monströsen Bandwurmwörtern (siehe Überschrift) und ominösen Rechtschreibreformen neigen.
Am Ende des Buches weiß man nicht nur, wie viele Brathähnchen während des Oktoberfests verschlungen werden (und - typisch deutsch? - wie viel Müll auf der Wies'n anfällt) oder dass es überall auf der Welt Gartenzwegbefreiungsarmeen gibt. Sondern vor allem, dass unser Land von außen oft differenzierter und freundlicher wahrgenommen wird, als wir selbst das für gewöhnlich tun. Ob Heine deshalb heute besser schlafen würde, steht zwar auf einem anderen Blatt. Die Tränen aber müssten ihm nicht mehr fließen.

Weihnachten & falsche Erwartungen
Schenken Sie zum "Fest der Liebe" oder zum "Fest des Friedens", solche dummen Sätze produzieren die Texter der Vorweihnachtswerbung. Sie verankern in den Konsumenten die Illusion, an Weihnachten herrsche qua göttlicher Fügung Harmonie. In LUKAS 2,9 liest man: "Und siehe, des Herren Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr." Vielleicht ist das die Kernbotschaft der Geschichte: Weihnachten ist das Fest der Klarheit, und was in der sichtbar wird, ist weder gut noch böse -- es ist wahrhaftig, und damit eventuell schwer auszuhalten. Klarheit kann Angst machen. An Weihnachten kann einem klar werden, wen man liebt (und wen nicht), wozu man bereit ist (und wozu nicht mehr), wieweit die Höflichkeit gehen soll (und wo sie Heuchelei ist), wie man zur eigenen Familie steht (und wie nicht). Die ganze Weihnachtsgeschichte ist eine Elendsgeschichte -- wer hätte schlechtere Rahmenbedingungen als Maria und Joseph? -- und nach der Ankunft des Christus folgt der Kindsmord. Gewalt ist in der Geschichte, die Grundlage des Weihnachtsfestes ist, also eingebaut. Jesus liegt noch als Baby in der Wiege, er bringt die Möglichkeit des Friedens, der noch keineswegs an Weihnachten erreicht ist. Und wer die Bergpredigt liest, der wird wissen, dass es ein Fernziel ist, Christ zu werden (wie es Kierkegaard und Tolstoj sagten), und keineswegs einfach durch ein Bekenntnis zu realisieren. Wer liebt schon seine Feinde? Wer empfindet maßloses Mitgefühl? Wer richtet nicht? Diese Werte wollen lange erarbeitet werden. Die heutigen Erwartungen an das Weihnachtsfest sind derart verfälscht, das psychologisch das Scheitern vorprogrammiert scheint. Und tatsächlich: Die Selbstmordraten steigen, die Anzahl der Depressionen auch. Die Originaltexte der Heiligen Schrift suggerieren diese falschen Erwartungen nicht. Man möchte also Rufen: Glaubt nicht der Werbung! Der Engel, und an den hält man sich besser, rief: "Fürchtet euch nicht!" In der Klarheit wird man nämlich nicht allein gelassen, Christus ist geboren.
Nachbarschaftsverständnishilfe
Wenige europäische Völker haben unter Hitlers Vernichtungsfeldzug so sehr gelitten wie die Polen. Die Wunden sind bis heute nicht vernarbt. Und schnell wieder aufgerissen, wie man an der Debatte um das geplante Vertriebenenzentrum in Berlin oder an den Versuchen der letzten polnischen Regierung unter Jaroslaw Kaczynski ablesen konnte, aus der besonderen Schwere der Kriegsfolgen eine europäische Sonderrolle für das Land abzuleiten.
Die Auseinandersetzung der Polen mit den einstigen Besatzern aus dem Westen reicht zurück bis ins Mittelalter - fast ebenso lange kursieren schon jene hartnäckigen Vorurteile der Deutschen über die vermeintliche ökonomische und politische Unfähigkeit ihres östlichen Nachbarn und seinen angeblichen Hang zur Kleptomanie ("Polenwitze"). Doch sie überdecken nur, wie eng beide Länder miteinander verbunden sind - und dass es höchste Zeit wird, einander wieder näher kennen zu lernen. Europa sei dank, hindert uns daran eigentlich nichts mehr. Die Grenzen sind offen, viele Polen sprechen fließend Englisch oder Deutsch. Und doch scheint uns das Land so fern und unbekannt wie Afrika und - die Vorurteile sitzen tief - wohl auch ein wenig unheimlich. Allein es fehlt an Wissen!
Wussten Sie zum Beispiel, was die Preußen mit den Polen zu tun haben, warum polnische Konservative die deutschen Christdemokraten nicht mögen, wie der polnische Papst Johannes Paul II. die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht hat und aus welchen historischen Gründen Polen - in Europa nahezu isoliert - für den Irak-Krieg George W. Bushs stimmte? Oder dass Karl Marx und Friedrich Engels gewissermaßen den Vorläufer der EU gründeten - gemeinsam mit einem Polen?
Diese und andere Fragen klärt Thomas Urban in der neuen, von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker herausgegebenen und liebevoll aufgemachten Reihe "Die Deutschen und ihre Nachbarn". Der langjährige SZ-Korrespondent, selbst mit einer Breslauer Polin verheiratet und wohnhaft in Warschau, bringt seinen Lesern auf 170 Seiten persönlich, kompakt und kenntnisreich die wichtigsten Wegmarken deutsch-polnischer (Mentalitäts-)Geschichte nahe. Mehrere Abbildungen und Karten, Zeittafel und Literaturverzeichnis runden den positiven Gesamteindruck ab und verleiten dazu, den geplanten Asienurlaub umgehend zu stornieren.
Die auf dem Buchumschlag stilisierte Marienkirche steht übrigens in Krakau (polnisch: Krakow), bis 1596 Hauptstadt Polens und Sitz der zweitältesten Universität Mitteleuropas, inmitten eines Viertels, dass architektonische Glanzstücke aus Gotik, Renaissance und Barock versammelt und für sich schon eine Reise wert ist.

Kunst aus 1000 Jahren
Kunst im europäischen Raum ist das Leitthema des Projekts "Michelangelo". Beteiligt sind sechs europäischen Länder (Italien, Bulgarien, England, Portugal, Polen und Deutschland). Ziel ist die Entwicklung und der Aufbau eines Internet-Portals für europäische Kunst. Die wichtigsten nationalen Kunstwerke der beteiligten Staaten aus den zurückliegenden zehn Jahrhunderten werden ausgewählt, Darstellung und Informationen werden pädagogisch nutzbar aufbereitet. Auf deutscher Seite ist an diesem Projekt das Zentrum für empirische pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau beteiligt. Interessierte können das Anwachsen des Datenbestandes "mitverfolgen" und das Portal unter der Adresse: http://michelangelo.pixel-online.org/ besuchen. Dort finden Kunsterzieher und künstlerisch interessierte Laien ausgewählte europäische Meisterweke aus den verschiedenen Epochen und Jahrhunderten sowie bewertete Quellenangaben zu Online-Ressourcen, die in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern an kunsthistorischen Inhalten genutzt werden können.
Wissenschaftskarriere
Wer eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt, darf kein Problem mit Langstrecken haben. Vom Studienabschluss bis zur Berufung vergehen gut und gerne 10 bis 15 Jahre, manchmal mehr. Dazwischen liegen hübsch standardisierte sechs mal sechs Qualifikationsjahre inklusive Publikationszwang, Konferenzen, Ausschusssitzungen, Lehrverpflichtungen und Verwaltungskram - bekanntlich keine Herrenjahre.
Wer daran keinen gesteigerten Gefallen findet, weil er oder sie Wissenschaft allen Zeitgeistern zum Trotz immer noch für eine Frage der Muße, der Kreativität und der Bildung hält, was nur ein anderes Wort für Umweg ist, darf sich bei den Alten Rat und Trost holen:
"Ich habe die Erfahrung gemacht [...], daß die Wirkung meiner eigenen Sachen [...] in Wahrheit gar nicht mit individueller Begabung, Intelligenz und ähnlichen Kategorien etwas Entscheidendes zu tun hat, sondern vielmehr damit, daß ich durch eine Reihe von Glücksfällen, deren ich mich keineswegs rühmen möchte und an denen ich ganz unschuldig bin, in meiner eigenen Bildung nicht in derselben Weise den Kontrollmechanismen der Wissenschaft ausgesetzt gewesen bin, wie das sonst der Fall ist. Daß ich es also nach wie vor riskiere, ungedeckte Gedanken zu denken, die sonst von diesem übermächtigen Kontrollmechanismus, der da Universität heißt, den meisten Menschen schon sehr früh, vor allem in der Zeit, in der sie - wie man das so nennt - Assistenten sind, abgewöhnt werden. Es zeigt sich nun dabei, daß die Wissenschaft selber durch diese Kontrollmechanismen in den verschiedensten Bereichen so kastriert und so steril wird, daß sie dann gleichsam dessen bedarf, was sie selber verpönt, um überhaupt sich halten zu können."
Fraglich nur, wie lange die durchmodularisierte Bologna-Universität die Verpönten, von denen Theodor W. Adorno einst sprach, noch zur Promotion zulässt...
Schrecksenmeisterlich belesen!
Nur eine Buchseite von Walter Moers reicht aus, um zu belegen, dass es sich um einen großartigen Autor handelt. Seine Bücher sind unterhaltsam, lustig, wunderbar illustriert. Aber das sind auch andere. Nur: Wo finden sich auf einer ersten Seite eines Fantasie-Unterhaltungsromans so viele intertextuelle Verweise, dass auch festen Anhängern der E-Literatur die Knie weich werden? Nehmen wir als Beispiel Moers "Schrecksenmeister". Abgesehen vom Motto, welches die Hexen von Macbeth oder auch Goethes Hexen aus Faust in Erinnerung ruft; Hauptfigur und Kapitel heißen "Echo". Eine "Kratze", eine zamonische Variante von Fritz the Cat? Echo, eine Figur aus der antiken Sage, die dazu verdammt ist, die letzten Sätze des Satzes des Geliebten zu wiederholen. Bei Moers wird Echo schon auf Seite eins zum Waisen -- alle Waisen der Weltliteratur lassen also grüßen. Der erste Satz lautet: "Stellt Euch den krankesten Ort in ganz Zamonien vor!", der erste Satz aus Rilkes Malte Laurids Brigge lautet: "So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier." Und so geht es, bei Moers und Rilke, weiter: Krankheiten werden geschildert, bei Rilke: "Ich habe gesehen: Hospitäler, Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank." Bei Moers und Rilke werden dann die morbiden Gerüche geschildert, Jod und Tod bei beiden. Dieser Ort heißt bei Moers "Sledwaya", und da fällt einem zumindest zweierlei ein: zum einen "Seldwyla", wo Gottfried Keller seine Geschichten spielen lies. Mit Keller denkt man an dessen Hauptwerk, dem Grünen Heinrich -- einer Untergangsautobiographie eines Künstlers! Zum anderen denkt man aber auch an "Suleyken", in dem Siegfried Lenz seine lustigen masurischen Geschichten ansiedelt. Wahrscheinlich fände ein wahrhaft belesener Mensch (Peter von Matt?) noch dreihundert Anspielungen mehr. Auf der ersten Seite. Eines Fantasieromans!
